Gore Vidal über Ronald Reagan

Wie kein anderer amerikanischer Schriftsteller stand Gore Vidal für Geist und Glanz, war er auf der intellektuellen Bühne New Yorks ebenso zu Hause wie auf dem politischen Parkett Washingtons oder in der Glitzerwelt Hollywoods. Er war ein patriotischer Zyniker, ein scharfzüngiger Polemiker und ein witziger Kommentator – und wurde nicht zufällig als Mark Twain seiner Generation bezeichnet: Nun ist Gore Vidal gestorben.

Zum Tod von Gore Vidal

Geschichte in Geschichten freilegen

Von Stefana Sabin

Viele seiner Sprüche sind legendär geworden: „Wenn ein Freund Erfolg hat, sterbe ich ein bisschen.“ oder „Keine gute Tat wird unbestraft bleiben.“ oder, über sich selbst: „Unter der Eisoberfläche versteckt sich eine Kaltwasserquelle.“ Der Witz seiner schlagfertigen und bissigen Gegenreden beruhten auf einer genau abgestimmten Mischung aus Snobismus und Gefälligkeit. Eitel und ein bisschen affektiert, schön und elegant, ebenso distinguiert in seinen Umgangsformen wie direkt in seiner Rhetorik, spielte Gore Vidal stets die Rolle des überheblichen Moralisten, der mit seiner entwaffnender Aufrichtigkeit die Verlogenheit der Gesellschaft bloßstellte. Nie um eine freche Antwort verlegen und nie um seine Popularität besorgt, war Vidal die frechste unter den kritischen Stimmen Amerikas.

In West Point, New York, 1925 geboren, wuchs Vidal in Washington bei seinem Großvater auf, dem Senator T. P. Gore – den großväterlichen Namen machte er später zu seinem Vornamen – und auf dem Landsitz seines Stiefvaters, des Millionärs Hugh Auchincloss, in Virginia. Auchincloss’ Ehe mit Vidals Mutter hielt nur sechs Jahre, danach heiratete dieser Janet Bouvier: Gore Vidal und Jackie (Bouvier) Kennedy hatten den selben Stiefvater. In einem Land, in dem es kein Adel gibt, kam Gore Vidal mit seinen komplizierten Verwandtschaftsverhältnissen zum Geldestablishment und zur politischen Kaste (er war auch mit der Familie Gore verwandt) dem Adel am Nähesten.

Nach der Highschool unternahm er erst die traditionelle Europareise, ging dann zur Armee. Den Dienst als Erster Maat auf einem Transportschiff verarbeitete er in einem ersten Roman, der zwar epigonal wirkte, aber schon eine besondere Sprachgeschicklichkeit erkennen ließ. Und schon sein zweiter Roman wurde zum Skandalon und machte ihn, den damals 25jährigen, berühmt: Denn in „Geschlossner Kreis“ beschrieb Vidal die Homosexualität des Protagonisten als eine Lebenstatsache, ohne sie – wie bis dahin üblich – durch das Geniehafte oder durch eine Geisteskrankheit, durch Unreife oder hohes Alter zu tarnen. Und indem er seinen homosexuellen Helden mit allen Charakteristika heroischer Männlichkeit versah, stellte er die herkömmlichen Geschlechtervorstellungen in Frage. Sexuelle Identität, die traditionellen Geschlechterrollen und die gesellschaftliche Akzeptanz von Abweichung bilden einen thematischen Faden, der sich durch Vidals ganzes Werk verfolgen lässt und auch in seinen historischen Romanen virulent wird.

Nach einer Zeit der schriftstellerischen und geographischen Unruhe – er schrieb Krimis, Stücke für Broadway und Drehbücher für Hollywood und lebte mal in New York, dann auf einer karibischen Insel, dann wieder in New York – fand Vidal in den 60er Jahren in der großangelegten epischen Darstellung des historischen Romans die für seine erzählerischen und politischen Bedürfnisse entsprechende Gattung, die er allerdings mit Ingredienzen des Surrealismus und des Neuen Realismus anreicherte. Obwohl er sich in Italien niederließ, riss sein Kontakt zur amerikanischen Wirklichkeit nie ab. Die geographische Entfernung schien seinen Blick für die heimischen Verhältnisse eher zu schärfen und er wurde zum bissigen Kommentator amerikanischer Politik. Er gehörte zu den rabiatesten Gegnern der amerikanischen Intervention und des Kriegs in Vietnam, gründete 1970 die linksliberale „People’s Party“, kandidierte – ebenso medienwirksam wie erfolglos – für den Kongress und später für den Senat. Ob in einem Wortduell mit dem konservativen Journalisten William Buckley jr. oder in der zur Handgreiflichkeit entgleiste Auseinandersetzung mit dem Schriftstellerkollegen Norman Mailer hatte Vidal immer die schärfere Zunge und die witzigeren Antworten. Das machte ihn zum beliebten Gast bei Talkshows, dessen Moderatoren oft gar nicht merkten, wie er sie zur eigenen Selbstdarstellung benutzte. „Alle zwei Jahre breche ich aus“, sagte Vidal einmal in den 70er Jahren, als er nach Amerika gekommen war, um für einen gerade erschienenen Roman die Werbetrommel zu schlagen. „Ich ziehe tingelnd durchs Land, halte Vorträge und gebe Interviews, um auf meine Bücher aufmerksam zu machen. Dann fahre ich zurück nach Italien, nehme mein ruhiges Leben wieder auf und schreibe.“

