Alison Louise Kennedy
Alison Louise Kennedy
Buchkritik

A.L.Kennedy: Das Blaue Buch

Von Alban Nikolai Herbst

Elizabeth Barber sehnt sich nach bürgerlicher Geborgenheit. So ist sie bereit, auf dem Passagierdampfer, den sie soeben mit ihrem Freund besteigt, in den Hafen der Ehe einzufahren. Er wird ihr, der herzensgute Derek, einen Antrag machen, bevor sie noch New York erreichen. Das ist ausgemacht, wenn auch nicht verabredet. Sie mag ihm die Freude an der Überraschung nicht nehmen.

Dabei ist sie genervt, wie da so alle Passagiere in den Gangway-Schlangen stehen. Ich gehe an Bord und werde immer nostalgischer, denkt sie, dann voreingenommen, dann fürchte ich jede Veränderung und werde schließlich reaktionär? (…) Das kommt, weil ich genervt bin. Genervt ist kaum zu unterscheiden von reaktionär. – Korrektur: Genervt in einer Schlange ist kaum von reaktionär zu unterscheiden. Und böse denkt sie weiter, so daß sich uns schon zeigt, was in der Frau so schlummert: Hätte der Staatssozialismus mehr Vernunft besessen, hätte er nicht diese ganzen Schlangen zugelassen – das hat ihm auf lange Sicht das Genick gebrochen (…).1

Alison Louise Kennedy erzählt in ihrem Roman DAS BLAUE BUCH die Geschichte einer Flucht vor sich selbst, einer Flucht vor der eigenen Geschichte und einer Flucht vor dem Mann, dem Elizabeth Barber ein- für allemal verfallen ist, an dem sie aber auch schuldig wurde. So schwer schuldig, daß es erst ganz am Ende des Buches aufgedeckt werden darf. Vermittels eines Tricks kann der Leser die Wahrheit aber schon von den ersten Seiten an erfahren. Allerdings muß er dazu gut aufpassen. Nämlich gibt es Seitenzahlen, oben, die nicht stimmen. Wer sie für sich zusammensetzt und richtig zu deuten weiß, wird schließlich nicht mehr überrascht sein und auch nicht mehr so ein bißchen verstimmt, weil man sich auf eine falsch geführt vorkommt.

Die falsche Fährte ist zugleich aber eine richtige. Das ist vielleicht das beeindruckendste Kunststück der Autorin. Denn Elizabeth Barbers erotische Verfallenheit nimmt doch ganz zu recht den meisten Platz ein. Ich habe selten ein so intensives Buch über die besonders auch erotische Liebe einer reifen Frau gelesen, eben nicht die eines Schwärmchens, sondern einer, sagen wir mal, „normalen“ Frau, die mehr oder weniger die Figur ihrer Mutter geerbt hat, so daß sie zu Schulzeiten etwas pummelig war und sich vorstellt, nachdem sie in ihren Zwanzigern und Dreißigern als kurvenreich statt mollig durchging, daß sie in den Vierzigern, wenn ihr Stoffwechsel sich verlangsamt, verstärkt zu formlosen Strickjacken und Hosen mit elastischem Bund aus dem Versandkatalog gezwungen sein wird.2

