Der aus Nigeria stammende amerikanische Autor Teju Cole und die Übersetzerin Christine Richter Nilsson erhalten für den Roman Open City den Internationale Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt 2013. Coles Buch besteche, so die Jury, durch existenziellen Ernst und Wahrhaftigkeit jenseits kultureller Klischees. Mitten in Manhattan registriere der Erzähler wie ein Medium die Konflikte der globalisierten Welt.

Internationaler Literaturpreis 2013

Teju Cole »Open City«

Von Jan Wilm

Gelegentlich erzählt der Filmregisseur Werner Herzog eine Geschichte vom Geschichtenerzählen: Wäre man ausschließlich an Fakten interessiert, warum läse man nicht einfach das Telefonbuch Manhattans? Vier Millionen Einträge; alle korrekt. Aber man wüsste nicht, ob die Menschen hinter den Namen träumen in der Nacht, nicht worüber sie weinen, nicht was ihre Vorstellungen sind und was ihnen Angst macht. Um in das Leben von Unbekannten einzutauchen, bedarf es der Hilfe des Erzählens, des Erzählens von Geschichten, die man bisweilen selbst erfinden muss, um nicht überwältigt zu werden von der gigantischen Fülle des Unbekannten, das zu jeder Sekunde unseres Lebens den gleichen Planeten mit uns teilt. Und man braucht das Erzählen, um in die Erinnerung zu rufen, wie viele Menschen die Weltgeschichte ohne individuelle Kontur unter dem Staub des Vergessens ruhen lässt.

Teju Coles bemerkenswerter Roman „Open City“, kongenial übertragen von Christine Richter-Nilsson, erzählt davon, wie schnell dieser Staub die Menschen verdeckt, wie schnell er auf die Leben und Leiden der Einzelnen rieselt, wie schnell man vergisst. Coles Roman erzählt die Geschichte von Julius, einem jungen deutsch-nigerianischen Psychotherapeuten, der durch die offene Stadt New York wandert und versucht, in die Geschichten der Großstadt und ihrer Menschen einzutauchen. Wie einer der einsamen Engel aus Wim Wenders’ „Himmel über Berlin“, wandert Julius durch die Straßen und schnappt Fragmente aus den Menschenleben auf, taucht ab in die Historie New Yorks und der Welt und versucht stets mehr zu sehen als das Auge vermag.

Julius ist ein Einsamer, ein Flaneur, der, ohne selbst den Grund dafür zu kennen, begonnen hat, „abendliche Streifzüge durch die Stadt zu unternehmen“. Er beobachtet das urbane Treiben mit suchendem Blick, sieht die Menschen, die in der Stadt leben, und lauscht sogar den Menschen, die in der Vergangenheit der Stadt gestorben sind. Und wie ein ständiger Begleiter ist bei Julius auch der Tod. Er schaltet sich in seine Gedanken ein und scheint allzu häufig gerufen von einer tiefen Traurigkeit, die zur Todessehnsucht anschwillt, da Julius zu jedem Lebensmoment auch immer das finstere Negativ dieses Lebens mitdenkt: „Es wäre so leicht, dachte ich, gleich hier sanft ins Wasser zu gleiten und in die Tiefen zu sinken. Ich kniete mich hin und tunkte meine Hand in den Hudson. Er war eisig. Hier waren wir also und taten so, als gäbe es jenes Wasser nicht, und schenkten dem Gespann schwarzer Ewigkeiten, zwischen denen unser kleines Licht flackerte, so wenig wie möglich Aufmerksamkeit.“

