Buchkritik

Allerlei Träume

Zum 150. Geburtstag von Arthur Schnitzler ist eine sorgfältig edierte Ausgabe seines Traumtagebuchs erschienen.

Von Stefana Sabin

„Ich träumte heute Nacht,“ notiert am 23. Oktober 1875 der dreizehnjährige Arthur Schnitzler. Damit fängt eine besondere Art Tagebuch an: ein Traumtagebuch, an dem er sein Leben lang weiterschreiben wird und das Bestandteil der Autobiographie ist. Denn die Träume lassen Ereignisse des alltäglichen ebenso wie des emotionalen Geschehens nachvollziehen und geben einen Eindruck von der Befindlichkeit des Träumenden – und in diesem Fall nicht zuletzt von seiner dichterischen Entwicklung.

„Traum sehr lebhaft“ oder „Sehr unklare Träume“ oder „Allerlei Träume“ oder einfach „Träumte diese Nacht“ oder noch einfacher „Traum“ – so fangen die meisten Notate an. Danach werden die Träume ausgeführt. Es sind erotische Träume („Hatte lebhaft erotischen Traum von Alma; sie hatte nur Bedenken wegen Werfel.“ 9.12.1922), Angstträume („Neulich ein Traum, in dem ich geteilt in zwei gleiche vollständige Ichs …“ 27.11.1926), Krankheitsträume („Ein Traum, dass ich mit einigen (wem?) 3 oder 4 (Familie?) bei Tisch sitze, mit einem plötzlichen wütenden Magenschmerz in Ohnmacht falle oder zurücksinke, oder sterbe.“ 14.9.1930). Krankheit und Tod sind wiederkehrende Motive, aber auch die dichterische Existenz ist öfters Quelle von Angstträumen: „Wieder ein Traum vom verlorenem und wiedergefundem Manuskript.“ (26.12.1922). Ständig träumt Schnitzler vom Theater, und als er überlegt, Freud als Patient aufzusuchen, träumt er vom Wartezimmer in der Berggasse als einem Bühnenraum! „Träumte diese Nacht: Wartezimmer, aber irgendwie Theatersaal, privat, bei Freud. Ich als Patient.“

Als Patient war Schnitzler nie bei Freud, aber er war mit dessen Theorien vertraut. Tatsächlich schien Schnitzler Laientraumdeutung betrieben zu haben, wie das Traumtagebuch, das nun zu seinem 150. Geburtstag in einer vorzüglich edierten Ausgabe erschienen ist, erkennen lässt.

Die Ausgabe basiert auf dem Typoskript, das Schnitzlers Sekretärin zwischen 1921 und 1931 nach Diktat der handschriftlichen Traumnotate anfertigte. Die Herausgeber Peter Michael Braunwarth und Leo A. Lensing haben Traumnotate aus den Tagebüchern und den Handschriften hinzugenommen (und typographisch markiert), um chronologische Lücken zu schließen, und haben einen aufschlussreichen Anhang zusammengestellt, in dem Tagebuch und Traumtagebuch aufeinander bezogen werden.

Schnitzler erweist sich nicht nur als subtiler Beobachter der eigenen Stimmungen, sondern auch als geschickter Selbstdeuter, der Verbindungen zwischen Traum- und Alltagsgeschehen herstellte und Spuren von Tagesängsten in Traumepisoden freilegte, und ganz im Freudschen Sinn sah er die Entschlüsselung der Träume als Weg zur Selbsterkenntnis. Zwar hat er die Notate sowohl beim Niederschreiben als auch beim Diktieren überarbeitet, ihnen aber dennoch eine Authentizität von großer poetischer Wirkung belassen.

Freud attestierte Schnitzler denn auch eine „feine Selbstwahrnehmung“ und sah in ihm einen „psychologischen Tiefenforscher,“ einen Doppelgänger eben. „Ich habe immer wieder,“ schrieb ihm Freud 1922 zu seinem 60. Geburtstag, „wenn ich mich in Ihre schönen Schöpfungen vertiefe, hinter deren poetischem Schein die nämlichen Voraussetzungen, Interessen und Ergebnisse zu finden geglaubt, die mir als die eigenen bekannt waren. Ihr Determinismus wie Ihre Skepsis – was die Leute Pessimismus heißen –, Ihr Ergriffensein von den Wahrheiten des Unbewussten, von der Triebnatur des Menschen, Ihre Zersetzung der kulturell-konventionellen Sicherheiten, das Haften Ihrer Gedanken an der Polarität von Lieben und Sterben, das alles berührte mich mit einer unheimlichen Vertrautheit.“

Diese „unheimliche Vertrautheit“ macht Schnitzers Traumtagebuch deutlich. Denn wie Freud hat Schnitzler die Träume als wichtige Informationsquelle über die unbewussten Erlebnisweisen gesehen. Aber während Freud die Deutung der eigenen Träume als Sprungbrett in die Theoriebildung diente, formte Schnitzler aus Traumelementen dichterisches Material.

So ging ein „Nacktheitstraum,“ den er zuerst in Freunds „Traumdeutung“ gelesen und dann selber geträumt hatte, als Handlungsepisode in „Leutnant Gustl“ ein, jene Novelle von 1900, die den kontinuierlichen inneren Monolog zum narrativen Gestaltungsprinzip machte.

Überhaupt kommen Schnitzlers Lektüren als Tagesreste in den Träumen vor: „Träume u.a. dass ich mit Heini in irgend einer fremden Stadt in einer Buchhandlung bin. Ich finde einzelne Bände von einem grossen französischen Roman,“ und er fügt die Deutung hinzu: „… lese Zola, die von Lucy Jacobi übersetzte Nana, mit mässigem Behagen.“ Immer wieder spiegelt sich die Lektüre im Traumgeschehen wider und manche Lektüren – wie diejenige der „Traumdeutung“ oder der Hebbelschen Tagebücher – rufen eine besonders rege Traumaktivität hervor.

Den geträumten Erlebnissen unterstellte Schnitzler einen symbolischen Gehalt und bemühte sich, ihn zu verstehen – und gab manchmal selbstironisch zu: „Zuweilen gibt sich der Traumgott mit seiner Symbolik keine sonderliche Mühe.“

Vita: Stefana Sabin

Siehe auch:
BUCHKRITIKEN

erstellt am 02.9.2012

Arthur Schnitzler, um 1912
Arthur Schnitzler, um 1912

Arthur Schnitzler
Träume
Das Traumtagebuch 1875-1931
Herausgegeben von Peter Michael Braunwarth
und Leo A. Lensing
494 Seiten
Verlag Wallstein, Göttingen 2012

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