Er ist ein stiller Zeitgenosse, mit Haut und Haar ein Dichter. Und er hat mit seinen hervorragenden Übersetzungen den Lyriker des rumänischen Widerstands, Mircea Dinescu, bei uns bekannt gemacht. Werner Söllner, der nüchterne Zweifler an der Wirklichkeit, der Virtuose des beredten Schweigens, hat für Faust-Kultur neue Gedichte gelesen.

Werner Söllner
Werner Söllner

Das geschriebene Glück

Über sieben Bücher hatte Werner Söllner schon veröffentlicht, bevor er mit dem Gedichtband „Kopfland. Passagen“ einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde. Dieses Buch machte jedem deutlich, wo sich die poetische Position des 1951 im Banater Horia geborenen und 1982 in die Bundesrepublik Deutschland umgesiedelten Schriftstellers befand. Am Rande des Nichts, am Rande/ einer imaginären Geographie, dort ist/ mein Land. Wo die Männer den Frauen/ die Hände küssen, bevor die Welt untergeht, weil/ eine gelungene Konversation über den Weltuntergang den Weltuntergang überdauert. (Passagen) Eine gute Portion Sarkasmus und eine Lebensperspektive ohne Hoffnung prägen diese sprachlich ausgefeilten und souverän komponierten Gedichte. Auch im Band „Der Schlaf des Trommlers“ herrscht dieser nüchterne Ton. Kann sein/ ich wandere noch einmal aus/ und hinterlaß euch meinen Tod (Kann sein) Paul Celan, über dessen Frühwerk Söllner einst seine Diplomarbeit schrieb, hat diesen Zeilen seine Gestimmtheit hinterlassen. Doch gibt es auch andere Verse darin, die der reicheren Persönlichkeit des Dichters Raum geben. Liebste, der Weltnebel weicht/ in entlegene Wörter zurück:/ Was uns am Ende erreicht, ist ein geschriebenes Glück. (Swanns Reise) Was damit gemeint ist, dafür gibt es einige Hinweise. Und immer, immer/ drehe und wende ich die Wörter/ auf dem Papier, als wärn sie naß/ und trockneten an dem Gelächter, das/ mich greift und schüttelt, wenn ich sehe/ was ich sehe. (Im Mai) Und es gibt sogar ein paar übermütige Zeilen, die einem so wichtigen Lyriker zumindest zustehen. In Paris hat das Wetter/ mir den Tiefsinn versaut// Einen Mundvoll Steine/ spuckte ich in die Seine// Und am Grab von Heine/ biß ich in eine Madeleine (Chanson). Im Dezember 2009 offenbarte Werner Söllner bei einer Tagung in München, dass er als junger Mann für die Securitate tätig war. Er trat von der Leitung des hessischen Literaturforums zurück, die er seit 2002 innehatte. Die Gedichte, die er für Faust-Kultur eingelesen hat, sind danach entstanden. –ert.

Text und Audio

Werner Söllner

Seestück

Freiheit, wort-
los zu sein!

Als sei jenseits der Sprache
eine andere, flüssige Welt. Als tauchte
die Angst aus dem Wasser
und verwandelte sich in ein ungeheuer
einfaches Leuchten. Als könnte ich
in der Dunkelheit ausmachen
einen Weg durch mich selbst.

Doch kaum bewegt sich
das Segel, zieht das Geisterschiff
seine Bahn, an den Inseln
vorbei, und der Rudergast zeigt
mit fleckiger Hand
auf den Nebel an Deck.

Nichts ist gekommen

Nichts ist gekommen, wie
Wir es wollten. Alles ist anders
Gekommen.

Das eigene kleine
Leben wird über Nacht
Geschichte. Eine schöne
Oder eine schlimme
Geschichte. Die dauert
Ein paar Jahre und geht
Dann zuende.

Liebste, du gehst
In die Küche? Bring mir doch
Bitte ein Glas mit, ein Glas
Wasser. Oder ein Wort, vielleicht
Noch ein Wort.

Swift Code

„…more mercy in a heathen…“

Du, die ich
Meine. Dir sag
Ich’s, der Küste:

Es ist jetzt ein Meer
In mir, eine Wüste. Der Mond
Bewegt meinen Mund, der Wind
Mein Haar. Da läuft eine Ameise
Über mich, dort taucht ein
Fossil aus mir auf.

Und siehe, hier ist
Die Insel, die über der Welt
Fliegt und die Sonne verfinstert. Und
Die Yahoos, die mit einem Auge
Nach innen schaun, mit dem andern
Nach oben. Und endlich Gott, der
Aus dem Licht einer Gurke
Zu Facebook herabsteigt.

Dir sag
Ich’s, nur dir:

Es ist jetzt ein Riss
In der Welt, von der Mitte
Zum Rand. Lass uns gehn. Komm,
Gib mir die Hand. Lass uns
Aufs Königshaus pinkeln, mit
Den Pferden. Und lass mich

Raten, dass ich weiter
Wüsste als bis
Zur Bank. Ich und du
Auch.

An einem Tag im Oktober

An einem Tag im Oktober, als
ich geträumt hatte, wer ich in Wirklichkeit bin, da
staunte ich, nach dem Erwachen.

Der Mond war schon aufgegangen, die Sonne
kühl und entfernt. Ich hatte
geträumt, ich sei gefangen. Aber ich war
es nicht, und ich war nicht frei. Ich sei
ich, aber ich war es nicht, und war
kein andrer. Ich sei entblößt, aber
war von Kopf bis Füßen bedeckt, und war nackt.

War müde, saß auf dem Balkon, atmete
die Geräusche. Ich dachte an das Wort
ich von außen. Neben mir schlug ein Herz
in einer anderen Brust. Es war
deins. In Wirklichkeit wusste ich nichts
von dir. Nur daß du da warst (kühl
und entfernt). Und ich, der Mann
neben dir, im Mund
einen Mond.

Meine Haut

Meine Haut
Ist tätowiert von
Innen.

Mit Bildern und Texten
Von früher. Irgendwo, fast in
Der Mitte, etwas, das
Weh tut. Ich sollte weniger
Rauchen.

Fast mein Innerstes,
Liebste, ist nach außen
Gekehrt. Du sitzt in der U-Bahn
Und liest meine Haut
In der Zeitung. Sie gehört mir
Nicht mehr.

Das System bleibt
Geschlossen. Nur Geschriebenes
Ist Geschichte, nur
Das Fremde.

Gedichte © Werner Söllner

Audios © Bernd Leukert, Faust-Kultur

erstellt am 05.10.2012

Werner Söllner
Kopfland. Passagen
Gedichte
Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988

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Werner Söllner
Der Schlaf des Trommlers
Gedichte
Ammann Verlag, Zürich 1992

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