Er ist einer der weltweit erfolgreichsten deutschen Schriftsteller, seine Werke werden in den USA gelesen, in El Salvador, Usbekistan, Neuseeland und China. Zudem hat er, meist unfreiwillig, ganze Generationen mit bekennender Literatur versorgt, allen voran die Hippies der sechziger und siebziger Jahre. Otto A. Böhmer erinnert an Hermann Hesse.

Porträt: Hermann Hesse

Mehr Sehnsucht als Erfüllung

Hesse und die Stufen des Lebens

Von Otto A. Böhmer

Er ist einer der weltweit erfolgreichsten deutschen Schriftsteller, seine Werke werden in den USA gelesen, in El Salvador, Usbekistan, Neuseeland und China. Zudem hat er, meist unfreiwillig, ganze Generationen mit bekennender Literatur versorgt, allen voran die Hippies der sechziger und siebziger Jahre, die sich speziell um seinen Roman Der Steppenwolf (1927) scharten, der wiederum einer (damals) erfolgreichen Rockband zu ihrem Namen und einem Song verhalf, in dem sich das Lebensgefühl der Aussteigergeneration widerspiegelte (Born to be wild). Die hiesigen, eher zahmen Hesse-Puristen hielten das für ein Missverständnis, aber das war es nicht: Ihr Dichter nämlich verstand sich durchaus aufs Aussteigen, er probte die Selbstfindung, die unzählige Varianten kennt und doch an kein Ziel kommt, das über jeden Zweifel erhaben wäre. Vom „unfruchtbar einsamen Virtuosentum des Künstlers“ hielt Hesse wenig: Zwar lobte er den „Eigensinn“, wusste aber auch um die Notwendigkeit, „das persönliche Leben und Tun einem überpersönlichen Ganzen, einer Idee, einer Gemeinschaft einzuordnen“.

Heimat

Hermann Hesse stammt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen; die Eltern sind fromm und wollen den Sohn zum Theologen ausbilden lassen. Der aber möchte seine Kindheit zunächst gar nicht verlassen: Die Heimatstadt Calw, die er in seinen Werken später Gerbersau nennt, erklärt er kurzerhand zur „schönsten Stadt zwischen Neapel, Wien und Singapore“. Dort kennt er sich so gut aus, dass es auch für später noch reicht: „Ich wußte Bescheid in unsrer Vaterstadt, in den Hühnerhöfen und in den Wäldern, in den Obstgärten und in den Werkstätten der Handwerker, ich kannte die Bäume, Vögel und Schmetterlinge, konnte Lieder singen und durch die Zähne pfeifen, und sonst noch manches, was fürs Leben von Wert ist. (…)“ Es ist ein Stück zeitlose Heimat, das Hesse für sich gewinnt; in der Erinnerung bleibt sie ihm greifbar, auch wenn die zugehörigen Bilder mit dem Alter etwas Staub ansetzen und Mühe haben, sich gegen jüngere Eindrücke zu behaupten. Nach einem Wiedersehen mit seiner Geburtsstadt, da ist er immerhin schon 41 Jahre alt, schreibt er: „Wenn ich jetzt wieder eine Viertelstunde auf der Brückenbrüstung sitze, über die ich als Knabe tausendmal meine Angelschnur hinabhängen hatte, dann fühle ich tief und mit einer wunderlichen Ergriffenheit, wie schön und merkwürdig dies Erlebnis für mich war: einmal eine Heimat gehabt zu haben! Einmal an einem kleinen Ort der Erde alle Häuser und ihre Fenster und alle Leute dahinter gekannt zu haben! Einmal an einen bestimmten Ort dieser Erde gebunden gewesen zu sein, wie der Baum mit Wurzeln und Leben an seinen Ort gebunden ist.“ Dieses Gefühl hält an und lässt sich im Alter, sofern man gesund geblieben ist, noch einmal vertiefen, ja nun erst richtig wertschätzen; Zeit und Raum spielen keine Rolle mehr, die Entfernungen schrumpfen auf wehmütiges Gedankenformat: „Je mehr das Alter mich einspinnt, je unwahrscheinlicher es wird, daß ich die Heimat der Kinder- und Jünglingsjahre noch einmal wiedersehe, desto fester bewähren die Bilder, die ich von Calw und von Schwaben in mir trage, ihre Gültigkeit und Frische. Wenn ich als Dichter vom Wald oder vom Fluß, oder vom Wiesental, vom Kastanienschatten oder Tannenduft spreche, so ist es der Wald von Calw, ist es die Calwer Nagold, sind es die Tannenwälder und die Kastanien von Calw, die gemeint sind, und auch Marktplatz, Brücke und Kapelle, Bischofstraße und Ledergasse, Brühl und Hirsauer Wiesenweg sind überall in meinen Büchern, auch in denen, die nicht ausdrücklich sich schwäbisch geben, wiederzuerkennen, denn alle diese Bilder und hundert andre haben einst dem Knaben als Urbilder Hilfe geleistet, und nicht irgendeinem Begriff von ‚Vaterland’, sondern eben diesen Bildern bin ich zeitlebens treu und dankbar geblieben, sie haben mich und mein Weltbild formen helfen, und sie leuchten mir heute noch inniger und schöner als je in der Jugendzeit.“

