„Alte Paare sind Archive, weh dem, der sie öffnet“. Bodo Kirchhoffs Roman „Die Liebe in groben Zügen“ geht offen auf dieses Risiko zu und nähert sich mit sicherem Gespür den Bruchstellen einer gealterten Liebe. Für Kirchhoff-Kenner Wolfgang Rüger ist das neue Buch des Autors, das die Literaturkritik mit Vorbehalten aufgenommen hat, sein Opus magnum. Im Faust-Gespräch wird deutlich, warum.

Literaturgespräch

»Ich richte den Finger auf mich selbst«

Ein Gespräch zwischen Wolfgang Rüger und Bodo Kirchhoff

Rüger: In meinen Augen ist der neue Roman Dein bisher bester, das Opus magnum. Als schließe sich ein Kreis (selbst Lacan kommt wieder vor).

Kirchhoff: Ja, einmal als Erwähnung, als Namenserwähnung.

Trotzdem: Für mich ist Dein neuer Roman die Summe all Deiner anderen Bücher.

Ja, es ist die Summe und als Ganzes hoffentlich mehr als die Summe der einzelnen Bücher.

Eine neue Dimension ist allerdings hinzugekommen: das Philosophische. Renz ist der Spielertyp, der Abstauber, der nicht an das Glück glaubt, der nur mitnimmt, „was im Augenblick guttut“ und sich auch „im Schrecken einrichten“ kann. Vila dagegen „vertritt das Radikale: alles auf den Tisch und aus“ oder wie sie es selbst formuliert: „Ich nehme auch Scheiße in Kauf, wenn dabei Glück herausspringt“. Hast Du diese beiden gegensätzlichen Charaktere bewusst so gewählt, um die Liebe in groben Zügen durchdeklinieren zu können?

Bewusst ist falsch. Ich habe mir ein Paar erarbeitet, das sich ein Stück an meinen Erfahrungen als lange verheirateter Mann orientiert. Im Laufe der Arbeit haben diese Personen dann ein gewisses Eigenleben entwickelt durch die Dynamik des ganzen Stoffs. Ich habe sie immer mehr ihrer Wege gehen lassen und dabei das Gefühl gehabt, dass sie sich nicht zu weit von mir und meiner Frau entfernen, aber doch etwas ganz Eigenständiges haben und keine Abziehbilder sind.

Im Buch gibt es den wunderbaren Satz: „Alte Paare sind Archive, weh dem, der sie öffnet“ (S. 39). Und dann entfaltest Du die gängigen Liebesgeflechte: Wir haben das Ehepaar Renz-Vila, die Affären Renz-Marlies und Vila-Bühl, die Jugendfreundschaft zwischen Bühl und Cornelius, die platonische Liebe zwischen Franz und Klara, und wir haben Katrin, die Tochter, die in erste Liebschaften verstrickt ist und die Elternliebe (heraus)fordert. Wie bist Du den Roman angegangen? Hattest Du am Anfang eine Art Storyboard?

Nein, überhaupt nicht. Ich hatte am Anfang nichts. Ich hatte am Anfang nur eine Überfahrt über einen See, einen Mann und eine Frau auf einem Boot. Und dann kam dieser Gedanke: wenn sie nach Hause kommen, trifft die Nachricht ein, dass sie Großeltern werden. Danach habe ich ganz langsam angefangen, eins nach dem andern zu entwickeln. Mich haben schon seit vielen Jahren Franz und Klara interessiert. Und ich wusste nie, wie ich da herankomme. Dann kam mir der Gedanke, dass Vilas Geliebter an einem Buch über Franz und Klara schreibt. Es hat sich nach und nach ergeben.

In Bodybuilding hast Du geschrieben: „Es gibt doch nur zwei große Themen: Liebe und Krieg.“ (S. 15) Den Krieg hast Du im neuen Roman ausgespart. Du hättest den Konflikt zwischen Renz und Vila ja auch als Rosenkrieg anlegen können?

