Der Instrumentalsong Telstar, komponiert und produziert von Joe Meek für die Tornados im August 1962 wurde zu Meeks erfolgreichstem Hit.

Joe Meek

Der Techno-Nekromantiker

It´s not what you have, it´s how you use it – nach dieser Devise revolutionierte Joe Meek den Sound seiner Zeit und erfand einen neuen Beruf – den Produzenten

Von Klaus Walter

Schwule Musik? Gibt´s das? Vor ein paar Jahren sprach ich mit Justus Köhncke über diese Frage. In den Arbeiten des Kölner House-Pop-Künstlers, bekannt von Whirlpool Productions, gibt es viele Hinweise auf eine schwule Ästhetik. Also fragte ich ihn nach schwulen Rollenmodellen. Sylvester, der Proto-House-Discoteer, Iggy und Bowie, Michael Stipe. Zu allen hatte Köhncke was zu sagen. „Und Joe Meek?“ „Hä?“ Kurze Pause. „Da gibt es gute Kompressoren, die so heißen. Verwirrend.“ Gibt man Joe Meek in die Suchmaschine, dann erscheint ganz oben die Seite www.joemeek.com. Dort erwartet uns ein Foto von Joemeek. 18 runde Reglerknöpfe, diverse Eingangsbuchsen und ein Pegel-Display. Joemeek ist ein Kompressor. Also nicht irgendeiner. Der Joemeek Optcial Compressor verfügt über einen eingebauten Meequalizer! Mit solchen Dingen muss man sich rumschlagen, wenn man den Geheimnissen des Joe Meek auf die Spur kommen will. Der Mann hat sich wirklich sehr für Kompressoren interessiert. Und für Delay, Echo, Reverb… aber keine Angst, Meek ist auch faszinierend für Menschen, die einen Kompressor nicht von einem Kapodaster unterscheiden können. Bei www.joemeek.com kommt man irgendwann dann auch auf die Seite Joe Meek The Man.

Der Mann ist Jahrgang 1929, also älter als James Brown und Helmut Kohl. Vielleicht wäre er noch am Leben, wäre er zehn Jahre später zur Welt gekommen. Aber dann wäre er wahrscheinlich nicht einer der begnadetsten Produzenten der Popgeschichte, dann hätte ihn womöglich die Beatlemania verschluckt. Robert George Meeks erste Lebensjahre in der südwestenglischen Provinz stehen im Zeichen zweier Frauen: seine Großmutter verpasst ihm den Namen Joe, nach einem ihrer verstorbenen Söhne. Seine Mutter will weder Joe noch George. Sie hätte ein Mädchen vorgezogen, also lässt sie sein Haar lang wachsen, gibt ihm Puppen zum Spielen und zieht ihm Mädchenkleider an. Diese Story aus dem Bilderbuch der Homosexualität ist umstritten. Meeks Familie bestreitet, dass er in Mädchenkleider gesteckt wurde, angeblich hat er die Geschichte erfunden, um seiner Umwelt – und sich selbst? – seine Homosexualität plausibel zu machen. Als Teenager, so viel ist verbürgt, inszeniert Joe später selbstgeschriebene Bühnenshows, am liebsten Horrorstücke mit Hexen und Mystikzauber. Darin tritt er regelmäßig in Frauenkleidern auf, und sehr überzeugend.