Bestimmung

Schon früh fasst der Knabe Hesse einen für ihn naheliegenden Plan: „Von meinem dreizehnten Jahr an war mir (…) klar, daß ich entweder ein Dichter oder gar nichts werden wolle.“ Dabei kommt ihm eine Anregung zugute, die sich, wie andere unauffällige Inspirationen auch, eher beiläufig einstellt, dafür aber um so nachhaltiger wird: „In unserem Schullesebuch, das wir als zwölfjährige Lateinschüler hatten, standen die üblichen Gedichte und Geschichten, die Anekdoten von Friedrich dem Großen und Eberhard im Barte, und alles las ich gern, aber mitten zwischen diesen Sachen stand etwas anderes, etwas Wunderbares, ganz und gar Verzaubertes, das Schönste, was mir je im Leben begegnet war. Es war ein Gedicht von Hölderlin, das Fragment Die Nacht. Oh, diese wenigen Verse, wie oft habe ich sie damals gelesen, und wie wunderbar und heimlich Glut und auch Bangigkeit weckend war dies Gefühl: das ist Dichtung! Das ist ein Dichter!“ Es sind nur vier Zeilen, die Hesse den Kopf verdrehen und eine Ahnung vom großen Geheimnis anklingen lassen, in das jedes Leben eingesponnen bleibt: „(…) die Nacht kommt,/ Voll mit Sternen und wohl wenig bekümmert uns,/ Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen/ Über Gebirgshöhn traurig und prächtig herauf.“ Als der Zauber sich gelegt hat und doch nicht vorbei ist, schreibt Hesse: „Nie mehr, so viel und begeistert ich auch als Jüngling las, haben Dichterworte mich so völlig bezaubert, wie diese damals den Knaben.“

