Mit 110 beteiligten Künstlern bot die Darmstädter Ausstellung A House Full of Music (13.5.-9.9.2012) eine Fülle von Objekten, akustischen und visuellen Erlebnissen. Ausgangspunkt war der 100. Geburtstag von John Cage, der die Grenzen der Musik hin zur Bildenden Kunst überschritten hat und dessen Rezeption in der Kunst höchst vielschichtig ist. Ein gewichtiger Katalog ergänzte den Parcours. Die Faust-Redakteure Bernd Leukert und Isa Bickmann haben die Ausstellung besucht und ihre Gedanken dazu per E-Mail ausgetauscht.

Dialog über eine Ausstellung

A House Full of Music

Lieber Bernd,
Musik und bildende Kunst wurden lange als zwei unterschiedliche Seiten des künstlerischen Ausdrucks gesehen. Im Paragone, dem Wettstreit der Künste, hat man versucht, der Malerei den ersten Platz zu geben. Leonardo da Vinci äußerte sich dazu in seinen Traktaten deutlich. Die Vergänglichkeit der Musik, lange vor der Erfindung von Geräten zur Tonaufnahme, empfand er als einen großen Nachteil. Leonardo sah den Sehsinn als über den Hörsinn stehend an.
Im späteren 19. Jahrhundert hat man solche scharfen Urteile nicht mehr fällen wollen. Der Musik nahe Begriffe wie Rhythmus und Harmonie halfen fortan bei ästhetischen Urteilen. Das Musik-Erleben gehörte nun in Künstler- und Dichterkreisen unbedingt dazu. Es wurde die Synästhesie der Kunstäußerung gesucht. An dem berühmten Dienstagssalon des französischen Dichters Stéphane Mallarmé nahmen ebenso Komponisten wie Claude Debussy und Ernest Chausson als auch Künstler wie Paul Gauguin und James McNeill Whistler sowie viele Dichter der Zeit teil. Die Darmstädter Ausstellung A House full of Music blendet diesen Wandel aus, den ich als sehr bedeutend für das unglaubliche Interesse an Musik und deren Einbeziehung in Werke der bildenden Kunst erachte. Eric Satie und Marcel Duchamp stehen am Anfang des sehens- und erlebenswerten Parcours auf der Mathildenhöhe. Beide führen aber doch auch Ideen des späten 19. Jahrhunderts fort. Hättest Du auch hier eingesetzt und siehst Du hier ebenfalls den Beginn dessen, was sich um John Cage tut und in seiner Nachfolge Kunst und Musik verflechten wird? Der 100. Geburtstag von John Cage war ja der Anlass zu dieser Ausstellung.

Herzliche Grüße
Isa

Liebe Isa,
ich sehe die Nähe bildender Künstler zu den Tonkünstlern zunächst auf der Ebene der Künstlerfreundschaften – das meint die gegenseitige Sympathie der Außenseiter, denn geachtet wurden Künstler seit Beginn der bürgerlichen Gesellschaft erst, wenn sie wirtschaftlichen Erfolg hatten – und der gegenseitigen Anregung: Was sie verband, waren Ausgangssituationen, die man zweifellos als philosophische bezeichnen kann. Darüber hinaus gab es sicher immer wieder strukturelle Analogien, über die man sich verständigen konnte. Dann hört es aber, will man nicht in die Beschwörung verfallen, rasch auf mit den Gemeinsamkeiten. Da mag man in der Musik von Klangfarben sprechen (und Synästhetiker sehen wohl tatsächlich Farben, wenn sie Klänge hören, können sich aber untereinander nicht auf die gleichen Farben einigen) und unter Zeichnern, Malern und Skulpteuren von Rhythmus, – es hilft nichts, das sind sprachliche Verlegenheitslösungen. Denn Musik ist eine Zeitkunst im Raum, die bildende Kunst ist eine – wenn es gut geht – zeitlose Raumkunst (insofern sie eine gestaltete und nicht eine selbstgestaltende, wie man sie mit verwesenden Materialien einst sah).
Mit John Cage beginnt, vor allem in Europa, etwas völlig Neues. Bei ihm fließen der amerikanische Transzendentalismus und der Zen-Buddhismus in der Version des Daisetz Teitaro Suzuki zu einer Haltung zusammen, die die kommunikative Funktion der Tonkunst und der bildenden Kunst ausschließt. Freilich gab es solche Ansätze schon vorher. Sie aber waren nur als Protest gegen die (z.B. spätromantisch überbordende) Ausdruckskunst zu verstehen. Was Cage mit Satie verbindet, ist sicher die Kombination von Konzeption und Reduktion. Cages Schachpartner Duchamp war der große Dekonstrukteur des traditionellen Kunstverständnisses. Sein Objektivismus (alles und jedes kann durch Akklamation zum Kunstwerk erklärt werden, wird also von der Poiesis getrennt) kommt ohne die Künstlerpersönlichkeit aus. Aber vielleicht widersprichst Du mir erst einmal, bevor wir an das musikgefüllte Haus auf der Mathildenhöhe treten.

