So diszipliniert, wie er seine Werke konzipierte und kalligraphisch zu Papier brachte, starb er auch, nämlich erst, nachdem er sein tägliches Arbeitspensum abgeschlossen hatte. In der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts ist John Cage der einzige wirklich wertestürzende Künstler, der mit seinen nicht intentionalen Kompositionen unter abendländischen Kulturschaffenden mit ihrer verpflichtenden Tradition und ihrer politischen Aufgabe, stets auf der Höhe der Zeit zu arbeiten, große Verwirrung stiftete. 100 Jahre wäre er jetzt geworden. Bernd Leukert hat »4’33. Die Pause« geschrieben, einen Text, den man in genau 4 Minuten und 33 Sekunden lesen kann.

4’33 von John Cage mit Armin Fuchs am Piano

Zum 100. Geburtstag von John Cage

4’33: Die Pause

Von Bernd Leukert

Ich schreibe von der Pause, nicht von der Nahrungsaufnahme, der Lücke, der Untätigkeit oder gar dem großen Nichts, auch nicht von dem „aufhören machen“ oder „ablassen“, das ungesichert aus dem Griechischen „pauein“ auf die Pause zuläuft. Ich schreibe von der Pause, die im 13. Jahrhundert aus der italienischen „posa“ auf uns kam, die auch körpergestisch als ‚Pose’ die musikalische Bedeutung kennzeichnet, nämlich das INNEHALTEN.

Es besteht kein Grund, diesem barocken Wort und der damit bezeichneten barocken Tätigkeit des „Innehaltens“, und das heißt, des Sich-Besinnens bei statischer Aktivität des Leibes und der Glieder, nur deshalb die Zuständigkeit für die Pause zu entziehen, weil wir heute den Großteil unseres Alltags, geschweige denn des immer noch sogenannten Feiertags, nur noch besinnungslos zu bewältigen imstande sind. Das pausierende Innehalten ist also das Gegenteil des Erschlaffens, aber es wird auch nicht von Rodins „Denkendem“ abgebildet, von dem man mit Recht behauptet, er könne ebenso gut der „Schlafende“ sein. Der tatsächlich Pausierende macht gewöhnlich den Eindruck geistiger Absenz. Denn er hat die kommunikativen Verbindungen zu seinem Ambiente unterbrochen, um sich in vollkommener Isolation seiner Situation zu vergegenwärtigen. Der Musiker – und von ihm besonders geht die Rede – lotet die Dimensionen zwischen Ende und Anfang aus: Ihm ist das Verlöschen des letzten Klanges noch präsent, während er zugleich den erwarteten nächsten, dessen Notat vor Augen, präformiert. In diesem Hochspannungszustand hätte Hegel, dem zur Pause wenig eingefallen ist, bei näherem Besehen ein vor Evidenz vibrierendes Exempel des dialektischen Prozesses erkennen können: die Pause, in der die vergangene These mit der zukünftigen Antithese in der Gegenwart synthetisch verschmilzt. Dem Anarchisten John Cage war der Gedanke – gelinde gesagt – fremd. Seine Arbeit war ganz im pythagoräischen Sinne von Zufall und Notwendigkeit bestimmt. Und von der Notwendigkeit leiten sich nicht nur die Rahmenbedingungen her, mit denen er den Zufall immer neu inszenierte, sondern überhaupt die Disziplin, der er sich mit aller Heiterkeit und Gelassenheit, aber eben ohne Bedingung unterwarf. Die energetische Aufladung der Pause erscheint bei ihm in der Gestalt ungerichteter Disziplin. „4’33“ könnte man also nach alledem als eine gestaltete Pause auffassen (die inzwischen von Musikpädagogen, die es besser wissen sollten, wie eine Spielzeit für Paukerhumoresken genutzt wird). Aber „4’33“ insgesamt ist keine gestaltete Pause. Wenn man sich das Stück einmal ansieht, wird man feststellen, daß es dreiteilig gegliedert ist. Die Satzbezeichnungen lauten: Tacet, Tacet, Tacet. Dreimal die Aufforderung zu schweigen. Das ist zweifellos eine andere Kategorie als eine Pause. Schweigen, – das heißt: Nichts sagen. Wenn man großherzig sein möchte: keine Klänge produzieren. Nun können wir, wie uns die Psychologie hartnäckig nahe legt, ratlos schweigen, verlegen, freundlich, apathisch, diplomatisch, aphatisch, trotzig, schamhaft, defensiv oder aggressiv. Das Schweigen ist also jeweils der Modus einer reaktiven Haltung. Welche Haltung hat ein Interpret bei „4’33“? Glücklicherweise hat Cage der psychologische Aspekt seiner Komposition nicht interessiert. Was Sie zwischen dem ersten und dem zweiten, wie zwischen dem zweiten und dritten Tacet vergeblich suchen werden, ist die Anweisung „attacca“. Daraus folgt: Hier sind zwei Pausen! Der Interpret muss sich also überlegen, welchen Unterschied er zwischen Tacet und Pause macht. Während er in den drei Sätzen die Erwartung des Publikums, also die geschärfte Aufmerksamkeit so aufrechterhalten muss, dass anstelle des erwarteten alles andere akustisch Wahrnehmbare überdeutlich ins Bewusstsein tritt, muss er – mit einem entschiedenen Richtungswechsel der eigenen Aufmerksamkeit – spontan, da er weder das Verklingen eines Satzes, noch den Beginn des nächsten vorher kennen kann, – die Brückenköpfe der Pausenspannung in Echtzeit in die entstehenden Klangufer verankern und sich selbst mit seinem ganzen Gemüte zur Pause machen.

(Bemerkung: „4’33“, das seinen Titel von der Dauer der ersten Aufführung erhielt, ist ein Stück Musiktheater von John Cage. Der Musiker betritt das Podium, macht Anstalten, sein Instrument zu spielen – meist wird das Klavier verwendet, ist aber nicht vorgeschrieben – hält aber inne und spielt nicht. Das Publikum, in Erwartung einer musikalischen Aktion, vernimmt mit seiner jetzt gesteigerten Hörbereitschaft stattdessen alles andere, was sich akustisch in dieser Zeit zuträgt.)

erstellt am 05.9.2012

John Cage

John Cage, der am 12. August 1992 in New York City starb, war ein amerikanischer Komponist, Maler und einer der besten Pilzkenner. Er studierte unter anderem bei Arnold Schoenberg, übte mit seinen Lectures bei den Sommerkursen 1948 am Black Mountain College einen unermesslichen Einfluss auf Maler, Tänzer, Musiker, Schriftsteller aus und löste mit seinen Happenings mittelbar die Fluxus-Bewegung aus. Seine charismatische Persönlichkeit sicherte ihm eine große Gefolgschaft, und seine Kompositionen, die mehrheitlich über Zufallsoperationen mit Hilfe des I Ging (chinesisches Buch der Wandlungen) entstanden, sind undramatisch und meistens sehr leise. Als er 1958 zum ersten Mal nach Darmstadt kam, wurde seine Musik vehement abgelehnt, weil die abendländische Musiktradition darin keine Rolle mehr spielte. Erst sehr viel später erkannte man das gewaltige Potential seiner Prinzipien, die vor allem dazu dienten, frei von Vorlieben und Abneigungen das Bewusstsein zu verändern. 4’33 ist wohl sein bekanntestes Stück.