Krise und Wahrheitssuche

Im Herbst 1891 wird Hesse ins Klosterseminar Maulbronn gegeben, wo es ihm anfangs ganz gut gefällt; sein anfänglicher Elan lässt jedoch nach. Er reißt aus, irrt „23 Stunden in Württemberg, Baden und Hessen herum“, schläft „auf freiem Feld bei 7 Grad minus“, bis ihn Landjäger aufgreifen und zurückbringen. Die Lehrer gehen vergleichsweise milde mit ihm um, er bekommt „wegen unerlaubten Entweichens aus der Anstalt“ nur acht Stunden Karzer. Danach fühlt er sich „so müde, kraft- und willenlos (…) Meine Füße sind immer eiskalt, während es ganz innen im Kopf brennt (…) Ich möchte hingehn wie das Abendrot“. Es lässt sich nicht verbergen: Hesse geht es schlecht, er hat Depressionen. Die nächste Zeit gleicht einer Irrfahrt: Er verlässt Maulbronn, wird der Obhut eines Gebetsheilers in Bad Boll übergeben, was ihm aber nicht bekommt. Wenig später sieht er sich in eine unglückliche Liebe verstrickt, die ihn so belastet, dass er einen Selbstmordversuch unternimmt. Auch in der Nervenheilanstalt Stetten, der er ab Mai 1892 übergeben wird, kann man ihm nicht helfen. Zwei weitere Schulversuche folgen, die ebenso abgebrochen werden wie eine Buchhändlerlehre in Esslingen. Danach aber, als alles schon aussichtslos erscheint, ist er über den Berg. Im Frühsommer 1894 wird er Praktikant einer Werkstatt für Turmuhren in Calw. Diese Arbeit macht ihm Spass, er findet langsam wieder zu sich selbst, wozu auch die Lesewut beiträgt, die in ihm angestaut ist; wann immer es seine Zeit erlaubt, liest er, was ihm an Büchern in die Hände fällt. Im Mai 1895 erklärt Hesse seine Krise, die er später in seinem zweiten Roman Unterm Rad beschreibt, für beendet: „Die böse Zeit voll Zorn und Haß und Selbstmordgedanken liegt hinter mir, immerhin hat sie mein dichterisches Ich ausgebildet; die tollste Sturm- und Drangzeit ist glücklich überwunden.“ Von 1895 bis 1903 betätigt er sich als Buchhändler in Tübingen und Basel. Er veröffentlicht Gedichte und Kurzprosa. 1904 erscheint sein erster Roman Peter Camenzind und macht ihn bekannt. Die Botschaft dieses Buches ist jugendbewegt und altersweise zugleich; im Rückblick schreibt Hesse: „Ich hatte (…) den Wunsch, in einer größeren Dichtung den heutigen Menschen das großzügige, stumme Leben der Natur nahe zu bringen und lieb zu machen. Ich wollte sie lehren, auf den Herzschlag der Erde zu hören, am Leben des Ganzen teilzunehmen und im Drang ihrer kleinen Geschicke nicht zu vergessen, daß wir nicht Götter und von uns selbst geschaffen, sondern Kinder und Teile der Erde und des kosmischen Ganzen sind.“ Das könnten viele Leute wohl heute noch unterschreiben, und tatsächlich hat sich Hesse schon früh einem zeitlosen Verständigungsprogramm von Mensch und Natur verpflichtet, dem literarische Moden nicht viel anhaben können. Es sieht den Dichter als Mahner, der mit den Mitteln der Poesie in Erinnerung ruft, was in geschäftiger Gegenwart vergessen zu werden droht: „Ich wollte daran erinnern, daß gleich den Liedern der Dichter und gleich den Träumen unsrer Nächte auch Ströme, Meere, ziehende Wolken und Stürme Symbole und Träger der Sehnsucht sind, welche zwischen Himmel und Erde ihre Flügel ausspannt und deren Ziel die zweifellose Gewißheit vom Bürgerrecht und von der Unsterblichkeit alles Lebenden ist.“ Der junge Hesse begibt sich auf die Suche nach einer Wahrheit, an die der Mensch sich halten kann, auch wenn es unmenschlich zugeht und seine persönlichen Hoffnungen ein ums andere Mal enttäuscht werden. Diese Wahrheitssuche kommt im Leben jedoch nicht an ein Ende, weiss der alte Hesse, und ist damit nicht viel schlauer als in jungen Jahren. Dennoch kann man hinzulernen, kann aus Erfahrung sogar einigermaßen glücklich werden, was sich auch in einer Art Botschaft zusammenfassen lässt: „Ich wollte (…) die Menschen lehren, in der brüderlichen Liebe zur Natur Quellen der Freude und Ströme des Lebens zu finden; ich wollte die Kunst des Schauens, des Wanderns und Genießens, die Lust am Gegenwärtigen predigen. Gebirge, Meere und grüne Inseln wollte ich in einer verlockend mächtigen Sprache zu euch reden lassen und wollte euch zwingen, zu sehen, was für ein maßlos vielfältiges, treibendes Leben außerhalb eurer Häuser und Städte täglich blüht und überquillt. (…) Ich wollte euch erzählen, welche goldene Kette unvergesslicher Genüsse ich Einsamer und Schwerlebiger in dieser Welt gefunden hatte, und wollte, daß ihr, die ihr vielleicht glücklicher und froher seid als ich, mit noch größeren Freuden diese Welt entdecket.“ Dass er in seinem Erstlingsroman Peter Camenzind bereits die Motive versammelt, die sich auch seinen späteren Arbeiten wiederfinden, hat Hesse selbst bestätigt: „Ich glaube, hier haben wir den Anfang des roten Fadens gefunden, der durch mein ganzes Werk geht. Ich bin zwar nicht bei der etwas kauzigen Eremitenhaltung Camenzinds geblieben, ich habe mich im Laufe meiner Entwicklung den Problemen der Zeit nicht entzogen und nie (…) im elfenbeinernen Turme gelebt, aber das erste und brennendste meiner Probleme war nie der Staat, die Gesellschaft oder die Kirche, sondern der einzelne Mensch, die Persönlichkeit, das einmalige, nicht normierte Individuum.“

