Welche Schicksale verbergen sich hinter den Fassaden schicker Häuser, deren Türklingeln oft nur Initialen verraten? Je anonymer, je wichtiger? Die Phantasie treibt ganz von selbst ihre Blüten. Mit Ironie und Mitgefühl spielt Silke Scheuermann in ihrem Roman »Die Häuser der anderen« mit diesem abweisenden Szenario einer Frankfurter Nobelstraße und macht innere Zustände einer aufstrebenden Gesellschaft sichtbar.
Andrea Pollmeier sprach mit Silke Scheuermann über ihren neuen Roman.

GESPRÄCH mit Silke Scheuermann

Alltagsolympischer Dauerdruck

Auffällig ist die gewählte Form: Der Text ist in einzelne Erzählungen eingeteilt, die sich locker aneinanderreihen und trotzdem miteinander verbunden sind. Wieso haben Sie sich zu dieser Form, die beispielsweise auch Daniel Kehlmann eingesetzt hat, entschieden?

Das hat sich ganz organisch so ergeben. Ich habe zuerst die Erzählung „Madonna im Grünen“, die erste im Band, geschrieben und fand dann, es wäre noch nicht alles gesagt über das Paar Luisa-Chistopher. Daraufhin entstand „Der Liger“. Und so ging es dann weiter, die groteske Erzählung über ein bösartiges „Hausmeister“-pärchen hatte ich ohnedies im Kopf, warum sollte sie nicht auch am Kuhlmühlgraben spielen? Kehlmann schätze ich sehr, aber mein Vorbild bei der auch mal bösartig-psychologischen Gestaltung von Figuren ist etwas älter: Maeve Brennan, die zahlreiche Erzählungen für den New Yorker schrieb. Wie sie wollte ich Geschichten schreiben, die man einzeln lesen kann, die aber im Zusammenhang durch ein Ineinanderspiegeln der Perspektiven möglichst noch interessanter werden.

Das Leben am Kuhlmühlgraben ist nicht so homogen, wie die Fassaden Glauben machen. In Ihren Erzählungen werden sehr unterschiedliche soziale Lagen sichtbar, die wie beiläufig ineinandergreifen. Hier spielen Sie den Zufall des gemeinsamen Wohnortes sehr geschickt aus. Das angesprochene soziale Milieu ist also anders als zuvor in „Die Häuser der anderen“ breit gefächert.

Ich hatte ja zuvor mit „Shanghai Performance“ einen Roman geschrieben, der ganz fest in einem bestimmten Milieu spielt – der internationalen Kunstszene. Auch die boomende chinesische Weltstadt steht dort sehr im Vordergrund. In „Die Häuser der anderen“ sollte es ganz anders sein: ein Buch von „vor der Haustür“ sozusagen.

Wie konstruiert oder realitätsnah ist dieser Ort „vor der Haustür“? War es ihr Wunsch, in unterschiedlichsten Tonlagen – von beißend ironisch bis subtil emphatisch – dem Lebensalltag nahe zu kommen?

Jedes Buch ist für mich sowohl eine direkte Auseinandersetzung mit Figuren meiner Lektüre wie auch mit der Wirklichkeit. In „Shanghai Performance“ war es „Der große Gatsby“, der mir vom Erzählen her als Folie gedient hat mit der Zeugenfigur des Nick Carraday; hier ist es „Mr. und Mrs. Derdon“ von Maeve Brennan. Bei ihr ist die Rollenverteilung der Geschlechter natürlich noch weit konventioneller als heute, das ist heute überhaupt nicht mehr so. Die Straße Kuhlmühlgraben gibt es in Offenbach, da gehe ich oft mit meinem Hund spazieren. Bei solchen Spaziergängen kommt man ins Gespräch mit Leuten aus allen sozialen Schichten, schnappt irre Details auf, Alltagsfabeln, kleine Sorgen, die ganzen Wunsch- und Albtraumschlösser unserer Alltagsexistenz, das ist sehr interessant. Die Straße ist in Wirklichkeit aber ganz anders als meine erfundene im Frankfurter Osten, in gewisser Weise dichte ich dem Frankfurter Osten ein halb-Nobles, halb lärmgestörtes Viertel wie Niederrad an – da befindet sich übrigens tatsächlich eine futuristisch aussehende Tierarztpraxis.

Im Zentrum der Geschichten steht immer wieder die Kunsthistorikerin Luisa. Sie verkörpert eine für das aufstrebende Bürgertum charakteristische Lebenshaltung: Ihr Lieblingswort ist „effizient“, sie inszeniert ihr Leben an Kunstwerken entlang und je mehr sie ihr Leben im Griff haben will, umso mehr entgleitet es ihr. Ist Luisa eine typische Frau dieser Gesellschaft?

Luisa ist ehrgeizig, sie ist intelligent, gut ausgebildet, aber doch leider ihrem eigenen Zwang zur ständigen Selbstoptimierung unterworfen. Hinter dem manchmal sicher auch etwas sezierenden, ironisch-bösartigen Blick, mit dem ich sie sehe, liegt ein Punkt, den ich mit diesem Buch deutlich machen möchte. Unsere heutige Gesellschaft ist eine aufgepumpte Gruppe von Vergleichssüchtigen. Wir alle sind so überschwemmt von Eindrücken und Produkten, dass wir quasi nicht mehr anders können, als mit „ja, find ich toll“, „mir gefällt das“, Facebook und Daumen-hoch-Listen zu operieren. Wir ersticken am eigenen Wissen und dem uns täglich googelnd vorgeführten Nichtwissen, haben den Kontakt zu eigenen Wahrheiten, Einschätzungen und Gefühlen verloren. Das Bewusstsein, dass in der Differenz das Schöne liegt, fehlt. Konsumiert werden TV-Shows über die besten Babysitter, Hundetrainer, Möchtegernmodels, Sänger, Entertainer, Talentwettbewerbe. Wir sind permanent Bewertungen unterworfen, Daumen hoch, Daumen runter, ohne dass wir uns die Dinge genau betrachten. Etwas Hermeneutik, etwas Analyse, Zeit und Neugier könnte nicht schaden, finde ich. Luisa scheitert beinahe daran, wird als Person fast ausgelöscht. Auch den anderen Personen in meinem Buch gelingt es manchmal nur um Haaresbreite, nicht in den eigenen Lebensträumen und den Anforderungen des sich dauernd als etwas Anderes, Besseres beweisen zu müssen, unterzugehen.

