Das halbe Wort

Yevgeniy Breyger

Schaut einer nur auf den ersten Satz der Vita von Yevgeniy Breyger, dann ist der eine oder andere sofort versucht zu sagen: Ach ja, kam aus der ehemaligen Sowjetunion als Aussiedlerdeutscher oder Kontingentflüchtling, alles klar. Weiterhin ist der eine oder andere versucht zu sagen: Ach, die Jugendlichen haben doch damals für großen Aufruhr gesorgt in den deutschen Schulen. Ende der Neunziger, als Yevgeniy Breyger mit seinen Eltern (tatsächlich) als Kontingentflüchtling nach Deutschland zuwanderte, war ich Studierender der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Es wurde uns dort ein Bild von „den Russen“ an den Schulen gezeichnet, die sich dem deutschen Schulsystem verweigerten, miteinander Russisch sprachen und jeglicher Autorität gegenüber ungehorsam reagierten. „Die Russen“ würden sich als nichtzugehörig zur deutschen Gesellschaft definieren und würden sie mit ihrem Verhalten sprengen. Was ist, wenn es „diese Russen“ niemals gegeben hat, so wie es „die türkischen Jugendlichen“ oder „die Italiener“, „die Iraner“ oder „die Amerikaner“ nicht gibt? Abgesehen davon natürlich, dass viele der (Spät)Aussiedler und Kontingentflüchtlinge überhaupt gar nicht aus Russland, sondern aus Kasachstan, der Ukraine, den baltischen Staaten oder einem anderen der ehemaligen GUS-Staaten stammten. Was ist, wenn diese Probleme eben die einer Gesellschaft oder eines Schulsystems waren und sind? Was ist, wenn Jugendliche egal welcher Herkunft einfach nur irgendwo ankommen, ihre Chancen nutzen, einfach leben wollen? Was ist, wenn für manche Menschen diese Zuschreibungen keine Rolle spielen? Was ist, wenn es eine melancholische „russische Seele“ gar nicht gibt? So wie vielleicht nicht jeder Grieche, wenn er feiert, Teller zerdeppert oder der „reine Sonnenschein“ ist? Was ist, wenn nicht jeder Schwabe „geizig“ ist? Wir alle neigen gerne dazu, Schubladen zu öffnen und Menschen hinein zu tun. Es beginnt mit einem Namen, den man auf einem Literaturportal liest. So erging es mir auch mit Yevgeniy Breyger, der zunächst interessant wegen seiner offenbar anderen Herkunft war, als ich ihn entdeckte. Doch das kann kein Kriterium sein. Es ist auch kein Kriterium in dieser Kategorie. Um Qualität geht es, um gute Texte, um Schreib-Talent. Und darum, wie eine Schriftsteller-Persönlichkeit, ein Künstler, mit den Lebensumständen umgeht. Herkunft prägt, Stereotype, die von anderen Menschen auf einen angelegt werden, prägen, Erfahrungen, die man aufgrund von Stigmatisierung macht, prägen. Nein, Yevgeniy scheint kein solcher „russischer Rabauke“ gewesen zu sein, er hat sein Abitur gemacht und studiert fleißig. Von einem vermeintlichen Rabauken handelt auch sein atemloser Prosa-Text …
Jannis Plastargias