Vom Radioapparat ins Rundfunkstudio

Unbestritten ist auch, dass der kleine Joe schon früh ein Faible für Elektrospielzeug im Allgemeinen und für Radios im Besonderen entwickelt. Er schlachtet alte Geräte aus, um neue zu bauen, nach der Schule arbeitet er in einem Radiogeschäft. Mit manipulierten Tonaufnahmen von Autounfällen erschreckt er seine Familie zu Tode. Mit 14 verlässt er die Schule – so gar nicht seine Welt – kauft sich einen Verstärker und beschallt mit einem mobilen Soundsystem Marke Eigenbau Tanzveranstaltungen in Gloucestershire. Dann ruft die Royal Air Force. Die körperbetonte Ausbildung liegt dem unsportlichen Joe wenig, von Vorgesetzten und Kameraden wird er gequält. Um Hubschraubereinsatz und Kampfflugzeug kommt er herum. Joe landet bei einer Radar-Einheit. Hier perfektioniert er sein technisches Know-how. Und hier wird ihm seine Homosexualität vollends bewusst. Bald kann er Fernsehgeräte im Alleingang bauen, bald wird ihm die Grafschaft Gloucestershire zu eng. 1954 verlässt Joe Meek wie so viele Smalltown Boys vor ihm die Kleinstadt Newent und geht nach London. Mit 24 wird er Techniker bei der Radio Luxemburg Road Show, später in den IBC Studios bei Dennis Preston, einem der ersten unabhängigen Plattenproduzenten. Ein Aufnahmetechniker oder „Balance Engineer“ ist zu dieser Zeit nicht mehr als der Vollstrecker des Faktischen. Er stellt ein Mikrophon in den Aufnahmeraum, zieht die Regler hoch und runter – fertig. Ist der A&R-Mann, also der Verantwortliche für den jeweiligen Künstler, mit der Aufnahme zufrieden, dann hat der Techniker seinen Job gemacht. Bei künstlerischen Fragen hat der Balance Engineer sich rauszuhalten, seine Kreativität ist nicht gefragt. „Abbey Road erinnerte an ein Krankenhaus mit Sanitätern in weißen Kitteln“, erinnert sich Bruce Welch von den Shadows an die Studioatmosphäre der 50er.

In dieser aseptischen Welt mit ihren rigiden Strukturen muss sich der Techniker Joe Meek beweisen – auf allen Gebieten. Operette, Musical, Tanzmusik, Easy Jazz und Schlager – er geht durch das Stahlbad der Unterhaltungsmusik der Prä-Rock´n´Roll-Zeit. Aber, Joe Meek will kein Sanitäter sein. Der Autodidakt baut ein Geräuscharchiv auf, mit primitiven Mitteln bastelt er Soundeffekte: im Rhythmus zuschlagende Türen, Besenstielschläge auf Badewannen, mit Strohhalmen erzeugte Blubbersounds, gepitchte Stimmen, künstlich ausgelöste Kurzschlüsse, Fetzen von Radio-Übertragungen, eine rückwärts abgespielte Klospülung. Er nimmt Vogelstimmen auf, vorbeifahrende Eisenbahnen, Donner und Blitz. Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit versucht er, seine technischen Talente und seine exorbitante Imagination zum Einsatz zu bringen, um die Serienproduktionen mit seinen Soundideen aufzuwerten.

Vom Klangdesigner zum Produzenten

1955 ein erster Erfolg. Er simuliert Geräusche von Pfeil und Bogen und verhilft einem gewissen Gary Miller zu einem Hit mit „Robin Hood“. Allmählich sprechen sich die Qualitäten des Joe Meek herum, seine Aufnahmen mit so unterschiedlichen Leuten wie dem Crooner Frankie Vaughn, dem Jazzer Chris Barber, dem Skiffle-Pionier Lonnie Donegan oder Shirley Bassey werden zu Hits.
Dabei sucht Meek immer den kommerziellen Erfolg, weil er glaubt, dass erst dieser Erfolg ihm die künstlerischen Freiheiten garantieren kann, die er anstrebt.
Ohne es zu wissen, erfindet Joe Meek in Großbritannien ein neues Berufsbild: den Produzenten. Eine Erfindung der 50er Jahre, wie der Teenager, die wichtigste Zielgruppe des Produzenten Joe Meek. Wie sein Pendant Phil Spector auf der anderen Seite des Ozeans betont Meek stets, dass er die Teenagermassen erreichen will, Spector spricht von „teenage symphonies for the kids“. Aber Meek und Sinfonien? Der Mann spielt kein herkömmliches Instrument und er ist tone-deaf, verfügt also über kein musikalisches Gehör. Dafür hat er ein drittes Ohr: eine Fantasie von großer Reichweite, er liebt Horrorfilme und Science Fiction, Außerirdische(s) und Übersinnliche(s). Und er liebt Todessongs! Immer wieder tauchen Figuren aus dem Jenseits in seinen Liedern auf, mit dem gespenstischen „Johnny remember me“ landet der Schauspieler John Leyton 1961 einen Riesenhit – trotz BBC-Bann. Bald nennen sie Meek einen Nekromantiker.