Ja, das wollte ich aber nicht. Was mich interessiert hat, war dieses lebenslange, einerseits Zermürben, andererseits sich aber auch gegenseitig wieder Kraftgeben. Es ist, wenn du so willst, ein kalter Krieg, oder ein stummer, oder eine dreißigjährige Auseinandersetzung, aber kein Krieg. Es ist eher ein Kampf, ja, ein Kampf. Aber das sind so zugespitzte Sätze, über die beiden großen Themen. Solche Sätze schreibt man, wenn man ein junger Autor ist.

Volker Weidermann hat in seiner ziemlich herablassenden Kritik das Wort „Beton-Ehe“ verwendet für das, was Vila und Renz verbindet. So kann das eigentlich nur einer sehen, der nicht verheiratet ist und mit der Liebe wenig Erfahrung hat.

Gut, das kann ich nicht beurteilen. Ich kann nur sagen, dass diese Ehe das Gegenteil einer verspießten Beton-Ehe ist. Es ist eine Ehe, die nach allen Seiten hin offen ist, aber einen Kern hat. An diesen Kern habe ich ja immer wieder versucht heranzukommen und von ihm zu erzählen. Das Drumherum ist alles andere als Beton, es ist durchlässig, es ist in ständiger Bewegung. Es ist nur zusammengehalten durch ein Geflecht von Äußerlichkeiten, das aber jederzeit durchbrochen werden kann.

+Am Auffälligsten nach den ersten Kritiken ist, wie verschieden man Deinen neuen Roman lesen und vor allem verstehen kann. Als Formel könnte man fast sagen: Je mehr Lebens- und Liebeserfahrung der Kritiker hat, umso positiver fällt die Kritik aus. Bei Joan Didion habe ich einen schönen Gedanken gefunden: „Natürlich kann man mehr als nur einen Menschen lieben, aber Ehe ist etwas ganz anderes. Ehe ist Erinnerung. Ehe bedeutet Zeit.“ +

Richtig.

Sie meint damit die gemeinsam verbrachte Zeit, die den anderen zu einem Teil von einem selbst macht. Gerade den jüngeren Kritikern scheint genau diese Erfahrung noch zu fehlen und damit das Verständnis für Deinen Roman. Schon beim Lesen kam mir der Gedanke, dass das ein Buch ist, das nur reife Leser in all seinen Dimensionen verstehen können.

Das ist ein Roman für Erwachsene. Man muß eine lange Beziehung erlebt haben oder in ihr leben, um zu wissen, was es heißt, mit der Trennung von einem anderen, sich auch von einem Stück seiner selbst zu trennen. Es ist ja immer die Vorstellung, man könnte noch mal ein Leben und noch mal ein Leben leben. Das halte ich für eine Illusion. Es ist das eine Leben, das man hat, das man mit jemand anderem lange teilt. Und jede Trennung ist eine Trennung auch von sich selbst.

In Deinem Buch heißt es: „Das ganze Geheimnis der langen Ehe besteht darin, dass die Dinge von allein funktionieren, am Anfang alle schönen, dann auch die weniger schönen, zuletzt sogar die schrecklichen, die man teilt, und dazwischen die Ausnahmestunden, manchmal auch Ausnahmetage, die das Schlimmste verhindern.“ Was macht Deiner Meinung nach eine gute Ehe aus?

Eine gute Ehe macht aus, dass man dem Anderen Luft gibt, dass man Respekt hat vor der Andersartigkeit des anderen. Der andere ist einfach nicht so wie man selbst. Er ist zwar bereit, in vielem Kompromisse zu machen und sich ein Stück weit als Einheit zu empfinden, das heißt aber nicht, dass er nicht ein Eigenleben hat, dass er nicht auch Geheimnisse hat, die man ihm lassen muss. Das ist für mich eines der Dinge, die zu einer langen und guten Ehe gehören.

