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Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius wurde am 27. September „für seine ‚diskursiven Stolpersteine’ zu den bundesrepublikanischen Zuständen“ mit dem Gerty-Spies-Literaturpreis 2012 der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz (LpB) ausgezeichnet. Martin Lüdke hielt die Laudatio, die Faust-Kultur hier veröffentlicht.

Kurze Lesung mit F.C. Delius

Laudatio auf Friedrich Christian Delius

Brandstifter, Chronist, Dichter,

Erzähler, Kritiker und Zeitgenosse.

Von Martin Lüdke

Ein Gedicht aus dem Jahr 1963, eines seiner frühesten. Klare, einfache Worte, jedes für sich. Ernst gemeint. Ironisch angespitzt. Darum ein bisschen spielerisch:

Feuer I

Ich bat um ein Streichholz.
Man gab mir
eine volle Schachtel.

Also
gehe ich umher als
Brandstifter

Entschärft man das explosive Potential dieses Gedichts, nämlich den „Brandstifter“, dann stiftet auch das angezündete Kaminholz zum Beispiel noch einen Brand, wenn auch einen harmlosen. Wir können also den Brandstifter als Feuerspender, die harmlose Variante, von dem anderen, sagen wir: echten Brandstifter unterscheiden, und dazwischen eine bewusst gewollte, gut ausgetüftelte Zweideutigkeit konstatieren. Weshalb sich, bereits hier, als Zwischenergebnis festhalten lässt: es geht hier um einen, der etwas will. Damals schon und, im Vorgriff gesagt, auch heute noch.

Zur Bestätigung mag eine Art amtlicher Feststellung dienen. Dann und dort, wenn und wo Aussagen verhandelt werden, deren fiktionaler Charakter offensichtlich ist, muss auch von einem eingeschränkten Wahrheitsanspruch ausgegangen werden. Dieser ästhetisch begrenzte Wahrheitsanspruch, kann nicht umstandslos auf seinen Sprecher zurückbezogen werden. Ein fiktiver Sprecher kann nicht für die Aussagen, die er macht, für die Behauptungen, die er aufstellt etc., haftbar gemacht werden. Und umgekehrt: ein realer Autor nicht für die Aussagen etc. seiner fiktiven Figur. Auf diese Tatsache berief sich der junge Schriftsteller F.C. Delius fortwährend. Und zu Recht, auch wenn es Jahre dauerte, bis ihm dieses Recht, höchstrichterlich dann allerdings, zuerkannt wurde. All diese juristischen Auseinandersetzungen und die sich daraus ergebenden Querelen hat Delius in seinem neuesten Buch noch einmal aufgegriffen und zum Teil ausführlich beschrieben. Hier wird die Geschichte quasi amtlich. Bestätigt durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Diese Institution, finanziert vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland, bringt einen monatlichen Pressedienst heraus, „Fachdienst Germanistik genannt“, der vor allem ausländische Germanisten über das Geschehen im deutschen Literaturbetrieb, über Neuerscheinungen und ihre Aufnahme durch die deutsche Literaturkritik, über akademische Kontroversen und öffentliche Diskussionen, aber auch über Preise und Auszeichnungen informieren will. In der Ausgabe 07/2012, dieser verdienstvollen Publikation steht auf Seite 17 zu lesen, ich zitiere den Wortlaut:

„Der 2011 mit dem Büchnerpreis geehrte Berliner Autor Friedrich Christian Delius, der als ‚Chronist der Irrsinnsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland‘ am 27. September 2012 in Mainz den mit 5.000 Euro verbundenen Gerty-Spies-Literaturpreis der rheinland-pfälzischen Landeszentrale für politische Bildung in Empfang nehmen wird (Die Welt, 12. 5.) habe seine Erinnerungen an die sechziger, siebziger und achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts mit dem „schönen Titel“ Als die Bücher noch geholfen haben. Biographische Skizzen versehen,“ – der Satz ist, anders als meine Geduld, immer noch nicht zu Ende, ich verlasse deshalb hier erst einmal den „Fachdienst Germanistik“ und stelle kurzerhand fest: stimmt! Das Buch liegt vor. Der Titel ist schön. Und Delius zeichnet tatsächlich skizzenhaft ein Bild von sich und seiner Entwicklung, gut hegelianisch gesagt, das „Resultat samt seinem Werden“. Ein Bild, das ebenfalls als schön, wenn nicht gar als geschönt bezeichnet werden darf, wie sich aus den weiteren Verlautbarungen des genannten Fachdienstes zweifelsfrei ergibt. Der Auszuzeichnende, von seinen Freunden immer noch gern FC genannt, gibt nämlich ungehemmt seiner fatalen Neigung nach, die dem Pfarrerssohn sicher entgegenkommt, doch dem Autor kaum gerecht werden dürfte. Er stellt sich, wie es Friedhelm Apel in der FAZ nannte, als „notorisch Braven“ dar, so auch zitiert im Fachdienst Germanistik.

