Syrien 2012

Wie fühlt ein Mensch, der jetzt in Syrien lebt und über Kämpfe in Homs, Aleppo und Damaskus nicht aus der Ferne erfährt, sondern selbst zu den Verfolgten zählt? Die syrische Autorin Samar Yazbek hat in ihrem Augenzeugenbericht über die Anfangsphase der syrischen Revolution diese Empfindungen mit eindrucksvoller sprachlicher Kraft nachvollziehbar gemacht. Wer ihr Buch „Schrei nach Freiheit“ kennt, wird kaum eine Zeitungszeile über den Krieg in Syrien lesen, ohne dass ihn die Bilder dieses Buches begleiten.

Inzwischen war Samar Yazbek gezwungen, Syrien zu verlassen und in Paris ins Exil zu gehen. Der Dokumentarfilmer Eduard Erne hat nach dieser Entscheidung mit der Autorin über ihr poltisches Engagement und die Hintergründe der Buchveröffentlichung gesprochen.

Samar Yazbek
Samar Yazbek
Samar Yazbek antwortet Eduard Erne

Schmerz und Schuld

Warum „Schrei nach Freiheit“ geschrieben wurde

Das ist ganz spontan gekommen. Ich habe es nicht geplant, ich schreibe gerne Romane, ich schreibe nicht gerne Dokumentarisches. Das Schreiben eines Tagebuches verbindet das Fiktionale mit dem Dokumentarischen. Ich fand es ganz wichtig zu schreiben, was vor sich geht, was mir persönlich widerfahren ist und wie die Revolution begonnen hat. Denn das syrische Regime hat die Ereignisse verfälscht und hat so getan, als würde es Gewalt innerhalb des syrischen Volkes geben und behauptet, es gäbe bewaffnete Banden und dass die Demonstranten Waffen tragen. Und ich fand es notwendig, dass wir die Revolution dokumentieren, das, was wirklich passierte. Deswegen kam diese Art zu schreiben wie von selbst. Das war überhaupt nicht schwierig für mich, das kam ganz von selbst.

Der Anlass

Ja natürlich, es gab einen Wendepunkt. Ich bin eigentlich Journalistin. Die meisten meiner Romane kommen vom Journalismus und haben Reportagethemen. Aber es gab etwas ganz Wichtiges. Als ich unfähig war, mich ständig an dem Aufstand zu beteiligen, an den Demonstrationen teilzunehmen, und ich unfähig war, mich zu bewegen, aufgrund der Drohungen und der Verfolgung durch die Sicherheitskräfte (Geheimdienste), habe ich das Gefühl gehabt, es sei meine Pflicht. Und das war der Auslöser, der mich veranlasst hat, mich mit Aktivisten aus anderen Städten zu treffen und herauszufinden, wie die Revolution begonnen hat. Mein Unvermögen, mich in den ersten drei Monaten an dem Aufstand zu beteiligen, hat mich dazu gebracht, aufzuschreiben, was passiert. Aber ich bin eigentlich Journalistin. Das ist die Arbeit, die ich eigentlich mache, neben meiner Arbeit als Schriftstellerin.

Der Mut

Ich fand, dass ich feige bin, ich hab die ganze Zeit Angst gehabt. So bin ich. Das hat mit der Revolution gar nichts zu tun, so bin ich im normalen Leben. In meinen Romanen gibt es Mut. Aber dieses Buch besteht nur aus Angst. Ich hab es überhaupt nicht als mutig empfunden.
Die Heldentaten des syrischen Volkes und der Mut des syrischen Volkes haben mir das Gefühl gegeben, dass – wie mutig ich auch immer schreibe – das nichts ist im Gegensatz zum Mut des Volkes. Denn die Menschen geben ihr Leben. Sie sterben auf der Straße, weil sie ihre Freiheit fordern. Deswegen habe ich immer das Gefühl gehabt, das, was ich mache, verlangt viel weniger Mut, als das, was die normalen Menschen tun.

