Jan Wagner
Jan Wagner

Mücken lesen

Wer den Namen Jan Wagner erwähnt, bekommt auch von den Skeptikern Anerkennendes bis Schwärmerisches zu hören. Welcher Poet sonst kann mit einer solchen Zustimmung rechnen? Und worauf gründet sie sich? Das ist schnell gesagt: Wagners Gedichte haben einen einnehmenden Oberflächenreiz, der der Anverwandlung der besten lyrischen Traditionen entspringt. Seine Verse sind musikalisch ausgehört; und meisterhaft verfügt er über eine Sprachgestik, die so sparsam wie wirksam das Ambiente für unsere Phantasie skizziert: dies ist das dorf, und dies am waldesrand/ die wasenmeisterei, von deren dach/ ein dünner rauch sich in den himmel stiehlt. Wer so etwas schreibt, kann kein schlechter Mensch sein. Das Gedicht heißt „dobermann“ und ist dem Dichterkollegen Ron Winkler gewidmet. Jan Wagner hat es in dem Band „Achtzehn Pasteten“ veröffentlicht. Die Eleganz und Leichtigkeit, die Renatus Deckert (Akzente 2/2006) in den Gedichten Wagners findet, erklären, warum dessen Dichtung der mutmaßlichen Mehrheit einer Poesie lesenden Minderheit zugänglich ist, kurz, warum dieser Dichter so begehrt ist. Immer wieder sind es die bildgewordenen Assoziationen, die er so überzeugend ins poetische Spiel bringt. Bei ihm gibt es keinen Rückweg zur kindlichen Naivität. Gelegentlich lässt er eine gelehrte Weltläufigkeit unter der szenischen Zeichnung hervorblitzen, wie im „Versuch über Mücken“: Der Stein von Rosetta, der beim napoleonischen Feldzug im Nildelta gefunden wurde, trägt einen priesterlichen Hieroglyphentext samt der Übersetzung ins Griechische und Demotische, die die Entzifferung von Hieroglyphen ermöglichte. Der Text wirkt winzig klein. Die Mücken werden so von Wagner verschriftlicht. Aber wir können sie nicht lesen.

2001 schrieb er: „Jedes Gedicht weiß um die Geschichte des Dichtens. Es ist mit der Tradition vertraut, kennt alte wie neue Techniken des Dichtens und beherrscht sie – allerdings verbirgt es Kenntnis und Technik so gut wie möglich.“ (Die Sandale des Propheten) Nur manchmal verweist bei Wagner das Gedicht auf sich selbst – wie die zeichnende Hand, die sich selbst zeichnet. In „Probebohrung im Himmel“ findet sich die „herbstvillanelle“: den tagen geht das licht aus/ und eine stunde dauert zehn minuten./ die bäume spielten ihre letzten farben.// am himmel wechselt man die bühnenbilder/ zu rasch für das kleine drama in jedem von uns:/den tagen geht das licht aus.// dein grauer mantel trennt dich von der luft,/ ein passepartout für einen satz wie diesen:/ die bäume spielten ihre letzten farben. (-ert.)

Eine Auswahl seiner Gedichte sind hier zu lesen und zu hören.

Text und Audio

Jan Wagner

(shepherd’s pie)

schafe sind wolken, die den boden lieben.
der schäfer liebt marie. streut nüsse auf
den hang, souffliert die drei berühmten worte.
die herde blökt, frißt sie als weiße schrift
aufs tafelgrün. dahinter springt der punkt,
der hirtenhund. am grund des tales zieht
man abendschatten vor die fenster. sieht
den hang nicht und die hügel, nicht die wolken.
wolken, die schafe sind, vom wind getrieben.

(aus: Achtzehn Pasteten. Berlin Verlag, 2007)

CHAMPIGNONS

wir trafen sie im wald auf einer lichtung:
zwei expeditionen durch die dämmerung
die sich stumm betrachten. zwischen uns nervös
das telegraphensummen des stechmückenschwarms.

meine großmutter war berühmt für ihr rezept
der champignons farcis. sie schloß es in
ihr grab. alles was gut ist, sagte sie,
füllt man mit wenig mehr als mit sich selbst.

später in der küche hielten wir
die pilze ans ohr und drehten an den stielen –
wartend auf das leise knacken im innern,
suchend nach der richtigen kombination.