Delius mied und meidet nicht nur die Attitüden des Revoluzzers, sondern auch dessen Outfit. Lange, doch bei Gott nicht überlange Haare, das war die einzige Konzession, zu der er sich hinreißen ließ. Aber Vorsicht. Solch ein äußerer Eindruck täuscht. Auch sein Auftreten, die ihm eigene, bescheidene Zurückhaltung, gibt ein ziemlich falsches Bild von dem aggressiv-kämpferischen jungen Autor, der durchaus die Konfrontation suchte, nicht (nur) den Kompromiss. Und der sich, älter und älter werdend, über die Jahrzehnte darin treu geblieben ist. Zugegeben: nicht immer konform mit dem Bild, das er sich von sich selbst macht, und auch nach außen zu vermitteln sucht. „Nicht überall durfte ich laut sagen, dass ich keinen einzigen Pflasterstein geworfen hatte, wenigstens nicht in Berlin“, bekennt er jetzt. Stattdessen hat er, teilweise um, vor allem aber mit Worten gekämpft, erfolgreich sogar.

Genau dieser Kämpfertyp, durchaus bedacht und die jeweiligen Umstände bedenkend, soll heute – und dafür – ausgezeichnet werden. Friedrich Christian Delius ist der real existierende Gegensatz zu den reaktionären Zeitgenossen vom Schlage Mosebach und Lewitscharoff.

1966 in Princeton, bei der Tagung der Gruppe 47, führte ihm Susan Sontag vor, wie sich politisches Engagement und Literatur, die moralische Empörung und die Freude am Schreiben, auseinanderhalten lassen. „Man konnte also“, das war die Lehre, die er von Susan Sontag bezog, „die höchsten Ansprüche an die Kunst stellen und gleichzeitig die höchsten Ansprüche an die Politik. Man musste radikal sein, hier wie da.“ Dennoch ist, das weiß auch Delius sehr genau, sein Schreiben (fast) immer auch politisch geblieben, ohne freilich die ästhetischen Erfordernisse politischen Zielen unterzuordnen.

1966, mit nur 23 Jahren, war der junge Student an die Öffentlichkeit getreten. Seine Dokumentar-Polemik, „Wir Unternehmer“, eine trefflich-treffende Satire anhand von Protokollen des Wirtschaftstags der CDU/CSU 1965 in Düsseldorf, schlug ein wie eine Bombe. Solche Aufmüpfigkeit waren die honetten Honoratioren nicht gewöhnt. Delius erweist sich damit im Nachhinein als Vorbote – der kommenden Bewegung. Damals, 1966, schrieb er auch seinen „Abschied von Willy“

Brandt, es ist aus. Wir machen nicht mehr mit.

Viel Wut im Bauch. Die Besserwisser grinsen.

Der letzte Zipfel Hoffnung ging verschütt.

(…)

Wer Notstand macht, der will den Notstand haben.

(…)

Wer jetzt nicht zweifelt, zweifelt niemals mehr.

Was jetzt versaut ist, wird es lange bleiben.

