In seinen Memoiren „Die Kunst stillzusitzen: Ein Skeptiker auf der Suche nach Gesundheit und Heilung“ (2010), beschreibt Tim Parks, wie buddhistische Meditation ihm geholfen hat, krisenhafte Zustände und chronische Schmerzen zu überwinden. Nun lässt er seinen neuen Roman in einem buddhistischen spirituellen Zentrum spielen, wo die Hauptfigur nach seelischer Heilung sucht. Der Roman wurde gerade ausgeliefert, aber Jan Wilm hat ihn für Faust-Kultur schon gelesen.

Buchkritik

Tim Parks: »Sex ist verboten«

Von Jan Wilm

„Ich bin hier nicht gefangen. Ich kann jederzeit gehen. Die Helfer schwören keinen Eid, dass sie bleiben werden.“ Beth Marriot, die junge, sprunghafte Erzählerin von Tim Parks’ Roman „Sex ist verboten“, die einmal diese Worte spricht, wenn sie ans Weggehen denkt, ist lange keine Schülerin mehr im Dasgupta-Institut, einem buddhistischen Retreat, wo Sex verboten ist. Beth ist seit Monaten freiwillige Helferin in der Küche jenes Meditationszentrums, und in Wirklichkeit spricht sie diese Worte gar nicht, sondern schreibt sie auf. Schreiben ist im Dasgupta-Institut ebenfalls verboten, und die ehemalige Sängerin einer Punkband verbessert kurz darauf ihre Äußerung, wenn sie schreibt: „In Wirklichkeit denke ich nicht ans Weggehen.“

Im Allgemeinen sucht Beth nach Verbesserung im Dasgupta Institut – Verbesserung ihrer selbst. Sie ist hier, um ihre flatterhaften Gedanken zu beruhigen, sie lernt zu meditieren und zu schweigen. Beth ist hier, weil sie einen Schmerz ihrer Vergangenheit vergessen möchte, und sie will nicht gehen, ehe sie ihn ausgelöscht hat. Die Meditation hilft ihr, den erinnerten Schmerz ein wenig auf Distanz zu halten. Was diesen Schmerz ausmacht, erfährt der Leser lange nicht, und das Ausmaß ihrer Dämonen ist nur daran abzulesen, wie lange sie schon im Dasgupta-Institut wartet, meditiert und schweigt. Nach einem geplanten Aufenthalt von nur zehn Tagen, ist Beth nun schon so lange hier wie die Dauer einer Schwangerschaft. Nur ganz vergessen kann sie nicht. Sie erzählt sich und uns von der Beziehung zu zwei Männern: Ihrem jungen Freund, den Beths Eltern sich als Schwiegersohn wünschten, und einem älteren Maler, mit dem Beth den Wunsch ihrer Eltern betrog. Beths Lebensmänner stehen beide in direkter Verbindung zu einem tragischen Unfall in einer Nacht während eines Urlaubs am Meer.

Wie gewöhnlich im Falle von schmerzhaften Erinnerungen, ist es schwierig etwas auszulöschen, das gerade weil es fortgestoßen wird, immer wieder zurückgeschossen kommt, wie ein Ball an einem Gummiband. Je wütender Beth wegwirft, was geschehen ist, desto deutlicher schnellt es zu ihr zurück. Beth hat ihr tragisches Erlebnis so sehr vor sich selbst leugnen wollen, dass ihr Geist sich nun zu vergewissern scheinen möchte, was genau es eigentlich war, das sie vergessen wollte. Doch das Spiel mit dem Zurückerinnern des schmerzhaftesten Moments ihres Lebens ist auch eine Koketterie mit dem eigenen Leiden, ein Suhlen im Selbstmitleid, als könne sie sich vom Schlamm reinwaschen, indem sie sich im Schlamm wälzt. Beth weiß das. „Du liebst deinen Schmerz zu sehr“, schreibt sie einmal in ein Tagebuch. Allerdings nicht in ihr eigenes. Durch einen Zufall findet sie im Schlafraum eines Schülers einige Hefte mit den Aufzeichnungen eines älteren Mannes, der für zehn Tage ins Dasgupta-Institut gekommen ist, um seine eigenen Dämonen zu bezwingen. Beth kann seine Tagebücher nicht mehr aus der Hand legen, und sie schleicht sich wieder und wieder heimlich in das Zimmer des Mannes, um weiterzulesen, mehr zu erfahren, den Schlüssel zu seinem Schmerz zu erlangen, wie die Auflösung zu einer Geschichte. Bald schon schwappt der Drang nach Auflösung in ihr eigenes Leben über, und sie läuft noch einmal die Spuren ihrer Lebensgeschichte bis hierhin ab.