(aus: Probebohrung im Himmel. Berlin Verlag, 2001)

amisch

was wir für eine schwarze kutsche hielten,
war nur der schatten einer wolke, saß
als schwarm von raben über einem aas,
bis wir die schwarze kutsche überholten.

die scheunen zwischen tag und nacht, die farmen,
von wäsche blind; das rübenstecken,
das sticken, und wie riesige insekten–
eier die wassertürme in der ferne.

der laden führte bottiche, propan-
gaslampen, einen fahnensaal von sensen.
Amanda kaufte eine dieser puppen

ohne gesicht, als prompt zwei pferdebremsen
sich niederließen, ein paar dunkle augen,
die schielten, krabbelten, dann weiterflogen.

(aus: Australien. Berlin Verlag, 2010)

historien: onesilos

(herodot V, 114)

da oben, der schädel am stadttor,
der mit dem ersten licht zu summen beginnt,
mit dem noch immer leicht verdatter-
ten ausdruck, wo sich ein gesicht befand.

dahinter arbeitet es: die feine
schwarmmechanik im kranium,
die goldenen zahnräder der bienen,
die ineinandergreifen. geranien

und tulpen, wilder mohn und gladiolen –
stück für stück kehrt alles in den blinden
korb zurück, bis in den höhlen
die bienenaugen zu rollen beginnen.

den jungen ist es egal,
wie man ihn nannte, bettler oder könig,
sobald sie über sonnenwarme ziegel
nach oben klettern, der honig,

den er sich ausdenkt, an den händen klebt.
der bienentanz, ein epitaph.
er hatte fast ein land, als er noch lebte.
nun lebt in seinem kopf ein ganzer staat.

(aus: Australien. Berlin Verlag, 2010)

chamäleon

älter als der bischofsstab,
den es hinter sich herzieht, die krümme
des schwanzes. komm herunter, rufen wir
ihm zu auf seinem ast, während die zunge
als teleskop herausschnellt, es das sternbild
einer libelle frißt: ein astronom
mit einem blick am himmel und dem andern
am boden – so wahrt es den abstand
zu beiden. die augenkuppeln, mit schuppen
gepanzert, eine festung, hinter der
nur die pupille sich bewegt, ein nervöses
flackern hinter der schießscharte (manchmal
findet man seine haut wie einen leeren
stützpunkt, eine längst geträumte these).
komm herunter, rufen wir. doch es regt
sich nicht, verschwindet langsam zwischen
den farben. es versteckt sich in der welt.

(aus: Australien. Berlin Verlag, 2010)

versuch über mücken

als hätten sich alle buchstaben
auf einmal aus der zeitung gelöst
und stünden als schwarm in der luft;

stehen als schwarm in der luft,
bringen von all den schlechten nachrichten
keine, dürftige musen, dürre

pegasusse, summen sich selbst nur ins ohr;
geschaffen aus dem letzten faden
von rauch, wenn die kerze erlischt,

so leicht, daß sich kaum sagen läßt: sie sind,
erscheinen sie fast als schatten,
die man aus einer anderen welt

in die unsere wirft; sie tanzen,
dünner als mit bleistift gezeichnet
die glieder; winzige sphinxenleiber;

der stein von rosetta, ohne den stein.

(ohne Verlag)

Mit freundlicher Genehmigung des Berlin Verlags.

erstellt am 13.8.2012

Jan Wagner liest:

Gedichte von Jan Wagner (gelesen in der Romanfabrik Frankfurt, am 30. Mai 2012). AUDIO © Bernd Leukert, Redaktion Faust

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Weitere Titel:

Jan Wagner: Die Sandale des Propheten.
Beiläufige Prosa. Bloomsbury Verlag. Berlin 2011
Jan Wagner: Achtzehn Pasteten.
Berlin Verlag. Berlin 2007
Jan Wagner: Guerickes Sperling.
Berlin Verlag. Berlin 2004
Jan Wagner: Probebohrung im Himmel.
Berlin Verlag. Berlin 2001