Die Gesetze der Studiotechnik nimmt er nicht als gottgegeben hin, er weiß, wann er welches Gerät gegen die Gebrauchsanweisung einsetzen kann. Joe Meek benutzt das Studio als Instrument. „It´s not what you have, it´s how you use it!” So begründet er seine Do-it-yourself-Ästhetik. Eigenhändig bastelt er das Lansdowne Studio in Nottinghill Gate zusammen. Als erster Brite nimmt er jedes Instrument einzeln auf. Bis dahin wurde ein einziges Mikrophon in den Raum gestellt, das alle Instrumente aufzeichnet. An dieses Dogma angeblicher Authentizität klammerten sich vor allem Jazzmusiker, Improv ist was anderes. Joe Meek schneidet als Erster das vordere Fell aus der Bass Drum, legt einen Teppich rein und stellt ein Mikro davor – bald werden ihm alle folgen. Er baut ein Echogerät, entwickelt Verzerrer und primitive Overdubbing-Verfahren, um die einzelnen Spuren wieder zusammenzufahren. Der Kompressor wird zur Allzweckwaffe, den Pegel fährt er grundsätzlich in den roten Bereich. In The Red ist heute der Name einer Plattenfirma, die Roten-Bereich-Rock&Roll von Andre Williams, den Dirtbombs und ihren Seelenverwandten in die Welt schickt. In der zweiten Hälfte der 50er Jahre entstehen unter Meeks Tonregie Hunderte von Songs. Viele davon sind heute zu Recht vergessen, Radiofutter, Chartsfutter, Novelty-Hits. Aber auch Meilensteine. Dennis Preston, Meeks Studio-Boss: „Ich meine, daß er der erste Aufnahmeingenieur mit dem war, was man als Konzept einer Aufnahme bezeichnen kann. Er war also der erste `moderne´ Aufnahmeingenieur. Er machte damals, 1955 bis 1958, Dinge, die von Plattenfirmen nach ihren eigenen Maßstäben als unerhört angesehen wurden; es durfte nicht verzerrt sein, es durfte nicht zu laut sein, es durfte kein Echo haben. Ich glaube, Joe war der einfallsreichste Aufnahmeingenieur jener Zeit.“ Dennoch trennen sich die Wege von Preston und Meek Ende der fünfziger Jahre. Meek will seine künstlerische Freiheit, keine Kompromisse mehr mit Studiobossen, Plattenfirmen, Komponisten oder Musikern. Mit der ihm eigenen Sturheit geht er keiner Konfrontation aus dem Weg und verlässt das Lansdowne Studio und damit seinen Förderer Preston. Joe Meek – meek heißt soviel wie sanft(mütig), duckmäuserisch, duldsam, geduldig, der Name passt so gut zu seinem Träger wie der Philipp Lahms – macht sich selbständig. Die Holloway Road ist eine sechsspurige Ausfallstraße im Londoner Norden. In der Nummer 304 mietet Meek drei Etagen über einem Lederwarengeschäft, das der Vermieterin gehört. Hier richtet er mit gebrauchtem Equipment sein Studio ein. Ein Studio ohne Trennscheiben und Wechselsprechanlage. Der Gitarrist steht im Bad, die Bläser im Wohnzimmer, die Sängerin in der Küche, dazwischen rennt Meek rum und brüllt seine Kommandos. „Unfaßbar“, findet der Meekkenner Werner Voss, „daß bei diesen räumlichen Verhältnissen Plattenaufnahmen gemacht wurden, deren Qualität professionelle Studios vergeblich nachzuahmen versuchten.“ Ganze 3000 Pfund investiert Meek in seine Ausrüstung, das Geld stammt aus den Tantiemen zu „Put a ring on her finger“. Die Komposition bringt Meek einen doppelten Hit: mit Tommy Steele in Großbritannien, mit Les Paul und Mary Ford in den USA. Ja, der Nichtmusiker Meek komponiert jetzt auch, außerdem gründet er sein eigenes Label, ein für damalige Verhältnisse halsbrecherisches Unternehmen. Triumph soll sie heißen, die Firma. Dazu kommt die Produktionsgesellschaft RGM. Von da an zieren die Initialen des Robert George Meek jede Schallplatte aus seinem Haus. Endlich redet ihm keiner mehr rein. Willkommen in Meeksville, Holloway Road 304. Hier kann er die Trennung von Arbeit und Freizeit aufheben, hier kann er sich vergraben, das Studio wird zur Trutzburg gegen die feindliche Welt da draußen. Ähnliches wird von Brian Wilson erzählt, nicht die einzige Parallele, dazu später mehr. Feindlich ist die Welt in den 50ern und 60ern, wenn man schwul ist. Auch in der Großstadt London, auch im toleranten Musikbusiness. Unter Musikern ist Meeks Homosexualität bekannt, dennoch ist er Anfeindungen ausgesetzt. Wie in den USA steht Homosexualität auch in GB noch unter Strafe. 1963 wird Meek verhaftet wegen Cottaging: wie Jahrzehnte später George Michael hatte er Sex auf einer öffentlichen Toilette gesucht. Macht 15 Pfund Strafe, aber, viel schlimmer, der Fall macht Schlagzeilen.