Herzliche Grüße
Bernd

Lieber Bernd,

der Musik eigene Begriffe auf ein Kunstwerk anzuwenden, sehe ich nicht ausschließlich – wie Du es nennst – als sprachliche Verlegenheitslösungen, auch wenn ich zugeben muss, dass sie als solche häufig strapaziert werden, vor allem wenn Kunsthistoriker versuchen, Ungegenständliches zu beschreiben. Denn die bildende Kunst sollte eine Offenheit haben, sie ist nicht allein linear erzählbar. Die Rezeption kann dem Musikhören ähnlich sein, wenn die Information “polyphon” auf den Sehsinn trifft. Paul Klee, auf dessen Affinität zur Musik auch die Darmstädter Ausstellung abhebt, ging noch weiter: Die Musik hat, wie Carola Giedeon-Welcker es einmal formulierte, Klees „bildnerische Methoden inspiriert.“ Sein Werk ist von der Idee durchdrungen, dass sich die Komposition im Raum ausdehnt, rhythmisiert wird, an psychischer Ausdruckskraft gewinnt. In der Ausstellung beschränkt man sich bei Klee leider nur auf das Kapitel „Speichern“: Klee hört Musik und setzt sie in Notenlinien bzw. motivisch um. Unter jenem Kapitel „Speichern“ findet sich ein kleines Werk von 1961 des amerikanischen Minimal Art-Künstlers Robert Morris: Ein Kiste aus Walnussholz, aus der man hört, wie sie gemacht wird: Sägen, Hämmern etc. Vor unserem geistigen Auge tut sich das auf, was beim Anblick der fertigen Box Vergangenheit ist. Der Weg zum Kunstwerk wird hier selbst Teil des Kunstwerks. Stimmt dann noch Deine Definition von der „zeitlichen Raumkunst“? Wie ist es dann, wenn Künstler selbst Töne produzieren?

