Samar Yazbek
Samar Yazbek

Für seine kurzen und langzeitigen Projekte, die er im Auftrag einer Fernsehanstalt erarbeitet, ist der Dokumentarfilmer Eduard Erne immer dort unterwegs, wo sich etwas kulturell, gesellschaftlich bewegt, wo Menschen wegen und trotz repressiver Lebensbedingungen es wagen, unerprobte Wege zu gehen. Nach dem Erscheinen des Buches »Schrei nach Freiheit« von Samar Yazbek befragte er die syrische Autorin nach den Hintergründen der Veröffentlichung und den Begleitumständen ihrer Entstehung.

Gespräch mit Eduard Erne über Samar Yazbek

Unter Lebensgefahr

Herr Erne, was wissen Sie über die Autorin Samar Yazbek?

Ich habe Samar Yazbeks Buch gelesen, sie getroffen und interviewt. Und sie gefragt, was ihr das Buch bedeutet. „Schrei nach Freiheit“ beschreibt und enträtselt ja das, was wir immer nur als verwackelte Videobilder im TV flimmern sehen. Bilder, die man eigentlich kaum versteht. Das hat immer so etwas Eruptives, man sieht Fragmente von Demonstrationen, tote Menschen oder ein Begräbnis, oder etwas, was wie ein Anflug von einer Demonstration wirkt. Das sind die Handyvideos, die wir aus Syrien sehen. Aber eigentlich hat man überhaupt kein Bild von dem, was in dem Land passiert. Und wenn man dann, mit diesen Fragmenten im Kopf, das Buch von Samar Yazbek liest, entschlüsseln sich diese Videos. Denn Samar Yazbeks Perspektive oder Herangehensweise ist ganz ähnlich: zu Beginn weiß sie nämlich auch nichts. Sie hört von den Demonstrationen, will sich informieren und fährt dann in die Städte, nach Homs und überall hin, wo die Proteste aufflammen, redet mit den Leuten, begibt sich auf eine Recherche – so, dass man plötzlich diese Bilder entschlüsseln kann, nämlich gewahr wird, was die uns erzählen.

Samar Yazbek hat sich, weil sie eigentlich eine Außenstehende war und ist, mit vielen Leuten getroffen und versucht herauszufinden, aus was für Gruppierungen die Protestbewegung besteht. Wer hat das initiiert, wie organisieren die sich jetzt? Deshalb vermittelt sie in dem Buch – und das ist das Spannende daran – auch viele unterschiedliche Positionen und erzählt einerseits die Geschichte, wie die Protestbewegung entstanden ist, in welchen Städten, mit welcher Gewalt sie sich konfrontiert sieht seitens des Assad-Regimes; auf er anderen Seite ist es ein Buch, das sehr viel über ihre eigene Befindlichkeit erzählt, ihre Gefühle, die Gefühle der Autorin Samar Yazbek, die sich als eine doch sehr prominente Frau in Syrien in Gefahr begibt. Sie beschreibt in dem Buch Straßensperren, wo Soldaten der Regierung sie erkennen – sie hat ja auch fürs Fernsehen gearbeitet als Moderatorin, stammt aus einer bekannten Familie, auch als Literatin war sie bekannt. Sie erzählt, wie sie ins Visier der Staatssicherheit gerät und unter dieser Bedrohung ihr Leben organisieren muss, und zwar das Leben gemeinsam mit ihrer Tochter. Sie ist in Gefahr, bedroht vom Geheimdienst Assads. Diese beiden Erzählebenen – die Recherche und ihre subjektive Sicht – ergeben die besondere Spannung in dem Buch.

Wenn Sie sagen „sie als Außenstehende“, lässt sich diese Bemerkung zurückführen darauf, dass sie selbst sagt: „Ursprünglich war das ein Aufstand der Armen“, an den sich dann später Intellektuelle und Leute aus anderen Schichten angeschlossen haben?

