Unter den wenigen rumänischen Schriftstellern, die in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum bekannt geworden sind, ist Mircea Cărtărescu der herausragendste. Seine Erzählungen waren fast ein Publikumserfolg, seine inhaltlich und formell komplexe Romantrilogie haben ihn zu einem Liebling des Feuilletons gemacht. 2012 wurde er mit dem Internationalen Literaturpreis ausgezeichnet. Harry Oberländer unternimmt eine Annäherung an Cărtărescus Romane.

Internationaler Litertaturpreis 2012: Mircea Cărtărescu für seinen Roman »Der Körper« | Kultur 21/Deutsche Welle

Literatur

Hypothalamus und Mandelkern

Eine Annäherung an Mircea Cărtărescus Romantrilogie »Orbitor«

Von Harry Oberländer

»Immerhin wissen Sie, ein Kopf ist ein weitläufiges Rätsel, und man kann sich schon bei gewöhnlichen Personen in den vielen Gehirnwindungen verirren.«
Alfred Döblin

Wem sich die Trilogie „Orbitor“ des rumänischen Autors Mircea Cărtărescu erschließen soll, sollte von Beginn an mit der bequemen Voraussetzung brechen, dass es eine reale Welt der naturwissenschaftlichen, gesellschaftlichen und biographischen Fakten gibt und daneben, fein von dieser getrennt eine Welt der literarischen Fiktionen. Zwar gibt sich Cărtărescu seinen Lesern gegenüber konziliant, wenn er sagt: „ ‚Orbitor’ ist so etwas wie eine Landkarte meines Gehirns, eine Landkarte meiner Erinnerungen, meiner Träume, meines Unbewussten. Für Psychoanalytiker ist das Buch ein gefundenes Fressen, und Kaffeesudleser können aus ihm, wenn sie Lust haben, die Zukunft lesen”, aber in Wahrheit lässt er sich auf das Abenteuer der Mystik, auf die Suche nach dem Absoluten ein.

Den kosmischen Ansatz der Romantrilogie verrät schon der Titel. „Orbitor“, offenbar abgeleitet von Orbit, der Bezeichnung für die Umlaufbahn eines Objektes um einen Himmelskörper. Er verweist auf die phantastischen Reisen des Protagonisten Mircea in eine Reihe von Anderswelten, die meist mit einem kleinen Schritt in irgendein Bukarester Gebäude betreten werden, sei es ein Turmzimmer oder die Katakombe unter einem Mahnmal. Zugleich aber hat es die Bedeutung von „Blendung“. Die innere Schau des Mystikers, seine Visionen und Traumwelten, sind ein Sehen im grellen Licht innerer Wahrheit, ein übersinnliches, ein Über-Sehen. „Orbire“ bedeutet Erblinden, Elias Canettis „Blendung“ erschien in Rumänien unter dem Titel „Orbirea“. Von Cartarescus Trilogie liegen die ersten zwei Bände auf Deutsch vor: „Die Wissenden“ und „Der Körper“, erschienen 2007 und 2011, übersetzt von Gerhard Csejka und Ferdinand Leopold.

Erzählt wird in diesen Romanen von Mircea, der in Bukarest aufwächst, der von der Geburt bis zum zweiten Lebensjahr in der Silistrastraße, einer Vorstadtgasse im Stadtteil Colentina lebt, vom zweiten bis zum dritten Lebensjahr im Floreascaviertel, erst im Plattenbau, dann in einer alten Villa und schließlich in der Stefan-cel-Mare-Straße in einem großen Wohnblock. Die Wohnungen sind verlassene Abteilungen, die im Gehirn des Autors darauf warten, nicht einfach nur erinnert, sondern im Traum wieder betreten zu werden. Allesamt bieten sie ein unerschöpfliches Potential für mystische, mythologische und kosmische Expeditionen.

