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Die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt sind ein einzigartiges Festival. Anders als bei den jährlich stattfindenden Donaueschinger Musiktagen oder den Wittener Tagen für neue Kammermusik treffen sich in Darmstadt alle zwei Jahre Studenten und Dozenten, um voneinander zu lernen. Da geht es für Instrumentalisten um neue Spieltechniken und Interpretationshaltungen, für Komponisten um neue Konzepte und die Auseinandersetzung mit der jungen Tradition der Neuen Musik, für die Theoretiker um Teilaspekte der alten und um die Möglichkeit einer neuen musikalischen Reflektion. In den Konzerten werden neue Kompositionen gegen die Klassiker der Neuen Musik gesetzt, mit der sehr neuen Musik werden Maßstäbe gesetzt, die von den Lernenden und den Lehrenden gleichermaßen diskutiert werden; ja es gibt sogar Stücke dort, die so neu sind, dass sie erst in Darmstadt mit Hilfe kundiger Kompositionslehrer fertig werden und sogleich einem ad hoc zusammengestellten Ensemble zur eiligen Erstaufführung anvertraut werden. Alle Aktivitäten der Ferienkurse sind von der Spannung der Gegenwart angeregt, ja sie vibrieren geradezu vor Gegenwart. Wie sich das für jemanden darstellt, der zum ersten Mal an diesen Ferienkursen teilnimmt, hat für Faust-Kultur Friederike Kenneweg aufgeschrieben.

Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt

»Als langsam als positiv«

Von Friederike Kenneweg

In diesem Jahr war ich Teilnehmerin bei der Schreibwerkstatt an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik. Zwei Wochen lang ließ ich mich anfüllen mit Klängen, Inhalten, Positionen, Diskursen, ästhetischen Fragestellungen, Anregungen, Geräuschen, Musik.
Was davon hängen geblieben ist?

Fragen

Sind die traditionellen Instrumente schon zur Genüge auf ihre Möglichkeiten der Klangerzeugung hin abgeklopft?” Lässt sich aus der elektronischen Klangerzeugung noch etwas Neues rausholen? Ist das überhaupt die entscheidende Frage, „Was ist neu?“? Wo sind die Grenzen des Kunstwerks, wo sind die Grenzen des Materials für eine Komposition? Muss man sich konzeptuell motivierte Musik eigentlich noch anhören oder reicht es, darüber zu lesen? How to perform John Cage? Wo fängt Kunst an und wo hört sie auf? Wie schreibt man über Musik? Sind Harmonien erlaubt? Oder ganz und gar nicht vertretbar? Wie kann ein zeitgemäßes Musiktheater aussehen? Wie verhält sich Komposition zu Improvisation? Und umgekehrt? Welche gesellschaftliche Relevanz hat die Neue Musik? Wodurch legitimiert sie sich? Und wer, eigentlich, soll das alles bezahlen?

Geräusch

Die Uraufführung von Δίκη Wall von Pierluigi Billone, gespielt vom Talea-Ensemble. Der Perkussionist Alex Lipowski hatte eine runde Metallplatte auf den Bauch geschnallt, auf der er mit zwei goldenen Metallschalen schabende Geräusche erzeugte. Das Ohr wurde auf diese Geräuschhaftigkeit hin sensibilisiert. Bassklarinette und Querflöte, auf der Bühne einander gegenüber, gaben sich über die Bühnenbreite hinweg solche Klänge weiter, atmeten sie sich gegenseitig hin und her. Die Musiker sprachen zwischendurch einzelne Sätze, jedoch so leise, dass Worte zwar als solche erkennbar, aber nicht verständlich waren. Von der Sprache blieb nur die Klanglichkeit, das Geräusch, und so sank sie als gleichberechtigter Teil in die Musik hinein.

Von Billones Stück derartig auf Geräuschhaftes eingestimmt, war es ein sehr seltsamer Moment, als während eines nachfolgenden Stückes gerade bei einer leisen Stelle jemand mit quietschenden Schuhen und aneinander schleifenden Hosenbeinen einmal das Konzertpublikum umrundete, um zum Ausgang zu kommen. Man war sich sicher, jeder im Publikum horchte ganz genau auf die besondere Qualität des Reibens von Kunststoffschuhen auf Parkett.