Julius’ Gedanken sind von Beginn an heimgesucht von einer grüblerischen Schwermut, einer Suche in der Vergangenheit der Welt wie in den eigenen Erinnerungen, einer Suche, die ziellos bleibt und so zu einer existenziellen Suche anwächst. Zunehmend bevölkern seine Gedanken die zahllosen Toten, die im Laufe der Welt vom Sturm der Zeit mitgerissen wurden, und wie Benjamins Engel der Geschichte blickt Julius verzweifelt zurück im Kampf gegen das Vergessen. In der Form eines losen Tagebuchs, das Julius undatiert verfasst, schwebt der Text durch eine weite Fülle von Themen und Anekdoten. Jeder Mensch, den Julius trifft, hat eine ganz eigene Geschichte zu erzählen, und jede dieser Geschichten löst etwas aus in seiner Erinnerung und seinen Gedanken. Er grübelt, auf die assoziative unbefangene Art, welche die schwelgenden Gedanken mit der freien Form des Tagebuchs teilen, er sinniert scheinbar haltlos, von den Verwüstungen der Weltgeschichte über die Migration der Zugvögel, bis hin zu einer philosophischen Meditation über Bettwanzen, die in einigen New Yorker Schlafzimmern ungesehen hausen. Doch hinter den scheinbar assoziativen Gedanken steckt ein vereinendes Moment. Die entgegengesetzten Extreme, zwischen denen Julius’ Gedanken kontinuierlich pendeln, vom monumentalen Nachsinnen über die Weltgeschichte einerseits bis zur Lupenschau auf das mikroskopisch Kleinste andererseits, fassen eine wichtige Idee des Romans, nämlich fortwährend dem undurchschaubaren Dickicht der Weltgeschichte viele individuelle Einzelerzählungen entgegenzustellen, durch die das Gesamte an Kontur gewinnt, erkennbar und greifbar wird.

Diese Idee ist nicht neu. W.G. Sebalds „Austerlitz“ beispielsweise vollführt sie glanzvoll, und wie Sebalds namengebende Figur einmal sinniert, ob nicht vielleicht sogar die Motten Träume haben, so schaut auch Coles Julius immer wieder auf das Kleinste, das Entlegenste, das am schwersten zu Greifende, um aus dem Unbekannten und Vergessenen etwas zu schürfen, was über Fakten hinausgeht. Woran es Julius zu liegen scheint, sind die persönlichen Geschichten hinter der Geschichte, jene Details, die verhindern, dass man vergisst auf jene Art, wie man Schulbuchwissen vergisst. Und so wie die unsichtbaren Eier der Bettwanzen die Schlafzimmer der großen Stadt New York aus dem Verborgenen heraus heimsuchen, so liegt das Unsichtbare der Geschichte in Spuren und Echos, die Julius überall spürt und hört, als läge die Historie der Welt in den Fugen der Stadt, und man müsse nur lernen, auf sie zu achten.

Die Geister der Vergangenheit strömen durch die Stadtstraßen, die Julius durchwandert, und hinter jedem imposanten Monument der Stadt, hinter jedem restaurierten, renovierten Haus klebt ein zerbrochenes Stück Erinnerung, das Julius aufspüren und bergen muss. Julius’ Gedanken durchforsten die Geschichte, sinnieren über die menschlichen Gräueltaten und schreiben weniger eine Liste des Leidens, als dass sie eine Karte des Erinnerns und Vergessens zeichnen. Städte, so spürt man in dem Text, sind oftmals zwar Dokumente der Vergangenheit, doch sind ebenso häufig überwältigt von einem Fortschritt, der überdeckt, der überbaut und vielleicht sogar durch Erinnerungskult das eigentlich zu Erinnernde verwischt. Als Julius zu Beginn des Romans einmal an der großen Wunde der offenen Stadt New York steht, an dem ausgehöhlten Krater des Ground Zero, kann er nicht umhin, daran zu denken, welche Vernichtung diesem einen Schreckensmoment bereits vorangegangen war: „Auf diesem Boden waren nicht zum ersten Mal Häuser ausradiert worden. (…) Diese Stelle war ein Palimpsest, wie die ganze Stadt, beschrieben, ausradiert und erneut beschrieben.“

Coles politischer, philosophischer, poetischer Roman schwebt mühelos durch die Abgründe der Geschichte, von der Historie der Sklaverei in den USA, des Kolonialismus in Afrika, zu der des Holocaust in Europa. Was Cole hier betreibt ist nicht das Setzen von Häkchen hinter die Gräuel der Menschheitsgeschichte. Durch seinen sensiblen, einsamen Erzähler zieht er Vergleiche zwischen den großen „gut verkäuflichen Geschichten“ und konfrontiert sie mit den vielen tausenden kleinen Geschichten vom Leiden, dem zwar keine steinernen Monumente und goldenen Gedenktafeln gewidmet werden, das aber deshalb nicht weniger bedrückt. Coles Roman beleuchtet die Zwischenräume, auf ganz plastische Art sucht der Text, wie sein Erzähler, in den Fugen der Stadt und der Historie und warnt dabei ganz deutlich gegen eine Leidenshegemonie, die das Leiden eines Menschen oder eines Volkes über das eines anderen stellt.