Buddy Holly
Buddy Holly

Sex & Heinz & Telstar

Meek wird erpresst und mehrfach zusammengeschlagen. Seine Freunde wundern sich über die Klappentour. Schließlich hätte der mittlerweile 34-Jährige all die jungen Männer auf der Casting-Couch haben können, die in seinem Studio Schlange stehen in der Hoffnung auf eine Hitsingle. Männer wie Heinz Burt aus Hagen in Westfalen. Heinz zieht aus in die weite Welt. Auch in England bleibt er Heinz. Inspiriert von dem Science-Fiction-Film „Das Dorf der Verdammten” färbt er sich die Haare überirdisch blond, heller als Heino gewinnt Heinz das Herz von Joe Meek. Er spielt auch ganz passabel Bass, also gibt Meek ihm einen Job bei den Tornados, eine seiner häufig wechselnden Bands mit häufig wechselnden Mitgliedern und Namen. Der blonde Heinz wird der White Tornado! Eine Zeitlang lebt er in Meeks Studiowohnung, Liebe oder Karrierekalkül, keiner weiß Genaues. Jedenfalls hat Heinz gleich bei zwei magischen Momenten der Popmusik die Finger im Spiel. Mit den Tornados nimmt er 1962 einen Meek-Song auf. Völlig zu Recht und unter kreativer Verwendung der deutschen Sprache schreibt der Meek-Biograf Barry Cleveland über „Telstar“: „The song embodied the youthful and optimistic outlook that was the Gestalt of the time.“ Die Gestalt der Zeit wird Anfang der 60er geprägt vom Wettlauf im Weltraum, von (Tele-) Visionen eines Lebens auf anderen Planeten, von UFOs und Flugkörpern mit schönen Namen wie Sputnik. Und Telstar. Am 10. Juli 1962 schießt die American Telephone & Telegraph Company den Fernseh-Satelliten Telstar in den Weltraum, für Meek, den ehemaligen Fernseh- und Radartechniker, ist es ein Satellite of Love. Er beschließt, dem Telstar ein musikalisches Denkmal zu komponieren. Wie aber komponiert ein Nichtmusiker? Die Meek-Technik geht so: Er singt eine Melodie über einen vorhandenen Instrumentaltrack, der mit dem zu komponierenden Song nichts zu tun hat. Dann zieht er einen Musiker hinzu, in diesem Falle Dave Adams, um seinen Gesang aufs Klavier zu übertragen. Die Klaviermelodie wird über einen exisiterenden Track gespielt. Sobald der Song Gestalt annimmt, werden die Tornados gebucht und an einem Sonntagmorgen entsteht der Rhythm-Track zu einem der größten Instrumental-Hits der Popgeschichte. Auftritt Geoff Goddard: Wenn der Einzelgänger Meek je so was hatte wie einen kongenialen Partner, dann war es Goddard. Sie teilen ihre Affenliebe zu Buddy Holly. Mit dem 1959 bei einem Flugzeugabsturz getöteten Rock´n´Roll-Star nehmen sie schon mal Kontakt im Jenseits auf, bei einer der vielen spiritistischen Seancen. Mit Goddard produziert Meek seinen „Tribute to Buddy Holly“, 1961 ein Top-Ten-Hit für Mike Berry & The Outlaws. Und von Goddard kommt der entscheidende Beitrag zu Telstar. Die magische Melodie auf der Clavioline. Clavioline, als wär´s ein Song von Stereolab, heißt die kleine Orgel, die den Outtaspace-Sound von Telstar prägt, die einem das Gefühl vermittelt, durch den Weltraum zu segeln. Meek versieht seinen Soundsatelliten noch mit ein paar überirdischen Effekten und fertig ist eine der größten Singles aller Zeiten. „Telstar“ wird in 27 Ländern Nummer Eins, unter den fünf Millionen Käufern ist auch eine gewisse Margret Thatcher, „Telstar“ ist bis heute ihr Lieblingslied. Das sollte man Joe Meek aber nicht anlasten.

