Buchkritik

Guido Rohm: »Fleischwölfe« und

»0 – Eine Noirvelle«

Von Jannis Plastargias

Dieses Evolver Double ist bereits jetzt legendär: Wochen vor der Veröffentlichung konnte man im Internet die beiden Cover zu „Fleischwölfe“ und zu „0 – Eine Noirvelle“ sehen und wusste, dass diese Veröffentlichung etwas Gutes wird. Diese Covers von Hanspeter Ludwig sind eine wunderbare Reminiszenz an alte, vergangene Zeiten, an trashige, bunte Filmcovers aus den Sechzigern. Doch was verbirgt sich hinter den Texten?

Dieser unvermeidliche Ausruf bei Literaturverfilmungen: „Der Roman war aber klar besser“ nervt jeden, der sich mit beiden Medien (Film und Literatur) beschäftigt, denn in der Mathematik sagt man völlig zu Recht: „Man vergleicht keine Äpfel mit Birnen.“ Und so sollte man keine Medien miteinander vergleichen, die ganz unterschiedlich funktionieren. Es ist auch nicht zu entscheiden, ob es immer spannender sei, den Roman vor dem Film zu lesen, oder es doch anders herum zu halten. Gute Romanverfilmungen können ganz neue Aspekte ansprechen, eine vollkommen neue Perspektive herstellen – sie müssen nicht eins zu eins die literarische Vorlage abbilden, sollen es sogar überhaupt nicht. Doch wie ist das mit einem Roman zum Film, der nach dessen Entstehung geschrieben wurde? Soll es ja auch geben. Und wie ist es mit „Fleischwölfe – Roman zum Film“ bestellt? In dieser „Novelle“ werden die grausamen Verbrechen eines Menschenfresser-Klans irgendwo in einer von Atomversuchen verseuchten Wüste erzählt. Die Geschichte wird zur Kinofiktion und letztendlich mutiert sie zu einem vielstimmigen literarischen Splatter-Text. Kann das gut sein?

Guido Rohm kennt sich aus in dem, was er tut. Man merkt in jedem seiner Szenarien, in jeder Figur, die er aus ihrer jeweiligen Perspektive heraus erzählen lässt, dass er all die wichtigen Horrorfilme der letzten Jahrzehnte nicht nur gesehen hat. Ich erinnere an „The hills have eyes“, „Texas Chainsaw Massacre“ oder „House of wax“ mit der Blondine Paris Hilton… Man spürt, dass er so in diesem Genre drin ist, dass er die Wirkungsmechanismen / den Thrill nicht nur versteht, sondern so weit ist, dass er mit ihnen und damit auch mit dem Leser spielen kann. Er schafft es, seinen Charakteren, die in diesem Fall dem „White Trash“ Amerikas zuzuordnen sind, einerseits so viel Klischee auf den Leib zu schreiben, dass man geneigt ist, sie nicht ernst zu nehmen, andererseits jedoch lässt Guido Rohm sie auf eine Weise erzählen, die einen das Buch nicht weglegen lässt. Kurze Sätze, prägnant, kantig, völlig im Gegensatz zu der üblichen Erzählweise des Genres, das sonst auf detailreiche Schilderungen von Bildern und entbehrliche Dialoge setzt. Wie ein Quentin Tarantino, Alfred Hitchock oder noch treffender Daniel Kehlmann tritt er sogar selbst in dem Text auf.

Guido Rohm zeigt in Fleischwölfe nicht nur, dass er zu den humorvollsten Krimi-Autoren in Deutschland zählt, sondern dass er auch derjenige ist, der immer bereit zu Innovativem ist, dass er gerne experimentiert, keine Herausforderung scheut. Und gewinnt damit auf ganzer Linie. Wie immer, möchte man sagen, egal, was er schreibt, in Blogs, in Büchern, auf Facebook, bei Faust-Kultur.

Guido Rohm kann es einfach! So auch in „0 – Eine Noirvelle“, die wohl das Gegenteil von „Fleischwölfe“ ist, auch wenn in beiden Texten Leute verschwinden. In Fleischwölfe werden sie aufgefressen, während sie in „0 – Eine Noirvelle“ spurlos verschwinden. Es geht um zwei Frauen. Die eine ist ein Nacktmodell, das nach den Vorstellungen ihres Managers geformt ist – erinnert an Lollo Ferrari oder merkwürdigerweise auch an Daniela Katzenberger. Die andere ist eine biedere Hausfrau, die von ihrem Mann wie ein Heimchen am Herd behandelt wird. Plötzlich taucht ein Fremder namens Otto Seuse auf, ein Irrfahrer, ein moderner Odysseus, wie es der Name schon nahe legt. Auch in diesem Text, in dem beide Frauen sich selbst aus dem Leben tilgen, beweist Rohm eines ganz genau: Er weiß genau, wovon er spricht, beobachtet die moderne (Medien)welt, wie sie ist, kennt ihre Funktionsweisen, durchschaut und entblößt sie für den geneigten Leser.

Noch eines zum Schluss: Novelle kommt von Lateinisch novus ‚neu‘ oder Italienisch novella ‚Neuigkeit‘ und ist eine kürzere Erzählung. Neu ist die Herangehensweise Guido Rohms, kurz und vor allem kurzweilig sind die beiden Texte, die Ende September beim Evolver Verlag erschienen sind – die 200 Seiten sind für gut angelegte 14,00 Euro im Fachhandel erhältlich.

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erstellt am 03.10.2012

Buchcover Vorderseite  –  Fleischwölfe
Buchcover Vorderseite – Fleischwölfe
Buchcover Rückseite  –  0 – Eine Noirvelle
Buchcover Rückrseite – 0 – Eine Noirvelle

Zwei Covers von Hanspeter Ludwig

Guido Rohm
Fleischwölfe
0 [Null] – Eine Noirvelle
Kurzromane*
Evolver Books, Wien
ISBN: 978-3-9502558-7-4

Evolver Books