Das halbe Wort

Magdalena Jagelke

Kofferkinder. So nannte man die Kinder der Gastarbeiter-Generation, die immer wieder zu den Großeltern „nach Hause“ geschickt wurden, die weder im Herkunftsland noch in der neuen Heimat der Eltern eine feste Größe haben konnten. Welchen Begriff gibt es für Magdalena Jagelke, die oft zwischen Inland (Polen) und Ausland (Deutschland) wechselte, aus einem osteuropäischen Dorf in die westliche Urbanität, aus der polnisch-slawischen Kultur und Sprache in die westeuropäische? Sie sagt, dass in ihrer Wohnung überall Zettel mit Vokabeln, Sätzen auf Deutsch und Polnisch liegen. „Das Schreiben ist mir ein Deutschkurs“ – das ist das eigene treffende Zitat zu ihrem Schreiben. Die Fragen, die sich stellt:

„Bin ich ein eingeschleustes Potjemkisches Dorf? Etwa üppig, blumig, glitzernd, musikliebend lediglich nach außen, jedoch wild, slawisch-unfertig, nicht greifbar, unberechenbar, eine Fremde?
Wie wären die Herzen von westeuropäischen Städten ohne die Migranten?“
Deutsch. Polnisch. Deutsch. Polnisch. Andere Sprachen. Französisch. Wortfetzen in verschiedenen Sprachen verfolgen sie bis in den Schlaf. Sprachverwirrung? Sprachbewusstheit? Was macht eine neue Sprache mit einem Menschen? Magdalena Jagelke nimmt ihre Leser/innen mit auf eine spannende Reise: In ein Potjemkisches Dorf? In ihren Geist?
Jannis Plastargias

Zuhause

Meine Hand legt Holz in den Ofen. Meine Augen schauen ins Feuer.

Im Haus, am Ofen, zwischen dem Holz fühle ich mich sehr wohl.

Meine dichten Augenbrauen.

Es fehlt nur das Kopftuch, dann bin ich babunia.

In den Karpaten jaulen Wölfe. Am Meer ist die Kaschubei.

Dort braten Babcias Kartoffelpilze. Sie schicken ihre Töchter weg hinter die Grenze, wo es Jobs gibt.

Meine Freundin Veronika hat dort einen Brieffreund, er heißt Marcin. Ich übersetze die Briefe ins Deutsche, dafür schenkt sie mir Pralinen.

Hätte ich den Namen Jagoda, würde ich Beere heißen.

Dort Wälder.

Dort Männer. Furchtlose Männer.
Furchtlose schöne Männer mit Bärten.

Ein Mann von dort, den ich kenne, sagt: „Ich finde das Leben schrecklich.“

Sing nicht stets das traurige Lied! Hör auf damit! Lass mich gehen!

Ich lege Holz nach in den Ofen. Das Feuer spuckt, es wärmt mich so.

Das Feuer stirbt langsam. Es ist tot.

Ich greife nach Schal, Mantel, Mütze.

Im Bus sitze ich ganz hinten. Ich belausche ein Paar von dort. Ich stelle mir vor, wie sie dort wohnen. In einem Dorf. Über Bisongräbern. Der Mann duftet nach Tabak und Wald. Sie trägt ein Kleid aus Feldblumen.

In meinem Magen ist’s plötzlich warm.

Ich verpasse die Haltestelle. Ich steige aus, wo sie aussteigen. Folge ihnen noch eine Weile. Bis sie in einem Hochhaus verschwinden.

                            nie
    tak
       kto
      a tobie
       teraz                  wczoraj
         dlaczego
       jak
                  jest
       dzisiaj

Ich spreche im Schlaf.

mademoiselle … ou … ou … ou … ou … (Auszug)

pour Natalja

chouchou

Je suis heureuse ou … ou … ou … ou … . Chéri arrive ! Je te désire. Tu es le pierre précieuse, les odeurs, les plantes. Ne m'oublie pas, cœur, arrive ! arrive !

Siehe auch:
DAS HALBE WORT

erstellt am 05.8.2012

Magdalena Jagelke
Magdalena Jagelke

Magdalena Jagelke, 1974 in Polen geboren, lebt seit 1986 in Deutschland. Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften, unter anderem im Gangway Literary Magazine, Blumenfresser, außer.dem. bei fixpoetry.com.

Das Lyrikheft Todesmär ist 2012 im Mückenschwein Verlag/ Stralsund erschienen.
“Buch bestellen”: http://www.mueckenschwein.de/buch/88

babunia, polnisch: Frau/Großmutter, im Russischen babuschka

babcia = babunia

Polnisch – Deutsch

tak – ja

nie – nein

a tobie – und dir

kto – wer

jak – wie

dlaczego – warum

dzisiaj – heute

jest – es gibt

teraz – jetzt

wczoraj – gestern

moja – meine