Werner Söllner, der im siebenbürgischen Arad aufwuchs, war schon während seines Studiums in Cluj (Klausenburg) Redakteur des deutschsprachigen Teils der dreisprachigen Studentenzeitschrift „Echinox“. Nach seinem Studium, das er mit einer Diplomarbeit über das Frühwerk Paul Celans abschloss, tat er kurz als Gymnasiallehrer in Bukarest Dienst. Der gab ihm die Gelegenheit, sich dem Zugriff der Securitate zu entziehen, die ihn zur Zusammenarbeit genötigt hatte. Die folgenden sechs Jahre verbrachte er als Lektor für deutschsprachige Literatur in einem Kinderbuchverlag, wo er mit Autoren wie Richard Wagner, Rolf Bossert, Franz Hodjak und Karin Gündisch zusammenarbeitete. 1982 übersiedelte er nach Frankfurt am Main, bestritt die Köln-Düsseldorfer und Frankfurter Poetikvorlesungen und war Gastdozent am Dartmouth College und am Oberlin College. Er übersetzte die Werke Mircea Dinescus ins Deutsche und leitete von 2002 bis 2010 das Hessische Literaturforum in Frankfurt am Main.

Hörensagen mit Werner Söllner. Ein Kurzfilm von Harald Ortlieb

Gespräch mit Werner Söllner

Ein Konsonant verändert das Gedicht

Was haben Deine Eltern dazu gesagt, als Du Ihnen mitgeteilt hast, dass Du Dichter werden willst?

Das habe ich Ihnen so nicht gesagt. Ich bin ja nach dem Abitur von zuhause weg mit der Absicht, Physik zu studieren. Und da habe ich auch die Zulassungsprüfung an der Uni mitgemacht und bestanden.

Physik?

Physik. Und da habe ich exakt zwei Semester lang Physik studiert, weil ich Physik – bis heute – ungeheuer faszinierend finde. Ich habe im rumänischen Klausenburg studiert. Und während der beiden Semester habe ich herausfinden müssen – wie die anderen auch – dass zum Physikstudium auch stundenlange Aufenthalte im Phonetiklabor gehören, wo man Glasröhren reiben musste, damit die Sandfüllungen dieser Glasröhren Wellen nachbilden, damit wir die akustischen Wellen verstehen.

Von den Glasschwingungen?

Von den Schwingungen. Und daraufhin habe ich gesagt, nein, das nicht, und habe dann zu meiner – damals – Ersatzliebe gefunden, die ich auch schon während des Gymnasiums entdeckt hatte: Literatur. Dann bin ich halt gewechselt zu den Germanisten, aber zunächst mal nicht mit der Absicht, jetzt selbst Autor zu werden, sondern, weil mich das halt sehr interessiert hat, weil ich sehr gerne gelesen habe und Literatur gemocht habe.

Warst Du da familiär vorbelastet?

Ja. Mein Vater, der katholische Theologie studiert hat, dann aber der katholischen Kirche kurz vor der Priesterweihe den Rücken gekehrt und mich möglich gemacht hat, hat auch geschrieben. Und das habe ich als Kind erlebt, wie eben der Vater, wo andere Väter mit ihren Kindern Fußballspielen gegangen sind, wie so häufig, sich zurückgezogen hat, stumm geworden ist und irgend etwas, auf den ersten Blick, ganz Langweiliges gemacht hat. Und da habe ich ihn als Dreikäsehoch natürlich gefragt: Was machst Du denn da? – Ja, ich schreibe Gedichte. – Ja, was ist das denn? – Und das hat er mir dann auch gezeigt. Über viele Dinge zu sprechen, war mit meinem Vater nicht möglich. Aber über Gedichte haben wir schon früh miteinander zu sprechen begonnen. Er hat mir gezeigt, was das ist, was ein Gedicht sein kann, zunächst einmal natürlich die für ihn wichtigen klassischen Formen, und hat mir so ermöglicht, eigentlich einen spielerischen Zugang zu Gedichten zu finden.

