Buchkritik

Gefesselt von Luft

Von Andrea Pollmeier

Wie fühlt ein Mensch, der jetzt in Syrien lebt und über Kämpfe in Homs, Aleppo und Damaskus nicht aus der Ferne erfährt, sondern selbst zu den Verfolgten zählt? Die syrische Autorin Samar Yazbek hat in ihrem Augenzeugenbericht über die Anfangsphase der syrischen Revolution diese Empfindungen mit eindrucksvoller sprachlicher Kraft nachvollziehbar gemacht. Wer ihr Buch „Schrei nach Freiheit“ kennt, wird kaum eine Zeitungszeile über den Krieg in Syrien lesen, ohne dass ihn die Bilder dieses Buches begleiten.

„Ich wünsche mir einen Morgen ohne Blut“, schreibt die Autorin in ihrer Geheimwohnung, in der sie mit ihrer Tochter lebt, ins Tagebuch. Auf diesen Seiten schildert sie minutiös die Ereignisse, die das Leben unter wachsender Bedrohung prägen und schließlich zum totalen Verlust der eigenen Bewegungsfreiheit führen: „Ich bin gefesselt von der Luft.“ Ihr Ziel ist es, Zeugenschaft abzulegen, ein Dokument der Wahrhaftigkeit zu erzeugen, das hilft, inmitten irreführender Medienbilder die tieferen Zusammenhänge erkennbar zu machen. Das Tagebuch ist darum immer an einen Leser gerichtet und nutzt mit professioneller Souveränität wechselnde Stilformen. Literarisch subtile Bilder zeigen den Weg in die Innenwelt der Autorin, in Distanz haltendem, nüchternem Ton erfolgt hingegen die Wiedergabe von Augenzeugenberichten und die Schilderung eigener Verhör- und Foltererfahrungen. Systematisch recherchiert die Autorin die Ereignisse, durchdringt Straßenbarrikaden, riskiert, erkannt und getötet zu werden.

Besonders genau recherchiert sie Informationen über Proteste in der syrischen Stadt Deraa. Von dort, so schreibt sie in ihrem Buch, ging der Funke zum syrischen Aufstand aus. Im März 2011 hat man in Deraa bei einer friedlichen Demonstration ein Massaker verübt und nach Aussagen von Menschenrechtsaktivisten hundert Menschen getötet. Deraa, vermutet die Autorin, sollte in der frühen Protestphase zum abschreckenden Exempel für ganz Syrien werden. Über die Täter gibt es unterschiedlich Aussagen. Explizit fragt Yazbek darum die Zeugen: „Wer hat ihrer Meinung nach die Leute in Deraa getötet?“

Yazbek will Vorgänge klären, irreführenden Manipulationen entgegenwirken. Sie unternimmt lange Reisen, um Informanten zu treffen und Berichte aus erster Hand aufzeichnen zu können. Im Buch zitiert sie in ausführlichen Passagen die Abschriften dieser Berichte. So sagt beispielsweise ein Anästhesist, der am 21. März in einer Geheimambulanz in Deraa tätig war und 250 Verletzten und 80 Toten gesehen hat: „Neunzig Prozent der Toten sind Männer. Sie wurden mit ganz normalen Kugeln erschossen. Mich haben die getöteten Jugendlichen zwischen fünfzehn und sechzehn Jahren schrecklich mitgenommen, denen begann gerade mal der Schnurrbart zu sprießen, der war noch wie Flaum, das waren Kinder, die mit Kopf- und Bauchschuss getötet wurden.“ Der Leser wird durch diese Protokolle sehr nah an die Ereignisse herangeführt und soll sich auf möglichst unverstellte Weise ein eigenes Bild machen können. Dieses Bemühen um größtmögliche Aufrichtigkeit ist in jeder Zeile des Tagebuchs spürbar und gibt den Schilderungen eine besondere Eindringlichkeit.

Die Augenzeugenberichte ergänzt Yazbek durch eigene Auswertungen und Beobachtungen. Sie schildert die leeren Straßen, in denen nur Panzer, Hunde und Sicherheitskräfte zu sehen sind. Wenn sie die politischen Zusammenhänge analysiert, ist ihr Ton protokollarisch. Immer wieder schiebt sie jedoch Zwischenblenden ein, in denen sie zeigt, wie sich diese grausamen Berichte emotional auf ihre Person auswirken: sie schildert Weinkrämpfe, Selbstmordphantasien und schizophrenartige Gefühle. Sie beobachtet ihren eigenen, harten, blinden Blick als ob sie neben sich selber stehen würde. Am Rande der Balkonbrüstung sehnt sie sich nach dem Sprung in die Freiheit. Zugleich aber ringt sie um das Wohl ihrer Tochter, die sie allein erzieht und bei ihren riskanten Recherchen angstvoll wartend zurück lassen muss.