Unter welchen Voraussetzungen kann eine langjährige Ehe Bestand haben? Ab wann werden die Stellung des Klodeckels, die Mülltrennung, die Haare im Waschbecken zum Eheproblem?

Die werden nie zu einem ernsten Eheproblem, wenn die Ehe von dem getragen wird, was ich gerade gesagt habe. Die werden nur zu einem täglichen Reibungsproblem. Wenn man sagt, wir mussten uns trennen, weil du immer die Zahnpastatube offen gelassen hast, dann ist das irgendwie ein Joke, aber mehr nicht. Ich glaube, dass das immer wieder etwas ist, worüber man sich streitet, das zu Misslaunigkeiten führt, aber nicht zu einer Trennung.

In einer guten Ehe würde man doch dem anderen, wenn es überlebenswichtig wird, die Niere spenden, selbst wenn die körperliche Begierde nicht mehr das Wichtigste ist, während man der Geliebten niemals ein Organ spenden würde. Oder wie Vila es formuliert: „Schwierige Ehen können immer noch glorreich enden, schwierige Liebschaften nie“.

Ja, ich glaube, dass schwierige Liebschaften, und welche Liebschaft ist schon einfach, immer klägliche Enden nehmen. Ein gutes Beispiel sind Max Frisch und Ingeborg Bachmann. Die Verletzungen spielen sich in einem verkleinerten Zeitrahmen ab und sind nicht eingebettet in einen Alltag, der etwas auffangen könnte. In einer Liebschaft gibt es ja kaum einen Alltag, insofern wirken die Verletzungen viel stärker, sie sind fast identisch mit der knappen oder einem anderen gestohlenen Zeit.

Hat sich Deiner Meinung nach im Verhältnis der Geschlechter etwas geändert, sagen wir zwischen „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ und „Die Liebe in groben Zügen“?

Naja, „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ ist natürlich eine wunderbare Romanze, die einerseits von den gesellschaftlichen Verhältnissen, die dort geherrscht haben, lebt, andererseits von dieser romantischen Vorstellung, dass ein einmal entflammtes Herz ein Leben lang weiterglüht. An Letzterem ist sicherlich etwas dran. Das gilt auch noch heute, glaube ich.* *In meinem Roman gibt es ja auch eine solche Geschichte, in der eine frühe Liebeserfahrung, ein erster Kuss, über Jahrzehnte weitergewirkt hat. Nämlich bei Vilas Geliebtem.

Insgesamt ist die Liebe heute viel mehr unter einem Mikroskop, sie ist mehr öffentlich, sie wird viel mehr zerredet. Die Situation, in der Garcia Marquez geschrieben hat, war eine ganz andere als die, in der ich schreibe.* *Heute ist alles so platt getreten, und es gibt zu allem schon so viel, dass man sich wahnsinnig anstrengen muss, um für ein Buch eine einigermaßen freie Schneise zu finden und sich nicht zu wiederholen und nicht schon ausgetretene Pfade zu gehen. Es ist sehr, sehr schwer geworden in unserer mitteleuropäischen Überflusssituation.

Und wie ist es literarisch: Der exzessive Gebrauch der elektronischen Medien verändert ja auch die Beziehungen der Menschen untereinander. John Burnside hat vor kurzem in Berlin gesagt: Ein Roman wie Anna Karenina könnte heute nicht mehr geschrieben werden.

Ach, das sind so Sätze. Das glaube ich nicht. Es kommt immer auf den Autor oder die Autorin und die Situation an. Für mich war zum Beispiel wichtig, dass ich eines Nachts, nach stundenlangem in mich Hineinhorchen diesen ersten Satz des Romanes hatte. Das ist für mich ein Schlüsselsatz wie vielleicht auch bei Anna Karenina der erste Satz ein gewisser Schlüssel ist. Ich meine, dass mein erster Satz noch mehr ein Schlüssel für das Buch ist, weil ich das Gefühl hatte, wenn ich auf dieser Höhe bleibe, wenn ich das erzählen kann, was da drinsteht, dann könnte das etwas werden.