Aripa stângă, linker Flügel, ist der kryptische rumänische Titel des ersten Bandes der Trilogie, der mit einem Selbstportrait des Erzählers beginnt. Ein Junge, der nächtelang zum Fenster hinaus auf Bukarest schaut und zugleich von seinem Spiegelbild im Panoramafenster gebannt wird. Er sieht ein asymmetrisches Gesicht, offenherzige, willensstarke schöne Züge auf der einen Seite, ein totes Auge, einen tragischen Mund, „die ganze Haut von Hoffnungslosigkeit überzogen“ auf der anderen. Später erfahren wir, dass eine Lähmung die Ursache der Asymmetrie ist, die zu einem langen Krankenhausaufenthalt führte und zu einem abenteuerlichen Selbstheilungsversuch mit beinahe tödlichem Ausgang. Aber der Hintergrund des Spiegelbildes ist ein magisches, fantastisches Bukarest in blauem gläsernem Glanz, ein lebendiger Organismus, der verspricht, sich mit seinem Körper, seinem Hirn zu vereinigen. Dieses Aufgehen der eigenen Existenz nicht in Objekten der Anschauung, sondern in Formen der Erleuchtung, wird in vielfacher Weise beschrieben, gebrochen wie in einem Prisma. Zugleich wird der Wert der Persönlichkeit gering angesetzt. In dem organischen Ganzen seiner Kosmologie ist das Subjekt nur das Spermium von ein paar hundert Millionen, das eine weibliche Eizelle erreichte und befruchtete, um zum Menschen Mircea zu werden, dem einsamen Dichter am Fenster, der eines Tages wieder im Nichts verschwinden wird.

Diesem jungen Dichter begegnen in seinen Texten unverständliche Passagen, „die mir jemand diktiert zu haben schien und die mich beim Wiederlesen erschaudern ließen wie eine wahr gewordene Prophetie.“ Die Wahrnehmungen, ausgelöst von Poesie oder Musik, vom Abendlicht unter schwarzen Gewitterwolken, vom Glitzern eines Schaufensters oder dem Parfüm einer Frau, führen ins Innere: in den Mandelkern, der bei der Entstehung von Angst eine Rolle spielt und in den Epithalamus, den Teil des Zwischenhirns, der das vegetative Nervensystem steuert und zu dem die Zirbeldrüse gehört, in der man zu Zeiten Descartes’ den Sitz der Seele vermutete. Cărtărescu nennt ihn „die abstrakte Verlängerung des goldenen Rings unseres Verstandes“ und den Weg dorthin als „stummen Freudenschrei, der (…) etwas von einem Orgasmus hatte (…) ein einziges Stoßen und Reißen hin zur Zisterne lebendigen Lichts am tiefsten Grund unseres Wesen.“

Mehr als deutlich wird in solchen Sätzen die Verwandtschaft zu Mechthild von Magdeburg, die über „das fließende Licht der Gottheit“ schrieb, zu Jakob Böhme, dem ein blank gescheuertes zinnernes Gefäß im Sonnenlicht den verzückten Blick in die tiefsten Gründe der Dinge öffnete oder zu William Blake, der als Kind einen Baum voller Engel sah und den die Prügel, die sein Vater ihm dafür androhte, nicht abhielten, anzumerken: „Ein Narr sieht nicht denselben Baum, den ein Weiser sieht“. Cărtărescu scheut aber auch die Konfrontation mit dem nüchternen Denker Immanuel Kant nicht, wenn er das Weltbild der Vernunft umkehrt:
„ Die Löcher der Reißlinie am inneren Limit des Denkens mochten die Sterne am Himmel sein; haben wir doch alle im Schädel den gestirnten Himmel und das moralische Bewusstsein – darüber.“