Aber das ist nur die Oberfläche. Mrs Barber stammt nämlich aus einer man kann sagen Zirkusfamilie, jedenfalls war ihr Vater ein Zauberer – kein wirklich großer Magier, nein, eher ein etwas tapsiger, freundlicher Taschenspieler mit jederlei Tricks für die Kinder. Die kleine Elizabeth indes ist von all den Aufführungen angeödet. Zumal wenn sich in affiger Aufmachung lauter Kollegen ihres Vaters zu ihren Geburtstagen einfinden und eine fingerfertige Naivetät die nächste jagt. Da möchte es, das junge Mädchen, gerne nur noch weg. Und bleibt dem Milieu doch verfangen, wenn auch der Mann, mit dem sie dann zusammengeht, die Zaubereien in den Geist verlegt hat. Ein Wunderheiler ist er, der mit Toten auf Versammlungen spricht, zu denen vor allem Witwen und anderswie Zurückgebliebene zusammenströmen, um irgendwie Erlösung für den Schmerz zu kriegen, vielleicht auch eine Absolution von den Dahingeschiedenen. Irgend etwas, das sie wieder befriedet und ein Weiterleben möglich macht. Ein falscher Guru ist er, dieser Arthur Lockwood. Psychologisch geschickt, fragt er sein Publikum heimlich aus. Er muß ja nur genau hinhören, schon kann er die Antworten geben, nach denen seine Zuhörer suchen.

Elizabeth Barber wird seine Assistentin. Vermittels kleiner Zahlencodes verständigen sie sich während der Vorstellungen untereinander, perfektionieren den Betrug. Irgendwann hält die junge Frau das aber nicht mehr aus. Zumal Mr Lockwood keineswegs das Wohlgefallen ihrer Familie fand. „Ich will ihn niemals wieder hier sehen“, sagt ihr Vater. So daß sie sich von dem Geliebten trennt. Und kommt doch nicht von ihm los. Immer wieder treffen sie sich, mal zufällig vielleicht, mal mit Absicht, und verbringen die Nacht miteinander. Jedesmal danach läßt ihn Elizabeth wieder allein. Und trifft ihn abermals. So daß es schon fast unausweichlich ist, daß, während sie mit Derek in der Schlange vor den Gangways steht, direkt hinter ihr auch Mr. Lockwood steht. Der beginnt sofort das alte Spiel, und Elizabeth weiß sich seiner nicht zu erwehren. So daß sie von ihrer Schuld spricht, aber eine andere, ganz andere meint.

Sie würde so gerne wieder davon. Aber diesmal geht es auf ein Schiff. Wenigstens wird der ahnungslose Derek seekrank und liegt von sofort an für den Rest der Woche darnieder, weil ihm Elizabeth statt des richtigen Medikamentes ein Placebo unterschiebt. Ja, sie ist die Täuscherin geblieben.
Und sehnt sich so nach Arthur, der ein paar Decks über ihr in seiner Suite residiert, erfolgreicher Menschenverführer, der er ist. Aber auch das ist nicht mehr völlig wahr.

A.L. Kennedys nur anfangs ein bißchen naiv wirkender Roman, auch das schon ist Täuschung, ist eine aus Außen- und Innenperspektive, Erzählung und Monologen höchst virtuos gebaute Geschichte, die eigentlich die Lösung gar nicht nötig hätte, mit der sie schließlich aufwartet: diese bittere Pointe des Schlusses, das Geständnis, das in dem Blauen Buch gebeichtet ist. Bei der Ankunft überreicht es Elizabeth Barber ihrem Geliebten. Denn wenn er, glaubt sie, hofft sie, es annehme, das Geständnis, und wenn er ihr verzeihe, dann… ja, dann habe ihrer beider endlich gestandene Liebe eine bleibende Chance. So daß man nicht abermals fortlaufen muß. Aber nur dann.

Dem mag so sein. Dennoch nimmt an diesem Buch besonders die Erzählung eines Lebensmusters mit, eines Familien- und Prägungsmusters, das sich in Menschen wieder und wieder wiederholt, – besonders aber Kennedys ungewöhnliche und klare Folgerung: Wenn etwas derart überwältigend ist, egal, ob Wiederholung, dann müssen wir es – annehmen. Denn das schlimmste Elend kommt von der Flucht.

Zuerst veröffentlicht in Gutenbergs Welt, WDR.

Alban Nikolai Herbst

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erstellt am 27.9.2012

A.L.Kennedy
Das Blaue Buch
Roman
Deutsch von Ingo Herzke
Fester Einband, 368 Seiten
Hanser Verlag 2012

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