Aber haben nicht der Einsatz von Handy, SMS, Facebook etc. das Miteinander verändert. Zwiefalten musste ja noch mühsam Postkarten schreiben, von denen er nicht sicher sein konnte, dass sie tatsächlich ankommen.

Ich weiß, ich weiß. Liebesgeschichten können sich heute sozusagen in kürzester Zeit entwickeln. Die Zeitdimension ist eine völlig andere. Insofern ist das Beispiel „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ gut, weil das eine andere Zeit im Sinne des Zeitmaßes war.

Wie sah die Arbeit am Roman konkret aus, es gibt ja verschiedene Handlungsstränge, die ineinanderlaufen. Schreibst Du z.B. den Franz/Klara-Strang in einem Rutsch und flichst ihn später häppchenweise in den Roman?

Nein, auf keinen Fall. Ich konnte diesen Roman nur schreiben von Fassung zu Fassung. Ich habe sieben Fassungen geschrieben. Das ganze ging nur über unendlich viel Arbeit. Von Fassung zu Fassung habe ich im Nachhinein begriffen: Das läuft so, das könnte so sein. So habe ich mir auch ganz langsam die Franz- und Klara-Geschichte erarbeitet.

Was ist für Dich die größere Herausforderung: Das Erfinden der Geschichte von Franz und Klara („Schöpfen aus dem Leeren“) oder das Entlangschreiben an der Gegenwart?

Das Schöpfen aus dem Leeren ist die größere künstlerische Herausforderung. Das andere ist einmal eine intellektuelle Herausforderung, zum anderen ist es auch eine Herausforderung der Selbsterkenntnis. Also auch wieder die Frage, wie weit man bereit ist, in sich Hineinzuschauen und das Risiko einzugehen, auf etwas zu stoßen, das nicht gesellschaftsfähig ist, das von keiner Seite Beifall bekommt. Ich glaube, man kann sich auf diesen Roman überhaupt nur einlassen, also auch als Kritiker, wenn man ein Stück weit sich selbst preisgibt. Man kann sich nicht, das habe ich auch bei den Kritiken gesehen, die sich sehr mit meiner Person beschäftigt haben, mehr als mit dem Buch, dass diese Leute vor allem versucht haben sich selber völlig herauszuhalten. Auf ein leidenschaftliches, hoch emotionales Buch muss man ein Stück weit auch mit seiner eigenen Gefühlswelt reagieren und das zugeben.

In Deinem Buch gibt es wunderbar sinnliche Landschafts- und Städtebeschreibungen. Die oberitalienischen Stationen der apostolischen Reisen von Franz von Assisi verknüpfst Du mit Stationen Deiner Romanhelden. Katrin Hillgruber wirft Dir in ihrer unsäglichen Kritik in der FR vor, Du wolltest damit „d’Annunzio als Dichterfürst vom Gardasee Konkurrenz machen“.

Das ist so absurd, dass ich nur lachen kann. D’Annunzio ist ein völlig anderer Mensch, der anders gelebt, anders geschrieben hat. Offenbar kennt sie weder seine noch meine Literatur richtig. Wenn es überhaupt einen Schriftsteller gibt, der für mich als Erzähler dieser Landschaft ein Pate sein könnte, dann ist es D. H. Lawrence.

Eine meiner Lieblingsstellen im Buch ist das Kapitel mit Pablo Armando Fernández (*1930) – welche Beziehung hast Du zu ihm, wie bist Du auf ihn gestoßen?