Also, Du musstest nicht so eine Hürde der vorerst noch nicht begriffenen Bildung überwinden.

Nein. Lesen war bei uns Alltag. Ich habe als Kind sehr früh alles gelesen, was es in unserer, nicht gerade großen, aber immerhin vorhandenen Bibliothek gegeben hat. Ich habe Tolstoi und Dostojewskij gelesen – nicht mit dem Bewusstsein, dass das große Weltliteratur ist. Und natürlich auch Bücher für Kinder und Jugendliche. Ich habe es trotzdem gelesen, weil ich es spannend fand. So habe ich – im Rückblick – einen ganz natürlichen Weg in die Literatur, zunächst mal als Leser, gefunden.

Und war die Universität anregend? Denn sie stellt ja die Wissenschaft dessen, was Dich interessierte, dar.

Sie war ungeheuer anregend. Ich habe während des Studiums, in einigen Hinsichten Unglück erlebt, in zwei Hinsichten habe ich während des Studiums ein großses Glück gehabt. Das eine Glück war, dass ich in den Jahren 1970 bis 1975 studiert habe. Und das ist zeitlich der letzte Abschnitt dessen gewesen, was man in Rumänien als so eine Art Tauwetterperiode bezeichnen kann. Das hat bedeutet, dass die Lehrkräfte an der Uni, im Vergleich zu früher oder auch nachher, eine relative Freiheit hatten, was die Gestaltung der Lehrtätigkeit betrifft. Ein anderes Beispiel dafür: In dieser Zeit ist es eben möglich gewesen, dass der Lehrstuhl für Germanistik Kontakt aufnehmen konnte zu INTER NATIONES oder zum DAAD. Und das hat unmittelbar zur Folge gehabt, dass wir die neuesten Adorno-Ausgaben an die Uni-Bibliothek geliefert bekommen haben, dass wir das „Kursbuch“ da hatten. Das heißt, der Zugang zu dem, was es auch in Westeuropa und in der Bundesrepublik an Neuveröffentlichungen gab, war einfacher als vorher oder danach. Der Zugang war sicherlich nicht uneingeschränkt, aber relativ gut. Das ist das eine. Und das andere ist, dass ich das große Glück hatte, zwei Lehrer an der Uni zu haben, die mir sehr viel gegeben haben, von dem ich bis heute profitiere. Das ist zum einen Michael Markel gewesen, Germanist, Dozent damals in Klausenburg, der viel über die Romantik und – ganz wichtig – über Hölderlin gearbeitet hat. Und da erinnere ich mich, dass wir uns zwei Semester lang nur mit Hölderlins Hymnen beschäftigt haben und mit dem triadischen Prinzip in einigen Hymnen. Das war faszinierend. Der andere war Peter Motzan, etwas jünger als Michael Markel. Motzan, der heute in München, am Institut für Südosteuropäische Kulturgeschichte arbeitet, war damals Assistent, was also gerade mit dem Studium fertig, als ich da angefangen habe. Er hat uns, den Studierenden, den Zugang zur zeitgenössischen deutschen Literatur eröffnet, nicht nur, aber auch. Es waren einfach ungeheuer gute Leute, die es verstanden haben, Begeisterung zu wecken. Literatur war, wenn wir es mit den beiden und auch mit anderen zu tun hatten, kein toter Text. Da ist nie die Frage gekommen, was will uns der Dichter denn damit sagen?, sondern die Frage war immer: Was macht dieser Text mit Euch?

Hast Du schon während des Studiums angefangen, selbst zu schreiben?

