Auf der Suche  nach dem Glück

Auf der Suche nach dem Glück traf ich eine Maus, – so schnell wie sie gekommen war – so schnell verschwand sie auch wieder
2010. Öl auf Leinwand. 120 × 180 cm

Künstlerinnen-Porträt

Ankalina Dahlem oder

Medusa mit den Schlangenhaaren

Von Carola Muysers

Ankalina Dahlem ist 1968 geboren, bildende Künstlerin und Autorin. Sie studierte Freie Malerei und Bildhauerei u. a. am Pasadena Art Center College of Design in den USA, an der Städelschule in Frankfurt/Main und der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, wo sie 1998 ihre Meisterschülerin machte. Jörg Immendorff, Stephan Balkenhol und Erwin Gross waren ihre Lehrer. Arbeitsaufenthalte führten sie nach Tel Aviv, New York und Venedig. 2001 erhielt sie den Tony-Merz-Preis, 2005 wurde sie für den Horst Jansen Graphik Preis nominiert. Ankalina Dahlem verfasst auch Kurzgeschichten und beendete 2011 ihren ersten Roman. Im Mittelpunkt ihrer großformatigen Zeichnungen und Bilder stehen Frauen. Nackte, sinnliche, schöne Frauen, deren Konturen mittels einfach gezeichneter Linien hervorgebracht sind. Es sind einzelne Frauen, und sie erinnern auf den ersten Blick an die Nymphen von Picasso und Matisse, an Cicciolina, die Muse von Jeff Koons, oder an Playmates. Auf den zweiten Blick erkennen wir, dass sie alles andere tun, als männlichen Künstlern, Narren und alten Männern zu Diensten zu sein.

Schutzgeist des östlichen Wadi

Schutzgeist des östlichen Wadi
2007. Vinyl auf Leinwand. 50 × 70 cm

Die Frauen von Ankalina Dahlem

Die Frauen von Ankalina Dahlem sind schön. Sie haben langes Haar, Zöpfe oder Dutt. Sie sind nackt oder zeitlos bekleidet in Hemd, Bikini, Minikleid, tragen auch mal Stiefel oder einen Gürtel. Sie sitzen, liegen und stehen in der Natur bzw. im Nirgendwo. Ihr Blick geht durch uns hindurch, und bei aller Schönheit haben sie etwas Bizarres und Anachronistisches an sich:
Da zieht eine Frau in eleganten Pumps ihr Minikleid aus und offenbart ihren bis zu den Oberschenkeln behaarten Körper (The Bizarre Secret). Da katapultiert eine Liebesrakete eine nackte Träumende ins All, von vier kugelförmigen kleinen Gespenstern auf einem Schlangenbaum ängstlich beobachtet. Da ist eine Frau mit Hasenohren, einem Hasenherzen aus Fell auf der Brust und behaarten Unterschenkeln von einem ganzen Schwung hoppelnder Hasen umgeben. Eines der niedlichen Tiere steigt mit erhobener Schnuppernase auf ihren Schoß.

Die Bilder lassen an die Heilige Magdalena im Haarkleid, an eine Medusa mit den Schlangenhaaren und an Evas paradiesische Zeiten vor dem Sündenfall denken. Oder an eine Venus, die hier mit der Hand im Schoß einen ganzen Fluss bewacht (Schutzgeist des östlichen Wadi). Auch dort, wo kein weiblicher Archetyp aus der Kunstgeschichte abrufbar ist, verhalten sich die Frauen von Ankalina Dahlem überirdisch: Eine fliegt durch die Lüfte und bezwingt den Wind (Das Mädchen der acht Winde). Eine andere steigt zusammen mit einem Fisch aus dem Wasser zum Mond und den Sternen empor. Eine Dritte, die mit einem Schoß aus einem Vogelnest geschmückt ist, überragt einen Berg um mehr als die doppelte Höhe. Es gibt eine Meerjungfrau, Schneefrauen, eine Flößerin und eine Fliegenbeschwörerin – Wesen aus Mythen, Fabeln und Geschichten, die sich Ankalina Dahlem ausgedacht hat.

Sind diese Frauen schon voller konzentrierter Energie, so tun sich auch die Mädchengestalten der Künstlerin mit magischen Fähigkeiten hervor. In „Moving Mountains“ stemmt ein Mädchen energisch zwei Berge auseinander. In „Der Sprung“ breitet eine Zweite die Arme mutig zum Absprung von der Spitze eines hohen Felsens aus. Und völlig unerschrocken lässt sich die Dritte, die „Kleine in der Manege“, im Dressurakt von ihrem Pferd um mehr als die doppelte Körpergröße überragen.
Die Frauen von Ankalina Dahlem ziehen uns energetisch an. Je mehr wir schauen, desto weniger sind sie Schauobjekte, desto mehr übernehmen sie die Oberhand in diesem „Schau-Spiel“. Sie brauchen uns nicht. Halten wir das aus, laden sie uns ein, Mitwisserinnen und Verbündete ihrer Welt zu werden.