Durch Beths wachsende Faszination mit dem Tagebuch und seinem Schreiber, den die junge Frau nur durch seine Worte kennen lernt, an einem Ort, der die Wortlosigkeit zelebriert, höhlt der Roman die Leben zweier Menschen aus, die augenscheinlich unterschiedlicher nicht sein könnten, aber doch eine Leidensgeschichte teilen, die Beth einmal sagen lässt, sie glaube, sie lese ihr eigenes Tagebuch. Die beiden kennen das Gefühl, sich in einem statischen, versehrten Leben zu finden, das sie sich eigentlich ganz anders vorgestellt hatten, sie kennen beide das Empfinden der eigenen Wertlosigkeit, das Gefühl, sie dürften nicht geliebt werden. Doch während Beths Klage in einem schlichteren und doch aufgewühlten Ton geschieht, ist die Stimme des älteren Mannes, den Beth lediglich durch seine Initialen GH kennt, eine Stimme voll manischer Assoziationen und einer harten Offenheit, die Beth sich vielleicht für sich selbst wünscht. Beths Tagebuchschreiber, wie sie ihn liebevoll possessiv nennt, legt unumwunden auf Papier offen, woran seine Lebensgeschichte stockt: Eine erdrückende Ehe, eine schwierige Tochter, ein Verlagshaus kurz vor dem Bankrott. Durch seine Offenheit und die Ähnlichkeit ihrer Gefühlswelt zu diesem Fremden, beginnt Beths Absturz in das Geheimnis ihrer eigenen Erinnerung, warum sie hier im Dasgupta-Institut auf eine Veränderung wartet.

Es ist der Verdienst des Romans, dass die kontinuierliche Verzögerung um die Auflösung von Beths Geheimnis kein einfacher erzählerischer Trick ist, sondern in Beths komplexem Charakter begründet liegt. Wenn Beth diesen tragischen Scharniermoment ihres Lebens, durch den sich alles veränderte, dem Romanleser verschweigt, so ist dies nicht der abgedroschene Versuch, einen großen Enthüllungsmoment im Dienste der Spannung ans Ende der Geschichte zu legen. Viel eher wurzelt diese Verzögerung darin, dass Beth einen uneigentlichen Blick auf ihre Vergangenheit wirft, vor sich selbst verschweigt, was sie vielleicht nur durch das Ausdrücken des Geschehenen verarbeiten könnte.