Ja. Ich habe schon während der Schule angefangen zu schreiben, während des Studiums dann verstärkt, – auch weil ich während des Studiums das dritte Glück hatte, mich mit Franz Hodjak anzufreunden. Franz Hodjak, rumäniendeutscher Autor, der seit Anfang der Neunziger auch in Deutschland, jetzt in Usingen, lebt, war damals Lektor beim Klausenburger Literaturverlag und zuständig für die deutschsprachige Abteilung, ein Mann, der für die rumäniendeutsche Literatur mit allen Namen, die in diesem Zusammenhang mittlerweile auch in Deutschland bekannt sind, eine ungeheuer wichtige Rolle gespielt hat, jemand, der Literatur ermöglicht hat, jemand, mit dem man tage-, nächte-, wochenlang über irgendein Manuskript sprechen konnte, jemand, der es geliebt hat, mit jungen Autoren zu arbeiten. Dieser Freundschaft verdanke ich auch sicherlich einen Teil des Pathos sozusagen, mit dem ich mich, was die Arbeitsintensität betrifft, in diesen Jahren mit Literatur beschäftigt habe, auch mit dem Schreiben und mit dem Ausprobieren von Möglichkeiten, von Techniken, mit dem Ausloten meiner eigenen Möglichkeiten oder mit dem Herausfinden dessen, was eigentlich Ich bin. Das war auch ganz wichtig.

Wenn Du zurückdenkst an diesen Selbstfindungsprozess – was den Arbeitsstil und die Möglichkeiten zu schreiben angeht – findest Du da schon etwas, was Du heute auch noch verfolgst?

Ganz entschieden. Das Merkwürdige dabei ist, dass ich, je älter ich werde, eigentlich immer mehr Dinge entdecke, die mir heute wichtig sind, dass es Dinge sind, die ich ganz am Anfang gemacht habe, einerseits. Anderseits entferne ich mich, je älter ich werde, von den Dingen, die ich so in der Zwischenzeit gemacht habe. Ich nähere mich jetzt also wieder meinen Anfängen. Das hängt sicherlich teilweise damit zusammen, dass ich jetzt eben schon seit dreißig Jahren in Deutschland lebe, das heißt auch, in einem politischen und gesellschaftlichen System, das weit weg ist – Gott sei Dank – von dem politischen und gesellschaftlichen System, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Und dieses System, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin, war so, dass für mich und andere meiner Generation, der Generation und der Generation danach – zuvor und danach ist wieder was anderes – dass die Politik für die Literatur eine ungeheure Rolle gespielt hat. Das heißt, für uns alle war es wichtig, Politisches, Gesellschaftliches beim eigenen Schreiben mit zu denken, mit zu reflektieren von unterschiedlichen Positionen aus, aber auch mit vielen Gemeinsamkeiten. Und dieser Stellenwert, den die Politik für mein, für unser Schreiben damals gehabt hat, der entfällt natürlich heute in der Weise.

War das im Sinne einer Elite, dass man eine politische Stellungnahme sich als Sprachkünstler zu eigen gemacht hat? Oder war es im Sinne einer politischen Opposition?

