Ronny Loewy
Ronny Loewy
Nachruf auf Ronny Loewy (1946-2012)

Der Nachgeborene

Von Detlev Claussen

Das Land hat sich verändert seit der Zeit, als Ronny Loewy und ich uns 1966 im ersten Semester Soziologie in Frankfurt kennenlernten. Schon bald danach machte mich Ronny mit seinem Vater bekannt, der im Archiv des Hessischen Rundfunks arbeitete und daheim an Büchern über Nazi- und Exilliteratur schrieb, die heute als Pionierarbeiten der Exilforschung gelten. Wir wohnten damals im Walter-Kolb-Studentenheim am Beethovenplatz 4, der Hochburg des Frankfurter SDS, einen Steinwurf weit vom Institut für Sozialforschung, der Zitadelle der Kritischen Theorie. Abends gingen wir oft in das nicht weit entfernte Studentenhaus, um im Filmstudio uns die internationale Avantgardeproduktion anzuschauen, aber auch Dokus über „Kongo-Müller“ oder „Die Schlacht um Algier“. Nie wären wir auf die Idee gekommen, Ronnys Ableben würde einst als Tod eines Filmhistorikers in den deutschen Feuilletons vermeldet werden. Er wurde es auch nicht. Aber es fehlen die Kategorien im System der intellektuellen Arbeitsteilung, die seiner Individualität gerecht werden.

        Nach Adornos Tod 1969 und dem Ende der antiautoritären Protestbewegung zog eine Gruppe von Studenten, darunter Ronny und ich, nach Hannover, um unter den Fittichen Oskar Negts an der Erneuerung der Kritischen Theorie zu arbeiten. Jahrelang beschäftigten wir uns damit, die „Soziologischen Exkurse“, die in der nachfaschistischen Bundesrepublik als Medium soziologischer Aufklärung gedient hatten, neu zu schreiben. Die Protestbewegung der 60er Jahre war ein „abgeschlossenes Sammelgebiet“ geworden – eine Erfahrung, über die es nachzudenken galt. Ronny Loewy selbst war ein großer Sammler. Über die Aktivitäten des Frankfurter SDS von 1966 bis 1970 hatte er ein richtiges Privatarchiv angelegt. Er liebte es zu archivieren und im Archivmaterial Neues zu entdecken. Seine Zimmer in den Wohngemeinschaften, in denen wir in Frankfurt und Hannover lebten, quollen schnell über – Bücher, Videokassetten, Papers, Kopien aller Art waren nur die äußeren Spuren eines guten Gedächtnisses und großen Erinnerungsvermögens. Aber nicht nur der große Weltlauf war ihm wesentlich, sondern eher die „Rüsche am Kleid“, von der Benjamin spricht. Benjamin hat auch einem „Sammler“, wie Ronny es war, eine intellektuelle Physiognomie gegeben: „Er sprengt die Epoche aus der dinghaften geschichtlichen Kontinuität heraus, so auch das Leben aus der Epoche, so das Werk aus dem Lebenswerk.“

        Sichtbar für eine größere Öffentlichkeit gelang Ronny Loewy 1980 ein solches Unternehmen mit der Wiederentdeckung des jiddischen Films. Er grub nicht nur die zum Teil verschollenen Filme aus, sondern er fand auch Autoren, die dieses Sujet bearbeiten konnten. Mithilfe des Goethe-Instituts reiste Ronny mit dieser Ausstellung um die Welt und fand immer neue Freunde und Bekannte, die ihm zu lebendigen Quellen neuer Arbeiten wurden. Fast naturwüchsig ergab sich das filmische Exil als Arbeitsgebiet, das er bis zuletzt mit ungeheurer Akribie beackerte. Er wurde Kurator der 1987 der ebenfalls weltweit bekannten Ausstellung „Von Babelsberg nach Hollywood. Filmemigration aus Nazideutschland“.

