Blog der Buchmesse
THEMEN-SCHWERPUNKT DER BUCHMESSE

Geld und Leidenschaft

Fragen wir uns nicht jedes Mal, nachdem wir ein wenig nachgerechnet haben, wovon ein Schriftsteller überhaupt seine Miete bezahlt und wovon er lebt? Wer in der schreibenden Zunft hat denn seine Berufung zum Beruf – also zum Zwecke eines Gelderwerbs – umwidmen können? Ohne öffentliche, mäzenatische oder ganz private Unterstützung lässt sich so eine brotlose Existenz oft gar nicht denken. Man könnte sogar vermuten, je mehr ein Autor sein Alltagsleben materiell sichern muss, desto weniger kann er Schriftsteller sein. Wie gelingt dieser Balanceakt im Kontext der Neuen Medien? Technisch verheißen die vielfältigen virtuellen Möglichkeiten viel. Wo aber kommt die Miete her?
Ein neues Blogprojekt der Frankfurter Buchmesse zu aktuellen Geschäftsmodellen im Publishing Bereich richtet solche Fragen unter dem Motto „Geld & Leidenschaft“ an Verleger, Autoren und Journalisten. Faust-Kultur ist Partner des Blog-Teams und hat sich den Autoren zugewandt. Wie wirkt sich die Digitalisierung des Buchmarktes auf ihren kreativen Arbeitsprozess aus? Fragen nach dem persönlichen „Geschäftsmodell“ im Kontext der Neuen Medien dürften – so vermuten wir – Autoren in dieser offenen, teilweise kontrovers geführten Diskussionsphase gerade recht kommen.

Einige Autor:innen, die wir in Folge auf den Faust-Seiten und im Buchmesse-Blog (hier) vorstellen, beschreiben im Spannungsfeld zwischen künstlerischer und materieller Existenz ihre digitalen Geschäftsstrategien.

Fragen an Olga Martynova und Oleg Jurjew

Seit über 20 Jahren lebt und arbeitet das Dichterpaar Olga Martynova und Oleg Jurjew in Frankfurt am Main. Beide Literaten sind ihrem Selbstverständnis nach Lyriker, was nicht ausschließt, dass sie Romane, Essays und Theaterstücke in beträchtlicher Anzahl veröffentlichen und darüberhinaus emsig aus dem Russischen und ins Russische übersetzen. Beide schreiben aber auch Artikel in Tageszeitungen (NZZ, Tagesspiegel) und in russischen Online-Zeitschriften. Olga Martynova, die 2012 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt, hat gerade ihren Gedichtband „Von Tschirik und Tschwirka“ (Droschl) herausgebracht, Oleg Jurjew den Gedichtband „In zwei Spiegeln“ (Jung und Jung).

Video © Gilde Weller

Jamal Tuschick
Fragen an Jamal Tuschick

»Kloppen gehen und

ein Buch daraus machen«

Jamal Tuschick (geb. 1961) ist Autor und Essayist, der im Regionalen das umfassend Menschliche entdeckt. Sein Interesse gilt den Orten, an denen „aus Passanten Passagiere im Omnibus der Zeit“ werden. Für sein bloßes Vorhandensein in der „Manier einer YouTube-Existenz“ bezahlt zu werden, wäre sein Ideal. Er beantwortet hier unsere Fragen nach der Finanzierbarkeit von Kreativität. mehr

Stephan Porombka und Friedrich von Borries
Litflow – Global thinking im Berliner Theatercontainer

Wenn das Lesegerät anfängt zu leben

„Die Informationsgesellschaft ist eine Erzählgemeinschaft“. Das zumindest behauptete der Journalist Hilmar Schmundt beim Litflow-Kongress für „die nächste Literatur“ im Berliner Theatercontainer – gefördert von der Kulturstiftung des Bundes. Schmundt war sicher, dass ein Goethe der Gegenwart ohne antitechnischen Affekt daher käme. Er wusste: Die Jetztzeit fordert nicht nur den Autor heraus, sie nimmt auch den Leser in die Pflicht, es mit ihr aufzunehmen.

