Aus dem Programmheft zu Faust I

Ich, das Ebenbild Gottes

Christ mein, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir;
Was suchst du ihn denn erst bei eines andren Tür?
ANGELUS SILESIUS

Die Krise Europas lenkt unseren Blick auf den faustischen Helden, der Gott abgeschafft, sein Ego an dessen Stelle gesetzt und dem „Geist, der stets verneint“ die Seele geopfert hat, um die Welt dem eigenen Willen unterwerfen zu können. Die Revolte des Helden hat Großes hervorgebracht. Die Katastrophen des letzten Jahrhunderts haben den Glanz seines Aufbruchs aber verdunkelt. Aus dem Genie, das die Welt nach seinem Bild formen wollte, ist ein Egoist geworden, der nur noch den eigenen Vorteil im Sinn hat.
Der Turmbau von Babel, das größte Projekt der Alten Welt, scheiterte an der Vielfalt der Sprachen. Keiner wollte um der gemeinsamen Sache willen von der eignen Art abrücken. Auch das Projekt Europa ist von der Selbst-Sucht bedroht. Wie soll das Bauwerk vollendet werden, wenn jeder am Eigenen festhält? „Da sind diese riesigen homogenen Blöcke in Nord- oder Südamerika oder Asien“, sagte der Denkwerker Meinhard Miegel in diesen Tagen mit einem Blick auf die Weltkarte, „Und dann ist da dieses farbige Krisselkrassel Europa. Passt das wirklich unter eine Währung?“

Angesichts des Fehlens von Vision und Tatkraft wird der Chor derer, die den Niedergang des Abendlands für unabwendbar halten, lauter und lauter. Die Bedrohung lässt Angst aufkommen. Die Angst zwingt dazu, sich im Eigenen festzukrallen. Das erschöpfte Selbst, eines der neuen Phänomene, verbirgt seine Depression hinter der Maske einer starren Identität. Angst, Sinnverlust, Sprachlosigkeit führen zum Stillstand. Und schuld ist der Teufel. In der Gestalt einer Schlange hat er sich ins Paradies eingeschlichen und hat Eva dazu verführt, Adam in den Apfel beißen zu lassen, der die Erkenntnis bringt, dass der Mensch ohne Gott leben kann, weil er das Göttliche in sich trägt. Die Aufklärer, in deren Tradition der gewaltige Goethe steht, nannten den Sündenfall eine Revolte. Wir ahnen inzwischen, dass es ein Akt der Verblendung war.

Der Erste, der das Ringen des abendländischen Helden mit seinem Satan zum Drama gefasst hat, war der griechische Dichter Euripides. Abgestoßen von einer Hochkultur, deren Niedergang am Ende des 5. Jahrhunderts vor unsrer Zeit mit den Händen zu greifen war, verließ er das Goldene Athen und zog sich auf eine primitivere Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung zurück. Vom Mazedonien des Königs Philipp aus beschrieb er das Schicksal eines Helden, der seine Existenz auf den Kopf gestellt und die Welt seiner Vorstellung unterworfen hat und zur Strafe für die Verirrung von den Mänaden des Rauschgotts Dionysos zerrissen wird. „Für sein schönstes Werk halte ich die Bakchen“, schrieb Goethe über den Griechen, „Kann man die Macht der Gottheit vortrefflicher und die Verblendung des Menschen geistreicher darstellen?“

Der zerrissene Pentheus der Bakchen ist ein Vorläufer des zerrissenen Faust („Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen“). Beim christlichen Helden, hier trennen sich Welten, trifft das Zerreißen nur noch die Seele. Der Gekreuzigte, den die christliche Kultur ins Spiel brachte, hat die archaische Grausamkeit der antiken Kultur sublimiert. In Goethes Walpurgisnacht ist vom Furor einer von den Fesseln der Zivilisation erlösten Agaue, die im Rausch der Befreiung den eigenen Sohn zerreißt, nichts mehr zu spüren. Der Satans- und Hexenzauber, den der Dichter ins deutsche Mittelgebirge verlegt hat, zeigt nicht den Sündenbock, der geopfert wird, damit sich eine erstarrte Gesellschaft erneuern kann. Er führt nur Verwandlung vor.

Der zum Selbst/Ich/Ego geschrumpfte Mensch hat sich die Welt so verkleinert, dass er drin Gott sein kann, ohne unter der Anmaßung leiden zu müssen. Der Preis für die Selbst-Verherrlichung ist ein verengter Blick auf die Wirklichkeit. Als real lässt das geschrumpfte Selbst nur noch gelten, was es erfassen kann. Und der vor Zeiten Allmächtige wird im Rausch der Selbst-Vergrößerung ironisiert. Goethes Gott ergötzt sich im Prolog im Himmel an seiner Schöpfung und wettet mit dem Teufel, dass sich „ein guter Mensch in seinem dunklen Drange des rechten Weges wohl bewusst“ ist. Er hat den Überblick über sein Werk so gründlich verloren, dass er nicht mehr erkennen kann, wie gewaltig das Terrain ist, das sein Widersacher ihm abgetrotzt hat. Euch gibt es zwei Dinge/ So herrlich und groß:/ Das glänzende Gold/Und der weibliche Schoß./ Das eine verschaffet,/Das andre verschlingt./ Drum glücklich, wer beide/ Zusammen erringt, singt der Satan in der Walpurgisnacht den Männern vor. Und ergänzt für die Frauen: Für euch sind zwei Dinge/ Von köstlichem Glanz:/Das leuchtende Gold/ Und ein glänzender Schwanz./ Drum wißt euch, ihr Weiber,/ Am Gold zu ergötzen/ Und mehr als das Gold noch/ Die Schwänze zu schätzen. Goethe hat diese Verse nicht in die endgültige Fassung seines Stücks aufgenommen. Dass die Anstrengungen von Religion und Kunst, die Fakten des Lebens mit schöner Verheißung zu übermalen, vergebliche Liebesmüh sind – diese Erkenntnis wollte er seiner Zeit wohl nicht zumuten.

