ORTSTERMIN

Argentinienes verheimlichte Wurzeln

Afrikanische Vorfahren – »unsichtbar gemacht, versteckt und negiert«
Neubelebung des »schwarzen Bewusstseins« in Argentinien

Von Sieglinde Oehrlein

Jahrhundertelang galt der Spruch, „die Argentinier stammen von den Schiffen“, inzwischen hat man entdeckt, dass ihre Wurzeln nicht nur in Europa, sondern auch bei den gewaltsam hergebrachten schwarzen Sklaven aus Afrika zu suchen sind. Erst in den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts erfuhr das Engagement der Schwarzen durch kulturelle Demokratisierung und Bürgerpartizipation in Buenos Aires eine gewisse Aufwertung, politisch aktive Gruppen wie „Africa vive“ haben ihren Sitz eher in der Peripherie. Was die Großväter noch als authentisch erlebten – die Pflege afrikanischer Traditionen, ohne ihr große Bedeutung beizumessen -, wurde von den Vätern wie ein Stigma verheimlicht, die heutige Generation versucht eine Wiederbelebung.

Laut Schätzungen der Universität von Buenos Aires stammen im Großraum Buenos Aires vier und landesweit sechs Prozent der Bevölkerung von Afrikanern ab, insgesamt rund zwei Millionen. Und vor allem haben die Weißen nicht unbedingt „eine weiße Weste“.
„Wir Schwarzen wurden unsichtbar gemacht, versteckt und negiert“, sagt Miriam Gomes von der „Kapverdischen Vereinigung“ in Buenos Aires. Ihre Vorfahren mütterlicherseits kamen Anfang des 20. Jahrhunderts von den Kapverden. Zusammen mit Lucía Molina von der „Casa Afroamericana“ von Santa Fe erarbeitete sie einen Fragebogen. Genuntersuchungen belegten, dass sogar rund zehn Prozent der Bewohner im Großraum Buenos Aires afrikanische Vorfahren haben, so Francisco Raúl Carnese, Leiter des Biologisch-Anthropologischen Instituts der Universität von Buenos Aires. Aus „ideologischen Gründen“, weil sich die argentinische Hauptstadt europäisch fühle, würde die Präsenz der Schwarzen geleugnet. Doch selbst wenn sich äußerlich keine afrikanischen Züge zeigen, haben sie in den Genen überlebt. Paula Rodríguez Monteiro (28), Enkelin und Urenkelin von Einwanderern von den Kapverden, sagt: „Ich bin Argentinierin, aber meine Herkunft treibt mich dazu, die Sitten und Kultur der Schwarzen zu propagieren“.

Kurz nach der zweiten Gründung von Buenos Aires 1580 begann der systematische Sklavenimport. Auf der heutigen Plaza San Martín befand sich ein Sklavenlager, später eine Stierkampfarena. Im Parque Lezama, wo heute an Wochenenden Rockkonzerte mit dem Verkehrslärm konkurrieren und Kunsthandwerk feilgeboten wird, standen Ende des 18. Jahrhunderts die Sklavenbarracken der „Real Compañía de Filipinas“.

Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts kamen vor allem Frauen ins Land, da sie als Kindermädchen und Hausangestellte vielfältiger „verwendbar“ waren. Zwischen 1744 und 1822 wuchs die Bevölkerung von Buenos Aires um rund 2,2 Prozent jährlich, vor allem durch die afrikanische Zuwanderung. Die weiße Bevölkerung verdoppelte sich zwar in dieser Zeit, ihr Anteil sank jedoch von 80 auf 60 Prozent, der der Afrikaner stieg: Im Jahr 1744 hatte Buenos Aires 6 035 Einwohner, davon waren 16 Prozent Schwarze, 1778 waren es 24. Allein 1810 liefen 18 Sklavenschiffe im Hafen von Buenos Aires ein; viele der Ankömmlinge wurden ins Landesinnere, über Córdoba, Tucumán – dem wichtigsten Sklavenumschlagplatz –, nach Salta und Potosí weiterverkauft, wo sie in den Minen die Indios ersetzen mussten. Die Expeditionen wurden von der Kirche mit organisiert.

Dem aus Afrika stammenden schwarzen Sklaven Falucho oder Antonio Ruiz, der im Befreiungsheer kämpfte und am 7. Februar 1824 erschossen wurde, hat man in der Nähe der Metro-Station Palermo ein unscheinbares Denkmal gesetzt, ein allzu unscheinbares, wenn man bedenkt, dass im Befreiungsheer 40 bis 50 Prozent schwarze Sklaven waren.

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts machten Afrikaner und „criollos“, in Amerika geborene Schwarze, ein Drittel beziehungsweise ein Viertel der Bevölkerung von Buenos Aires aus. Doch viele der Männer fielen in den Befreiungskämpfen gegen die Engländer 1806/07, in den Unabhängigkeitskriegen und im Krieg der „Triple Alianza“ (1864-1870), als Brasilien, Uruguay und Argentinien gegen Paraguay kämpften. Von den 2 500 Mann, die mit dem „Befreier“ San Martín über die Anden gezogen waren, kamen angeblich nur 143 zurück.

Viele erlagen den Epidemien, die hauptsächlich unter der armen Bevölkerung wüteten. Die letzte Zählung, bei der noch nach der ethnischen Abstammung gefragt wurde, fand 1887 statt. Bei der Konferenz gegen Rassismus in Durban 2001 wurde die argentinische Regierung aufgefordert, bei der nächsten Erhebung wieder Fragen nach der ethnischen Herkunft zu stellen. Denn so weiß, wie viele Argentinier gerne vorgeben, sind sie auch heute nicht, die Mutter des ersten Präsidenten, Bernardino Rivadavia (1780-1845), war von dunkler Hautfarbe, weshalb seine Gegner ihn „Doktor Schokolade“ nannten.