Eine noch mit Rilke gespickte Absage an die Politik der Sozialdemokraten. Der junge, bereits mit längeren Haaren ausgestattete Mann arbeitete also nach wie vor, wie man es damals nannte: politisch, auf seine Art. Zugleich promovierte er, und zwar über ein Thema, etwas abseits von den seinerzeitigen Mode-Themen à la materialistische Ästhetik, nämlich über den Zusammenhang „Der Held und sein Wetter“: ein „Kunstmittel und sein ideologischer Gebrauch im Roman des bürgerlichen Realismus“. Eben damals schon: ein origineller Kopf.
(Wobei, in Klammern gesagt, ein Begriff des Subjekts entwickelt wird, der durchaus seiner eigenen Arbeit zugrunde gelegt werden kann.)

Und er schrieb auch weiter. Sogar, für die damaligen Zeiten, erstaunlich unbeugsam, Gedichte. Allerdings Gedichte, die zuweilen, um es vorsichtig und ungenau zu sagen, in ihrer Dialektik einige Probleme verbargen. Er schrieb, zum Beispiel, ein Gedicht über einen nächtlichen Besuch bei einem Kritiker: „Armes Schwein“. Dieses Gedicht hat im engeren Literaturbetrieb eine beachtlich weiträumige Wirkung erzielt. Und er schrieb an einer schon überaus originellen „ungebetenen“ Festschrift.

Am 19. Oktober 1972 erschien das Buch. Seitdem bürgt der Name Delius für die Marke, die er vertritt: eingreifende, politisch engagierte Literatur. Das war übrigens, wie man sich leicht vorstellen kann, nicht ohne persönliches Risiko und auch nicht kostenfrei zu haben.

Am 14. November 1972 stellten Rechtsanwälte der Firma Siemens, im Namen der Siemens AG und Hermann Josef Abs einen Antrag auf Einstweilige Verfügung ohne mündliche Verhandlung gegen die „Festschrift zum 125jährigen Bestehen des Hauses S“ im Rotbuch Verlag, Berlin: „Unsere Siemens-Welt“. Die Anwälte argumentierten:

„1. Die Festschrift trägt das Gewand einer aus dem Hause Siemens stammenden Festschrift.“
2. „In Wirklichkeit handelt es sich bei dieser angeblichen Festschrift um eine antikapitalistische Tendenzschrift, in der in grob wahrheitswidriger Weise der Versuch unternommen wird, das Haus Siemens ‚als Prototyp des westdeutschen Kapitalismus’ zu verteufeln.“

In den jetzt vorgelegten „biographischen Skizzen“ werden die jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen mit großer Genauigkeit dokumentiert.
1975 erscheint, ebenfalls im Berliner Rotbuch Verlag, der Gedichtband „Ein Bankier auf der Flucht. Gedichte und Reisebilder“. Der Band enthält u.a. die „Moritat auf Helmut Hortens Angst und Ende“.
Der Kaufhauskönig wurde, so berichtet die Moritat, von einer bösen Schlange gebissen, und während seine Geschäfte profitabel weiterlaufen, haucht er, vor Angst allerdings, im Tessiner Steuer-Exil seinen Atem aus.

So liegt ein König der Ware
von Angst gemordet auf der Bahre.
Gras grün, wenig Wind, Sonne scheint,
die Dogge Cassius bellt und weint.
Die Zeitung spricht vom Schicksalsschlag –
soweit mein Traum vom letzten Donnerstag.

Es folgt die Moral des Gedichts, in zwei Verse gefasst:

„Ihr wisst schon: Nicht immer endet der Kapitalist
so einfach, idyllisch, ohne Kampf, ohne List.