Auf den bin ich gestoßen über meinen deutschen Helfer, den ich in Havanna hatte, ein wunderbarer Mensch, sehr intelligent und belesen, aber auch sehr auf der Kippe stehend. Er kannte Fernández flüchtig, und ich habe dann gesagt, ich will den Dichter Nummer 1 treffen. Ich wusste damals überhaupt nicht, was ich damit wollte. Ich habe nur das Gefühl gehabt, irgendwann mache ich etwas daraus. Jedenfalls kam es zu einer tagelangen Odyssee durch die Stadt, bis wir schließlich mit Pablo Armando Fernández in dessen versteckter Villa zusammentrafen.

Und da hängt auch wirklich auf der Toilette der Picasso?

Nein, nur in meinem Roman. Aber es hingen dort Picassos, bis Fidel Castro sie sich unter den Nagel gerissen hat.

Sprachlich, stilistisch hast Du eine unglaubliche Entwicklung hinter Dir. Liest Du manchmal noch Frühwerke von Dir? Und wenn ja, was hast Du da für Empfindungen?

*a, ich sehe schon ab und zu rein. In meinem allerersten Buch „Ohne Eifer, ohne Zorn“ kommt schon der Ort Torri vor, in dem ein Großteil des neuen Romans spielt. Also habe ich auch da noch mal nachgesehen.
Ich hatte immer das Gefühl, ich habe genau so geschrieben, wie ich war. Damals war ich von der Welt sehr entfernt, ich habe sehr, sehr isoliert gelebt. Mein Schreiben entsprach dieser Isolation und dieser Reduzierung. Ich habe seitdem, durch meine vielen Reisen, durch meine Ehe, durch die Kinder, durch unsere Freunde und den Bau eines Hauses in Italien, wo ich mit meiner Frau seit 10 Jahren im Sommer Schreibkurse halte, mit aller Kraft die Welt in mein Leben geholt. Ich habe immer das Gefühl gehabt, wenn ich ein Schriftsteller sein will, wie ich mir das vorstelle, dann geht das nur auf der Basis von gelebtem Leben. Also habe ich versucht, alles an Leben zu leben, was mir möglich war, oft über den Rand des Erträglichen hinaus. Und in dem Maße hat sich mein Schreiben verändert.

Mit jedem Deiner Bücher treibst Du die Spracharbeit weiter. Auch im neuen Roman geht es viel um das Begehren, die körperliche Liebe, und trotzdem passiert das Eigentliche im Kopf des Lesers.

Ich habe hier versucht, die ganze sexuelle Dimension, die natürlich auch vorkommt, so sparsam zu schildern, dass sie sich weitgehend beim Leser abspielt. Jetzt muss ich in Kritiken lesen, ich hätte eine Szene geschrieben, in der es Franz und Klara treiben. Es gibt eine klare Andeutung, das ist richtig, aber der Rest ist Sache des Lesers und der Leserinnen.

Als ich die Kritik von Ulrich Greiner gelesen habe, dachte ich auch: Habe ich da etwas überlesen? Mir ist keine Beischlafszene zwischen den beiden im Buch begegnet.

Das sind Dinge, gegen die ich nicht ankomme. Ich komme nicht dagegen an, dass man sich seit 33 Jahren an meiner Person reibt und nicht an meinen Büchern.

Im neuen Roman bist Du auch politischer geworden. Das Schicksal der „Eltern hieß Krieg, sein Schicksal heißt Banalität“, sinniert Renz. Sehnt er sich u.a. auch deshalb nach Helden wie Bradley Manning, die er in Deutschland nicht findet?

Ja natürlich, das ist klar, er sehnt sich nach definitiven Dingen, die sozusagen nicht wegzudiskutieren sind, die Zeichen setzen. Natürlich sehnt er sich nach solchen klaren Dingen. Jemand, der fürs Vorabendprogramm Soaps macht und davon lebt, aber eigentlich Filmkritiker ist und gerne mal was ganz Ernsthaftes machen würde, sehnt sich nach so was.

