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Buchbesprechung

„Dazu verurteilt, frei zu sein!“

Neun Jahre nach seinem Welterfolg „Die Korrekturen“ hat der Amerikaner Jonathan Franzen sich mit seinem neuen Roman „Freiheit“ selbst überboten

Über die geradezu irrwitzige Wegstrecke von neun Jahren hielt der Roman ihn in Atem, begleitet von schweren Krisen, längeren unfreiwilligen Auszeiten und der langsam schwindenden Hoffnung auf die erlösende Eingebung. Doch im vorletzten achten Jahr schließlich fand er die ersehnte Abzweigung ins Glück – und binnen zwölf Monaten stieß er siegesgewiss und wie im Rausch siebenhundert Seiten hervor, an deren Ende ein Triumph stehen sollte: Der Triumph des Künstlers über die finstre Macht der Selbstzweifel – und über die inneren Dämonen in Form eines Romans, der es ähnlich wie dereinst Tolstois Epos „Krieg und Frieden“ „mit der Welt aufnehmen will!“ Und Franzen, der inzwischen geübte und besessene Langstreckler, gab nicht auf. Er, der spätestens seit der ebenfalls neun Jahre währenden Niederschrift seines Welterfolgs „Die Korrekturen“ von 2001 wusste, wie lang, wie steinig und verdammt mühselig eine derartige Wegstrecke sein kann. Und wo befreundete Kollegen wie der frühverstorbene Meta-Fiktionalist David Foster Wallace ihre Texte fröhlich durch den Hexler jagten, um neue Sinnzusammenhänge zu stiften, dort vertraute der Neotraditionalist Franzen unbeirrbar auf die Macht des Klassischen Romans. Trotz all der vielen Abbrüche und Neuanläufe, die es brauchte, bis er endlich das Gesicht und die Stimme Patty Berglunds vor Augen hatte – und der Weg frei war.
„Denn wirkliche Schriftsteller sind da wie Vögel, die man beim Nestbau stört“, bekennt der passionierte Ornithologe Franzen heute, knapp zwei Jahre später, gutgelaunt. „Wie oft man sie auch stört – sie fangen immer wieder von vorne an!“ Das Resultat ist sein jetzt vorliegender vierter Roman „Freiheit“ – ein Monster von einem Roman: 731 Seiten lang, bildmächtig und überbordend, hyperrealistisch und kunstvoll verzahnt – ein reißender Strom aus Bildern, Sequenzen und analytisch kühlen Reflexionen, der den Leser dahin trägt über eine ganze Dekade. Und eine ebenso kühne wie unerschrockene literarische Tiefenbohrung ins dunkle Innerste der amerikanischen Seele während der Bush-Jahre, genauer: ins Herz der amerikanischen Familie.

„Das Buch“, sagt Franzen, das insbesondere in seiner amerikanischen Heimat geradezu frenetisch gefeiert wurde und ihm dort kürzlich die seltene Ehre eintrug, nach Größen wie John Cheever, John Updike oder Stephen King das Cover des altehrwürdigen „Time“-Magazins zieren zu dürfen, „widmet sich der Untersuchung unserer westlichen Vorstellung von Familie, auch wenn ich mich dem Ganzen diesmal und anders als noch in den „Korrekturen“ aus einer anderen Blickrichtung nähere. Doch es wäre gelogen, wenn ich nicht zugeben würde, dass ich die „Korrekturen“ diesbezüglich als eine Art Sprungbrett nutzen konnte.“
Tatsächlich erscheint „Freiheit“ wie der größere, erwachsenere Bruder seines Vorgängers: ausgereifter, lässiger und, was vor dem Hintergrund der Makellosigkeit der „Korrekturen“ kaum mehr vorstellbar schien, noch ambitionierter. Denn wo der 51-Jährige mit den „Korrekturen“ eine Handvoll großer, paritätisch nebeneinander stehender Sprachtableaus schuf, in denen er das Treiben einer Handvoll Menschen im Amerika der späten Neunzigerjahre illustrierte, die – malträtiert von Parkinson, Ängsten, verdeckten Obsessionen und nicht losgelassenen Dämonen – allesamt um Korrektur ihres in Schieflage geratenen Lebens bemüht waren, dort entrollt „Freiheit“ in weitausholenden Erzählschleifen das nicht minder irrwitzige Treiben der Berglunds aus St. Paul: einer ebenfalls sogenannten „dysfunktionalen“ vierköpfigen Familie, in deren Innerstes Franzen seine Sätze wie Messer treibt.
„Natürlich hatte ich zu Beginn eine ziemliche Aversion gegen die Vorstellung, womöglich ein und dasselbe Buch zweimal zu schreiben“, sagt der Amerikaner mit Blick auf seinen neuen Roman. „Doch genau betrachtet glaube ich aus der inzwischen dazu entstandenen Distanz betrachtet nicht, dass die beiden Bücher sich im Innersten berühren.“