Anders als Büchners Lenz hat Cărtărescus Protagonist nicht das Gefühl, a u f dem Kopf zu gehen, sondern i m eigenen Kopf. Die alte Frage nach dem Selbst, wer bin ich, warum bin ich auf der Welt? beantwortet er mit radikalen Selbstzweifeln. Gelegentlich sieht er sich am Rande des Wahnsinns und in tiefer Verzweiflung als kotbeschmierten Madenwurm in einem After, den er für das Universum hält. „Pancota – Pansen“ steht auf einem Messingschild geschrieben als Botschaft aus einer anderen Welt und später als neuer Straßenname für einen der Orte seiner Kindheit. Aus der Unfähigkeit des Bewusstseins, die Zukunft zu erfassen, entwickelt er eine Kosmologie. „Die Vergangenheit ist alles, die Zukunft ist nichts, einen anderen Richtungssinn kennt die Zeit nicht. Wir leben auf einem Kalkplättchen der kosmischen Sklerose. Ein kleines kompaktes Teilchen, ein einziges Partikel, milliardenfach kleiner als die Quarks und eine Milliarden mal heißer als der Sonnenkern, erfasste das ganze Muster, das unser Verstand in dem Augenblick wahrnimmt.“

Am Anfang war niemand, der sprach: es werde Licht. Am Anfang, wenn es überhaupt einen Anfang gibt, den wir nicht willkürlich setzen, war ein winziges Stück Materie. Die Neuronengruppe im verlängerten Mark eines Dachses irgendwo in den kaukasischen Wäldern, die politische Weltkarte und der Mundgeruch eines Gesprächspartners in der Straßenbahn, alle Gegenstände unserer wissenschaftlichen und alltäglichen Wahrnehmung haben, so argumentiert Cărtărescu, ihren Ursprung in diesem einem Partikel, der alles erfasste und erkannte, der unser Verstand war und „ein sich selbst denkendes Denken, wie ein Säbel gleichsam, der so scharf wäre, dass er sich selbst zersäbelte.“ Die ursprünglich Einheit absoluter Vergangenheit wird entzweit und bringt Bewegung hervor: Dualismen wie Zukunft und Vergangenheit, Materie und Geist, Lust und Askese, Sünde und Reinheit, Liebe und Gewalt. Immer wieder werden wir im Verlauf der Erzählung mit Passagen, die das Bild eines Kosmos entwerfen, der sich selbst begreifen will. Aber anders als in der spekulativen Philosophie Hegels, wo der Weltgeist durch Realgeschichte und Geschichte des menschlichen Bewusstsein zu sich selbst finden soll, wird bei Cărtărescu das Universum selbst, die Materie und alles, was ihr immanent ist, als quasi handelnder Organismus beschrieben.

Zugegeben, diese Mischung aus naturwissenschaftlicher Argumentation, vor allem der Neurowissenschaften und der Astrophysik, mit dem tantrischen Hinduismus ist nur schwer zu erfassen. Dem Autor selbst entfährt wiederholt der Stoßseufzer, er schreibe an einem unlesbaren Buch. Andererseits sind gerade diese Passagen einer mystisch-naturwissenschaftlichen Argumentation der Schlüssel zu diesem Erzählwerk. Seine grandiose Poesie, seine atemberaubenden Geschichten aus dem Fantasygenre, sein Changieren zwischen Realismus und Surrealismus, Mythologie und Zeitgeschichte erschließen sich nur auf der Grundlage dieser dem Protagonisten existentiell notwendigen Reflexionen: Sie sind „dunkel vor Überfülle des Lichts“ wie die prophetischen Bücher Blakes.