Heirat und Krieg

Obwohl der literarische Erfolg in seinem Ausmaß überraschend kommt, hat Hesse ihn doch insgeheim erwartet; er kann nun ganz und gar Schriftsteller sein. Er heiratet die Fotografin Maria Bernoulli, zieht nach Gaienhofen am Bodensee. Obwohl er ein „Gefühl von Seßhaftigkeit“ hat und dem „hübschen Traum“ anhängt, „mir (…) etwas wie Heimat schaffen (…) zu können“, ist eine merkwürdige Unruhe in ihm: „Ich hatte mir als junger Mensch das Mannesalter ganz anders vorgestellt. Nun ist es auch wieder ein Warten, Fragen und Unruhigsein, mehr Sehnsucht als Erfüllung. Die Lindenblüten duften, und Wanderburschen, Sammelweiber, Kinder und Liebespaare scheinen alle einem Gesetz zu gehorchen und wohl zu wissen, was sie zu tun haben. Nur ich weiß nicht, was ich zu tun habe (…)“
Hesse reist nach Italien (1904) und Indien (1911), dessen Geisteswelt ihn beeindruckt. Dennoch bleibt er ein Einzelgänger mit Familienanschluss; er hat drei Kinder, ist dreimal verheiratet, reißt sich aber immer wieder los, wenn er Einengung spürt: „In meinem Leben haben stets Perioden einer hochgespannten Sublimierung, einer auf Vergeistigung zielenden Askese abgewechselt mit Zeiten der Hingabe an das naiv Sinnliche, ans Kindliche, Törichte, auch ans Verrückte und Gefährliche. Jeder Mensch hat das in sich.“ Auch seine Bücher erzählen gern von den Vorzügen und Gefährdungen des Einzelgängers: „Beinahe alle Prosadichtungen, die ich geschrieben habe, sind Seelenbiographien, in allen handelt es sich nicht um Geschichten, Verwicklungen und Spannungen, sondern sie sind im Grunde Monologe, in denen eine einzige Person – wie Peter Camenzind, Knulp, Demian, Siddharta, Harry Haller Der Steppenwolf – „in ihren Beziehungen zur Welt und zum eigenen Ich betrachtet wird.“ Was Hesse über seinen Romanhelden Peter Camenzind sagt, der ihn in die Erfolgsspur brachte, gilt, mit Abstrichen, auch für ihn selbst: „Er strebt von der Welt und Gesellschaft zur Natur zurück, er wiederholt im kleinen die halb tapfere, halb sentimentale Revolte Rousseaus, er wird auf diesem Wege zum Dichter.“ Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldet sich Hesse als Freiwilliger; man will ihn aber nicht haben, denn er ist schwer kurzsichtig. Der Dichter Hesse wird immer pazifistischer; er betätigt sich in der Kriegsgefangenenfürsorge und nervt seine Landsleute mit mahnenden Texten, die ihm mehrheitlich heftige Beschimpfungen einbringen. Hesse fühlt sich als „der Ausgestoßene“, was auch ein gleichnamiges Gedicht jener Zeit zum Ausdruck bringt: „Jahre ohne Segen,/ Sturm auf allen Wegen,/ Nirgend Heimatland,/ Irrweg nur und Fehle!/ Schwer auf meiner Seele/ Lastet Gottes Hand.“