Diese Moritat auf die Angst und das Ende des Kaufhauskönigs trug dem Verfasser erneut eine Klage ein, über die in letzter Instanz am 8. Juni 1982 vom Bundesgerichtshof entschieden wurde (AZ: BGH ZR 139/80)
Seltsam, wenn ich das nebenbei sagen darf, von welcher Aktualität, bis in die letzten Formulierungen hinein, diese ‚Arbeiten’ von Delius heute noch erscheinen. In Fall von Siemens ebenso wie in dem von Horten.
Hier zeigt sich eine beachtliche Kontinuität, sowohl was den Stoff angeht wie auch in seiner Bearbeitung. Betrachtet man also das Material seiner ersten Bücher: es war entweder, Beispiel Siemens-Welt, voll und ganz dokumentarisch, oder, wie in vielen Gedichten aus jener Zeit, das Resultat einer direkten Konfrontation von gegebenen Verhältnissen und ihrer politischen Reflexion. Beispiel: Linke Studenten stürmen die Wohnung eines liberalen Kritikers. Beispiel: ein geflohener Nazi bittet um Fluchthilfe. Beispiel: ein Agent des Kapitals verschluckt sich an seinen privaten Widersprüchen, Horten.
Diese Beispiele zeigen unter anderem auch: die bemerkenswerte Zurückhaltung des Autors Delius. Die Person trat stets hinter den Erzähler zurück. Was bald schon als „Neue Subjektivität“ verkauft worden ist, die Freunde Born, Haufs, Peter Schneider gingen sehr viel früher in diese Richtung, das war seine Sache nicht. Noch nicht.
Erst „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“, 1994, dann „Amerikahaus und der Tanz um die Frauen“ (1997), „Bildnis der Mutter als junge Frau“, 2006, bis hin zu dem „schönen“ Buch über die Jahre „Als die Bücher noch geholfen haben“, 2012, erst diese Bücher bezogen sich auch auf die persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen des Autors.
Das heißt, ziemlich spät, erst in den neunziger Jahren, als er selbst bereits über fünfzig Jahre alt war, hatte sich Delius in gewisser Weise freigeschrieben, das Pfarrhaus hinter sich gelassen und den schüchternen, öffentliche Auftritte scheuenden jungen Mann auch. Das hängt, fürchte ich, mit dem zusammen, was im „Weltmeister“ und, am Rande auch, in dem „Bildnis der Mutter als junge Frau“, zur Sprache kommt: das repressive Klima des protestantischen Elternhauses und, natürlich auch, weit über jeden autoritären Haushalt hinaus, die Untertanenmentalität der damaligen Zeit.
Aus dieser Mentalität ging, etwa vollmundig gesagt, der Protest hervor. Die 68er lassen sich, von heute aus gesehen, als Katalysator gesellschaftlicher Modernisierung betrachten. Einer dringend notwendigen.

Gudrun Ensslin und die Brüder Delius kämpften so gesehen nicht nur an einer gemeinsamen Front, gegen äußere Gegner, sie kämpften auch um ihre innere Befreiung, mit, wie wir wissen, unterschiedlichem Ergebnis: Delius entdeckte Paul McCartney und Gudrun Ensslin ihren Andreas. Der Freiburger Historiker Herbert machte übrigens das Ende des 19. Jahrhunderts in den frühen sechziger Jahren aus, als die Bahnsteigkarten ihren Schrecken verloren und Schilder wie „Betreten des Rasens verboten“ kühn und konsequent als unpassender Hinweis für Liegewiesen interpretiert worden sind.
F. C. Delius ist zum Chronisten dieser Zeitenwende geworden, die sich, naturgemäß nicht an einem Tag, sondern als Prozess, gesellschaftlich, politisch, kulturell, ästhetisch, in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat. Er hat sich literarisch nicht an die großen Strömungen der Zeit angelehnt, sondern seinen eigen Weg gesucht – und gefunden.
„Fonwostinktsnso“? Die Pariser Wohnungen, die über ein Badezimmer verfügten, machten einst elf Prozent des Bestandes aus. Mit dieser Feststellung beginnt einer der berühmtesten Romane der frühen Nachkriegszeit: „Zazie in der Metro“, von Louis Malle auch erfolgreich verfilmt.

1949 in Frankreich, erst 1961 auf deutsch erschienen, hatte Raymond Queneau seine, für die schreibende Kollegenschaft enorm wichtigen „Stilübungen“ herausgebracht. Junger Mann im vollbesetzten Bus nölt etwas herum. Zwei Stunden später taucht der gleiche Mann an anderer Stelle wieder auf. Diese Grundkonstellationen wird gut hundert mal variiert.
Die „Eilmeldung“, mit der „Die Minute mit Paul McCartney“ beginnt, 2005, ist die erste Variante dieser – in der Nachfolge von Queneau – geschriebenen Etüden von Delius. „London, 9. 3. 1967, 4.09 p.m. Hund von Paul McCartney beißt zwei junge Männer im Regents Park. Beatle flieht, ohne Ankunft des Notarztes abzuwarten. Junge Mädchen verfolgen den Täter und fordern McCartney auf, sich zu stellen. Bei den Opfern des Beatle-Hundes soll es sich um deutsche Studenten handeln.“ In diesen Texten wird die Realität aufgeweicht. Der gleiche Sachverhalt, immer wieder aus unterschiedlicher Perspektive betrachtet, mit verschiedenen Mitteln dargestellt, verändert sich dabei allerdings auch.