Diese Reflexionen bedienen sich beinahe übergangslos auch des Sybolismus, eine Beispiel sind die Schmetterlinge. Sie sind seit der Antike Symbole der Wiedergeburt, in der christlichen Tradition auch der Unsterblichkeit, weil sie im Verlauf ihrer Metamorphose aus einem scheinbar leblosen Kokon schlüpfen. In vielen Darstellungen des Mythos von Eros und Psyche wird Psyche mit Schmetterlingsflügeln gezeigt, während Eros aus nachvollziehbaren Gründen ohnehin ein geflügelter Gott ist. In „Orbitor“ spielen Schmetterlinge eine große Rolle und tauchen in unterschiedlichen Größen, Mengen und Erscheinungsformen immer wieder auf. Zunächst ganz harmlos unter vielen Dingen, die die Erinnerung an Mirceas Kindheit in der Silistra-Straße wachrufen, die Erinnerungen an Häuser und Läden, die es nicht mehr gibt, seit Bukarest nach den monströsen Plänen Ceauşescus planiert und umgebaut wurde. In einem Tabakladen entdeckt der kleine Mircea unter Zigarettenpackungen, Feuerzeugen und Taschenmessern glänzend lackierte Pappschachteln auf denen ihm tropische Schmetterlinge in Silber und Gold entgegenleuchten, und eine Aufschrift in schwarzer Tusche mit dem langen und faszinierenden Wort Präservativ. Auf die Frage, was denn ein Präservativ sei, reagiert der Vater mit schroffer Abweisung und dem Jungen ist klar, dass er „an eine jener verriegelten Türen geraten war, an eine der Zonen, wohin Eltern ihre Kinder bei aller Liebe niemals mitnehmen.“ Wenig später aber hat er eine Vision: die Mutter erscheint ihm als Phantom vor dem rot gefärbten Abendhimmel. „Das Knochengerüst zuerst, durchscheinend wie die Schalenhaut der Wasserflöhe, wie eine sehr zarte, samtig moosgrün schimmernde Radiografie. Der Schädel mit den zwei großen Flecken für die Augen und den zwei kleinen für die Nasenlöcher, der Brustkasten, die Schulterblätter als transparenter Schmetterling, die gallertartigen Röhren der Arme, Beine, Finger und Zehen. Darüber legte sich wie leichter Schnee, wie Flossenschleier exotischer Fische Mutters. Fleisch wuchs zu einer großen nackten Frau mit hängenden Brüsten, sie war schön wie auf ihren Jugendfotos, das flüssige Haar verlor sich im Abend.“

Die Mutter stammt aus einem Dorf, wo ihre Eltern und „eine Sippe rumänisierter Bulgaren, die immer noch in den mystischen Weihrauch der Orthodoxie und in eine uralte, unchristliche Furcht eingehüllt lebten“. Dort träumt Mircea die Träume seines Großvaters und steigt „hinab ins skytenländische Delirium“.
Die Familiensaga gehört zu den schönsten und grausamsten Passagen der beiden Romane. Erzählt wird, wie ein ganzes Dorf aus den Rhodopen auswandert. Die Rhodopen, ein Bergmassiv im Süden Bulgariens, das bis nach Griechenland hinein reicht, sind eine Landschaft, die reich ist an Mythen und archaischen Gebräuchen. Die Bauern, von denen Cărtărescu erzählt, beginnen Mohn anzubauen, dessen Saatgut sie von Zigeunern erhalten haben. Der Genuss des „Zigeunersamens“ löst eine Massenorgie aus. Es erscheint ihnen ein androgyner Engel der ihnen verkündet, sie seien frei von Sünde. Sie vernachlässigen ihre Felder, ihr Vieh. Sie vergessen die Gebote ihrer Religion und auch ihre Toten auf dem Friedhof, die ohne Gedenken und Opferspeisen vor Hunger ihre Gräber verlassen. Die Toten fallen über die Lebenden her und fressen sie auf, die Orgie geht über in ein grausames Massaker. in eine Schlacht zwischen den Mächten des der Hölle und des Himmels. Der Pope,
„der als einziger nicht gebuhlt hatte mit den Mächten der dunklen Blume“, mobilsiert mit Weihrauch, Bibel und einer Reliquie, dem Zahn eines Märtyrers, ein Engelsheer, das den Kampf mit den Lemuren und Dämonen aufnimmt. Das wird so atemberaubend und atmosphärisch dicht erzählt, dass man sich dem Unglaublichen gerne hingibt, mit Assoziationen an die Gemälde Hieronymus Boschs oder den Urtext der Apokalypse.
Die Überlebenden wandern aus. Der Exodus durch die verschneiten Berge führt sie bis an die breite Eisfläche der Donau, der sie ein Opfer bringen müssen, um sie überqueren zu können.
Es ist ein Junge, Vassili, der Ur-Urgroßvater Mirceas, der fortan als Mensch ohne Schatten durchs Leben gehen muss. Erst dann kann das Eis überquert werden.
„Die Pferde gingen jetzt leicht, stolzen und festen Tritts über das glasklare Eis, und die Badislavs rieben sich staunend die Augen. Nie hätten sie so viel erstarrte Schönheit in der dicken Eisschicht für möglich gehalten. Gottes Garten ist aber größer als des Menschen Verstand und zahlreich sind die Wunder, die sicht darin finden. Die Schlittenkolonne zog in Stille und Kälte weiter durch die verzauberte Landschaft. Denn einen Klafter tief unterm kristallenen Eis sah man überall Schmetterlinge mit ausgebreiteten Flügeln.“