Vor allem unter Künstlern sind zahlreiche Nachfahren Schwarzer und Farbiger zu finden: der Bandoneonist Sebastián Ramos Mejía, der Mestize Sinforoso, der sich als Klarinettist und Tango-Pionier einen Namen machte, außerdem Tangotänzer und Jazzmusiker. Der erste Tango von einem namentlich bekannten Autor, „El Entrerriano“, stammt möglicherweise von einem Afro-Argentinier. In Dutzenden von Tangotiteln und -texten stecken Anspielungen auf Schwarze, „Negra María“, „Tango negro“, „Milonga de las mulatas“, „El africano“. Selbst General Manuel Rosas (1793-1877) ging mit seiner Tochter Manuelita zum „Negerkarneval“ und anderen Festen der Schwarzen, gegen die er politisch blutig zu Felde zog. Der trommelbegleitete Candombe-Tanz erlebte unter ihm seine Hochblüte. Der Jazzmusiker aus dem Chaco im Norden, ausgerechnet mit Namen Oscar Alemán, war Schwarzer.

Über den Besuch von Josephine Baker in Buenos Aires 1929 stand in der Theaterzeitschrift „Comoedia” vom 1. Oktober: „Die ganze Gefühlskunst dieser epileptischen Schwarzen ist geschaffen aus dem Rhythmus der Affen. Dieses Tier ist den Schwarzen am nächsten …“ Als die Künstlerin in den fünfziger Jahren den argentinischen Gesundheitsminister Eduardo Carrillo, selbst Mestizo, nach den farbigen Bewohnern fragte, antwortete er: „Es gibt nur zwei, Sie und mich“.

Im argentinischen Wortschatz sind Spuren afrikanischer Herkunft zu finden, ohne dass sich die Sprecher dessen bewusst wären: tarima (Tribüne), bezeichnenderweise mucama (Dienstmädchen), bombo (Trommel), quilombo (Tohuwabohu – auch nicht gerade typisch germanisch), ursprünglich ein Ort, wo sich schwarze Sklaven versammelten und feierten. Heute ist das Wort gleichbedeutend mit Chaos. Es erinnert an den Aufstand der Schwarzen unter Zumbi, dem Anführer des „Quilombo dos Palmares“ im heutigen Staat Alagoas in Brasilien. Diese „Sklaven-Republik“ bestand fünfzig Jahre lang, bis die Bewohner 1687 ermordet wurden. Seit 1995 wird der 20. November als „Tag des Schwarzen Bewusstseins“ begangen, zum Gedenken an die Ermordung von Zumbi am 20. November 1695. Die ersten „Tage Schwarzes Buenos Aires“ fanden im November 2002 statt, das erste „Festival Argentina Negra“ im Mai 2009, das zweite bereits am 26. und 27. September desselben Jahres mit Musik- und Tanzvorfühungen aus Kuba, Senegal, Guinea, den Kapverdischen Inseln.

2007 erschien ein „Diccionario de africanismos“ im Spanischen des Río de la Plata. Die Schriftstellerin Alicia Dujovne Ortiz hatte kistenweise Manuskripte ihres Onkels Néstor Ortiz Oderigo gefunden und gab sie heraus. Sie sagt: „Dieses Land ist entstanden aus der Negierung der Völker, der Eingeborenen und der Zuwanderer … Argentinien hat schon immer jegliche Verbindung zur afrikanischen Kultur geleugnet“.

Die Präsenz der Schwarzen in Presse und Literatur ist zumeist von Verachtung und Zynismus geprägt. In den „Sainetes“ (Lustspielen) treten Schwarze als komische Figuren in Erscheinung, in der Zeitschrift „Caras y Caretas“ vom Anfang des 20. Jahrhunderts sind wenige Artikel über Schwarze zu finden, doch in Anzeigen, Witzen und Karikaturen sind sie präsent, sie galten als infantil, lasziv, wild, man unterstellte ihnen feuriges Blut und teuflischen Blick. Sie erregten bestenfalls Mitleid wegen ihrer angeblichen Dummheit oder Sanftmut.

Realistischer war die Behandlung der Schwarzen in der Malerei, auf zeitgenössischen Bildern sind sie im Straßenbild, in kostumbristischen Szenen zu finden, als Dienstpersonal, als Köchinnen, Hausangestellte, Wäscherinnen. Im Tango-Viertel San Telmo wird den Besuchern „das schmalste Haus der Stadt“ vorgeführt, die „Casa Mínima“, angeblich Wohnstätte eines freigelassenen Sklaven.

Erklärtes Ziel der „fortschrittlichen“ Regierungen im 19. Jahrhundert war es, einen „weißen Staat“ zu schaffen. Der Politiker und Pädagoge Sarmiento verkündete 1845 stolz „die äußerst niedrige Anzahl“ der Schwarzen. Aus Scham und um gesellschaftlichen Aufstieg nicht zu gefährden, wurden schwarze Vorfahren in den Familien verschwiegen, manche schwarze Großmutter verschwand in der Küche, so der Anthropologe Sergio Avena; ihre Fotos und Daten wurden verheimlicht, erinnern sich heute die Nachfahren. Ihre wirkliche Anzahl war nie bekannt, bei Zählungen wurden sie als „weiß“ deklariert.

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erstellt am 20.9.2012