Nur durch die Parallelen zwischen Beth und ihrem Tagebuchschreiber enthüllt sich allmählich auch ihre eigene Lebensgeschichte, die sie wie eine schwere Schleppe hinter sich her zieht. Der Roman, den wir schließlich zu lesen bekommen, ist ein weiteres Tagebuch, Beths eigenes, in das die Aufzeichnungen des unbekannten Tagebuchschreibers immer wieder einschneiden und so ihren eigenen Text zerreißen und durchbrechen, wie ihre schmerzlichen Erinnerungen ihren Geist. Parks gelingt hier etwas Erstaunliches: Ein Roman, der die innere Unruhe Beths durch eine sprachliche Gelassenheit darstellt, die kontinuierlich im Widerstreit ist mit einer frenetischen Unruhe, wenn der Tagebuchschreiber von seinem Leben berichtet. Allmählich ist es so, als würde Beths Schreibe von seinem Stil beeinflusst, so wie ihre Gedanken vollkommen von ihm und seinem Leben überrannt werden. Mehr und mehr nimmt ihr Stil seine Züge an, und das immer dann, wenn die Erinnerung an die Tragik ihres Lebens durch die ruhige Oberfläche bricht. Auf vielschichtige Weise zeigt der Roman das zerrüttete Innenleben der Ich-Erzählerin, zerreißt bald ihren Gedankenfluss mit Textnachrichten, Email-Fragmenten, Wortspielen und immer wieder mit plagenden Erinnerungen, die in das ruhige Narrativ platziert sind wie präzise ausgeführte Stiche mit einem dünnen Messer. Der Kunstgriff ist, dass diese Schnitte, dieser experimentelle Umgang mit Form und Sprache, bedrückend und humorvoll zugleich wirken. Doch wenn sich Beths Gedanken wieder beruhigen, wirkt der Roman oft von einer Schwermut und einer Ruhe durchzogen, die wie die kurze Stille wirkt, wenn ein Lachen verstummt. Dann kehren ihre Gedanken zu Beschreibungen der Räume des Dasgupta-Instuts, zu den Düften und Farben des frischen Gemüses, das Beth in der Küche zubereitet, oder zu den kleinen Kaninchen, die durchs Morgendunkel im Garten hoppeln: „Nichts tut weh vor der Dämmerung. Man geht im Dunkeln zur Meditationshalle. Die Morgenluft ist weich, alles ist feucht und taugetränkt, und es ist ganz still.“ Diese Stille und diese hart erarbeitete Ausgeglichenheit sind es, die der Roman immer wieder ausspielt gegen die Kommunikationswirren der Gegenwartsgesellschaft. Wenn Beths plagende Erinnerungen aufkommen, sind sie meist ausgelöst durch Worte aus E-mails und Textnachrichten, die sich in ihr Gedächtnis eingebrannt haben. Die Beziehungen in Beths Leben schienen alle durch Worte markiert und festgehalten worden zu sein, und so wie die Textnachrichten ihres älteren Liebhabers nicht mehr aus ihrer Erinnerung zu streichen sind, so zerreißen sie ebenfalls immer wieder den ruhigen Stil des Buches, das Beth uns schreibt.

Das moderne Kommunikationsgewirr, scheint der Roman zu zeigen, ist auch eine Formen des Schreibens, verwandt mit dem Schreiben eines Tagebuchs, oder sogar dem Verfassen eines Romans. „Sex ist verboten“ handelt nicht so sehr von Meditation und nicht so sehr von Sex wie von Sprache. Und vom Schreiben. Der Roman verhandelt die alte Frage, ob man sich durchs Schreiben heilen kann, die Dämonen erfolgreich aufs Papier exorzieren kann, oder ob man sie durch die Verschriftlichung erst festhält, ihnen gewissermaßen Namen gibt, bei denen man sie dann immer wieder unwillkürlich zu sich zurückruft.

Tim Parks’ herausragender fünfzehnter Roman ist ein Seitenstück zu seinem 2010 erschienenen Sachbuch „Die Kunst stillzusitzen“ über Parks’ eigenen langen, schmerzhaften Weg von einem unruhigen, von psychosomatischen Leiden geplagten Menschen zu einem ruhigeren Autoren. Im Herzen des Sachbuchs steckte das Schriftstellern anheimfallende Problem mit den Wörtern, jenem Drang, alle gemachte Erfahrung, jeden geworfenen Blick sofort zu verworten und somit den Geist wie den Körper mit einer Flutwelle von Wörtern förmlich zu ertränken. In „Sex ist verboten“ fiktionalisiert Parks den Kampf mit den Wörtern und macht daraus eine schmerzliche Geschichte, die wie eine Schlacht gegen eine übermächtige Droge wirkt, gegen den Dämonen Sprache, den wir klugen Tiere schlussendlich nur durch den Tod besiegen.