Das Feste wird flüssig. Und damit wird eine zentrale Kategorie des marxistischen Denkens, und zwar genau an der Schnittstelle von Kunst und Wirklichkeit, besser gesagt: von Ästhetik und Gesellschaftstheorie, exemplarisch entfaltet. Wir haben die Welt nur verschiedenen interpretiert, es „kömmt“ aber darauf an, sie zu verändern, so hatte es unser Trierer Landsmann, weit in die Zeiten hinein, schallend verkündet. Delius macht damit ernst. Zunächst einmal in seiner Trilogie über den Deutschen Herbst. Später dann auch, voller Übermut, in seinem Roman „Der Königsmacher“, 2001, auf eine bemerkenswert ver-rückte Weise. Der Dokumentar-Fiktions-Großmeister unserer neuen deutschen Literatur präsentiert hier, in bester frühromantischer Tradition, einen, wie er es selber nennt, „schmissigen Unterhaltungsroman“ als herzergreifende Liebesgeschichte eines anrührend unschuldigen Königskindes, also wahre Tragik vor einem historisch/politisch hochbrisanten Hintergrund. Delius hat dabei, in der Manier von Philip Roth, eine Wirklichkeit erfunden, von der er sich zugleich ironisch wieder distanzieren kann. Dieses virtuose Spiel zeigt ihn auf einer neuen Stufe seiner Entwicklung. Er verfügt unterdessen über ein breites Spektrum unterschiedlichster Mittel, die er nach Belieben, genauer gesagt, entsprechend den ästhetischen Erfordernissen einsetzen kann.

Friedrich Christian Delius zeigt sich auch, ich fürchte, das wird in der öffentlichen Wahrnehmung nicht hinreichend wahrgenommen, als einer der radikalsten Experimentatoren unserer neueren deutschen Literatur. Er hat viel, sehr viel ausprobiert, immer wieder neu experimentiert, Modelle entwickelt, variiert, um dann, waren sie einmal durchgespielt, wieder weiter zu gehen, unter anderem, wie sein Kellner Paul Gompitz, in der Nachfolge von Johann Gottfried Seume „von Rostock nach Syrakus“.

Das alles lässt sich in dem „schönen“ Buch mit dem treffenden Titel „Als die Bücher noch geholfen haben. Biographische Skizzen“ sehr schön nachlesen. Auch wenn das Bild, das der Autor von sich selbst entwirft, etwas geschönt ist. Delius ist engagiert, kritisch, also politisch geblieben. Und radikal. Er geht bis an die Wurzeln, auch bei sich selbst. Das zeigen seine „Vorsätze“ zu dem neuen Buch:

„Wenige Tage nach dem Ende der Schlacht von Stalingrad nicht weit vom Vatikan in das warme Frühlingslicht von Rom geboren, die Mutter eine milde Mecklenburgerin, der Vater ein westfälischer Pfarrer, zwischen hessischen Wäldern und Fachwerkhäusern, Bücherregalen und Fußballplatz Lesen und Schreiben gelernt und zugleich stotternd und stumm geworden – wo fängt es an, das Ich, das mit gelähmter Zunge zur Sprache drängt und im Alter von zehn Jahren mit der Schreibmaschine des gefürchteten Vaters sich einen ‚Weltplan‘ tippt? Und als ‚Beruf‘ angibt: Dichter.“

Dieses Rätsel, sagt Delius weiter, habe er nicht gelöst. Und er wolle es auch nicht lösen, denn: „es treibt mich voran“. Darauf können wir uns freuen. Davon können wir profitieren. Doch vor allem sollten wir es ihm danken.

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erstellt am 27.9.2012