Textspuren, Piratenschiffe und Pyjamas

Im Sommer 1963 läßt sich der Nekromantiker Meek mal wieder von einem Toten inspirieren. Drei Jahre zuvor war Eddie Cochran, gerade mal 21, gegen eine Straßenlaterne im Südwesten Englands gerast. Nachdem das mit dem „Tribute To Buddy Holly“ so gut geklappt hatte, versucht Meek es noch einmal. „Just like Eddie“, ein Ohrwurm, wenn es je einen gab, ausgestattet mit einem Break so groß und stumpf und schön wie eine Dreierkombination von Sonny Liston: bamm-bamm-babamm. Der blonde Heinz landet den Hit mit „Just like Eddie“, für Meek kein Grund zur Freude. Der geliebte Westfale verschwindet mit dem frischverdienten Geld. Von da an geht´s bergab. Die Triple-Diagnose der Meekschen Krankheit lautet: Amphetamine, Beatlemania und paranoide Schizophrenie. Klar wäre es zu einfach, alles auf seine Homosexualität zu schieben. Meeks Biographen behandeln seine sexuelle Neigung wie eine Privatsache, die keine Auswirkung auf seine Produktionen hat. Seltsame Verdrängung. Mit dem Wissen um Meeks Liebesleben und die damit verbunden Dramen kann man keinen banalen Popsong von 1956 mehr hören, ohne darin autobiographische Spuren zu entdecken. Wenn eine Anne Shelton zu straffer Marschmusik ihren Geliebten thatcheresk anherrscht: “Lay down your arms and surrender to mine!”, dann ist das zunächst mal ein Liebeslied von einer jungen Frau für ihren Soldatenfreund. „The girl who loves a soldier is either sad or gay, cos´ first of all he´s with her and then he´s far away”, singt sie weiter. Klar funktioniert das im Liebesliedchenschema. Gay heißt glücklich. Aber Gay heißt auch schwul. Und Meek hat sich bei der Armee seiner Homosexualität versichert.

Oder der spukige Jailhouse Blues von Ottilie Patterson und Chris Barber's Jazz Band von 1956. Zu sterbensschönem Beerdigungsjazz becroont Ottilie ihre Gefängnis-Paranoia: „Voices all around me, not a friendly face I see, a house of sorrow and a mansion of fear, when you´re in jail for an hour, it seems like a million years.” Singt da nicht jemand vom Gefängnis des eigenen Körpers, in dem das illegitime Begehren eingesperrt ist? Nun haben schon Bessie Smith und Louis Armstrong den „Jailhouse Blues“ aufgenommen, auch Anne Sheltons Soldatenlied stammt nicht von Joe Meek. Der war bei diesen Aufnahmen ein kleiner Balance Engineer ohne Einfluss.