Millionen Leser rund um den Globus jagten mit angehaltenem Atem durch die ebenso authentisch wie bitter-grotesk der Wirklichkeit abgelauschte Welt der Lamberts, deren kleine und mittelschwere Katastrophen der 1959 in Western Springs/ Illinois geborene und in einem Vorort von St. Louis aufgewachsene Autor seinerzeit auf 528 Seiten ebenfalls wie mit dem Skalpell sezierte. Und nicht wenige glaubten, Franzen, der Schwergewichtler wie Tolstoi, Flaubert oder Dickens zu seinen literarischen Hausgöttern zählt, habe mit den „Korrekturen“ das Thema Familie für sich erschöpfend behandelt. Doch weit gefehlt! Franzen kehrte 2002 mit geradezu pflanzenhafter Demut zu den Ursprüngen seines Erzählens zurück: einem geduldigen, bis an den Rand der Selbstzerfleischung führenden Nachdenken darüber, „weshalb Familie als solche Segen und Fluch zugleich sein kann.“

Bereits sein ziegelsteindicker Roman „Schweres Beben“ von 1992 hatte das Thema Familie mit umkreist; doch erst der nun vorliegende neue Roman scheint diesbezüglich den endgültigen Schlusspunkt in Franzens schreibendem Nachdenken über Familie zu markieren: Ein Buch, dem es in seiner Mixtur aus konservativer Sprachgenauigkeit, klassischem Formbewusstsein und der Fähigkeit, mit einem scheinbar konventionell entworfenen Plot geradezu thrillerhafte Spannung zu erzeugen, gelingt, den Anschluss an die großen realistischen und ähnlich gearteten Romane des neunzehnten Jahrhunderts wiederherzustellen. Und so mutet Patty Berglund denn auch an wie eine moderne Verwandte von Emma Bovery, Anna Karenina oder Effi Briest; allesamt von dem Unglücksklima ihrer Ehen zunächst in den Seitensprung, später in die Depression und schließlich sogar in den Selbstmord getriebene Einzelkämpferinnen, denen Franzen mit seiner Figur der Patty Berglund huldigt.