Auf der Suche nach seiner eigenen Vergangenheit, reist Julius kurzerhand nach Europa, in die Stadt, die heute das symbolische Zentrum des Kontinents darstellt, wie New York das symbolische Zentrum der USA: Julius reist nach Brüssel, die Stadt, die während des zweiten Weltkriegs zur offenen Stadt erklärt wurde, eine Stadt, die zu Kriegszeiten ihre Verteidigung aufgibt und der besonderer Schutz gilt, die sich aber auch verletzlich macht, sich öffnet. Auf der Suche nach seiner entfremdeten Großmutter, deren letzter bekannter Wohnort die offene Stadt in Belgien war, setzt Julius seine Wanderungen durch Brüssel fort, nur um auch hier nichts zu finden als seine Gedanken. Er freundet sich mit einigen Migranten an, die in der Stadt wohnen, diskutiert mit ihnen über Politik, über Geschichte, über Philosophie. Einmal, als er in einem Restaurant mit ruandischen Einwanderern den Abend verbringt, sucht ihn wieder dieser Engel der Geschichte heim, der Julius’ Kopf in eine ungewisse Vergangenheit dreht: „Als mir klar wurde, dass ich den Abend mit fünfzig oder sechzig Ruandern verbracht hatte, veränderte sich mein Blick. Es war, als hingen die Geschichten, die diese Menschen mit sich herumschleppten, schwer im Raum. Welche Verluste bargen sich wohl hinter dem Lachen, dem Flirten? (…) Die ruhigen Gesichter, dessen war ich mir sicher, kaschierten ein Leid, das für mich unsichtbar war.“

In einem Stil, der gleichwertig an die Unruhe von Sartres „Ekel“ und die kontemplative Einsamkeit von Camus und Sebald erinnert, lässt Cole seinen Julius durch zwei ganz unterschiedliche offene Städte wandern, an deren Grund etwas Verletztes liegt, eine Wunde, ein bisschen das Gefühl, als wären diese Städte längst aufgegeben. Julius findet allerorts ein Narrativ des Leidens, eine Geschichte von Unterdrückung und Schmerz, die den modernen Städten aus allen Poren trieft. Eine Befangenheit des Lebens durch den Tod. Eine scheinbar hoffnungslose Präsenz der Auslöschung, die durch die Echos der Vergangenheit zu uns rufen und die wir in uns tragen, in unserer Gegenwart, die nichts anderes ist als ein Vorgeschmack einer Zukunft, die noch nicht ausgelöscht wurde.

Warum ein junger Mann seine Freizeit mit Gedanken über das Leid in der Welt verbringt und es an allen Orten findet, ist keine leicht beantwortbare Frage in diesem enigmatischen Roman. Vielleicht bedarf es eines sensiblen Menschen, dessen Sensibilität auf eine eigene, tiefe Verletzung der Seele zurückgeht. Vielleicht ist diese Verletzung eine solche, die man sich selbst zugezogen hat, vielleicht auch die Wunde, die man einem anderen Menschen zugefügt hat, und jetzt starrt sie einen überall an, schaut heraus aus jedem schmerzvollen Gesicht auf der Straße, erinnert an die eigene Mitschuld. Coles Buch erinnert an ein modernes, tiefes und oft unerklärliches Gefühl von Schuld, und der Roman verdeutlicht ganz bewusst den Verdienst der Literatur: Die Möglichkeit, Geschichten gegen die Vormachtstellung der Fakten zu erzählen, Geschichten zu finden, die überall verborgen liegen, wie überbaute, vergessene Häuser einer Stadt. Die Literatur sieht tiefer als alle Ausradierungen und Überschreibungen, hebt die vergrabenen Geschichten und erzählt sie wieder und erzählt sie anders. Und hält so die Wunde offen.

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erstellt am 19.9.2012

Teju ColeFoto: Suhrkamp Verlag
Teju Cole, Foto: Suhrkamp Verlag

Teju Cole, geboren 1975, wuchs in Nigeria auf und kam als Jugendlicher in die USA. Er ist als Kunsthistoriker, Schriftsteller und Fotograf tätig und hat eine Stelle als Distinguished Writer in Residence am Bard College inne. Zurzeit arbeitet an einem Buch über Lagos, der größten Metropole Afrikas und der am schnellsten wachsenden Stadt der Welt. Teju Cole lebt in Brooklyn, New York.

Teju Cole

Open City
Roman
Aus dem Amerikanischen von Christine Richter-Nilsson

Gebunden, 333 Seiten

Suhrkamp, September 2012
ISBN: 978-3-518-42331-8

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