Voilà, die Schmetterlinge. Sie sind von der wundersamen Schönheit surrealistischer Gemälde. Und doch hacken die Bauern sie aus dem Eis, um ihr glasiges Fleisch zu verzehren, das – wabbelig wie Sülze – einen süßlichen Geruch verströmt. So gestärkt erreichen sie im Jahr
des Herrn 1845 die Walachei und gründen das Dorf Tântava. Dieser Handlungsstrang wird im zweiten Band „Der Körper“ fortgesetzt, wenn sich das Schicksal des Jungen ohne Schatten erfüllt.

Die Familiensaga ist nur ein Erzählstrang unter vielen in diesem Buch. Es schließt sich die Geschichte von Mirceas Mutter an, die als junge Frau nach Bukarest kommt, dort den Vater kennenlernt, der sich als Journalist damit herumschlagen muss, die Wandlungen der Parteilinie schnell zu erfassen und mitzumachen, die aber auch den schwarzen Musiker Cedric kennengelernt hat. Über ihn führt ein geheimnisvoller Weg nach New Orleans, wo die geheime Gesellschaft der Wissenden ihren Ursprung hat. Eine geheime Gesellschaft anderer Art greift ebenfalls in das Leben der Kleinfamilie ein: die Securitate.

In der vielfachen Beschreibung Bukarests spielt auch das Palastmonster des Diktators Ceauşescu eine wichtige Rolle. Der der Diktatorenwahnsinn lässt ganze Stadtviertel zugunsten des überdimensionierten „Haus des Volkes“ verschwinden. Damit sinkt die Welt des Kindes Mircea in Trümmer, aber als surreale Traumwelt steht sie im Kopf, in seinen Wachträumen wieder auf. „Marmorschlößchen von abstruser Gestalt, mit gewundenen Säulen und runden Fenstern wie bei Desiderio Monsù, Kerkerbauten wie bei Piranesi. Im niederbrechenden Abendrot menschenleere, karge und einsame Bauten – und ich im Gleitflug langsam daran entlang…“

Cărtărescu hat mit „Orbitor“, dessen dritter Band bereits auf Rumänisch vorliegt und dessen deutsche Übersetzung man mit Spannung erwarten darf, ein Epos vorgelegt, das in seiner poetischen Kraft, seinem Changieren zwischen Realität und innerer Schau, seinem stets aufs Neue überraschenden Wechsel der Erzählebenen und Handlungsstränge noch lange nicht die Rezeption erfahren hat, die es verdient. Denn mit dem Etikett postmoderner Roman ist es eher hilflos zugeordnet. Dieser Erzähler, der am Rand der Verzweiflung über die Macht seiner Wahrnehmung Fäden im kosmischen Labyrinth seines Kopfes zieht, hat eine wundersame und faszinierende Welt erschaffen. Es besteht der Verdacht, dass es wirklich auch unsere Welt sein könnte. Cărtărescu bewegt sich so unbeirrt auf einer fiktionalen Gratwanderung zwischen Innen- und Außenwelt, dass einem schwindelig werden kann. Dieses Erzählwerk in seiner barocken Pracht und Fülle, seinem Furor und seinem Überschwang wird, wenn es mit rechten Dingen zugeht, noch lange wirken, ehe die Schmetterlingsflügel der Interpreten wirklich entfaltet sein werden.