Herzlichst
Isa

Liebe Isa,

wenn Künstler selbst Töne produzieren, sind sie dann Musiker? Wenn ein Komponist der Marilyn Monroe einen Schnurrbart anmalt, ist er dann ein bildender Künstler? Die Diskussion über die Definition des Künstlertums ist zwar unabschließbar, ist aber durch Fluxus – samt eines jeglichen Gesprächs über Kunst – obsolet geworden. Es fällt mir übrigens auf, dass Robert Morris' Holzkasten wie die vielen Tausend Ikea-Holzkisten keine Merkmale aufweist, die ihn als Kunstwerk auswiese (insofern ganz duchampisch!); auch die Herstellungsgeräusche sind nicht im künstlerischen Sinne gestaltet. Beides verweist zusammen auf die Idee, die bestenfalls kunstgewerblich ist. Die Pointe, die Akustik des Herstellungsvorgangs, der in der Vergangenheit liegt und deshalb verflogen ist, medial zu speichern und so mit dem Ergebnis dauerhaft beizugesellen, verdankt sich einer neuzeitlichen Speicherkapazität. Technik. (Carsten Nicolais “void 30 hz” – in Metallphiolen gefangene Töne – braucht nicht mal das: Das ist die Idee der Berliner Luft, die bis heute in Dosen verkauft wird.) Was mir nach mehreren Besuchen der „House Full of Music“-Ausstellung auf der Mathildenhöhe immer deutlicher wurde, ist der sehr lose Zusammenhang vieler Exponate und Hörexempel mit den Themen „Cage” und „Fluxus”. So als ob ein Feuerwerk aus Einfällen – vor allem Namen: der hat doch den auch gekannt, und hat der nicht auch was Zufälliges gemacht? – schnell in Szene gesetzt wurde, ohne dass die Zusammenhänge mit reflektiert erscheinen, etwa, dass Zufall bei Cage fast immer rational als Entscheidung zwischen zwei oder mehreren Möglichkeiten unter Umgehung von Vorlieben und Abneigungen eingesetzt wurde, also nichts mit Chaos oder huch! was für ein Zufall! zu tun hat. Da beeindruckt die Fülle dieser Ausstellung, das Nachdenken über das dort Wahrgenommene aber macht missmutig.

Herzlich
Bernd

Lieber Bernd,

Künstler, die Töne produzieren sind im traditionellen Sinn natürlich keine Musiker, es sei denn, es liegt hier eine unabhängige Doppelbegabung vor, die auch professionell gelebt wird, was auch von Künstlern zu erwarten wäre. Bei Deinem Ikea-Vergleich möchte ich Dir vehement widersprechen, hier geht es nämlich um Morris‘ Formensprache, die man historisch betrachten sollte – er ist einer der bedeutendsten Vertreter des amerikanischen Minimalismus – nicht um unsere Rezeption aus heutiger Sicht. Präsenz der Form im Raum, die sich hier sogar akustisch mitteilt, ist hier Morris Hauptanliegen.
Die von der Ausstellung forcierte Erwartungshaltung, dass alles Musik sei, was dort zu hören ist, löst sich spätestens hier auf. Aber wann ist etwas Musik? Anders gefragt, wie kam es zu einer Einbindung der jeweiligen Objekte in die Ausstellung? Hier gebe ich Dir unbedingt recht: Diese Schwammigkeit ist natürlich auch dem geschuldet, was der Kurator an Leihgaben zusammentragen kann, da ist dann oft der eine oder andere Kompromiss inbegriffen. Noch schwieriger gestaltete sich wohl auch der Umgang mit den Rechten, was die Musikaufführung betrifft. „Er werde nie wieder eine Ausstellung mit Musik machen“, merkte Ralph Beil bei der Presseführung sichtlich ernüchtert an.
Manche Ausstellungsobjekte verlangen ein großes Hintergrundwissen, manchmal wirkt ihre Einbeziehung trivial, wie ich das bei dem Jimi-Hendrix-Film empfunden habe, der ein Instrument zerstörte und ja damit nichts Neues erfand, aber im populären Bereich höchste Symbolkraft erreichte. Das ab und an aufkommende Gefühl der Beliebigkeit scheint mir überdies verursacht dadurch, dass mit Fluxus nach dem Beuysschen Diktum „Jeder Mensch ein Künstler“ – auch „Jeder Mensch ist ein Musiker“ gelten muss: „Musik ist all das, was sich um uns herum akustisch ereignet“, heißt es im Katalogtext zu John Cages „4‘33“. Das steht ganz im Sinne der Einheit von Kunst und Leben. Die ambitionierte Themenstellung war deutlich zu umfangreich: Wir machen was zu John Cages 100. Geburtstag, zum Fluxus-Jubiläum, zeigen, wie weitreichend seine Ideen gewirkt haben und setzen uns zum Ziel „die Wege der Allianz von Kunst und Musik zurückzuverfolgen und deren Besonderheiten im 20. und 21. Jahrhundert zu extrapolieren.“ (Katalog, S. 12) Das Bemühen der Mathildenhöhe, dies alles unter einen Hut zu bringen, zeigt sich in der sehr systematischen Gliederung, die sich an Leitbegriffen orientiert, wie Sammeln, Collagieren, Möblieren, Speichern, Schweigen, Zerstören, Rechnen, Wiederholen, Spielen, Fühlen, Glauben. Deutlich ist diese – zutiefst kunsthistorische – Herangehensweise zu spüren, aber sie hat mich überzeugt. Denn wie anders könnte man Musik ausstellen? Vielleicht sind wir noch zu nah an den sechziger Jahren, als dass wir wirklich die Dimensionen der Rezeption werten und einordnen könnten? Dazu bräuchte es noch ein paar Folgeausstellungen.