Vor allem in diesen persönlichen Passagen wird die literarische Kraft der Schriftstellerin erkennbar. „Poesie der Wunde“ nennt Rafik Schami in seinem Vorwort ihre Art subtiler Selbstwahrnehmung. Diese poetische Energie, die von Larissa Bender mit entsprechend feinem Sprachgefühl übersetzt worden ist, gibt dem Buch seine nachhaltige, Zeit- und Ortsgrenzen aufhebende Wirkung.

Während Yazbeks Beschreibung der traumatischen Folgen von Verfolgung und Folter über das Einzelgeschehen hinaus weisen, bleibt die Erzählung der politischen Ereignisse eng auf die konkreten Einzelereignisse bezogen. Im Tagebuch wird jedoch nicht chronologisch berichtet, sondern in der Reihenfolge, wie die Zeugenberichte bei den Recherchen verfügbar waren. Die wirre Unübersichtlichkeit der sich parallel ereignenden Protestaktionen kommt so zum Ausdruck. Wie ein Kriminologe gilt es, sich anhand der verschiedenen Berichte ein eigenes Bild vom Ablauf der Ereignisse zu machen. Diese für Landesunkundige gelegentlich unübersichtlichen Wiederholungen machen das Bemühen um Authentizität umso deutlicher und spiegeln die Methode, Fakten zu verifizieren. Dieser Punkt hat im revolutionären Geschehen eine zentrale Bedeutung, da die Frage, wer Täter oder Auslöser von Gewalt war, zwischen den jeweiligen Gruppierungen immer wieder umstritten ist. Gegen den Versuch, die Protestbewegung auf die Ebene religiöser Auseinandersetzungen zu reduzieren, wehrt sich Samar Yazbek in einem im Tagebuch zitierten Facebook-Eintrag vom Mai 2011: „Wenn wir dafür, dass wir die Wahrheit aussprechen, mit unserem Leben bezahlen müssen, dann ist das unser Los. Dies ist ein natürlicher Vorgang auf dem Weg zu einer gerechteren menschlichen Existenz. Das Regime versucht in diesem historischen Augenblick angesichts des Blutvergießens in Syrien zu suggerieren, dass die Protestbewegung des Volkes eine konfessionelle Prägung hat. Das ist eine Fälschung der Tatsachen!“

In dieser Gemengelage fordert Samar Yazbek von dem Schriftsteller trotz des dezidierten politischen Engagements Unabhängigkeit von einzelnen Gruppierungen: „… der unabhängige, kritische Intellektuelle ist wichtiger, als der sich einer Gruppierung zuordnende Intellektuellen“, heißt es im letzten Teil des Tagebuchs. Dieser Abschnitt des Buchs bemüht sich bereits stärker um die Darstellung analytischer Zusammenhänge. Yazbeks Blick richtet sich jetzt auf die von den Präsidentenanhängern verfolgten Strategien. Sorgfältig beschreibt sie die Schrittfolgen und Taktiken der Gewalteskalation und kommentiert politische Schlüsselereignisse. Das Treffen, das nach dem Massaker in Daraa zwischen Präsidenten und oppositionellen Gruppierungen stattfand, entlarvt sie als kalkuliert inszeniertes Theater und auch die von staatlichen Medien live übertragene Konferenz im Semiramis-Hotel analysiert sie als taktisches Täuschungsmanöver der Machthaber.

„Die papierne Romanfrau in meinen Fingern“, wandelt sich, im Verlauf des Berichts erkennt Samar Yazbek immer deutlicher, „wie meine Finger zu Messern werden“. Im Juli 2011 ist sie gezwungen, Syrien zu verlassen und in Paris ein Leben im Exil zu beginnen.

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erstellt am 05.8.2012

Samar Yazbek
Schrei nach Freiheit
Bericht aus dem Inneren
der syrischen Revolution
Übersetzt von Larissa Bender
ISBN 978-3-312-00531-4
Nagel & Kimche, 2012

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Siehe auch:
SCHWERPUNKT SYRIEN