Marina Abramović, performance artist

Marco Anelli fotografierte während Marina Abramović' Performance „The Artist is Present“ im MoMA 2010. Ein Film und ein Buch dokumentieren das Projekt. Das Fotografie Forum Frankfurt zeigte kürzlich eine Auswahl dieser Bilder im ehemaligen Sitz des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels am Großen Hirschgraben.

FotoKunst

Der Künstler ist anwesend

Von Isa Bickmann

Der Künstler ist anwesend heißt es auf Einladungen zu Ausstellungseröffnungen. Das ist als besondere Attraktion gemeint, eine Ausstellung erscheint dadurch besonders wertvoll, wenn neben dem Werk des Künstlers auch seine Person „präsent“ ist. Bei dieser reizvollen Gegenwart des Künstlers oder der Künstlerin, besonders wenn er oder sie über einen großen Bekanntheitsgrad verfügt, schwingt noch eine weitere Bedeutung mit: das Jetzt, das Hier und das Heute sowie die Wachheit und das Bewusstsein des Kunstschaffenden verheißen eine hohe Aktualität der Veranstaltung.

Marina Abramović hat 2010 ihre Retrospektive im Museum of Modern Art in New York zu einer Performance genutzt und diese „The Artist is Present“ genannt. Die serbische Performancekünstlerin (*1946), die dafür bekannt ist, sich sowohl körperlich, auch unter Schmerzen und blutend, als auch mental völlig auf ihre Aktionen einzulassen, saß 75 Tage lang in der Halle des Museums schweigend und regungslos auf einem Stuhl, an 6 Tagen der Woche, jeden Tag sieben Stunden ohne Unterbrechung, ohne Nahrungsaufnahme und Toilettengang. Ihr gegenüber konnten Besucher einzeln Platz nehmen und so lange dort sitzen, wie sie wollten. Die sprachlose Interaktion mit der Künstlerin war nur mit den Augen möglich. Manche blieben nur kurz, manche sogar bis zu sieben Stunden. Begleitet wurde die Performance von Marco Anelli (*1968) der Abramović‘ Performances seit 2007 fotografisch begleitet. Er porträtierte 1545 Personen, die sich der Künstlerin gegenübersetzten und schuf damit eine berührende Serie.

Eine Ausstellung dieser Fotos spiegelt die Performance auf einer Metaebene, auf einer Ebene, die eine filmische Begleitung nie in dieser Intensität erreichen würde. Man schaut auf Gesichter, die auf ein Gesicht schauen. Anelli gelang es, den Moment mit der Kamera einzufangen, in dem die Gesichter sich in den Gefühlen auflösen. Die Porträts spiegeln etwas vom Inneren der Besucher. Nie sehen wir gleichgültige Gesichter, alle sind von ihren Empfindungen überwältigt, wenige lächeln, manche weinen. Und wenn man die Bildfolge der 1545 Teilnehmer auf dem Monitor im Fotografie Forum Frankfurt sieht, dann wird man gefangen genommen von den sich in der Mimik spiegelnden Reaktionen voller Empathie angesichts des Schmerzes, dem sich die Künstlerin aussetzt. Man könnte glatt mitweinen.

Die in der Ausstellung präsentierte, weiß gerahmte Foto-Auswahl zeigt das menschliche Anlitz in seiner Nacktheit, selbst die Mimik der schönen, kaum geschminkten Sharon Stone, die mit vielen anderen Prominenten an der Performance teilnahm, zeigt sich der Situation völlig hingegeben. Man kann lange in dieses Gesicht blicken wie auch in das knittrige, unrasierte Lou Reeds oder des R.E.M.-Sängers Michel Stipe. Björk sieht man den mitgefühlten Schmerz an, und ihr Mann, der Künstler Matthew Barney, lächelt unmerklich, inmitten all der Unbekannten mit roten, verweinten Augen, heruntergelaufenen Tränen oder die einfach den ergreifenden Moment des Einlassens auf eine wortlose Kommunikation spiegeln. Es sind schöne Gesichter, alle durchweg attraktiv aufgrund ihrer Ungewöhnlichkeit. Gesichter, die man nie vorher sah, aber nun nicht mehr vergessen wird.

Der Film zur Ausstellung tourt zurzeit: marinafilm

Marina Abramović: Live at MoMA

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erstellt am 09.8.2012

Fotografie Forum Frankfurt
Öffnungszeiten: Di–So 11–18 Uhr, Mo geschlossen
fffrankfurt.org

Marco Anelli
Marco Anelli
Marco Anelli. Eine Auswahl

PORTRAITS IN THE PRESENCE
OF MARINA ABRAMOVIC
1545 PORTRAITS
Texts by Marina Abramovic,
Klaus Biesenbach
and Chrissie Iles
192 Pages
23 × 23 cm
Paperback

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