Wasserfarben im Tessin

Im Mai 1919 zieht Hesse nach Montagnola im Tessin, ein „kleines, verschlafenes Dorf inmitten von Rebbergen und Kastanienwäldern“, das zu seiner eigentlichen Heimat wird. Der Sommer, der auf den Mai folgt, ist ein heißer, rauschhafter Sommer, der ihm neuen Lebensmut gibt: „(…) ich bin nicht gestorben. Also nochmals dreht sich Erde und Sonne für mich, (…) und noch lange spiegelt sich Blau und Wolke, See und Wald in meinem lebendigen Blick, nochmals gehört mir die Welt, nochmals spielt sie auf meinem Herzen ihre vielstimmige Zaubermusik.“ Die Bildermacht dieses Sommers, den er später die „vollste, üppigste, fleißigste und glühendste“ Zeit seines Lebens nennt, gibt er an einen Romanhelden weiter, den Maler Klingsor, der davon gar nicht genug bekommen kann: „Die heißen Tage, so lang sie waren, loderten weg wie brennende Fahnen, den kurzen schwülen Mondnächten folgten kurze schwüle Regennächte, wie Träume schnell und mit Bildern überfüllt fieberten die glänzenden Wochen dahin. (…) Unter ihm sank tief und schwindelnd der alte Terrassengarten hinab, ein tief durchschattetes Gewühl dichter Baumwipfel (…) Über der Baumschwärze schimmerten blaßspiegelnd die großen blechernen Blätter der Sommermagnolien, riesige schneeweiße Blüten dazwischen halbgeschlossen, groß wie Menschenköpfe, bleich wie Mond und Elfenbein, von denen durchdringend und beschwingt ein inniger Zitronengeruch herüberkam.“ Hesse hat inzwischen selbst angefangen zu malen: „Die glühenden Tage wanderte ich durch die Dörfer und Kastanienwälder, saß auf dem Klappstühlchen und versuchte, mit Wasserfarben etwas von dem flutenden Zauber aufzubewahren, die warmen Nächte saß ich bis zu später Stunde, bei offenen Türen und Fenstern in Klingsors Schlößchen und versuchte, etwas erfahrener und besonnener, als ich es mit dem Pinsel konnte, mit Worten das Lied dieses unerhörten Sommers zu singen.“

1923 erhält Hesse die Schweizer Staatsbürgerschaft. Zwischen den beiden Weltkriegen nutzt er seine wachsende Berühmtheit, um politisch Einfluss zu nehmen; er tut dies auf seine persönliche Art, indem er unzählige Briefe an junge Deutsche schreibt, denen er ins Gewissen redet. Das an sich ist schon eine Fleißleistung; hinzu kommen die Bücher, die er veröffentlicht, u.a. Demian (1919), den Indien-Roman Siddharta (1922), Sinclairs Notizbuch (1923), Kurgast (1925), Der Steppenwolf (1927), Betrachtungen, Krisis (1928), Narziß und Goldmund (1930).

Höchste Erkenntnis

1942, mitten im Krieg, beendet Hesse seinen Roman Das Glasperlenspiel, vielleicht sein reichhaltigstes Werk, das „den Widerstand des Geistes gegen die barbarischen Mächte zum Ausdruck bringen“ will und sich, erstaunlich genug, denn der Kampf gegen ebendiese barbarischen Mächte ist ja noch nicht gewonnen, zu einer „Heiterkeit“ bekennt, „die ja nichts anderes ist als Tapferkeit, als ein heiteres, lächelndes Schreiten und Tanzen mitten durch die Schrecken und Flammen der Welt (…)“. Hesses anspruchsvoll gedachte Heiterkeit findet ihre Beglaubigung nicht in der Tagespolitik, auch nicht im persönlichen Krisenmanagement einer einzelnen Existenz, sondern in der Ideenvorgabe des Allgemeinmenschlichen: „Diese Heiterkeit ist weder Tändelei noch Selbstgefälligkeit, sie ist höchste Erkenntnis und Liebe, ist Bejahen aller Wirklichkeit, Wachsein am Rand aller Tiefen und Abgründe, sie ist eine Tugend der Heiligen und der Ritter, sie ist unstörbar und nimmt mit dem Alter und der Todesnähe nur immer zu. Sie ist das Geheimnis des Schönen und die eigentliche Substanz jeder Kunst. (… ) Auch wenn ganze Völker und Sprachen die Tiefe der Welt zu ergründen suchen, in Mythen, Kosmogonien, Religionen, ist das Letzte und Höchste, was sie erreichen können, diese Heiterkeit.“ In einen solchen Gemütszustand kann man sich jedoch, wenn überhaupt, nur im Alter versenken, und gerade dann bleibt ein Ende abzusehen. Hesse hat die von ihm so ehrfürchtig beschworene Heiterkeit denn auch weniger realistisch als idealistisch gesehen, sie dient ihm als Resonanzboden für einen Erkenntnisgang, der sich seiner Sache nie sicher sein kann und deswegen immer schon über sich hinausweist. „Mein Leben (…)“, lässt er den Magister Ludi Josef Knecht im Roman Das Glasperlenspiel sagen, „sollte ein Transzendieren sein, ein Fortschreiten von Stufe zu Stufe, es sollte ein Raum um den andern durchschritten und zurückgelassen werden, so wie eine Musik Thema um Thema, Tempo um Tempo erledigt, abspielt, vollendet und hinter sich lässt, nie müde, nie schlafend, stets wach, stets vollkommen gegenwärtig.“ Eine Gewissheit, in der wir uns einhausen könnten, um auf Dauer behütet und abgesichert zu sein, ist für uns nicht vorgesehen: „Es gibt die Wahrheit, mein Lieber! Aber die ‚Lehre’, die du begehrst, die absolute, vollkommene und allein weise machende, die gibt es nicht. Du sollst dich auch gar nicht nach einer vollkommenen Lehre sehnen, Freund, sondern nach Vervollkommnung deiner selbst. Die Gottheit ist in dir, nicht in den Begriffen und Büchern. Die Wahrheit wird gelebt, nicht doziert.“ Dazu passt, dass Hesse, den seine zahlreichen Verehrer auch als Lebensberater in Anspruch nehmen wollen, es ablehnt, Patentrezepte auszugeben; er ist ein Wahrheitssucher, kein Wahrheitsverkünder: „Ich kann Ihnen keine Fragen beantworten, ich kann meine eigenen Fragen nicht beantworten. Ich stehe ebenso ratlos und ebenso bedrückt vor der Grausamkeit des Lebens wie Sie. Dennoch habe ich den Glauben, daß die Sinnlosigkeit überwindbar sei, indem ich immer wieder meinem Leben doch einen Sinn setze. Ich glaube, daß ich für die Sinnhaftigkeit oder Sinnlosigkeit des Lebens nicht verantwortlich bin, daß ich aber dafür verantwortlich bin, was ich selber mit meinem eigenen, einmaligen Leben anfange.“