Vorrangig im Sinne einer politischen Opposition. Natürlich vorrangig, aber nicht nur. Diese Komponente, dass man beim Schreiben politisch natürlich in Opposition zur Staatspolitik Stellung beziehen wollte, das ist für unsere Generation fast schon eine Selbstverständlichkeit gewesen. Für die Generation derjenigen, die in den 50er Jahren, in den Jahren des Stalinismus, gearbeitet haben, ist das noch lange nicht so gewesen, weil das Risiko, das man damals eingegangen ist, wenn man oppositionell Stellung bezogen hat, auch noch ein ganz anderes war. Also politisch Opposition zu leisten, das ist sicherlich ein wichtiges Element gewesen. Aber, was Du eben erwähnt hast, als Du die literarische Elite angesprochen hast, das ist auch wichtig gewesen, – was auf den ersten Blick nichts mit Politik zu tun hat. Wichtig ist es deswegen gewesen, weil, wenn ich an meinen Vater denke und an seine Generation, das ist eine Generation von Menschen gewesen, die, auch wenn sie literarisch hochinteressiert waren, für die Zeit und für die Umstände gebildet waren, schlicht und ergreifend keinen Zugang, keine Chance gehabt haben, auch überhaupt nur zur Kenntnis zu nehmen, das heißt, lesen zu können, was meinetwegen in den 40er, 50er Jahren in Westeuropa erschienen ist. Das war bei uns zu einem großen Teil anders. Das bedeutet wiederum, dass wir in die kleine, rumäniendeutsche Literaturbetriebsszene auch immer Dinge mit hereingebracht haben, die für einen guten Teil unseres Publikums – ob es das normale Leserpublikum war oder literarisch nicht besonders vorgebildet oder ob es die Angehörigen der älteren Generationen waren, literarisch zwar gebildet, die aber mit Jandl und Gomringer einfach nichts anfangen konnten. Da haben wir natürlich auch ein elitäres Bewusstsein und oft auch eine elitäre Hybris entwickelt. Es gab immer beides.

Als politisch Oppositioneller muss es für Dich ja sehr schmerzlich gewesen sein, selbst in die Fänge dieses Staates geraten zu sein.

Das ist vollkommen richtig. Es ist grauenhaft gewesen. Ich möchte dazu nur eines sagen, dass ich zu keinem Zeitpunkt freiwillig – von Enthusiasmus ganz zu schweigen – oder auch nur in stiller, resignierter Duldung in meine Situation hineingeraten bin, das heißt, in die Situation eines IM. Das ist nie der Fall gewesen. Am Anfang dieser Geschichte steht eine Erpressung, kombiniert mit Drohung, der ich eine Zeit lang standgehalten habe, – dann nicht mehr. Aber auch von diesem Zeitpunkt an war mir völlig klar, dass ich möglichst schnell irgendeinen Weg, irgendeine Möglichkeit finden muss, um aus dieser Hölle rauszukommen. Es ist grauenhaft gewesen.

Hat diese Situation Deine Art zu schreiben oder Deinen Fokus verändert?

Ja. Ich würde sagen, bis zu dem Zeitpunkt, als ich wusste, dass ich mich mit persönlicher Schuld auch auseinandersetzen muss, habe ich eigentlich gedacht, dass es mir als jungem Schreibenden möglich sein könnte, so etwas wie eine literarische und vielleicht sogar politische Wahrheit zu finden, mich auf diese Wahrheit wie auf ein weißes Ross zu schwingen und – siegreich oder nicht, aber auf jeden Fall freudig erregt – in die Zukunft zu reiten. Und das hat sich radikal geändert. Das bedeutet nicht, dass Wahrheit für mich keine Rolle mehr spielt oder nicht, dass ich nicht denke, dass es keinen Menschen ohne Schuld gibt. Aber Wahrheit, Schuld, politische Wahrheit, – das ist für mich alles vielschichtig und kompliziert geworden. Und das ist es bis heute.

Umso mehr stellt sich dann die Frage, wenn das auch eine poetische Wahrheit ausschließt – das müsstest Du mir noch bestätigen oder verneinen – was ist dann der Punkt, wo Dich die Worte hintreiben oder Du die Worte hintreibst?

(Pause, Räuspern) – Poetische Wahrheit? –

Andere Dichter formulieren das so. Das ist ein Punkt, der sich natürlich nicht beschreiben lässt, der aber jenseits unserer Verkehrssprache liegt. Wan kann das als Wahrheit bezeichnen, man kann das als Gegenwelt bezeichnen – nicht im Sinne von Spiegelung, sondern etwas, was etwas in uns zum Klingen bringt, was wir auch in unserem Kopf haben, dem aber nichts entspricht, was wir sonst erleben.

