Buchkritik

»Die Kolonie« von Charles Burns –

Der Alptraum geht weiter

Von Jannis Plastargias

Cutup – so nannte sich die Methode, derer sich William S. Burroughs, Heroe der Beat Generation, bediente. Er berief sich dabei auf Brion Gysin, einem Maler und Freund von ihm. Dieser schnitt am 1.Oktober 1959 auf seinem Schreibtisch ein Passepartout zurecht. Bei diesem Vorgang zerfielen die Zeitungsseiten, die er als Unterlage benutzte, in Streifen. Er versuchte sie wieder zu einer ´intakten´ Seite zusammenzusetzen und entdeckte dabei, dass die Schnipsel sowohl witzigen Nonsens ergeben, als auch vollständige Sätze, die einen geheimnisvoll verschlüsselten Sinn zu haben schienen, darstellen konnten. Burroughs erkannte nun, dass man diese Collagentechnik für die Literatur nutzen konnte, nämlich dann, wenn man gleichzeitige Vorgänge, die einem im Traum und in der Realität begegnen und die sich im Bewusstsein miteinander vermischen, erzählen möchte. Burroughs experimentierte zunächst mit Cutup-Gedichten, später dann mit Romanen – er kombinierte die Texte in endlosen Variationen miteinander.

Charles Burns beruft sich in „Die Kolonie“ auf diese Cutup-Methode, um gegenwärtige und vergangene Realität, Drogenvisionen, Träume und Fantasien miteinander zu vermengen. Welche Szenen Charles Burns nebeneinander stellt, scheint dabei auf den ersten Blick willkürlich. Als Leser hat man die Vorstellung, dass die Bilder ähnlich wie bei Brion Gysin oder William S. Burroughs hin und her geschoben wurden, bis dem Autoren Burns dies richtig erschien. Allerdings hätte alles auch anders sein können. Burroughs verglich dieses Cutup auch mit dem Vorgang, den eine Auge bei einem Spaziergang erlebt, viele kleine Bilder werden im Gehirn zerlegt, hier sieht man einen Hund an der Leine seines Herrchens, dort ein Straßenschild, wieder wo anders ein schönes Auto oder eine Frau, die gerade am Fenster steht und auf die Straße schaut, kleine Kinder, die Fußball spielen, die Spiegelung einer Schaufensterscheibe etc.

© Reproduct Verlag

Doug, der bereits im ersten Teil namens „X“ die Hauptrolle spielte, möchte sich nun alles von der Seele reden – dafür hat er sich ein Mädchen ausgesucht, das ihn nach Hause mitgenommen hat. Er ist sehr betrunken und erzählt von Sarah, seiner großen Liebe, mit der er eine Zeit lang eine glückliche Beziehung führte. Sie unterschieden sich beide sehr von den anderen Jugendlichen, die sie kannten, sie liebten zum Beispiel beide morbide und surreale Fotografien. Sarah wollte bei Doug tiefer eindringen, ihn näher kennen lernen, hinter seine Maske, die er als Künstler `Nitnit´ benutzte, schauen, doch das versuchte Doug zu verhindern.

Doug hat einen dunklen Fleck in seiner Vergangenheit, dem er nicht ins Auge sehen möchte, und so nimmt diese Geschichte ihren Lauf.
Charles Burns ist ein Phänomen: Er lässt sich trotz Cutup und dem Vergleich mit Vorbildern aus anderen Bereichen, Filmen von David Lynch zum Beispiel, an die man sich bei der Lektüre erinnert fühlt, nicht erklären. Der Alptraum, der für Doug in „X“ begann, geht nun in „Die Kolonie“ weiter. Man erahnt zwar hinter diesen Echsenmenschen, Larvenhäppchen und verunstaltete Hybridwesen die vergangene Geschichte, diesen dunklen Fleck, doch bleiben in dieser Graphic Novel, die man vielleicht eine Mischung zwischen Coming of Age und Mystery bezeichnen könnte, viele Fragen offen, die einen sehr neugierig auf den nächsten Teil mit dem Namen „Der Zuckerschädel“ machen.

„Die Kolonie“ erinnert an Burroughs´ „Naked Lunch“, ist ähnlich verstörend, morbide, wenig durchdringend – und ebenso faszinierend. Charles Burns schafft es hier, einen Blick auf die Kehrseite der Beat Generation zu werfen, auf die Halluzinationen nach Drogengebrauch, auf die Alpträume, in denen die Konsumenten plötzlich aufwachen.

Charles Burns beginnt aber auch eine Meta-Diskussion über die Liebe zum Genre Comic, indem er Doug und Sarah eine Groschenheft-Reihe günstig auf einem Flohmarkt erwerben lässt, die die beiden verschlingen, und die zu einer weiteren Ebene in dieser Cutup-Methode werden.

Eine absolut empfehlenswerte Graphic Novel, weil gleichzeitig total verstörend und faszinierend. Solche Bücher braucht es in dieser Zeit, um der Dumpfheit des Trashs zu entkommen.

© Reproduct Verlag

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erstellt am 05.8.2012

Charles Burns
Die Kolonie
56 Seiten, farbig
29,5 × 22 cm, Hardcover 
ISBN 978-3-943143-18-8
Reprodukt Verlag

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