Buchkritik

Toto ist ein Niemand

Von Ruthard Stäblein

Toto steht für alles und nichts. Toto ist ein Niemand, eine „persona“ im Sinne von Fernando Pessoa, also eine Maske und Unperson, ein reiner Spiegel, ein „thumber Thor“, ein Sonderling, ein fragwürdiges, irgendwie gefälschtes Wesen. Sonderbar ist schon die Herkunft der Hauptfigur in Bergs Roman. Die Mutter, eine Alkoholikerin, wird von ihrer Umgebung als „Schlampe“ geführt. Sie hat in ihrem früheren Leben einmal gelesen, studierte Archäologie, scheiterte aber an der Langeweile der DDR. Der Vater von Toto bleibt unbekannt und ungewiss; vielleicht ein kleiner polnischer Kohlenträger oder der dicke alte Hausmeister. Die Mutter kann mit Toto (und auch mit sich) nichts anfangen, ekelt sich bei Totos Geburt und späterem Anblick. Toto hat zu allem Unglück, oder Glück, je nachdem, wie man´s nimmt, auch kein identifizierbares Geschlecht. Der Chefarzt rät, gleich nach der Geburt, eine „Neovagina“ anzulegen. Sie müsse aber durch regelmäßiges Einführen eines Gegenstandes gedehnt werden. „Eine Gurke zum Beispiel.“ Schon hier offenbart sich der Sarkasmus, zugleich der abgrundtiefe, aggressive, vernichtende Blick von Sibylle Berg auf die Welt der Männer, ihr schwerer, schwarzer Humor.

Aus Hilflosigkeit entscheidet sich die Mutter kurzer Hand für das männliche Geschlecht von Toto. Kurzer Hand verabschiedet die Autorin auch ihr Muttergeschöpf und schickt die Missgeburt Toto auf die Reise durch die Un-Welt, erst in ein Waisenheim der DDR, dann in eine LPG, dann in den Westen, in die BRD, ins Paris der Zukunft. Überall herrscht das gleiche Grauen; es wird nur immer schlimmer und schwärzer.

Allein Toto lässt sich davon nicht berühren. Er/sie bleibt sich immer gleich. Er/sie kümmert sich nur um die anderen, opfert sich für sie, betrachtet sich nie selbst. So bedrängt uns Berg nicht mit einem weiteren, typisch-deutschen Ich-Roman mit der typisch-deutschen Innenschau und dem coming out oder dem noch modischeren coming of age durch Jammern und Klagen. „Ach, wie schlecht erging und geht es mir“; zu diesem Selbstmitleid kann sich Toto gar nicht aufschwingen. Seine Erzählinstanz nimmt Toto bei der Hand und sagt für sie/ihn: „Ach wie schlecht geht es der Welt.“

Auch das führt zu einer gewissen Larmoyanz. Sibylle Berg malt die Welt grau in schwarz. Die Autorin neigt zu einer manchmal monoton wirkenden und ermüdenden Gleichmacherei. So sind bei Berg grundsätzlich alle Männer schlecht und schuldig. Von Geburt an mit der Erbsünde des Mannseins behaftet, unfähig zur Empathie, zur Einfühlung, zum Mitgefühl. Alles Missgeburten, schon im Mutterleib.

So schlägt die Kolumnistin Berg von spiegel-online als Feministin immer wieder zu, so walzt Berg ihre Allgemeinplätze aus, für die sie keine Personen mehr braucht. So wird das Ganze nur in kleinen Dosen les- und genießbar, wird aber gerettet durch Bergs sarkastischem Humor. Sibylle Berg kann bissig sein, ist aber auch verbissen. Sie leert ihren Spottkübel selbst über die Außenseiter aus. So beschreibt sie das „Andere Ufer“, ein westdeutsches Schwulencafé, „aber hallo: Schwulen-Schrägstrich-Lesben-Cafe“: „der Fußboden schwarz, keine Blumen. Fast alle hier im Cafe waren in Eigenheimen groß geworden (…), eine Pest in diesem Teil des Landes, abgezirkelte Grundstücke, begradigte Gärten, in denen man steht, die Nachbarn hasst und Angst um sein Eigenheim hat. Alle besaßen einen Bausparvertrag“. Die Bundesrepublik schrumpft bei ihr zusammen auf das Land der vielen Joghurts und des Jammerns, der Joghurts durch künstliche Aromen. Ihr Biss aber rettet den Roman. Allein bei der Namensgebung: Müller-Degenbart, z.B.: dem Mitleid heischenden Musiklehrer brennt die Frau mit seinem 20-jährigen Schüler durch. Der Spott ist tödlich, wie Bergs Hass auf die Eintönigkeit der DDR und der BRD; dort war alles grau, hier ist alles grell und „abspritzbar“. „Abspritzbar“ ist das Lieblingswort von Berg. Aber Hass macht bekanntlich blind, und Bergs Roman über Toto wird tendenziell totalitär. Die Erzählinstanz im Roman konstatiert eine „Verweigerung von Schönheit“, die die gesamte Menschheit umfasse und „menschlich“ geworden sei. Dagegen wendet Toto (später) ein: „Es gibt doch so viel Schönes auf der Welt. Familien, die sich weinend in den Armen liegen, Mutter Teresa, Umzüge der Stadtfeuerwehr und kleine Kinder, die auf den Knien ihrer Opas sitzen.“ Eine rhetorisch gelungene Pointe, die Männer als potentielle Päderasten entlarvt. Solche wiederholten, gelungenen Faustschläge kann man nur aushalten, wenn man in Deckung geht und das Buch immer wieder beiseitelegt. Man kann auch immer wieder neu einsetzen (und wieder lauthals lachen), denn in dieser Geschichte gibt es keine Entwicklung von Charakteren, keine Individuen, keine Personen, sondern Typen. Die häufigsten Kapitelüberschriften lauten: „und weiter“. Alles geht so weiter, Berg gemäß, bergab.

Toto selbst bleibt unberührt vom Niedergang der Welt. Er zieht unbeschadet durch die unwirtliche Zeit, denn er ist schon von Natur aus beschädigt; bis in die Zukunft hinein, in das Paris des Jahres 2030 behält er/sie seine/ihre Güte. Denn Toto steht in der Tradition des Picaro, der Buckligen und Missgeburten. Er erweist sich als Nachfolger des Buscon von Quevedo, des Simplicissimus von Grimmelshausen, des Oskar Matzerath aus der „Blechtrommel“, der alle sozialen Milieus durchstreift, von den Huren bis zu den Heuschrecken der Hedgefonds, ohne jemals selbst auf- oder abzusteigen, der alle und alles beobachtet, nur nicht sich selbst, der nicht einmal weiß, ob er ein Männchen oder Weibchen ist, also in der aktuellen Ausstattung eines „Queer“, eines „Transgender“ auftritt, jenseits der Geschlechter, der selbst nicht einzuordnen, zu identifizieren ist, aber alle anderen als die wahren Missgeburten erkennbar macht, indem er selbst als Spiegel durch die Welt wandelt.

Vita:
Ruthard Stäblein

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erstellt am 26.8.2012

Video: Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben

Sibylle Berg
Vielen Dank für das Leben
Roman
Fester Einband, 400 Seiten
Mit Leseband
Hanser 2012
ISBN 978-3-446-23970-8

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