Fly Amanita

Fly Amanita
2007. Vinyl auf Leinwand. 60 × 70 cm

Die Kunstwelt von Ankalina Dahlem

Die Künstlerin arbeitet in Mischtechniken auf Leinwand, in Tinte auf Papier. Viele Motive sind in Schwarz-Weiß. Die wenigen farbigen Arbeiten konzentrieren sich auf eine Farbe: Blau, Grün, Braun oder ein zartes Rot. Alle Bilder erhalten eine Lasur, die wie hauchdünnes Milchglas über dem Motiv liegt. Sie ist die durchsichtige Trennwand zwischen uns und den dargebotenen Szenerien.

Die Szenerien haben keinen bestimmten Ort. Sie spielen im Nichts, im Himmel, in der Natur. Das Meer, die Wolken, die Luft, die Gärten werden zum Bildraum, in den wir wie in einen Guckkasten hineinschauen. Hier gibt es keine festen Größenverhältnisse. Die Protagonistinnen sitzen unter riesigen Blumenkelchen oder an Baumkronen gelehnt.
Das trifft auch auf die Gefährten der Frauen zu. Diese Rolle hat Ankalina Dahlem den Tieren zugedacht. Den Schmetterling auf der Zeichnung „Das Mädchen mit dem Schneemann“, das Eichhörnchen vom „Segen des Eichhörnchens“, die Schnecke vom „Mädchen mit Schnecke“ und den Wüstenfuchs von „Ich wohnte in seinen Ohren“ gibt es in Übergröße. Die Riesentiere beherbergen, beschützen und begleiten ihre Partnerinnen. Ein ähnlich inniges Verhältnis herrscht zwischen den Protagonistinnen und den kleineren Tieren. Die Frauen befinden sich im Zwiegespräch mit verschiedenen Vögeln, einem Fuchs, einem Waschbären, Fledermäusen und einer Maus. Ein Zwiegespräch, so einvernehmlich, wie es kaum mit einem menschlichen Wesen zu führen ist. Der Bildraum gehört den Frauen und Tieren. Sie haben sich hier miteinander verschworen.

Wer ebenfalls mit dabei sein möchte, muss bereit sein, sich von eingefahrenen Seh- und Denkgewohnheiten zu verabschieden. Und das ist kein schmerzfreies Unterfangen. Ankalina Dahlem verletzt uns regelrecht mit der Betörung ihrer dann doch so unnahbaren Frauengestalten. Was sie will, ersehen wir direkt in ihren Darstellungen defekter, irritierter Schönheit. Ihre Igelfrau mit dem aufgeplusterten Kugelkörper und dem zarten Frauengesicht, ihre süße „Taube Tänzerin“ mit dem MP3-Player, ihre sinnliche Sammlerin von Drogenpilzen (Fly Amanita) und ihr Opossumwesen mit dem aparten Frauengesicht (Tiefer, tiefer Winterschlaf) zeigen uns das Abgründige, Sonderbare und Schreckliche hinter der Schönheit. Sie offenbaren das Janusköpfige der weiblichen Attraktivität.

Sirene mit Seerosen

Sirene mit Seerosen (aus der Serie Oceanos)
2002. Pigmente und Acyryl auf Leinwand. 102 × 195 cm

Ankalina Dahlem und die Künstler

Ankalina Dahlem fängt Sehnsucht ein, „die vom Blitz getroffen wird“. Es ist die uralte Sehnsucht nach Arkadien. Dieses Thema beschäftigt die Menschheit und die Künstler seit der Antike. Nymphen, Faune, Götter und Tiere bevölkern herrliche Landschaften, prachtvolle Männer- und Frauengestalten verwöhnen das Auge. Arkadien zieht sich als „roter Faden“ durch die Kunstgeschichte. Im 20. Jahrhundert fangen Picasso, Matisse und Chagall den „Traum vom verlorenen Paradies“ malerisch und in der Graphik ein. In schlichten Linien und Flächen generieren sich ihre Künstlerfantasien vom Flöte blasenden Hirten, vom lüsternen Faun, vom wilden Zentaurus und anderen ausgelassenen Männergöttern, die willige Nymphen locken und umgarnen.