Der Wechsel der Erzählperspektive ist in „Die Häuser der anderen“ ein strategisch wichtiges Prinzip, er erfolgt auch innerhalb der einzelnen Geschichten. Warum?

Wir leben in einer Gesellschaft der Neidhammel, sind geradezu süchtig danach, uns zu vergleichen. Als Gesellschaft und als Individuen verlieren wir immer mehr die Fähigkeit, eine Sache an sich zu betrachten, sie nach ihren eigenen Kriterien und gnädig zu beurteilen. Man guckt immer hinter Gartenzäune. Das zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten, dieser alltagsolympische Dauerdruck an sich selbst, vom arbeitslosen Hartz-IV-Empfänger, dem Kleinbürgerstand über die Mittelschicht bis in die Oberschicht, genau diese Bandbreite soll der Roman umfassen.

Titelgebend für das Buch ist die Geschichte um Gaby, die als Putzfrau im Haus einer bekannten Fernsehmoderatorin und eines Tierarztes arbeitet. Hat diese Geschichte aus Ihrer Sicht eine zentrale Bedeutung?

Nicht zwingend, nein; der Titel eignete sich einfach als Gesamttitel. Ich würde sagen, Fluchtpunkt sind die beiden Dorothee-Geschichten.

Der Buch-Titel „Die Häuser der anderen“ spielt auf den Film „Das Leben der Anderen“ an. Damit werden hohe, sozialkritische Erwartungen geweckt und Verbindungen zu einer Zeit hergestellt, in denen Menschen in der DDR unter massiver Verfolgung leiden mussten. Ist dies gewollt?

Natürlich ist „Das Leben der Anderen“ ein Film über politische Grausamkeit. Auch über Liebe und Bespitzelung. Aber die seelische Grausamkeit, mit denen Nachbarn sich durch Bespitzelung und Mobbing an den Rand des Wahnsinns treiben, mit denen wir alle uns unsere schönen Träume zu Fallen umgestalten, manchmal ohne es wirklich zu merken, der soziale und merkantile Optimierungsdruck, den wir uns und einander antun, das alles kann auch sehr schlimm sein. Und darauf spielt mein Titel an. Auf die selbstgemachte Zerstörung unserer Freiheitsräume im Zug des unhinterfragten Lebens vorgezeichneter, meist ökonomisch geprägter Bilder.

Sie sagten zuvor, die Geschichten um Dorothee haben im Rahmen der Erzählungsreihe einen besonderen Stellenwert. Diese Beschreibung einer jungen Witwe, die ihr Haus an der Kuhlmühlstraße verlassen muss und zur Trinkerin wird, gehört auch für mich zur stärksten Passage des Buches. Auffällig ist, dass sie hier aus der „Ich“-Perspektive schreiben. Warum haben Sie sich für diese persönliche Erzählform entschieden?

Die Geschichte von Dorothee, die Sie ansprechen, handelt von dem grausamen sozialen Abstieg nach einem schrecklichen Verlust. Es ist eine Tragödie passiert, Dorothees Mann hatte einen tödlichen Unfall; bei so einem Verlust hilft keine Selbsthilfegruppe und auch kein Therapeut. Bis in die Sprache hinein bin ich sehr eng an Dorothee dran; ich möchte Empathie für sie erzeugen, an ihrem Schicksal zeigen, wie ungeheuer zerbrechlich die Welt ist. Im Vorfeld habe ich das gar nicht rational entschieden, es war eher intuitiv, dass ich die ersten Sätze der Geschichte in Ich-Form schrieb. Es war sehr anstrengend, das zu schreiben, obwohl man natürlich auch durch eine Sie-Perspektive sehr nah an der Figur dran sein kann. Ich denke da an „Das Provisorium“, den großartigen Roman von Wolfgang Hilbig. Katja Lange-Müller erzählte mir, er habe ihn zuerst in Ich-Form verfasst und dann, sehr zum Leidwesen des Verlags, quasi noch in den Fahnen aus „Ich“ „Er“ gemacht, damit es nicht allzu dicht an ihm als Person dran ist. Vielleicht hätte ich bei einer sehr autobiografischen Geschichte auch mehr Probleme mit dem „Ich“. Denn das macht „Die Häuser der Anderen“, neben der kritischen Perspektive auf die Fallen unserer Lebensentwürfe, für mich zu einem wichtigen Buch – die Anverwandlung an die Lebensgeschichten und das Mitgehen mit verschiedenen Personen, denen ich erzählerisch gerecht werden wollte. Ich hoffe es ist mir gelungen.

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erstellt am 28.8.2012

Silke Scheuermann
Silke Scheuermann

Svenja Pages liest aus: »Die Häuser der anderen« von Silke Scheuermann.

Silke Scheuermann
Die Häuser der anderen
Roman
Gebunden, 264 Seiten
Verlag Schöffling & Co, 2012

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