Feuer der Begeisterung

Bei einem der Gespräche der Reihe „How to perform John Cage?“ saß Klaus Reichert auf dem Podium, der Übersetzer von John Cage ins Deutsche. Er erzählte, wie John Cage in Frankfurt an „Europeras 1&2“ arbeitete, dass er sich dafür ein Modell von der Frankfurter Oper hatte bauen lassen und ein gesamtes Computerprogramm geschrieben hatte, in das er die Position eines jeden Scheinwerfers eingetragen hatte, um auch diese mit Hilfe von Zufallsoperationen steuern zu können. Und dann brannte die Oper ab. John Cage, der zu dem Zeitpunkt gewissermaßen in der Oper wohnte, sei quasi auf Socken grade so noch davongekommen. Klaus Reichert habe ihn angerufen und wollte ihm sein Mitgefühl für das Erlittene aussprechen, als John Cage ihn mit der Frage unterbrach: „Isn´t it amazing?“

Das Publikum blättert sich um

Irvine Arditti spielte die Freeman Etudes von John Cage. 90 Minuten lang Violine Solo. Eine Sternstunde des Virtuosentums. Nach einer halben Stunde breitete sich eine leichte Unruhe im Saal aus. Wenn Arditti die Noten umblätterte, wechselten die Zuhörer von einem übergeschlagenen Bein auf das andere. Von Zeit zu Zeit rupfte er die gerissenen Haare vom Geigenbogen ab und warf sie auf den Bühnenboden. Der Witz beim Applaus am Ende, er könne ja noch mal von vorne anfangen, stieß auf erleichtertes Lachen, aber auch nur, weil klar war, er würde es nicht wahr machen. Jemand am Ausgang sagte nachher, die Etüden selbst seien „zu statistisch“ gewesen, als dass man ihnen habe länger folgen können. Und das habe doch gewiss niemandem im Saal gefallen. Wozu solche Rekordversuch-Konzerte da sind, diese Frage meinte man in einigen Gesichtern zu sehen.

Dass einem Hören und Sehen vergeht

Das Konzert des Nadar-Ensembles mit Uraufführungen von Alexander Schubert, Johannes Kreidler und Jorge Sanchez-Chiong war von Video und Technik dominiert. Wii-Sensoren, mit denen der Dirigent in Alexander Schuberts Stück per Handbewegung Klänge auslöst. Metalmusik zu einem Video von Norbert Pfaffenbichler, in dem eine Fluchtszene eine Treppe hinunter aus einem Stummfilm mehrmals hintereinander gesetzt ist – Stummfilmkomik. Szenen aus Horrorfilmen werden im Film von Nicolas Provost verpixelt. Die Pixel fressen sich durchs Bild und zerstören ihrerseits die verstörenden Bilder. Die Musik dazu: vornehmlich laut. Das Bild: Horror. Und immer gleich der gesamte Hintergrund der Filme, Bilder mit schwerem Kontext-Gepäck.
Danach beim Anstehen an der Theke hinter mir sagt jemand: „Das Video war so dominant, ich konnte gar nicht mehr zuhören.“ Irgendwas daran hat mir sehr gut gefallen. Aber ich muss zugeben, ich kann mich auch nur schlecht an die Musik erinnern.

Ohren öffnen

Zum Workshop der kanadischen Soundscape-Komponistin Hildegard Westerkamp trafen wir uns in einem Kellerraum. Frau Westerkamp bat uns, bei der Vorstellungsrunde nicht nur unseren Namen und unser Anliegen bei dem Kurs zu nennen, sondern auch einen besonderen Klang vorzustellen, der uns heute im Laufe des Tages begegnet war – eine sehr schöne Art, die Anwesenden gleich für die Umgebungsklänge des Tages zu sensibilisieren. Im Raum oben drüber schoben die Techniker ein paar Cases hin und her: Ein wunderbares tieffrequentes Rumpeln. Sehr langsam schloss einer der Teilnehmer das Fenster nach draußen: ein Live-Fade-out.