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Phyllis Kiehl
Fragen an Phyllis Kiehl

Jackpot der Inspiration

Phyllis Kiel (geb. 1966), die in Frankfurt lebende Autorin des im März erschienenen Romans „Fettberg“, betrachtet die Neuen Medien als „Jackpot“ der Inspiration. Mit ihrem literarischen Weblog „Tainted Talents – Ateliertagebuch“ hat sich die Schriftstellerin und Zeichnerin ein eigenes, individuelles Fenster zur digitalen Szene geschaffen und nutzt es auf „klassische“ Weise.  Den einen Königsweg der Finanzierung von Kreativität gibt es aus ihrer Sicht nicht. Sie selbst hat ihr Überlebens-/Geschäftsmodell eng auf die eigenen Fähigkeiten abgestimmt. Sie antwortet auf unsere Fragen zum Thema „Kreativität und Finanzierung“ wie folgt:

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Netzwerkerei

Mein Name ist Jannis Plastargias, viele kennen mich auch unter meinem Blognamen „Schmerzwach“, unter dem ich seit Ende 2009 fast täglich etwas ins Internet puste. 2011 ist mein erster Roman veröffentlicht worden, weitere Veröffentlichungen folgten dieses Jahr. Ich schreibe wie ein Wilder, organisiere für mich und andere Lese-Veranstaltungen, beschäftige mich mit der Zukunft des Buches, lese alles, was es darüber zu wissen gibt, gehe auf Buchcamps, ich netzwerke wie um mein Leben – und doch bin ich noch nicht so weit, noch weiß ich nicht, wie man heutzutage sich und seine kreativen Kompetenzen vermarktet …

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Anthony McCarten
Interview mit Anthony McCarten

»Ganz normale Helden«

Anthony McCarten wurde 1961 im neuseeländischen New Plymouth geboren und schaffte es schon in jungen Jahren, weltweit als Autor und Filmemacher bekannt zu werden. Seine zusammen mit Stephen Sinclair 1987 verfasste Arbeitslosen-Revue „Ladies Night“ wurde weltweit ein Erfolg und 2004/05 auch auf Bühnen des deutschsprachigen Raums nach „Faust“ am zweithäufigsten inszeniert. Bis heute ist die Komödie international gefragt und sichert dem Autor eine Art Grundeinkommen, von dem viele Kreative träumen mögen. Zudem hat Anthony McCarten, der heute vor allem in London lebt, auch als Schriftsteller und Drehbuch-Autor internationalen Erfolg. Sein Buch „Superhero“ (2006), das die Geschichte eines todkranken Jungen parallel aus jugendlicher und erwachsener Perspektive beschreibt, funktioniert generationenübergreifend und ist in der Regie von Ian FitzGibbon verfilmt worden. Unter dem Titel „Am Ende eines viel zu kurzen Tages“ ist es nun auch in deutschen Kinos zu sehen. Im neu auf Deutsch erschienenen Buch „Ganz normale Helden“ entwickelt McCarten diese familiäre Tragödie weiter und spürt Gefahren nach, die die moderne Computerwelt nicht nur für Jugendliche, sondern auch für seelisch instabile Erwachsene birgt.

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ANH, Foto: Ramune Pigagaite
Fragen an Alban Nikolai Herbst

Brotlose Kunst?

Den Auftakt dieser Folge macht Alban Nikolai Herbst (ANH), Autor, Regisseur und Gründer eines der meistgelesenen Literarischen Webblogs des deutschen Sprachraums:
DIE DSCHUNGEL. ANDERSWELT.

Faust-Kultur: Wollten Sie irgendwann einmal ausschließlich vom Schreiben leben?

ANH: Aber ja, und zwar schon sehr früh; quasi, seit ich publiziere. Es ist mir aber nicht immer gelungen.

An welchem Punkt haben Sie entschieden, sich nicht von Einnahmen aus Ihrem literarischen Schaffen abhängig zu machen?

Habe nicht ich, sondern meine Gerichtsvollzieher haben entschieden – man kann das eine Nötigung nennen, die allerdings das Bürgerliche Gesetzbuch auf ihrer Seite hat.

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erstellt am 10.9.2012

»Sprechen wir also – in diesen geistfernen Zeiten, in denen dem Künstler nichts geschenkt wird – vom Geld.«

Hans Wollschläger, »In diesen geistfernen Zeiten«