Mediale Ereignisse wie Fukushima, die Dominique-Strauss-Kahn-Affäre nutzt Du zur zeitlichen Verortung (der Roman spielt von Ende September 2010 bis Herbst 2011). Das macht den Roman sehr gegenwärtig, schafft das Gemälde einer Zeit, die sehr stark im Wandel begriffen ist. In Deiner Poetikvorlesung hast Du moniert, dass sich Frankfurt unglaublich schnell verändert. Sind Deine genauen Ortsbeschreibungen und Zeitangaben in all Deinen Büchern auch Festhalten an der Zeit?

Ja, es ist immer wieder der Versuch, unserer schnelllebigen und disparaten Gegenwart eine Geschichte abzutrotzen, eine lange, zusammenhängende Geschichte. Das habe ich schon bei „Infanta“ versucht, bei „Parlando“ und jetzt wieder. Weil ich glaube, das ist eine der Grundanstrengungen, die Literatur bei einem Roman leisten sollte, zu zeigen: Wo können heute noch Geschichten stattfinden, nicht mit einem Anfang und einem Ende, aber mit einem erkennbaren Bogen, wo am Ende des Bogens die Menschen nicht mehr ganz dieselben sind wie zu Beginn, und daß man versteht, warum das so ist.

Wie wichtig ist Dir Faktentreue, von der Renz behauptet, es wäre nicht seine Stärke.

*as kommt immer drauf an, welche Fakten es sind. Es gibt welche, die sollte man nicht verändern, weil man sonst gegen die Integrität einzelner Personen verstößt. Da muß man sehr genau sein. Es gibt andere Fakten, ob sie nun Orte oder Menschen betreffen, die nicht den Kern berühren, damit gehe ich dann sorgloser um.

Nach welchen Kriterien entscheidest Du, ob eine Örtlichkeit real bleibt oder fiktiv wird. Warum hast Du z.B. aus Gaienhofen das fiktive Aarlingen gemacht.

Das ist ganz einfach. Weil ich mir damit ersparen will, dass jemand sagt, das war aber nicht so. Ich habe auch aus meinem Heimatort einen anderen Namen gemacht. Da erspart man sich Lächerlichkeiten oder überflüssige Nachfragen. Das ist ein gewisser Schutz. Aber auch eine Möglichkeit, freier zu sein im Schreiben.

Da wir gerade den 50. Todestag von Hermann Hesse feiern. Hat Hesse in Deiner Zeit in Gaienhofen eine große Rolle in Deinem Leben und im Ort gespielt? Hesse hat ja dort einige Jahre gelebt.

Damals war ich jung und habe natürlich die Hesse-Bücher gelesen und war beeindruckt. Und die Nähe zu seinem einstigen Wirkungsort war für mich beflügelnd. Ich fand das zum Teil wunderbar und war beeindruckt.

Hesse hat sich ja auch intensiv mit Franz von Assisi beschäftigt. Kennst Du diese Texte und haben sie Dich irgendwie beeinflusst?

Nein, die kenne ich nicht.

Im Buch kommt ja viel Unterschichten-Fernsehen vor. Tust Du Dir das zu Recherchezwecken auch real an?

Nein, das sehe ich nur, wenn ich abends im Bett liege und nicht schlafen kann, dann zappe ich manchmal herum, höre aber meist schnell wieder damit auf, um nicht den Glauben an meine Arbeit zu verlieren.

Eine große Rolle spielen in dem neuen Buch Musiktitel und ihre Interpreten. Sie dokumentieren eine Art Sozialisation der Protagonisten. Diese Angaben lösen viel im Kopf der Leser aus, wenn er die Musik und ihre Interpreten kennt. Aber was passiert im Kopf derer, die diese Musik nicht kennen?

Gar nichts. Ich glaube, sie erinnern sich an die Titel, die sie kennen.

„Schundroman“ war Deine Abrechnung mit dem hiesigen Literaturbetrieb. Unter anderem hast Du darin Ulrich Greiner nicht ganz vorteilhaft porträtiert…

Ulrich Greiner, ich glaube nein.