Schwemmland

Rabauke, Rabauke rufen sie, du Rabauke, rufen sie, dass Marian die Luft wegbleibt im Brustkorb, dass ihm schwindlig wird und er das Gleichgewicht verliert, dass er auf den Po fällt, ins Gras, und sich an die Stirn klatscht mit der flachen Hand. Rabauke, du, rufen sie, dass er losrennt zum Hof oder zur Scheune, Marian zur Holzscheune losrennt, die Türen aufreißt, rufen sie, dass er einen Blechspaten ins Schloss klemmt und sich im Heu versteckt. Dass er viel später erst aus dem kaputten Fensterrahmen rausschaut, seinen Kopf raushält in den Wind und über die Wiese schaut, bis ans Flussufer. Erdbeerkuchen, ruft die Mutter, gebacken hat sie, den ganzen Vormittag in der Küche gestanden, hat sie, Marian, ruft die Mutter, du Rabauke. Komm rein ins Haus, ruft sie, bis ans Flussufer, ruft sie, wo wir unser Boot bauen aus Birkenzweigen, ruft sie, so lang, bis wir es hören. Kuchen essen, sagt Marian, du hast die Mutter gehört, Yannick, sagt er, wirft ein Paar Zweige in den Sand, laufen wir, sagt, Yannick, lass uns Kuchen essen. Erdbeerkuchen, ruft die Mutter, du Rabauke, rufen sie, dass ihm die Luft wegbleibt, dass er sich zu einem Klumpen zusammenkauert im Heu und den Atem anhält, dass er sich erst nach hundert Atemzügen wieder raus traut und zum Fenster geht, um über die Wiese, zum Flussufer zu schauen. Laufen wir, Yannick, sagt Marian, sagt, nimm deine Füße in die Hände, Yannick. Dass wir loslaufen zum Haus, wir beide zum Haus laufen, und mit nassen Sohlen die Erde aufwühlen zu Schlamm. Dass wir unser Boot stehen lassen, womit wir Flusswelse fischen wollen im Sommer, weil Marian erzählt, dass Welse sich in flachen Gewässern aufhalten, wo das Geröll aufgewühlt ist, wie hier. Dass wir den ganzen Weg zum Haus laufen durch den Schlamm und uns auf die Treppe setzen, wo die Mutter uns Erdbeerkuchen an die Stufen stellt und Limonade. Du Rabauke, ruft sie, Marian, du Rabauke, ruft sie, wasch dir doch die Hände, bevor du isst. Lass uns das Hühnerspiel spielen, sagt Marian, gehen, spielen wir das Spiel mit den Hühnerköpfen, Yannick, sagt er, weil ich vor ihm aufesse, gehen, spielen wir auf dem Nachbarshof, sagt Marian, weil er weiß, dass ich darauf warte, weil Marian weiß, dass die Mutter über den ganzen Hof schreit, sobald sie merkt, dass wir uns nicht die Hände gewaschen haben nach dem Essen. Du Rabauke, schreit die Mutter, Marian, Marian, du Rabauke, schreit so laut, dass wir uns im Laufen schnell umdrehen und fast stolpern, fast ausrutschen auf den Kirschen, vor dem Baum auf dem Nachbarshof. Du Rabauke, ruft sie, oder lässt es sein, bis sie uns nicht mehr sieht, wie wir über den Zaun klettern und uns an die Scheune anschleichen oder an den Hühnerstall, uns an die Vögel anschleichen und Marian einen Stoffsack rausholt aus der Jackentasche. Wie er einen Vogel am Hals packt, in den Sack stopft und mir dabei zuzwinkert, dass wir beide lachen, aus Stolz, oder aus Verlegenheit und uns auf die Schultern klopfen, wie wir das so lange machen, bis der Nachbar aus der Scheune kommt mit einer Harke in den Händen und Rabauke ruft, du Rabauke. Dass wir weglaufen so schnell wir können und fast ausrutschen auf den matschigen Kirschen am Zaun, dass Marian den Hühnersack über die Schulter wirft und wir beide loslaufen und stolpern, über den Zaun klettern und laufen, so schnell wir können. Du Rabauke, ruft er, Marian, du Rabauke, ruft die Mutter, dass wir beide zum Flussufer laufen, wo uns niemand findet, wo wir unser Boot bauen aus Birkenzweigen. Yannick, sagt Marian, sagt, hechelt Marian, hält den Sack auf, sagt, Yannick, nimm das Huhn aus dem Sack, weil seine Kraft dazu nicht mehr ausreicht, sagt, bittet, Yannick, nimm das Huhn raus, dreh ihm den Hals um und wirf es ins Wasser. Weil Marian viel früher erzählt, dass Flusswelse am liebsten Huhn essen, sie essen es selten, erzählt Marian, nur dann wenn sie von Menschen gefüttert werden, so selten, sagt er, dass sie fast von selbst an den Angelhaken hüpfen, weil sie ihr Glück dann kaum fassen können. Wirf den Vogel ins Wasser, sagt, hechelt, bittet Marian, Yannick, sagt er, wirf, dass uns alle Welse an den Haken springen. Du Rabauke, schreit die Mutter, als ich dem Vogel den Hals