Ja, das kann man so sehen. So beschreibt sie das. Sie beschreibt ja auch sich selbst und ihre gesellschaftliche Schicht, diese Intellektuellen, die sich langsam vortasten zu diesem Aufstand. Samar Yazbek ist ja eine von den Privilegierten. Sie gehört ja zu der Volksgruppe, zu der auch Assads Familie, dieser ganze Clan gehört: den Alawiten. Und das ist eine ganz schwierige Position, einerseits zu erkennen und sich selber als privilegiert zu sehen, diese Rolle dann aufzugeben und damit verbunden auch Privilegien aufzugeben, die ihr in der Vergangenheit zugekommen sind. Und sie setzt sich dem Widerstand ihrer Familie aus. Denn ihr Engagement für den Protest – das wurde nicht gern gesehen, was sie da machte. Sie ist wirklich als Verräterin gebrandmarkt worden und hat es trotzdem durchgezogen. Und das in einer persönlich ganz schwierigen, komplizierten Situation, also familiär. Sie zieht weg von zuhause, geht in die Stadt, muss sich eine neue Wohnung suchen, verdeckt arbeiten, recherchieren – das beschreibt sie sehr eindrucksvoll. Und gleichzeitig organisiert sie das Leben mit ihrer Tochter, die sich nicht den Gefahren aussetzen will. Die Tochter ist ein Mädchen von, ich schätze, acht, neun, zehn Jahren. Also da hat sie eine große Verantwortung. Sie ist alleinerziehend – und riskiert enorm viel. Das hat ja auch letztendlich zu ihrer Ausreise, ihrer Flucht nach Paris geführt. Samar Yazbek hat erfahren, dass sie auf einer Todesliste des Geheimdienstes steht. Was nicht überraschend ist, denn der syrische Geheimdienst hat sie immer wieder schikaniert und bedroht. Auch über das Funktionieren des Repressionsapparates von Assads Regime erfährt man sehr viel in dem Buch. Es gibt eine sehr eindrückliche Passage, wie Samar Yazbek nach einem Verhör durch ein Gefängnis geführt wird. Sie bekommt quasi Anschauungsunterricht, was mit ihr passieren wird, wenn sie nicht Ruhe gibt und nicht aufhört, sich den Demonstrationen anzuschließen etc. Das sind Bilder, die erschreckend sind – für Samar Yazbek in dem Moment, aber auch als Leser ist das schockierend. Man versteht, mit welchen Angstmechanismen das Regime operiert: wie sie nicht nur im Geheimen foltern, sondern das öffentlich machen, also sagen, schaut her, das geschieht mit euch, wenn ihr Widerstand leistet.

Sie hat ja auch geschrieben: Jeder, der das Haus verlässt, ist ein potentielles Todesopfer. Es ist für uns natürlich schwer vorstellbar, weil man denkt, entweder führt das zur Schreckstarre oder zum politischen Aktivismus im Untergrund oder wie auch immer. Dazwischen ist es ja schwierig, sich zu verhalten. Auf der anderen Seite erinnert uns das an Zustände in totalitären Systemen unserer Geschichte, im Stalinismus und dem Nationalsozialismus. Das ist trotzdem nicht vergleichbar, weil es eigentlich keine Parteilichkeiten gibt, etwa eine Parteilichkeit, die das Alawitentum hätte bieten können.

Darüber schreibt sie zwar nichts, aber ich vermute, dass es bei den Alawiten im Moment doch große Verunsicherung gibt. Dieser Konflikt zwischen den religiösen Gruppen, das beschreibt Samar Yazbek auch. Sie schildert, wie das Regime versucht, einen Keil zwischen die einzelnen Gruppen zu treiben, dass beispielsweise gefälschte Videos in den Nachrichten veröffentlicht wurden, in denen gezeigt werden soll, dass die Islamisten die Alawiten massakrieren, mit denen man versucht, die Bevölkerungsgruppen und die religiösen Gruppen gegeneinander auszuspielen. Aber ich vermute, dass es bei den Alawiten kein Auffangbecken für die Opposition gibt oder irgendjemanden, der sagt, wir sind da, um euch zu unterstützen, – es sei denn, es sind wirklich diejenigen, die ihre Positionen, ihre Jobs in der Regierung, in der Verwaltung, im Regime jetzt verlassen, also Offiziere, die desertieren, Minister, die abtreten und meistens gleich ins Ausland fliehen, weil sie in Lebensgefahr sind. Dieser Prozess geschieht schleichend, im Buch wird er tangiert, steht aber nicht im Zentrum.

Es ist trotzdem schwer vorstellbar, wie jemand in Syrien, in einer Großstadt, in so einer Todesbedrohung leben kann.

Ja, das ist wirklich schwer vorstellbar. Doch das ist die Stärke dieses Buches: es beschreibt den Widerstand, den Alltag, die Mühsal des Kampfes in starken Bildern. Allein die Beschreibungen ihrer Reisen an die Orte, wo demonstriert, wo gekämpft wird, sind beeindruckend. Wie sie herausfindet, wie die Kommunikation der Widerstandsgruppen funktioniert, woher man Informatinen bekommt, mit welchen Leuten sie reden muss? Bis zu banalen Fragen, die plötzlich lebenswichtig werden: mit welchem Taxifahrer fahre ich irgendwohin, um in keine Falle zu geraten? Wie weiche ich den Straßensperren aus, wenn die Assad-Militärs den Zugang zu bestimmten Orten kontrollieren etc.? All das ist spannend und erzählt viel über die Situation in Syrien. Das Buch ist wirklich ein absoluter Thriller, und Samar Yazbek ist eine sehr mutige Frau.

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erstellt am 02.8.2012