Jetzt hat er’s Dir mit seiner niederträchtigen Kritik zum neuen Roman heimgezahlt. Ziemlich erbärmlich, wie wenig Größe es noch im deutschen Feuilleton gibt?

Also ich weiß nicht, ob ich ihn da porträtiert habe. Aber der Punkt ist ein anderer: Wenn man jetzt anfängt, einen Roman danach zu beurteilen, ob einem der männliche Held des Buches durch das Auto, das er fährt, sympathisch ist oder nicht, und ob der Autor vielleicht seinem Helden zu verwandt sein könnte, weil er auch so ein Auto fährt, dann hat das mit Literaturkritik nicht mehr so wahnsinnig viel zu tun.

Immer wieder hast Du darauf hingewiesen, dass Schreiben für Dich auch ein Akt ist, um Dir „selbst näher zu kommen“. Wie nah bist Du Dir schon oder anders gefragt: Was erfährst Du noch Neues über Dich selbst?

Naja, ich bin mir, glaube ich, in meiner Situation als lange verheirateter Mann mit Familie, mit einem Leben das geteilt ist zwischen Italien und Deutschland, schon recht nah. Da habe ich glaube ich schon viel gelernt und gesehen, da gibt es nicht mehr sehr viel Eigenes, das mir fremd gegenüberstünde. Aber über dieses Wenige gäbe es noch viel zu erzählen, so man es will und kann.

Wenn ich vorhin gesagt habe, in einer Ehe muss man das Geheimnis des anderen auch respektieren oder den Bereich, der nur ihm gehört, dann gilt das auch ein Stück weit für einen selbst. Man muss sich auch selbst schützen können. Und ich weiß noch nicht, wie weit ich gehen kann mit dem Zeigen aller offenen Flanken, zumal das Bedürfnis dann gleich dort reinzutreten recht groß ist bei denen, die über mich schreiben.

Es ist ja oft gesagt worden, ich würde mich sehr mit mir beschäftigen, aber was ich tatsächlich mache, ist eine Art Selbstanzeige erstatten. Ich richte zunächst einmal den Finger auf mich, bevor ich ihn auf andere richte, und sage, die Schwäche liegt bei mir. Und von Liebe erzählen ist in erster Linie ein Erzählen von Schwäche. Nicht, dass aus der Liebe keine Kraft erwachsen kann und zu heroischen, tragischen Dingen führt, wie bei Romeo und Julia, oder ins Mythische, wie bei Tristan und Isolde. Nur ist mein Paar in dem neuen Roman in seiner Schwäche und Ratlosigkeit dem Urpaar Adam und Eva am nächsten, die nach der Vertreibung aus dem Paradies als Verdammte der Liebe weiterleben.

„Wer etwas am Anfang einer Romanarbeit schon weiß, wie die Dinge ausgehen, ist gleich verloren“ (S. 73) Wir wollen das Ende des Romans hier nicht verraten, ich finde, ein großartiges Ende. Aber: hat Dich das Ende des neuen Romans selbst überrascht oder wusstest Du früh, worauf es hinauslaufen wird?

Nein, das wusste ich überhaupt nicht. Das hat mich schließlich selbst überrascht. Schreiben ist und bleibt ein Abenteuer ohne Ende. Wer auf Sicherheit aus ist, sollte etwas anderes tun.

Vielen Dank.

Bodo Kirchhoffs Auftritt in der Sendung „Das blaue Sofa”, in der er sein Buch „Die Liebe in groben Zügen” vorstellt.

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erstellt am 15.9.2012

Bodo Kirchhoff, Foto: Alexander Paul Englert
Bodo Kirchhoff, Foto: Alexander Paul Englert

Bodo Kirchhoff
Die Liebe in groben Zügen
Roman
670 Seiten
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2012
ISBN: 978-3-627-00183-4

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