Wir wissen, wer Hans Blumenberg war. Wer aber hat den Löwen gespielt? Emanuel Striese? Sibylle Lewitscharoffs Roman »Blumenberg« hat interpretierende Besprechungen bekommen, wie man sie vom rasch arbeitenden Feuilleton lange nicht kannte. Denen hat Claudia Schmölders nun mit ihrer Glosse »Des Löwen Kern« eine ultimative Deutung hinzugefügt.

Faust-Glosse

Des Löwen Kern

Von Claudia Schmölders

Was hat man nicht alles über den blitzenden Löwenroman von Sibylle Lewitscharoff geschrieben, wie genial hat sie doch das Erlebnis ihres Freundes Mosebach, der vor Jahren einen leibhaftigen Löwen in einem Londoner Antiquariat angetroffen haben will, in Denkprosa umgesetzt! Aber ist es wirklich eine Heiligengeschichte geworden, eine Übersetzung frommer Ikonen ins Wort? Solche Lesarten gibt es, und sie werden genährt von vielerlei Hinweisen. Goethes Geburtstag aber stiftet auch noch zu einer ganz andern Lektüre an. Goethe war ja wohl Blumenbergs Lieblingsdichter, auch wenn ein Goethebuch aus seiner Feder nie zustande kam. In seinem „Löwenbuch“ würdigt er natürlich den friedlich frommen Löwen aus Goethes „Novelle“ von 1828. Lässt man sich darauf ein, dass die Autorin ihrerseits an Goethe hängt, wenn sie ihren Roman mit Goetheversen beschließt und unterstellt man, dass sie vielleicht ganz hintergründig diesen zahmen Goethe-Löwen aufgerufen hat, als Metapher zweiten Grades gewissermaßen, dann kommt man bald auf eine wirklich ketzerische Idee. Denn wo finden wir das literarische Vorbild jener vielzitierten zentralen Szene des Buches – ein befellter Vierbeiner landet im Studio eines leidenschaftlichen Intellektuellen – wenn nicht in Goethes Faust? Der Löwe als durchtriebene Parodie des Pudels wäre hier des Löwen Kern? Und (fast) das ganze Personal aus dem Faust wimmelte durch den Roman? So, in der Tat, könnte man das Buch mit wachsendem Geistvergnügen lesen, eben nicht als Schlüsselroman über einen deutschen Philosophen, sondern als Schlüsselerzählung über die literarische Ikone eines deutschen Philosophen namens Faust. Und dann findet man natürlich hier weder Ehefrau, noch Kinder, noch akademische Diskurse, sondern: Parodien auf ein Gretchen (die verliebte eitle Selbstmörderin Isa), auf einen Famulus (der Radioredakteur, im Dialog mit Faust/Blumenberg), auf einen reisenden Scholaren (Richard, der auf Reisen scheitert), auf einen ohnmächtigen Reimeschmied (Hans), usw. usf. Wer dächte nicht an Goethes Faust, wenn dieser kalte Verführer hier aus dem Auto heraus Isa anspricht und „das Fräulein“ zur Mitfahrt einlädt? Selbst Käthe Melis lässt sich als fromm gewordene Frau Marthe lesen: als geheime Kumpanin von Blumenberg, sieht sie wie er den Löwen, ist auch streng wie Marthe und macht sich gärtnerisch zu schaffen.

Aber was für eine Sorte Parodie liegt denn dann hier vor? Offenbar doch der Sonderfall einer Travestie ins Fromme statt wie üblich umgekehrt. Aus dem ruhelos bellenden Pudel wird ein animalisches Unterpfand –der Löwe – für jenen ganz andern Pakt zwischen Mensch und Gott, von dem die Bibel handelt. Der Anteil von Mephisto bleibt uns dabei nicht erspart. Er verschiebt sich auf den Erzähler selber; als Metapher für Gott Chronos, der seine Kinder verschlingt. Dieser Gott verschmäht Abrahams Opfer, um das seines eigenen Sohnes zu verlangen. Er ist böse: wie man an seinem bösen, ja sadistischen Tonfall bemerkt, mit dem er sich immer wieder einmischt, und an den vielen Toden in dem Buch auch sieht. Er steht für den Blick auf eine erlöserlose Welt, die der heidnische Goethe selber keineswegs beschreiben wollte. Wie hat sich Blumenberg die Transzendenz bei Goethe dargestellt? In der Romanversion tritt natürlich kein Ewig Weibliches auf, sondern der Löwe tritt als Botschafter des Erlösergottes gegen den Erzählergott an: Metapher gegen Metapher sozusagen, die in der Höhlenszene gipfelt. Faust I beginnt in „Wald und Höhle“, wo er dem Erdgeist begegnet – Blumenberg endet in der Himmelshöhle, wo alle Toten versammelt sind und alle Metaphern lebendig werden: das Rebhuhn, das Bild im Teppich, wird zauberhaft beseelt, bis auch der Löwe an Stimme gewinnt und zu einem würdigen, nicht chronologisch diktierten Tod erlöst. Das Ganze also ein hochliterarisches Spiel mit der Metaphorologie – Lewitscharoff sei Dank.

Zuerst erschienen in der Süddeutschen Zeitung.

Vita: Claudia Schmölders

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erstellt am 30.8.2012

Sibylle Lewitscharoff

Blumenberg
Roman
Gebunden, 220 Seiten

ISBN: 978-3-518-42244-1
Suhrkamp, Berlin
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