Der Adorno-Preis der Stadt Frankfurt ist in diesem Jahr Judith Butler zugesprochen worden, die an der UCBerkley Rhetorik und vergleichende Literaturwissenschaft unterrichtet und dem Poststrukturalismus zugerechnet wird. Butlers allgemein umstrittene politische Positionen (zum Beispiel, dass die paramilitärische Organisation Hisbollah, die erklärtermassen „die Verwirklichung des islamischen Staates unter der Herrschaft religiöser Rechtsgelehrter“ anstrebt, eine linke Organisation sei) und ihr vehementes Eintreten für die antiisraelische Kampagne „Boycott, Divestment and Sanctions“ haben eine Kontroverse über die Adorno-Preisverleihung hervorgerufen. Für Faust-Kultur kommentiert Detlev Claussen die Preisverleihung und die entstandene Diskussion.

Kommentar

Preis des Grabes, Grab des Preises?

Eine kurze Mitteilung an die Freunde Adornos

Von Detlev Claussen

Adorno hat in Frankfurt sein Grab gefunden, doch das hat seinen Preis: den alle drei Jahre verliehenen Adorno-Preis. 2012 soll ihn Judith Butler bekommen. Skandal geschrieen? Butler hat sich politisch idiotisch zu Israel geäußert. Watchdogs, die weltweit überwachen, was akademische Prominenz zu Israel, den USA und den Muslimen zu sagen hat, drängten den „Zentralrat der Juden“ aktiv zu werden: Adornopreis an eine Antisemitin und, wenn schon jüdisch, dann sogar an eine „Selbsthasserin“?

Es gibt zwei Seiten – die Adornopreisverleihung und die watchdogs. Ja, Judith B. ist jüdisch, identifiziert sich aber nicht mit Israel. Nein, antisemitisch ist sie nicht. „Selbsthass“ ist eine von Weininger entwendete vulgärpsychologische Kategorie, die watchdogs gerne verwenden, um die Kritik von Juden an israelischer Politik in die antisemitische Ecke zu stellen.

JB ist eine weltberühmte akademische Idiotin (in der universitären Familie). Sie gehört zu den Spitzenstars der akademischen Verpackungskünstler, die keine Beziehung zu irgendeiner Sache haben, sondern nur zu ihrer eigenen Schaustellerei. Man hätte genauso gut Zizek, Agamben oder Sloterdijk den Adornopreis verleihen können. Sie alle sind in der Selbstdarstellung geschickt, haben zu allem und jedem etwas zu sagen, was kaum einer versteht, der nicht in ihren Spezialsprachen geschult ist. Ihre Schriften und Reden sind die letzten Atemzüge einer Postmoderne, die sich in der Produktion von „elegantem Unsinn“ (Sokal/Bricmont) erschöpft hat. Selbstreferentieller Akademismus, der aber über Massenmedien zu kommunizieren gelernt hat. Partielle Schläue in der Selbstvermarktung, also Halbidiotismus.

Der Zwang, sich als großer Intellektueller aufzuführen und zu jedem originelle Meinungen zu präsentieren, decouvriert sich manchmal als politischer Vollidiotismus. Butlers Behauptung, Hizbollah und Hamas seien Teil einer „globalen Linken“, ist weder antisemitisch noch selbsthasserisch, sondern realitätsunabhängig und voll dumm. Eine „globale Linke“ gibt es ebenso wenig wie die Weisen von Zion. Das wird nicht dadurch besser, dass es weltweit einen Haufen von dummen Linken gibt, die nicht erkennen können, dass islamistischer Fundamentalismus und Linke eine contradictio in adiecto ist. Antiimperialismus dagegen ist kein linkes Alleinstellungsmerkmal; auch die Nazis sahen sich als Antiimperialisten. Butlers Äußerungen zum Nahen Osten sind Dokumente politischer Ahnungslosigkeit.

Andere Seite: Korruption aller Begriffe durch die watchdogs – sie, die allezeit gegen political correctness hetzen, verdammen aus politischen Gründen und reaktionären Universitätsinteressen alle, die nicht ihre Glaubenssätze unterschreiben. Für sie ist alles legitimer War on Terror: Flächenbombardement, gezielte Tötungen, Folter im Verhör, Vergiftung der akademischen Atmosphäre. Diese Koalition hat schon die letzten Lebensjahre des klugen Tony Judt vergiftet. Der massenmediale Alarmismus der watchdogs erinnert an den Kalten Krieg: Gesinnungsschnüffelei mit dem Hinweis auf die totalitäre Gefahr. Dabei sind ihre Aktivitäten die Gefahr für die Freiheit selbst …

In der Kritischen Theorie, wie sie von Adorno mitbegründet wurde, lässt sich die theoretische Erkenntnis nicht von der politischen Einsichtsfähigkeit trennen. Die Verleihung des Adornopreises folgt anderen Kriterien: Die glamourösen Namen schon berühmter Preisträger sollen weltweit glänzen, ihre Beziehung zur Kritischen Theorie ist egal. Sonst hätte den Adornopreis der gerade verstorbene Alfred Schmidt oder die noch lebenden Oskar Negt und Martin Jay längst bekommen müssen. Die Trennung von Theorie und Politik gehört zur invention of tradition, die Jürgen Habermas seit seiner Rückkehr nach Frankfurt Mitte der achtziger Jahre begründet hat. Seine entpolitisierte Version der „kritischen Theorie“ ist ein globales universitäres Projekt des gemäßigten Fortschritts in den Grenzen der akademischen Gesetze. Da kann man schon mal eine politische Vollidiotin in Kauf nehmen, wenn sie nur in der scientific community einen großen Namen hat – siehe Judith Butler.

erstellt am 02.9.2012

Adornos Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof
Adornos Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof

Am 11. September 2012 wird in der Frankfurter Paulskirche der Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt an die amerikanische Philosophin Judith Butler verliehen.