Dennoch erliegt man der Versuchung, ihm eine heimliche Autorenschaft zuzuschreiben, in Verkennung der Pop-Verhältnisse vor 1965. Erst mit den Beatles, Dylan und all den anderen wird Autorenschaft zu einem entscheidenden Faktor im Pop, erkämpft gegen corporate Strukturen. Es gehört zur bitteren Ironie des Joe Meek, dass ausgerechnet er, der Produzent als Sound-Autor par excellence, von den Lennon/McCartneys dieser Welt, den Autorenbands also, zum Auslaufmodell degradiert wird. Lange bevor er offiziell Songwriter wird, ist Meeks Autorenhandschrift unverkennbar, aber sie ist eine angedeutete, sublime, manchmal heimliche – wie seine Sexualität. Telstar, Life on Venus, Orbit around the moon, Lost planet – man kann Meeks Obsession mit dem Außerirdischen auch lesen als Ausweichmanöver. So lange er outtaspace unterwegs ist, muss er sich nicht mit dem Popthema Nummer Eins konfrontieren – der heterosexuellen Teenagerliebe. Der Weltraum wird ihm zum Fluchtraum vor der Realität. Ganz ähnlich hat sich ein anderer großer Produzent-Autor einen phantasmatischen Popraum imaginiert. Brian Wilson schrieb und arrangierte die schönsten Teenager-Sinfonien über den Surf, ohne je auf einem Brett gestanden zu haben. Er war so wasserscheu wie menschenscheu, blieb lieber im Studio. Schön zu sehen auf Beach-Boys-Fotos aus den 60ern. Vier braungebrannte, strahlende Jungs und ein skeptischer Blasser – Brian. Was Wilson der Surf ist Meek die heterosexuelle Teenagerliebe – ein Feld, das er bearbeitet, das ihm aber fremd und unheimlich ist. Und was Wilson der Surf ist Meek der Weltraum – das große Außen als Fluchtort, im Falle Meeks die Flucht vor der Heteronormativität. Vielleicht wäre Joe Meek noch am Leben, wäre er zehn Jahre später zur Welt gekommen. Brian Wilson, mit dem ihn so viel mehr verbindet als mit Phil Spector, litt auf ähnliche Weise am Leben, war auf ähnliche Weise ein Alien seiner Zeit. Aber anders als Meek hatte Wilson musikalische und textliche Möglichkeiten, dieser Entfremdung Ausdruck zu geben. Er war 1966, mit 23, Autor genug, um sich einen expliziten Song leisten zu können: „I just wasn´t made for these times“. Diese Möglichkeit hat Meek im selben Alter nicht. Als er sein Coming-out in die Welt schickt, ist es zu spät. Meek ist 36 und ein Wrack, als er im August 1966 die letzte Single der Tornados veröffentlicht. „Is that a ship I hear“, eine Novelty-Nummer mit Seemöven- und Meeresgeräuschen, die Gimmicks sollten ihm Airplay bei den einflussreichen Piraten-Radios sichern. Leider wird am selben Tag „Blonde on Blonde“ veröffentlicht, aber auch ohne den unvorteilhaften Vergleich mit Dylans Meisterwerk wirkt Meeks Masche hoffnungslos gestrig. Die Single floppt, die B-Seite hört eh kein Mensch. Außer Jon Savage. Der englische Pop-Historiker („England´s Dreaming“) hat die Single umgedreht und den ersten schwulen Coming-out-Song der Popgeschichte entdeckt: „Do you come here often?“ orgelplätschert alleinunterhaltermäßig daher, zwei Minuten cheesy Langeweile. Aber dann. „Do you come here often?“, fragt eine bilderbuchschwule Stimme und eröffnet einen – damals hätte man wohl gesagt: schlüpfrigen – Tunten-Dialog über eindeutig zweideutige Themen wie Piratenschiffe und Pyjamas. Ein letztes Mal wird Meek zum Pionier. „Do you come here often?“ ist, so Jon Savage, „the first record on a UK major label – Columbia, part of the massive EMI empire – to deliver a slice of queer life so true that you can hear its cut-and-thrust in any gay bar today.” Pionier hin oder her, auf den gängigen Meek-Kollektionen fehlt „Do you come here often?“, auch unter den 117 Tracks der „Portrait of a Genius”-Box ist es nicht zu finden. Jon Savage selbst hat die Perle für die Nachwelt gerettet, auf seiner Compilation „Frome the closet to the charts – Queer noises 1961 – 1978“ (Trikont).

Ein halbes Jahr nach „Do you come here often?“ feiert Joe Meek den achten Todestag seines Idols Buddy Holly. Zunächst erschießt er seine Vermieterin, die hatte ihn schon lange genervt mit ihren ewigen Klagen über die laute Musik. Dann steckt er sich das Gewehr in den Mund und drückt ab. Es ist der 3. Februar 1967.

Joe Meek im BBC-Interview interview von 1964

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erstellt am 15.8.2012

Joe Meek, 1964
Joe Meek, 1964

Joe Meek (geb. am 5. April 1929 in Newent, Gloucestershire; gest. 3. Februar 1967 in Islington) war ein britischer Musikproduzent, Songwriter und Inhaber einer Plattenfirma.

The March Of The Dribcots by Joe Meek (Triumph Records 1959)
The March Of The Dribcots by Joe Meek (Triumph Records 1959)
Joe Meek im Studio
Joe Meek im Studio
Buchcover der Biographie

Cover der Erstausgabe der Meek-Biografie von John Repsch (1989)

Cover der Cleveland-Biografie

Meek-Biografie von Barry Cleveland

New Musical Express, Februar 1967
New Musical Express, Februar 1967