Der Soundwalk mit Frau Westerkamp führte uns durch die Darmstädter Innenstadt. Schweigend gingen wir durch die Straßen, an Geschäften vorbei, durch Unterführungen, an der Glocke am Schloss, die auch tatsächlich für uns schlug. Durch die Konzentration auf das Hören und durch das Schweigen wurde einem plötzlich bewusst, wie das Visuelle permanent auf einen eindrängt. Namen von Geschäften, Sonderangebote, Werbung. Hildegard Westerkamp hatte auf die Unterscheidung von Außenklängen und Innenklängen hingewiesen und dass man alles zulassen und aufnehmen solle. Da waren sie, meine lauten Gedanken zum Haarverlängerungsangebot und zu den reduzierten T-Shirts. Je bunter die Umgebung war, desto weniger hörte ich überhaupt noch. Hundegebell, drei Punks schüttelten eine Büchse mit Kleingeld, es ging an einem Auto vorbei, das mit laufendem Motor auf der Straße stand, und das war wie ein langsames Crescendo des Verkehrslärms: durch eine schmale Gasse in der Fußgängerzone bis hinauf auf den Platz, auf dem Autos fuhren.

Mein liebster Moment auf dem Soundwalk: ein junger Mann kam uns entgegen, und auf seinem T-Shirt war das stilisierte Bild von einem Radio.
Das Konzert von Hildegard Westerkamp führte einen nach Indien. Wasserklänge. Tempel. Nachher öffnete ich die Tür nach draußen, als gerade ein ferner Donnerklang über den gesamten Himmel rollte. Real Soundscape hat doch noch mal eine ganz andere Qualität.

Danke, John Cage

Als ich zu einem Konzert fuhr und mich ein Wolkenbruch innerhalb weniger Minuten völlig durchnässt hatte, dachte ich an Klaus Reichert und John Cage: „Isn´t it amazing?“

Clash, As SLow aS Possible

Nach einem Ausflug mit der Schreibklasse in den Hessischen Rundfunk fielen wir vom Hauptbahnhof aus direkt in den Stage-Cage. Ein Holzbau war auf einer Wiese aufgebaut, darin, in diesem Fall: der Pianist Marino Formenti am Flügel mit „As SLow aS Possible“. Formenti hatte zu diesem Zeitpunkt schon etwa eineinhalb Tage seiner zweitägigen Performance hinter sich gebracht. In dem hölzernen Bühnenraum waren Turnmatten ausgelegt, auf denen man sich ausstrecken konnte, um den langsamen Tönen nachzuhorchen, und nie war man sicher, folgt gleich noch einer? Oder war das der letzte? Jeder Akkord hatte einen Nachklang, fast konnte man ihn sehen, wie eine Rauchfahne in der überhitzten Sommerluft. Wir lagen etwa eine Viertelstunde da, als ein Pärchen verwundert an dem geöffneten Bühnenraum stehenblieb. „Was ist das denn? Ist das für Obdachlose? Aber obdachlos sehen die gar nicht aus!“ Und mitten in die liegenden Klaviertöne hinein begann die Frau den Text auf dem Schild vorzulesen: „Darmstädter Ferienkurse, as slow as possible“ – sie übersetzte es gleich: „als langsam als positiv“. Eine freundliche Person am Eingang gab ihr einen Informationszettel und wies sie daraufhin, das könne sie für sich und leise lesen und könne sich irgendwo im Raum hinsetzen. Marino Formenti hatte unterdessen aufgrund des lauten Gesprächs sein Spiel unterbrochen und legte den Finger an die Lippen: bitte, leise! Nach einer kurzen Schweigepause rief die Frau: „Was das aber hier mit der Chillout-Zone auf sich hat, das hab ich immer noch nicht kapiert! Ich kann ja mal den Klavierspieler fragen, der weiß das doch bestimmt!“ Und tatsächlich ging sie hin und redete auf den erschöpften Formenti ein. Der antwortete nicht. Und all die Zuhörer auf ihren Matten reagierten auch nicht, keiner erklärte der Frau, dass man das nicht macht, „den Klavierspieler fragen“. Und keiner erklärte ihr, was es mit dem „als langsam als positiv“ auf sich hatte. Endlich erbarmte sich einer und wies sie mit freundlichen Gesten nach draußen. Dort stand ihr Mann, unterdessen ungeduldig geworden, und zitierte sie mit einem schrillen Pfiff zu sich – los, Frau, wir gehen jetzt. Als Formenti sich wieder ans Klavier setzte, hatte ich nicht mehr die innere Ruhe, um den Ton-Rauchfahnen nachzulauschen. Im Kopf waren all die Fragen danach, wie die Neue Musik sich präsentiert, wie das so läuft mit der Vermittlung, inwiefern die Öffnung des Stage-Cage zum Bahnhof und zur Stadt hin nur eine Schein-Öffnung ist, weil man die Leute doch nicht abholt, und wie das so ist mit den Grenzen des Kunstwerks: nimmt man solche Unterbrechungen als Teil des Kunstwerks an, weil sie durch die Öffnung nach draußen zu seinen Möglichkeiten gehören? Oder sind es Störungen, denen man mit dem mahnenden Finger auf den Lippen Einhalt gebieten muss? Und was, eigentlich, hätte John Cage dazu gesagt?