Durch die Narrative, die Beth und ihr Tagebuchschreiber aus ihrem Leben formen, dekonstruiert Parks die Gretchenfrage der Literatur: Brauchen wir Geschichten überhaupt? „Was machen Geschichten denn anderes, als den Schmerz zu glorifizieren?“, fragt einmal Beths Tagebuchschreiber, und auch Beth vertritt die Meinung, dass nichts Gutes von Geschichten kommen kann. Dies ist allerdings auf zwei verschiedene Arten zu verstehen. Zum Einen bezeichnet es Beths Angst, durch die Erzählung ihres tragischen Moments für immer an ihn gefesselt zu bleiben. Zum Anderen aber ist dieser Satz durchaus wörtlich zu nehmen: Nichts Gutes kommt von Geschichten. Richtig: Literarische Geschichten sind dann Geschichten, wenn sie verkomplizieren. Ein russischer Jurastudent, der in einer Mietwohnung in Sankt Petersburg haust – eine langweilige Geschichte. Stattet der junge Student aber seiner Vermieterin einen Besuch ab und bringt eine Axt mit – dann wird die Sache literarisch. Besonders die Literatur der Moderne scheint Problemgeschichten zu fordern und zu fördern – je größer die Probleme, umso größer die Literatur. Parks’ Roman bietet dafür einen subtilen, aber substantiellen Gegenentwurf an. Zwar ist Beths Geschichte durchaus das Material für große Literatur, doch nicht deshalb ist Parks’ Roman ein nachhallendes, großartiges Buch, sondern weil weder Beth noch Parks den Schmerz schließlich zu sehr lieben.

Am Ende erzählt die junge Frau ihre tragische Geschichte. Doch so unaufdringlich wie der Stil des gesamten Romans schließlich wirkt, so unaufdringlich ist letztlich auch Beths Enthüllung. Nicht mit einem japsenden Heureka erfahren wir, was wirklich geschehen ist, sondern auf eine beinahe stille Weise, die weniger mit einem Ende als einem Wiederbeginn des Neuen gemein hat. In einem kurzen Moment findet Beth die Ruhe, Worte für etwas zu suchen, von dem sie nicht sicher ist, wie sie es formulieren soll. Doch die Worte kommen, die Geschichte kommt. In einer der ergreifendsten Passagen, die Parks bislang verfasst hat, spricht Beth von der Geschichte des Lebens, und nicht nur von ihrer eigenen. Wenn sie sich befreit und schließlich Worte dafür findet, warum genau sie neun lange Monate in einem entlegenen Meditationsinstitut verbracht hat, dann ist der Grund dafür ein ganz anderer als nur eine tragische Geschichte.

Jan Wilm

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BUCHKRITIKEN

Kommentare


Werner Mikus - ( 05-09-2012 04:28:06 )
Die Macht der Geschichten, die Macht der Sprache überschätzen wir diese? Der Roman weist offenbar darauf hin, dass es vor allen Dingen Verhältnisse sind, die - mit dem zusammenfallend, was uns bewegt und was wir tun - auf ein Auserzählen drängen, und das heißt: auf Geschichten drängen. Es sind universale Verhältnisse, die erst in der dramatischen Auserzählung von Geschichten in ihrer Mächtigkeit gesehen werden, die auf diesem Wege aber ebenso auch zerredet werden können. Die Buchbesprechung macht mich sehr neugierig.

Konrad Taktinger - ( 06-09-2012 08:46:04 )
Dass der Tim Parks dort war, ist der klug aufgebauten Geschichte anzumerken.Und dass er behutsam mit dem leben und den darin eingeschlossenen menschen und ihren Vernetzungen, Verwebungen umgeht. Ich mag diesen Autor schon lange. Soviele Tagebuchausschnitte von einem fiktionalen Mann an die eine gwiefte Frau herankommt und sich miteinschreibt- wie im wirklichen Leben von Begegnungen, hat er narrativ kongenial gelöst.Auszulesn wie ein langes retread- in einem durch.

- ( 08-03-2013 01:20:34 )
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- ( 08-03-2013 02:19:49 )
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- ( 12-03-2013 09:41:40 )
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- ( 12-03-2013 10:10:20 )
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erstellt am 05.9.2012

Tim Parks
Tim Parks

Tim Parks, in Manchester geboren und in London aufgewachsen, lebt seit 1981 in Italien. Er hat Romane, Sachbücher und Essays geschrieben, die ihm bei der Kritiker ebenso wie beim Publikum Erfolg eingebracht haben.

Tim Parks
Sex ist verboten
Aus dem Englischen
von Ulrike Becker.
Verlag Antje Kunstmann, 2012.

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