Mephisto kann Faust nur auf seine Seite bringen, wenn er die Macht über dessen Seele erringt. Die Seele, anders als Körper und Geist, hört nie auf, die Befreiung von den Fesseln des Irdischen zu ersehnen. Der in sein Selbst eingekerkerte Faust kann nicht erkennen, dass das Ziel seines Suchens die Liebe ist. Er muss die Seele als Pfand einsetzen, um sich von Mephisto zu greifbaren Zielen führen zu lassen. Das Jetzt-und-Sofort ist einer der Trümpfe des Teufels.

Mephisto fürchtet nichts so sehr wie die Liebe. Um zu verhindern, dass der Zerrissene von Gretchens Liebe erlöst wird, bringt er das Gold ins Spiel. Der Schmuck in den Kästchen kann Gretchens Sinne betören. Ihre Seele kann das Gold aber nicht verderben. Mephisto muss den Zerrissenen durch die Orgien der Walpurgisnacht führen, um zu verhindern, dass er ihn an die Liebe verliert. Erst der Faust, der die Liebe verraten hat, kann zum Vollstrecker des Teufels werden.
Für den griechischen Dichter war es undenkbar, dass eine Gesellschaft, die sich so gründlich ins Falsche verirrt hat wie das Athen seiner Zeit, zur Umkehr imstande ist. Dass er in seinem Stück auch das Theben des Pentheus zerstören lässt, deutet an, wie radikal die Erneuerung sein sollte, die er für notwendig hielt. Der deutsche Dichter setzt die Erinnerung an den Gekreuzigten ein, um seinen Helden davor zu bewahren, den braunen Saft aus der Phiole zu trinken, der ihm den Tod bringen soll, liefert ihn dann aber dem Teufel aus. Das Genie aus Weimar, das Gott aus dem Weg geschafft hatte, konnte sich einbilden, auch dem Teufel gewachsen zu sein. Wie zum Hohn auf seine Arglosigkeit richteten die Verrohten der Hitlerzeit im Blickfeld der Ettersburg, auf der er sich mit musischen Geistern traf, ein Konzentrationslager ein, das sie erst Ettersberg, später Buchenwald nannten. Ein Bretterzaun sorgte dafür, dass die Welten getrennt blieben. Die Dimension der Verbrechen, von denen der Gekreuzigte die Verblendeten und die Verrohten erlösen muss, nährt die Zweifel an einem Glauben, der sich auf Illusionen über den Menschen stützt – und führt zu der Frage, ob das erschöpfte Selbst, an dem das Bauwerk Europa zu scheitern droht, eine Folge der einstigen Überheblichkeit ist.

Die Zerrissenen, die von der Sehnsucht nach dem Ungreifbaren in die Irre geführt werden, müssen in Zeiten der Krise dem Typus des neuen Menschen weichen, der sein Sinnen und Trachten aufs Greifbare richtet. Der Famulus Wagner, der die Verirrungen seines Meisters staunend begleitet, macht uns die Verluste bewusst, die wir auf dem Weg von den faustischen Helden zu den „trockenen Schleichern“ der Jetztzeit hinnehmen müssen.
Das Frankfurter Schauspiel präsentiert seinen Faust im Schatten der Türme der Geldhäuser. Während sich in den Seitenarmen der Kaiserstraße Schwanz und Schoß wie seit Urzeiten paaren (und der Protest der Occupy-Bewegung in der Trübsal des Asozialen versinkt), schaut die Bankwelt von ihren Türmen aus ungerührt auf die Zerrissenen herab, die den nicht endenden Tanz um den Goldenen Stier für ein Menetekel des Niedergangs einer Gesellschaft halten, welche um der irdischen Freuden und Güter willen dem Teufel die Seele als Pfand gab und vergessen hat, das Pfand einzulösen.
Die Auflösung der Ordnungen des Erzählens, die in den Künsten um sich greift, macht die Sehnsucht nach einem Wandel der Verhältnisse sichtbar, der von den Protagonisten einer im Blick aufs Gold erstarten Gesellschaft nicht zu erhoffen ist. „Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht“, erklärt der Geist, „der stets Böse will und stets das Gute schafft“ – und fordert Sympathy for the Devil.

erstellt am 19.9.2012

Plakatmotiv zu Faust I
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