„Freiheit“ entrollt die wechselvolle, von Enttäuschungen, uneingelösten Träumen und uneingestandenen Sehnsüchten und Obsessionen grundierte Geschichte der in St. Paul lebenden Berglunds, die sich „beim Erlernen gewisser Lebenstechniken“ Gedanken darüber machen, wie ihre persönliche Freiheit unter George W. Bush aussehen könnte. Angefangen bei Patty Berglund, der Tochter einer „Berufsdemokratin“, die ihre dröhnend leere Jugend als Basketballsternchen zubringt, eine kiffende Stalkerin zu ihrer besten Freundin macht – und sich schließlich, während ihrer College-Zeit, heillos in den aufregenden und für seine zahlreichen Eskapaden berüchtigten Musiker Richard verliebt. Doch weil ihr Verlangen nach Sicherheit größer ist als ihr Mut, sich dem unkonventionellen Draufgänger in die Arme zu werfen, heiratet sie schließlich den zwar weniger aufregenden, dafür aber weit verlässlicheren Walter, bekommt zwei Kinder von ihm und endet – nachdem sie bis auf die Knochen frustriert irgendwann eine sinnlose Affäre mit Richard beginnt – als von Depressionen geschüttelte Alkoholikerin, die als Empfangsdame in einem Fitnesscenter ihr bescheidenes Auskommen hat.
Ihr gegenüber stehen Walter und die beiden Kinder Joey und Jessica, die ihr Heil bald jeder für sich und auf seine Weise außerhalb des engen Familienverbandes suchen: Joey – von Pattys bedrängender Liebe und aufgesetzter Kumpelhaftigkeit in die Flucht geschlagen – zieht kurzerhand ins Haus der reaktionären Nachbarn ein, mit deren Tochter er seit deren 12. Lebensjahr Sex hat. Auf dem College sucht er in seinem Bestreben, die alten Spuren zu verwischen und sich dadurch zu befreien, Kontakt zu den rich kids, bis er irgendwann sein Geld mit korrupten Geschäften für einen Militärzulieferer der amerikanischen Truppen im Irak verdient. Und weil auch Walter, für den der Tod seines alkoholkranken Vaters wie eine Erlösung ist, vehement nach Freiheit strebt, glaubt er irgendwann, diese dadurch zu erlangen, dass er den in seinem Lebensraum bedrohten Pappelwaldsänger, einen blau gefiederten kleinen Vogel, rettet, indem er das ihm von einem Kohleunternehmer zur Verfügung gestellte Geld diesbezüglich investiert – dabei die eigentlichen und durchaus kapitalistischen Motive seines Chefs aber willentlich ignoriert.
Franzen porträtiert Menschen, denen es partout nicht gelingen will, ihre Freiheitsvorstellungen in die Tat umzusetzen. Patty, die es für eine Befreiung hält, ihre wahren Gefühle leben zu können – und am Ende mit Einsamkeit dafür bezahlt; Walter, der sich – längst zum Opfer seiner überkommenen, unrealistischen Ideale geworden – in obskuren, pseudo-ökologischen Machenschaften verliert. Oder Joey, der freies Denken für die wahre Freiheit hält – und zum Schluss zum Kriegsgewinnler mutiert. Bis sie sich alle und jeder für sich insgeheim nach jenem verlassenen Schutzraum namens Familie zurücksehen, in den es kein Zurück mehr für sie gibt. Denn das ist die eigentliche und ziemlich bittere Pointe von Jonathan Franzens großartigem Roman: Dass der Mensch – mit Camus gesprochen – dazu verurteilt ist, frei zu sein!

So erweist sich „Freiheit“ und damit die klassische Romanform, und das ist die eigentliche gute Nachricht, trotz seiner epischen Langsamkeit als durchaus zeitgemäßes Medium, um unsere immer schneller laufende Wirklichkeit abzubilden. Denn wann, bitte schön, war ein Buch näher dran am Hier und heute als dieser große, realistische, unvergleichliche Roman? Er zeigt in ihr Alltagsleben verstrickte Durchschnittamerikaner, die spüren, dass ihrer Weltanschauung seit 9/11 Grenzen gesetzt sind – und die doch und jeder auf seine Weise nach „Freiheit“ streben: der Freiheit, so sein zu dürfen, wie man sein will und das tun zu können, wonach einen verlangt. Von Selbstbetrug und dem Drama, sie nicht zu erlangen und sich dennoch mit dem eigenen Leben arrangieren zu müssen, erzählt Jonathan Franzen großer, betörend altmodischer Roman.

„Er stirbt zwar angeblich seit inzwischen mehr als einhundert Jahren einen nie ganz vollzogenen Tod auf Raten“, erklärt Jonathan Franzen abschließend mit Blick auf den Roman an sich, „auch wenn ich nicht ein wirkliches Indiz dafür ausmachen kann. Doch ich bin sicher: Solange sich Menschen für die Belange anderer Menschen interessieren. Das Projekt Roman wird weitergehen. Ich jedenfalls arbeite unentwegt daran. Selbst wenn ich schlafe!“

Peter Henning

Jonathan Franzen: Freiheit. Roman. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld. Rowohlt Verlag, Reinbek 2010. 730 S.

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erstellt am 16.9.2010

Jonathan Franzen:
Freiheit. Roman.
Aus dem Amerikanischen von
Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld.
Rowohlt Verlag,
Reinbek 2010. 730 S.,

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Jonathan Franzen
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