Das Regime und die Revolution

Bevor die Revolution begann, hatte ich das Gefühl, dass es in Syrien zu einer Revolution kommen wird. Ich habe das gesehen, zusammen mit einer Gruppe von Leuten. Wir haben das gesehen, dass es eine Revolution gibt. Und ich habe daran geglaubt, dass Syrien dringend einen Wandel braucht, unbedingt dieses despotische Regime loswerden muss, bevor diese Brutalität und Bestialität überhaupt begann. Dieser Mut und diese Kraft kamen daher, dass wir dringend unsere Freiheit erlangen und für die Forderungen der einfachen Menschen eintreten mussten. Ich habe diese Kraft aus dem Glauben an die Notwendigkeit eines Wandels in Syrien gezogen, von einer despotischen, absolutistischen, fanatischen Gesellschaft in eine zivile demokratische Gesellschaft zu gelangen.
Zu Beginn hat das Regime geglaubt, dass es durch die Anwendung von Gewalt die Proteste niederschlagen kann. Aber die Gewalt hat die Leute dazu gebracht, noch mehr auf die Straße zu gehen und Freiheit zu fordern. Dann hat es die Gewalt angewendet zwischen den Konfessionen (Religionsgemeinschaften) des syrischen Volkes. Das Regime hat die Gewalt benutzt, um die friedlichen Demonstranten zu Gewalttaten zu provozieren. Es hat immer mehr Gewalt angewendet, immer mehr getötet, um die friedlichen Demonstranten zu gewalttätigen Reaktionen zu drängen. Man wollte erreichen, dass die Demonstranten auch mit Gewalt zurückschlagen. Tatsache ist, dass nach 11 Monaten und dem Desertieren von Soldaten die Leute sich selber verteidigen wollen. So kommt es zu gegenseitiger Gewalt. Das Regime hat diese Gewalt beabsichtigt. Diese Gewalt wird systematisch angewendet, um das einige syrische Volk zu spalten. Die Religionsgemeinschaften gegen einander auszuspielen, das ist eine Strategie. Das Regime ist gar nicht stark, außer wenn es Gewalt anwendet und tötet. Abgesehen davon ist es ist sehr schwach. Es bezieht seine Kraft nur aus dieser Gewalttätigkeit und Bestialität.
Diese systematisch angewendete Gewalt ist eine verbrecherische Gewalt. In dem Sinne, dass das Regime bewaffnete Männer und Schabiha (Schlägertrupps) geholt hat, die dafür bezahlt werden, dass sie die Menschen umbringen, und die haben Menschen aus beiden Religionsgemeinschaften getötet und haben die jeweils anderen Religionsgemeinschaft daran die Schuld gegeben. Auf diese Art und Weise wird Gewalt erzeugt zwischen diesen beiden Religionsgemeinschaften. Und das hat das Regime gemacht zwischen Alewiten und Sunniten. Und jetzt gibt es erste Anzeichen konfessioneller Feindseligkeiten. In der Küstenregion und in der Stadt Homs. Das Regime hat auch Videos produziert, dass Schlägertrupps Leute von der einen oder anderen Religionsgemeinschaft umbringen, die sie beleidigen und demütigen. Das hat zu einer Sprache des Hasses geführt, die die Gesellschaft spaltet. Und diese Methode hat das Regime angewendet und ich befürchte, dass, nach ungefähr einem Jahr, in dem das Volk standhaft ist, es erste Auswirkungen dieser Gewalt gibt. Weil Gewalt zu diesem Regime gehört.

Die Spaltung der Familien

Etwas Brutales, was das Regime auch gemacht hat, ist, dass es versucht hat, auch die Familien zu spalten. Wenn ein Familienmitglied sich der Opposition angeschlossen hat, dann wurde die Familie gezwungen, durch Drohungen und unter Anwendung von Gewalt, sich von ihrem Sohn oder Vater öffentlich loszusagen. Sie wollen nicht nur die Einheit des syrischen Volkes zerschlagen, sondern sogar innerhalb der Familien wollten sie diese Spaltung herbeiführen. Ich für meine Person kann nicht leugnen, dass es sehr schmerzhaft war für mich, als sie diese Kampagne auf Internetseiten gegen mich begonnen haben, oder auch mit ihren speziellen Methoden, in dem zum Beispiel der Geheimdienst Gerüchte verbreitet, und dafür sind die syrischen Geheimdienste sehr berühmt. Ich habe das geduldig ertragen, weil ich an das glaube, was ich will, glaube an das, was ich tue, was ich schreibe, daran glaube, dass dieses Volk Würde und Freiheit verdient hat. Es war sehr schwer, aber ich glaube an die Dinge, die die Syrer nach dem Sturz des Regimes wollen. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit, der Demokratie und der Würde. Ich glaube daran, was ich tue, und deshalb habe ich es mit Geduld ertragen.

Ich bin wirklich zerrissen. Sogar innerhalb meiner Familie, innerhalb der Gesellschaft, es war sehr schwierig für mich, ich betrachte mich als einen Menschen, der die beiden Gegensätze in sich trägt, die große Kraft und eine große Sensibilität. Ich habe im letzten Moment noch daran gedacht, meine Tochter zu verlassen und in den Untergrund zu gehen mit all den Menschen, die die Revolution machen. Aber ich glaube nicht, dass ich den Sieg davon getragen habe. Ich glaube eher, dass ich verloren habe, weil ich das Land verlassen habe.