Am Ende des zweiten Romans wird Amsterdam zum Schauplatz. Im alternativen Milieu der Arbeitslosen, der Kleinkriminellen und Lebenskünstler, vor allem der Schauspieler, die als lebende Statuen ihr Dasein fristen, wird das Leitmotiv dieses epischen Werks noch einmal angeschlagen:

„Wir leben in übereinandergeschichteten Welten, sagte sich Maarten, jede unter dem harten Eis der darüberliegenden, wobei jede unter ihren Füßen eine andere, seit langem versunkene sieht. Wir sind die Himmel der unter uns liegenden Welt und die verfluchte Tiefe des seligen Reiches darüber. Der obere Teil unseres Leibes ist göttlich und badet im Quarzlicht des Spitzbogens, in das wir in Ewigkeit gesetzt worden sind, der untere Teil empfängt zwischen Schenkeln und Hinterbacken die dämonische, schändliche Flamme der Hölle. Doch unser Gehirn in seinem Schädel aus bleichem Bein ist identisch mit den Eiern der Oberen in ihrem weichen Geschröt, und die beiden Halbkugeln, mit denen die unter uns denken, sind mit unseren Hoden identisch. Wie wundertätig muss das Gehirn der Oberen sein und wie niederträchtig sind die Eier der Unteren! Und dennoch ist Ersteres ähnlich dem Schädel aus behaarter Haut zwischen den Beinen der noch Höheren, und Letztere sind die glorreichen Geister der noch Tieferen. Und irgendwo, in dieser endlosen Abfolge, in den geologischen Schichtungen von Raum und Zeit, Gehirn und Geschlecht, Hirnhälften und Testikeln, Paradies und Hölle, irgendwo an dem immer klarer werdenden Scheitel der übereinander liegenden Welten muss es einen Geist geben, der für niemanden mehr Geschlecht sein kann, denn er ist zugleich Denken und Zeugung, und seine Gedanken sind Lichtsperma, in dem Engel schwimmen. Und irgendwo, in der tiefsten Tiefe, wird es ein absolutes Geschlecht geben, Testes mit Hirnrinde, Hypothalamus und Mandelkern, sein dickflüssiges Sperma aus geschmolzenem Blei trägt geflügelte Dämonen, die denken und denkend das zarte Fleisch des Seins zerstören. Wir sind eine Abfolge von Denken und Zeugung, wobei unser Denken von dem über uns geboren wird und jenes unter uns gebiert. Immerwährend gebiert unser Geist, wie ein Weberschiffchen, uns das Geschlecht, denn er trägt das Urbild unseres Geschlechts in sich, während das Geschlecht, das in seinem Kern einen Brosamen Hirn hat, stets verzweifelt uns sehnsüchtig versucht, einen anderen Geist zu zeugen, der es gebären kann und so ins Unendliche …“

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erstellt am 26.9.2012

Mircea Cărtărescu
Der Körper
Roman. Aus dem Rumänischen von Gerhard Csejka und Ferdinand Leopold
Fester Einband, 608 Seiten
Zsolnay Verlag, Wien 2011

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Mircea Cărtărescu
Die Wissenden
Roman. Aus dem Rumänischen von Gerhard Csejka
Fester Einband, 528 Seiten
Zsolnay Verlag, Wien 2007

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