Du siehst schon, die Pause und das Räuspern, die das ermöglicht haben, was Du jetzt deskriptiv und definierend dazu gesagt hast, ist ein Indiz dafür … Also ich bekomme Bauchschmerzen, wenn ich ‚poetische Wahrheit’ höre. Ich kann natürlich sehr viel mit dem anfangen, wie Du sie ungefähr eingegrenzt oder beschrieben hast. Und ich kann sehr gut verstehen, wenn andere Autoren – nicht nur Autoren, sondern auch Leser – sagen, der Begriff sei für sie wichtig. Wenn ich mich auf die Suche machen sollte: Was ist denn meine poetische Wahrheit? Dann kann ich aber nur eigentlich sagen: Sorry, ich muss passen. Mir ist klar, beim Lesen und beim Schreiben, wenn man Glück hat, kommt man möglicherweise an einen Punkt, bei dem man – meistens für kurze Zeit, die aber im Nachhall wirken kann – empfindet, ich habe etwas gesagt oder ich habe etwas verstanden, gehört, gelesen, was mehr ist, als das Gesagte semantisch bedeutet, was mich aufbricht und mir zu einem inneren Aufbruch verhilft. Vielleicht ist das so etwas wie eine Art poetische Wahrheit. Aber ich könnte sie nicht beschreiben. Was ich sagen kann, ist: Schreiben ist die eigentliche Herausforderung für mich oder das, worum es mir geht, ist das, was mich in dem Augenblick, in dem ich schreibe, bewegt, dass ich das möglichst genau sagen will. Schwierig ist es meistens deswegen, weil das, was ich empfinde – bei aller angebrachten Bescheidenheit – komplex ist, wie bei jedem Menschen. Das, was wir empfinden, ist immer ungeheuer komplex. Und es ist ungeheuer schwer, dieses komplexe innere Geschehen in einem vernünftigen Zeitraum mitzuteilen. Wenn ich das Gefühl habe, das ist mir gelungen, dann ist das ein wichtiges, schönes Gefühl. Aber ob das etwas mit Wahrheit zu tun hat, das weiß ich nicht. Gut, man kann sagen, es gibt eine individuelle Wahrheit, und es gibt eine allgemeine Wahrheit. Mit den allgemeinen Wahrheiten habe ich es nicht so. Und mit den individuellen Wahrheiten – alleine, wenn ich mich anschaue, mein kleines Leben, und auch noch nicht mal unbedingt im Hinblick auf eine größere Zeitspanne. Sondern es reicht manchmal eine Woche, dass ich einen Haufen individueller Wahrheiten herausfinde, mit dem Risiko, dass in der Woche danach alles von vorn losgeht.

Dann ist der Begriff auch gar nicht mehr anwendbar. – Findest Du Deine Stichworte, die Du – so stelle ich mir das vor – brauchst, um Gedichte schreiben zu können, auf der Straße oder nur beim Schreiben?

Ich finde die auch auf der Straße. Sie können mir in der U-Bahn einfallen oder an der Kasse im Supermarkt. Gottseidank kommt es aus dem ganz normalen Leben.

Kannst Du beschreiben, wann Du den Text, den Du entwirfst, als gedichtfähigen begreifst? Was ist für Dich die Qualität, die einen Text zum Gedicht macht? Denn Du wählst ja auch aus: Du sagst Dir, das ist noch nicht genug oder das ist zu blass.