Bilder der Gewalt

In all meinen Romanen interessiert mich das Visuelle, die Bilder, weil ich eigentlich mich für Kino interessiere und Filmkritiken geschrieben habe. Ich glaube, ich habe das, was passiert, in Filmbildern beschrieben. Ich glaube, deswegen war es beeindruckend. Und außerdem habe ich versucht, die humane Seite der Ereignisse mit zu betrachten. Ich habe nicht einfach nur protokolliert. Darüber hinaus ist das meine Seele. So bin ich. So schreibe ich und so fühle ich. Und meine Sensibilität für die Szenen, die vor mir abgelaufen sind, diese Sensibilität hat das bei mir hervorgerufen. Diese Gewalt war für wirklich sehr überraschend. Sehr überraschend. Aber ich bin eigentlich Drehbuchautorin, ich schreibe Filme, Drehbücher, und ich interessiere mich sehr für die Bilder. Und deswegen war das sehr wichtig. Und als ich geschrieben habe, habe ich Bilder übertragen, und ich glaube, deswegen beeindruckt Sie das Buch. Denn es ist eine Übertragung von Bildern aber gewissenhaft und poetisch.

Zuerst war ich überrascht von dem Ausmaß des militärischen Geräts in den Straßen. Die Menge der Geheimdienstler und der Schlägertrupps, die gegen die Menschen vorgehen. Das waren brutale Szenen. Und dann das Töten und über das Schießen. Daran sind wir nicht gewöhnt. Dann war ich überrascht, wie ich die jungen Männer in den Zellen gesehen habe. Das war ein brutaler Anblick, den ich nur schwer ertragen konnte. Es hat mich wirklich völlig zerrissen. Ich bin so einen Anblick nicht gewohnt. Ich wusste, dass es Unterdrückung und Ungerechtigkeit gibt, aber dass das vor mir passiert, das war sehr schwer zu ertragen. Und besonders, wenn ich zu den Demonstrationen gegangen bin und gesehen habe, was da passiert und wie die Leute geschlagen wurden, das war wirklich furchtbar.

Wie das zu ertragen ist

Sehr schwer. Ich hab Schuldgefühle.
Dass ich lebe und die Menschen dem Tod entgegensehen, und ich hier lebe; dass sie dem Tod ausgesetzt sind, Verhaftungen und Folter, das gibt mir das Gefühl, dass ich ihnen was schuldig bin. Ich versuche, viele Dinge zu tun für sie, was immer wir auch tun, die Menschen sterben, und die ganze Welt ist untätig, Kinder werden getötet, Frauen werden getötet, Städte werden umzingelt und bombardiert, und wir versuchen wirklich sehr zu helfen, ich kenne viele Leute, die zu helfen versuchen. Aber deren Situation ist natürlich nicht so, wie die der Menschen, die dem Tod gegenüber stehen. Ich habe immer ein Gefühl von Schmerz und Schuld, dass die Menschen sterben und wir hier leben.

Ich glaube, dass die nächste Zeit sehr schwierig sein wird, wenn das Regime stürzt, und die Gesellschaft weiter zusammenhält und es nicht zu einem Bürgerkrieg kommt, dass das Regime versucht zu provozieren. Dann werden wir vor großen Schwierigkeiten stehen, nachdem wir lange Zeit, lange Jahre der Diktatur hinter uns gelassen haben. Ich träume aber von einem zivilen demokratischen Syrien, in dem die Gerechtigkeit verwirklicht wird und in dem es Gesetze gibt, wir werden viele Schwierigkeiten haben. Aber wir werden auf demokratische Weise uns bemühen, dass Syrien ein Staat sein wird, in dem es Gerechtigkeit und Würde und Gesetze geben wird. Das ist das, was ich mir für Syrien wünsche, dass das Volk in Würde lebt, die einfachen Menschen ihre Rechte erhalten, dass es nicht diese Verbrechen und diese Gewalt und nicht diese Bestialität gibt. Das ist das, was wir wollen, ganz simple Forderungen für das Volk. Das Volk hat keine übertriebenen Forderungen, sondern ganz bescheidene, aber das Regime ist brutal, despotisch. eine Diktatur.

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erstellt am 02.8.2012

»Ein sehr politisches und ein sehr persönliches Buch zugleich.«
Eduard Erne, Schweizer Fernsehen Kulturplatz

Samar Yazbek
Schrei nach Freiheit
Bericht aus dem Inneren
der syrischen Revolution
Übersetzt von Larissa Bender
ISBN 978-3-312-00531-4
Nagel & Kimche, 2012

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Siehe auch:
SCHWERPUNKT SYRIEN