Stufen zur Stille

Nach dem Krieg wird Hesse mit hohen Ehren bedacht: er erhält im gleichen Jahr den Goethe-Preis und den Nobelpreis für Literatur (1946). Seinen Ruhm, der ja zuvor schon nicht gering war, hat das noch einmal befördert, bis hin zur fortgesetzten Belästigung: Am Eingang zu seinem Haus bringt er ein Schild an: „Bitte keine Besuche!“; genützt hat es nicht viel. Und auch, dass er auf poetische Weise um Schonung ersucht, vermag die zur Verehrung entschlossenen Zeitgenossen nicht zu beeindrucken: „Worte des Meng Hsiä (alt chinesisch). – Wenn Einer alt geworden ist und das Seine getan hat, steht ihm zu, sich in der Stille mit dem Tode zu befreunden. Nicht bedarf er der Menschen. Er kennt sie, er hat ihrer genug gesehen. Wessen er bedarf, ist Stille. Nicht schicklich ist es, einen Solchen aufzusuchen, ihn anzureden, ihn mit Schwatzen zu quälen. An der Pforte seiner Behausung ziemt es sich vorbeizugehen, als wäre sie Niemandes Wohnung.“

Größere Prosaschriften veröffentlicht Hesse zuletzt nicht mehr, seine Sehkraft lässt nach, er erkrankt an Leukämie. Was er noch schreibt, sind vor allem Gedichte, die vom Bleibenden sprechen, von ehrwürdigen Gewissheiten, Hoffnungen, von der Antwort des Lebens auf den Tod. In seinem bekanntesten Gedicht Stufen, das altgediente Hesse-Fans Wort für Wort und mit leuchtendem Blick hersagen können, heisst es: „(…) Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,/ An keinem wie an einer Heimat hängen,/ Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,/ Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten./ Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise/ Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;/ Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,/ Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen./ – Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde/ Uns neuen Räumen jung entgegen senden,/ Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…/ Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Hesse war der Dichter „des gegenbürgerlichen Mutes“ (Alfred Wolkenstein); er besaß ein „erlesenes Gefühl für das Angemessene, für Zurückhaltung, für Harmonie und (…) den inneren Zusammenhang der Dinge“ (André Gide). Seine Leser wissen das noch immer zu schätzen; sie mögen einen Autor, der es ehrlich mit ihnen meint und dafür in Kauf nahm, von selbstgefälligen Kritikern abgestraft zu werden.

Der Beitrag erscheint im Band: Otto A. Böhmer, »Das Abenteuer der Inspiration« – Porträts deutscher Dichter von Lessing bis Dürrenmatt, der im November 2012 im Diogenes Verlag erscheinen wird.

Otto A. Böhmer

Siehe auch:
Volker Michels zur Rezeption Hermann Hesses

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erstellt am 09.8.2012

Hermann Hesse. Foto: Martin Hesse
Hermann Hesse. Foto: Martin Hesse