Stilistisch stehen die Motive von Ankalina Dahlem den Meistern der Moderne nahe. Auch sie reduziert auf lineare Konturen, vereinfacht Formen und abstrahiert in der Fläche. Auch ihre nackten Frauen halten Zwiesprache mit der Natur, den Naturgewalten, den Tieren und den Pflanzen. Doch ist da ein Unterschied, der elementarer nicht sein könnte. Bei Ankalina Dahlem gibt es keine Männer! Ihre „Nymphen“, „Göttinnen“ und Frauengestalten sind für sich allein bzw. nur mit ihren Tieren zusammen. Während die Meister der Moderne das Arkadien im männlichen und weiblichen Pendant gefunden zu haben glaubten, macht Ankalina Dahlem einen Strich durch diese Rechnung. Ihr Arkadien ist nur von Frauen bewohnt.

Wer nun aber die Umkehrung der Geschlechterverhältnisse erwartet, liegt ebenso falsch. Hier ist kein Amazonenparadies, in dem sich die Frauen dem Mythos nach die Männer nehmen, um sie nach vollzogenem Geschlechtsakt zu verjagen oder zu töten. Ankalina Dahlem malt und zeichnet ein Arkadien ohne Geschlechterkampf. Denn ihre Frauen wissen, dass sie Hüterinnen eines Paradieses sind, das es in der Realität nicht gibt. Von daher bilden sie einen Schutzschild gegen voyeuristische, lüsterne und klischeebehaftetenen Eindringlinge. Deren Wunschvorstellung, sich mit den Arkadienbewohnerinnen lustvoll zu vereinen, wird enttäuscht. Das Paradies bleibt ihnen verwehrt.
Die Künstlerin stellt eine kunsthistorische Grundregel auf den Kopf. Nicht mehr Nymphe & Faun oder männlicher Gott garantieren arkadische Zustände. Es ist die Nymphe im Alleingang. Selbst der Zentaurus wird hier zur Frau. Unbemerkt haben sich die Nymphen ihr eigenes Paradies geschaffen, wo sie allein, aber niemals einsam sind.

Ankalina Dahlem

P.S. Die Schreibkunst von Ankalina Dahlem

Die Erzählungen von Ankalina Dahlem setzen ihre künstlerische Arbeit im Medium der Worte und Texte fort. Wie ihre Motive sind es einfache, fein ziselierte und treffende „Bilder“ von Begegnungen, Handlungen und Gedanken. Heiter und ironisch wird über die Schönheit, die Liebe, den Tod berichtet. Alles wirkt leicht und leichter zu ertragen. Am Ende sogar die Tatsache, dass es kein Happy-End gibt und uns nur die Verblüffung bleibt.

Siehe auch:
Ankalina Dahlem

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erstellt am 08.9.2012

AUSSTELLUNG

Ankalina Dahlem –

Die Sehnsucht hat der Blitz getroffen

Galerie Art Virus Ltd., Bergesgrundweg 3, Frankfurt am Main,
Art Virus

The Bizarre Secret

The Bizarre Secret
1999. Acryl und Wachs auf Papier. 154 × 82 cm

Das Mädchen der acht Winde

Das Mädchen der acht Winde
2007. Vinyl auf Leinwand. 60 × 70 cm

Das Mädchen mit der Schnecke

Das Mädchen mit der Schnecke
2002. Wachs und Vinyl auf Leinwand. 80 × 60 cm

Unicorn on the cloud

Unicorn on the cloud
2011. Vinyl auf Leinwand. 160 × 195 cm

Tiefer, tiefer Winterschlaf

Tiefer, tiefer Winterschlaf
lag da und wachte
traumlos die Bäume und hörte vom fernen Meer die Schäume
2012. Vinyl auf Leinwand. 50 × 60 cm

Vogel mit Schwertern

Vogel mit Schwertern
2011. Vinyl auf Leinwand. 70 × 60 cm

Wolf im Seesturm

Wolf im Seesturm
2011. Vinyl auf Leinwand. 153 × 173 cm

Der Segen des Eichhörnchens

Der Segen des Eichhörnchens
2011. Vinyl auf Leinwand. 76 × 96 cm

Desperately cleaning

Desperately cleaning
2003. Vinyl auf Leinwand. 60 × 80 cm

Katalog

Zur Ausstellung ist soeben ein umfangreiches Katalogbuch erschienen.

Die Sehnsucht hat der Blitz getroffen
Werke von Ankalina Dahlem
Mit einer Prosafantasie von Alban Nikolai Herbst sowie der nebenstehenden Einführung von Carola Muysers und zwei Erzählungen von Ankalina Dahlem
22 × 22 cm
ISBN: 978-3-943758-72-6

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