Den flüssigen Raum hören

Und dann kam schon das Abschlusskonzert. Im Darmstadtium luden das Ictus-Ensemble und die irische Komponistin Jennifer Walshe in einen „Liquid room“. Das Publikum befand sich in der Mitte zwischen vier Bühnen, die in immer unterschiedlichen Kombinationen bespielt wurden. Die Türen blieben offen, man konnte also jederzeit rein und raus gehen. Das Stück „Ablauf“ von Magnus Lindberg für Klarinette und zwei Bassdrums, auf drei Bühnen verteilt, öffnete gleich zu Beginn die Raumwahrnehmung, indem die zwei Bassdrums von einander gegenüberliegenden Bühnen durch den Raum klangen.

Durch die vielen Wechsel in Instrumentierung, Beleuchtung und Raumarrangement und auch dadurch, dass sich andauernd änderte, worauf man bei den jeweiligen Stücken die Aufmerksamkeit richtete, blieb man sehr gespannt. Gleich zu Anfang ertappte ich mich dabei, dass mein Fuß zuckte und ich tanzen wollte, und da fiel mir auf: seltsam. Zwei Wochen lang höre ich Konzerte an, und ist es jetzt wirklich das erste Mal, dass ich tanzen möchte?

In einem anderen Moment waren Teilnehmer von Jennifer Walshes Workshop überall im Publikum verteilt und sangen Schlaflieder in verschiedenen Sprachen. Dieser gemischte Gesang, der für jeden etwas mit zu Hause zu tun haben musste, machte mich ganz melancholisch, ich hätte weinen mögen. Und ich dachte: seltsam. Seit zwei Wochen höre ich Konzerte, und ist es jetzt wirklich das erste Mal, dass ich emotional berührt bin?

Direkt darauf folgte Alvin Luciers Stück „Silver Street Car for the Orchestra“ für Triangel. Etwa zehn Minuten lang wird der Triangel regelmäßig geschlagen, dabei lassen sich die langsamen Verschiebungen der Obertöne verfolgen, die der Musiker durch verschiedene Handformungen hervorruft. Ich weiß nicht, waren es die zwei Wochen Neuer Musik, war es der Rhythmus des Abends – jedenfalls war es mir eine große Freude, diese feinen Verschiebungen zu verfolgen, und ich hätte noch viel länger Solo-Triangel hören können. Und so ging es weiter, das war sehr gelungen, der „Liquid room“. Ganz erfüllt kam ich aus dem Darmstadtium, und ganz erfüllt fuhr ich aus Darmstadt nach Hause, mit lauter neuen Bekanntschaften, Begegnungen, Geschichten, Klängen, Fragen, Gedanken und Antworten im Gepäck.

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erstellt am 14.8.2012

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Friederike Kenneweg Foto: Martina Šimková
Foto: Martina Šimková

Friederike Kenneweg studierte bei Heiner Goebbels Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und arbeitete als Sounddesignerin für Bühnenstücke. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist das Schreiben. In den Jahren 2001, 2005 und 2006 wurde sie für ihre Kurzgeschichten vom Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen ausgezeichnet. 2007/ 2008 war sie Stadtschreiberin der Stadt Ranis in Thüringen und veröffentlichte die Erzählung „Geschichten aus der Winterhand“. Den November 2011 verbrachte sie mit einem Stipendium des Hessischen Literaturrates in Prag.