        Exil und Emigration waren für Ronny Loewy Herzensangelegenheiten, die er vollkommen unsentimental zu thematisieren wusste. Seine Eltern hatten die Nazis im Jischuw Palästinas überlebt, der Vater hatte dort in einer Gruppe um Arnold Zweig intellektuelles Asyl gefunden. Der erste Sohn, Ronny, war in Tel Aviv geboren. Die Loewys kehrten nach der Suezkrise 1956 nach Deutschland, nach Frankfurt zurück. Im Dezember 1966 hatte mich Ronny zu seinen Eltern eingeladen, denn er wollte mir unbedingt seinen Vater Ernst vorstellen. Als ich in die bescheidene Wohnung in der Nordweststadt eintrat, spielte unter einem schon geschmückten Tannenbaum ein Knabe von fünf Jahren mit Bauklötzen, während sein Vater mit einem aufgeschlagenen Buch im Sessel saß. „Das ist ja wie bei Thomas Mann“, sagte ich spontan zu dieser Familienidylle. Ich wusste noch gar nicht, dass der Rundfunkarchivar Ernst Loewy seine freie Zeit dazu benutzte, Thomas Manns aufgezeichnete Rundfunkansprachen zu sammeln und herauszugeben.

        Seinen Söhnen hatte er ein lapidares Gedicht von Brecht auf den Lebensweg gegeben; es liest sich wie eine summa:

Ich gestehe es: ich
Habe keine Hoffnung
Die Blinden reden von einem Ausweg. Ich
Sehe.

Wenn die Irrtümer verbraucht sind
Sitzt als letzter Gesellschafter
Uns das Nichts gegenüber.

        „Der Nachgeborene“ heißt das Gedicht; es stammt schon aus dem Jahre 1920. Die Urkatastrophe des short century, der Erste Weltkrieg, war bereits geschehen, die „letzten Tage der Menschheit“ angebrochen, die Russische Revolution noch nicht als Ausweg proklamiert. Der junge Brecht fühlte sich selber schon als ein Nachgeborener; deswegen konnte er uns die Erfahrung vermitteln, denen die noch kommenden „finsteren Zeiten“ erspart geblieben waren. Mir kommt es heute so vor, als habe Brecht dieses Gedicht für Ronny geschrieben; denn Ronny lebte in einem unaufdringlichen Bewusstsein als „Nachgeborener“.

        Vielleicht deshalb war ihm die neue Arbeit so angemessen, die ihn nach Frankfurt zurückkehren ließ. Ronny arbeitete im 1984 entstandenen Deutschen Filminstitut und im 1995 gegründeten Frankfurter Fritz Bauer Institut, das auf Initiative seines jüngeren Bruders Hanno entstand. In diesem Rahmen
realisierte Ronny das epochemachende Gemeinschaftsprojekt „Cinematographie des Holocaust“, das für immer mit seinem Namen verbunden sein wird. Jeder Millimeter Zelluloid, auf dem das Grauen der Massenvernichtung und seine unmittelbare Vorgeschichte behandelt werden, ist für die Nachwelt erfasst und im Internet zugänglich gemacht. Bis zuletzt hat Ronny Loewy sich weltweit um den Erhalt des filmischen Gedächtnisses bemüht. Er scheute kein technisches oder bürokratisches Hindernis, um der Furie des Verschwindens entgegenzuarbeiten. Ronny entwickelte den internationalen Standard im DIN-Format, wie Filme zu archivieren seien. Am 9. August 2012 ist Ronny Loewy im Alter von 66 Jahren gestorben.

erstellt am 29.8.2012

Cinematographie des Holocaust

Dokumentation und Nachweis von filmischen Zeugnissen
Ein Projekt des Fritz Bauer Instituts, Frankfurt am Main. Projektleitung: Ronny Loewy (Deutsches Filmmuseum)

In Zusammenarbeit mit: CineGraph. Hamburgisches Centrum für Filmforschung, Hamburg; Deutsches Filminstitut – DIF, Frankfurt am Main; Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main

Mit Unterstützung von: Bundesarchiv – Filmarchiv, Berlin; Steven Spielberg Jewish Film Archive, Jerusalem

cine-holocaust

DIF