umdrehe, Marian, schreit sie, ruft, schreit, Marian, du Rabauke, über die Wiese, bis ans Flussufer, an den Platz, wo sie uns nicht findet, wo wir unser Boot bauen aus Birkenzweigen. Ruft die Mutter, als ich das Huhn in den Fluss werfe und Marian mir auf die Schulter klopft, dass wir beide lachen. Rabauke, ruft der Nachbar, rufen sie, stehen nebeneinander, zu zweit, stehen, rufen, über die Wiese, Marian, rufen sie, dass uns die Luft wegbleibt, im Brustkorb, rufen sie, dass wir zur Scheune laufen über das aufgewühlte Geröll und Fußabdrücke zurücklassen im Schlamm. Unser Boot zurücklassen, womit wir Flusswelse fischen wollen im Sommer, weil Marian erzählt, dass ein Mann erst dann ein Mann ist, wenn er einen ganzen Korb Flusswelse gefischt hat, ein echter Mann, sagt er. Rabauke, rufen sie, dass uns die Luft wegbleibt, dass mir schwindlig wird und ich das Gleichgewicht verliere, dass ich auf den Po falle, ins Gras und zur Scheune laufe, über den Zaun klettere, stolpere, ausrutsche auf den Kirschen unter dem großen Baum auf dem Nachbarshof, Rabauke, rufen sie, dass ich das Scheunentor aufreiße und wieder zusperre mit einem Spaten, einen Blechspaten ins Schloss klemme und mich im Heu zusammenkauere, Marian, rufen sie, du Rabauke, rufen mehrere Minuten, solang, bis ich aufstehe und meinen Kopf aus dem kaputten Fensterrahmen raushalte in den Wind, um über die Wiese, bis ans Flussufer zu schauen, wo ich meine Spuren zurücklasse im Schlamm. Rufen auch dann noch, als sie mein Gesicht sehen, stehen, rufen, zu zweit, du Rabauke, Marian, du Rabauke, sperr das Scheunentor auf, rufen sie, dass mir die Luft wegbleibt und ich den Blechspaten aus dem Schloss nehme. Marian rufen sie, dass ich das Tor aufmache, stehen, rufen zusammen, die Mutter, der Nachbar mit einer Harke in der Hand. Du Rabauke rufen sie, du hast dir die Hände nicht gewaschen, rufen, du hast den Hühnern den Hals umgedreht, dass dir immer noch Federn kleben zwischen den Fingern. Ich sage, Marian, Marian, sagen sie, du Rabauke, wasch dir die Hände und komm nach Haus. Marian, sag ich, weil Flusswelse sich im Sommer, in flachen Gewässern aufhalten, wo das Geröll aufgewühlt ist, wie hier, weil sie am liebsten Huhn essen, wenn sie gefüttert werden und dann fast von selbst an den Haken springen, Marian, sag ich, weil ein Mann erst dann ein Mann ist, wenn er einen ganzen Korb Flusswelse aus dem Wasser gefischt hat, Marian, sag ich und wasche mir die Hände. Und zeige, gehe, führe sie über die Wiese, durch den Schlamm, ans Flussufer, wo ich meine Spuren zurücklasse, wo mein Boot steht, und der Vogel liegt im Wasser. Wasche mir die Federn aus den Fingern, im Flusswasser, wo der tote Vogel liegt, mit dem umgedrehten Hals. Höre die Mutter rufen, Marian, du Rabauke, von weither, vom Haus, hinter der Wiese, den Nachbar rufen, mit der Harke in den Händen, von der Scheune, wo ich ausrutsche auf den matschigen Kirschen, vor dem Zaun, wo ich stolpere und fast hinfalle. Du Rabauke, rufen sie, dass mir schwindlig wird und ich mir an die Stirn klatsche mit der flachen Hand, Marian, rufen sie, Marian, du Rabauke, über die Wiese, über den Schlamm, bis ans Flussufer, wo sie mich nicht finden, wo ich Welse fischen gehe, im Sommer, mit dem Boot, dass ich hier baue, aus Birkenzweigen.

mühle und mahl

die stauden im anschlag vertrocknet

die wurzel ein spaten parabel des

feldes getreide als querschnitt

die nahrung in salven verabreicht

nur mittags sind vögel im hang dieser

tiefflug macht sorge der trichter

aus netzhaut membranen die einheit

für schnäbel das korn aus dem bunker

ein knirschen der federn bleibt aus

Siehe auch:
DAS HALBE WORT

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erstellt am 09.9.2012

Yevgeniy Breyger
Yevgeniy Breyger

Yevgeniy Breyger, geb. 1989 in der Ukraine, seit 1999 in Deutschland. Studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Seit 2012 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Preisträger des Treffens Junger Autoren 2010, Arbeitsstipendium Bundesakademie für kulturelle Bildung 2011, Selma Meerbaum-Eisinger Literaturpreis 2011. Veröffentlichte in Literaturzeitschriften und Anthologien, zuletzt in poet, bella Triste, wortwuchs, konzepte.