Da gibt es leider oder Gott sei Dank, etliche Kriterien, die – vereinfacht gesagt – abgehakt werden müssen oder sein wollen. Ein gutes Gedicht von mir darf in meinen Augen nicht geschwätzig sein. Es darf nicht apodiktisch sein. Im Idealfall ist es im Ausdruck und in der Formulierung auch von poetischen Bildern einfach. Und das heißt: am besten keine ganz exotischen Bilder oder Formulierungen. Aber das ist eine subjektive Sache. Das ist für mich wichtig, vermutlich, weil ich das Gefühl habe, dass meine Gedichte Teil meines Alltags sind und Bestandteil meiner ganz normalen Existenz. Und da müssen sie auch bleiben. Wenn dann aber die Bildwelt vorrangig so exotisch wie eine Postkarte aus Hawaï ist, dann hätte ich Schwierigkeiten zu sagen, das bin ich mit meinem Leben und ich mit vielen anderen Menschen mit ihrem Leben. Also keine Geschwätzigkeit, keine Abstraktion, nichts Apodiktisches, vorzugsweise einfach. Und vielleicht: ich möchte mich in Gedichten nicht gerne wiederholen. Das heißt, wenn ich in einem Text einer Sache auf der Spur bin – welche Sache das ist, entdecke ich meistens erst, nachdem ich vier, fünf Tage oder vier, fünf Wochen daran gearbeitet habe. Manchmal entdecke ich durch handwerkliche Fehler, die ich nach drei Wochen mache, dass ich in Wirklichkeit doch überhaupt nicht zu dem Ziel wollte, von dem ich drei Wochen lang überzeugt gewesen bin. Und der Fehler führt mich plötzlich dahin, wo ich eigentlich hin wollte. Ein kleines Beispiel: In einem Gedicht hatte ich eine Zeile, in der es längere Zeit hieß: zwischen Weinberg und Schreck. Und ich habe mich mit dem Gedicht abgequält und habe Strophen vorher und Zeilen nachher immer wieder neu geschrieben. Es ist nichts geworden. Dann habe ich das nochmal abgetippt und habe mich vertippt. Und da hieß es dann: zwischen Weinberg und Schneck. Und das war es! Der Konsonant hat dann das Gedicht verändert.

Ja, das ist auch ein schönes Thema: Der Fehler führt Dich auf die richtige Spur. – Hast Du das Gefühl, dass Du etwas hergibst von Dir, wenn Du Gedichte veröffentlichst“ Ist das eine Art Entblößung, die Du durchstehen musst?

Bei den sechs oder sieben Gelegenheiten, die ich bisher hatte, wo eben Bücher dann erschienen sind, – zu dem Zeitpunkt, als das Buch gekommen ist, war dieses Gefühl schon weg, dass ich mich mit dem Buch entblöße. Aber das Gefühl, das Du ansprichst, das kenne ich schon. Mit diesem Gefühl habe ich schon zeitweilig beim Schreiben zu kämpfen. Oder ich muss damit umgehen. Auf jeden Fall muss ich spätestens dann damit umgehen, wenn ich noch lange vor der Veröffentlichung ein Gedicht, das für mich fertig ist, zum ersten Mal aus der Hand gebe. Dann stellt sich das Gefühl schon manchmal ein.

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erstellt am 05.10.2012

Werner Söllner
Werner Söllner

»So habe ich – im Rückblick – einen ganz natürlichen Weg in die Literatur, zunächst mal als Leser, gefunden.«

»Diese Komponente, dass man beim Schreiben politisch natürlich in Opposition zur Staatspolitik Stellung beziehen wollte, das ist für unsere Generation fast schon eine Selbstverständlichkeit gewesen.«

»Für uns alle war es wichtig, Politisches, Gesellschaftliches beim eigenen Schreiben mit zu denken, mit zu reflektieren von unterschiedlichen Positionen aus, aber auch mit vielen Gemeinsamkeiten. Und dieser Stellenwert, den die Politik für mein, für unser Schreiben damals gehabt hat, der entfällt natürlich heute in der Weise.«

»Ich möchte dazu nur eines sagen, dass ich zu keinem Zeitpunkt freiwillig – von Enthusiasmus ganz zu schweigen – oder auch nur in stiller, resignierter Duldung in meine Situation hineingeraten bin, das heißt, in die Situation eines IM.«

»Aber Wahrheit, Schuld, politische Wahrheit, – das ist für mich alles vielschichtig und kompliziert geworden. Und das ist es bis heute.«