Das Halbe Wort

Marjana Gaponenko

Marjana Gaponenko fasziniert mich. Weil sie so anders ist als ich. Sie schreibt „traditionell“ im stillen Kämmerlein, wie sie selbst sagt – sie könne nicht im Zug schreiben, in einem Café, irgendwo draußen mit einem Campari Orange … Ich schreibe gerade im Zug, gerade im Café – ich genieße dabei auch einmal etwas Leckeres, und nebenher laufen noch Facebook und Co, ich schreibe quasi öffentlich. Es gibt aber noch einen größeren Unterschied, der sich vielleicht gerade aus dieser Arbeitshaltung ergibt: Sie ist interessiert an Tiefe, an einer tieferen Klarheit, die nicht benannt werden müsse. Sie möchte keine Handlung erzählen, keine Geschichte, kein die-Person-ist-so-und-so und die-Person-hat-die-und-die-Eigenschaft … Eines Tages wachte sie auf und sagte sich, dass sie einen Sinn im Leben brauche – und plötzlich wurde ihr gewahr, dass dieser Sinn im Leben das Schreiben ist …

Ihre andere Herkunft sieht man auch den Texten an: Im neuesten Roman schreibt sie über einen Ornithologen aus der Ukraine, in „Das Warten“ schreibt sie von Frau Semjonowa und Herrn Ivanov. „Das Warten“: Ein üblicher Zustand im Sozialismus? Jahre auf das Auto warten müssen, es sich vielleicht sogar „symbolisch“ verdienen? Oder ist es eher das Warten „auf den Sinn im Leben“? Gaponenko scheint diese Berufung wirklich gefunden zu haben: Sie hat uns etwas zu sagen, etwas, das eigentlich unsagbar bleibt, mehr ein Gefühl ist, eher emotional als rational verstanden werden kann – doch: man muss sich darauf einlassen!
Jannis Plastargias

Das Warten

Das Warten ist einer der seltsamsten Zustände, in die man
sich freiwillig zwingt. Es überfällt uns nicht auf offener
Straße wie Erstaunen oder Begeisterung. Das Warten wurde
vom Menschen für die Bequemlichkeit des Lebens erfunden,
und es ist wiederum das Warten, das das Leben auch so
unbequem macht. Man verpasst die Straßenbahn, weil man
auf den Bus wartet. Man verdirbt sich die Augen, weil man
voller Erwartung in die Ferne schaut. Frau Petrova hat
gewartet und ist gestorben. Frau Leskowa hat gewartet und
ist gestorben. Herr Ivanov hat lange gewartet und ist
gestorben. Und Frau Semjonowa hat nicht gewartet und
ist auch gestorben. Man wartet auf die Wurst im
Lebensmittelgeschäft und man bekommt Käse. Man wartet
auf die ersten Schneeglöckchen und man bekommt Pilze
stattdessen. Warten macht wahnsinnig. Es sitzt uns aber
tief im Blute. Wird ein Kind geboren, fängt es sofort an
zu warten. Worauf weiß niemand so genau.

La bocca

Ach warum bist du auf deinem Mund zum Wald geritten, armes Mädchen? Jetzt sitzt du da als Eule in dem Baum, 
du kommst nicht weg. Dein Mund zog dich in einen Traum hinein, dein Mund hat dich verraten, der rote Feind – 
dein Freund, wo ist er jetzt?
Er zittert selbst als Schnecke im Gebüsch, er klappert ein Gebet. 
Die Worte schauen mit den Beerenaugen feucht hinauf, 
von ihm zerstreut, als Münzen eben noch und jetzt?
gar nicht der Rede wert. Du kommst nicht weg, du Mädchen, 
und dein Mund? er welkt, er welkt schon ohne dich 
und findet nicht den Weg.

Ein Tag am Fluss

(September)

Du sagst: ich möchte Welle sein,
ein Kieselstein in Mädchenhand,
die Ader in dem Blatt, das fällt.
Sein möchtest du.
Das röchelt laut dein Blut.
Das knirscht dein Zahn.
Sei ohne Furcht!
Er macht es wahr – der Sonnenstrahl, der dich durchstößt,
dich, Schmetterling, dich, Admiral.
Und dieser Donnerhall, hör zu,
er spricht aus mir heraus,
was du nur hoffst …

Helle Nacht

(September II)

Es war nicht der Wind der sich lehnte
an den schweren Vorhang der Luft.
Es war nicht er, der die Sterne abzählte
wie Bonbons hinein in den Mund.
Sein Lehrling mit Schatten am Strick,
sein Lehrling, der zärtliche Blick – er ging durch den Garten.
Jedes Schicksal vergeht, Freund.
Jeder mächtige Wunsch, jeder Ruf,
alles verhallt und erstirbt,
alles, nur nicht dieser Schritt,
nicht der Schritt dieser Wimpern
im Dunklen.

Siehe auch:
DAS HALBE WORT

erstellt am 02.9.2012

Marjana Gaponenko
Marjana Gaponenko

Marjana Gaponenko wurde 1981 in Odessa (Ukraine) geboren, studierte dort Germanistik und lebt heute nach Aufenthalten in Krakau und Dublin in Mainz. Sie schreibt seit ihrem sechzehnten Lebensjahr auf Deutsch. 2009 wurde sie mit dem Frau Ava Literaturpreis ausgezeichnet. Ihr Romandebüt „Annuschka Blume” erschien 2010 im Residenz Verlag. Im August 2012 erschien im Suhrkamp Verlag ihr zweiter Roman „Wer ist Martha?“

Zehnseiten-Video: Marjana Gaponenko liest aus »Wer ist Martha?«

Marjana Gaponenko

Wer ist Martha?
Roman

Gebunden
Suhrkamp, 2012
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