Viele Grüße
Isa

Liebe Isa,

Du hast natürlich recht mit der Entgrenzung der Musik, die ja recht eigentlich eine De-Definition ist. Ist das Musik? John Cage antwortete: Wenn Du das nicht für Musik hältst, nenn' es einfach anders. Nennen wir doch auch die Bildende Kunst anders! Und Ausstellung müssen wir dann freilich auch anders nennen. Denn es geht schließlich um irgendetwas, was man nicht anders als über Sammeln, Collagieren, Möbilieren, Speichern, Schweigen, Zerstören, Rechnen, Wiederholen, Spielen, Fühlen oder Glauben wahrnehmen bzw. zur Kommunikation freigeben kann. (Der Katalog ist im Übrigen ausgezeichnet. Die Struktur dieser großen Schau ist darin einsichtiger als in den Räumen selbst.) Das liest sich wie eine Polemik, ist aber nur eine Konsequenz unserer Überlegungen. Etwas muss ich unbedingt noch erwähnen. Jeweils nach dem Durchgang durch das Haus Mathildenhöhe begab ich mich in den darunter liegenden Wasserspeicher, wo Heiner Goebbels' Installation “Genko-An 64287” zu sehen ist. Bei allem, was ich vorher bemerkt und entdeckt hatte, werden mir diese geheimnisvoll schwebenden Figuren, von denen man nicht weiß, ob sie dem Mauerwerk oder dem Wasser angehören, in Erinnerung bleiben. Im Untergrund fand ich den Höhepunkt des musikgefüllten Hauses.

Herzlich
Bernd

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erstellt am 05.9.2012

A HOUSE FULL OF MUSIC
Strategien in Musik und Kunst

Mathildenhöhe

Robert Fillious „Musique télépathique No. 21“

Ausstellungsansicht mit
Robert Fillious „Musique télépathique No. 21“ im Vordergrund [Denken], im Hintergrund Laurie Andersons „Handphone Table“ und Bernhard Leitners „Tonliege“ [Fühlen]
Foto: Wolfgang Günzel
© Institut Mathildenhöhe Darmstadt

Carsten Nicolai [Rechnen]

Ausstellungsansicht mit
„void 30 hz (7 bit, 9 bit, 11 bit)“ von Carsten Nicolai [Rechnen]
Foto: Wolfgang Günzel
© Institut Mathildenhöhe Darmstadt

Jimi Hendrix „Wild Thing – Live at Monterey“

Ausstellungsansicht mit
Jimi Hendrix „Wild Thing – Live at Monterey“ und dem Video „Autobahn“ der Band Einstürzende Neubauten [Zerstören]
Foto: Wolfgang Günzel
© Institut Mathildenhöhe Darmstadt

Sound- und Videoinstallation „Genko-an 64287“ von Heiner Goebbels

Sound- und Videoinstallation „Genko-an 64287“ von Heiner Goebbels im Wasserreservoir der Mathildenhöhe Darmstadt
Foto: Wolfgang Günzel
© Institut Mathildenhöhe Darmstadt

Arnold Schönbergs „Bündnis-Schach“

Ausstellungsansicht von

Arnold Schönbergs „Bündnis-Schach“ [Prolog]

Foto: Wolfgang Günzel

© Institut Mathildenhöhe Darmstadt

Katalog

Der Katalog

A House Full of Music

Hrsg. von Ralf Beil und
Peter Kraut

Verlag Hatje Cantz

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