Geschrieben hat Gore Vidal viel, und sein Ziel war hochgesteckt: In mehreren historischen Romanen, die er als „The Classical Novels“ bezeichnete, hat er die biblische Geschichte neu erzählt und in einer Hexalogie, der „American Chronicle“, die Geschichte der Vereinigten Staaten einer radikalen fiktionalen Revision unterzogen. Die Schicksale historischer Gestalten verknüpfte er mit denen fiktiver Figuren und behandelte sie alle mit der gleichen Irreverenz, indem er ohne jeden Psychologismus den moralischen Impuls amerikanischer Politik als Machtstreben entlarvte. Nach dem Muster „Was wäre gewesen, wenn?“ verwebte er Gefundenem und Erfundenem zu komplexen Handlungen und gewann tradierten Geschichtsbildern provozierende Bedeutungen mit aktuellen Implikationen ab. Durch ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht miteinander verbunden, geben die „American Chronicle Novels“ das Bild eines Amerika ab, in dem nicht das Gesetzt des Dschungels, sondern das noch effizientere Gesetz der demokratischen Massenmedien das Geschehen bestimmt. In Vidals fiktionalem Amerika ist Geschichte von ihrer medialen Inszenierung nicht auseinanderzuhalten, ist Wirklichkeit nur noch die durch die Medien vermittelte Fiktion. „Wahre Geschichte“, erklärt der Medienzsar Randoph Hearst dem Präsidenten Theodore Roosevelt am Ende des Romans „Empire“, „ist die vollendete Fiktion.“ Den Fleckenteppich aus amerikanischer Wirklichkeit und Fiktion, den er zwischen 1967 und 1990 gewoben hatte, nannte Vidal selbst „imaginierte Geschichte“. Sein moralisch-pädagogischer Vorsatz, in Geschichten Geschichte freizulegen, hatte er immer wieder heruntergespielt, aber nie bestritten.

So nannte er seine Memoiren, die 1996 erschienen, „Palimsest“: dieser ironisch-programmatische Titel bezeichnet ein antikes Schriftstück, von dem der ursprüngliche Text getilgt worden ist und das danach neu beschriftet wurde. Wie das eigene Leben hat Gore Vidal die amerikanische Geschichte als Palimsest betrachtet – als eine Schreibvorlage, von dem er den Text schichtweise abtragen wollte, um ihn neu schreiben zu können.

Nicht zufällig heißt Vidals letztes Buch „Inventing a Nation“, Das Erfinden einer Nation. Darin gibt er einen Kurzüberblick über die ersten Jahrzehnte der amerikanischen Republik, über ihre Entstehung und ihre Verfestigung, und also über ihre Gründer, wie der Untertitel klar macht: „Washington, Adams, Jefferson.“ Vidals dreifaches Porträt, ebenso ironisch wie sarkastisch und flüssig erzählt, ist von einem doppelt aufklärerischen Impuls getragen: Er demontiert die nationalen Helden, indem er ihre Eitelkeiten und ihr Machtstreben bloßlegt, und glorifiziert sie zugleich als Intellektuelle, die ihre philosophischen Ideen einem politischen Ideal unterstellten. Wie in seinen Romanen hat Vidal auch in seinen Essays bis zuletzt die intellektuelle Mittelmäßigkeit, die zum Standard erhoben wurde, angeprangert.

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erstellt am 02.8.2012

Gore Vidal, 1948

Gore Vidal, 1958

Gore Vidal (links), 1958

Gore Vidal, Tennessee Williams and John F. Kennedy, Palm Beach, 1958

Gore Vidal, 1959

Gore Vidal bei Dreharbeiten von »Ben Hur« in Rom, 1959 (von links: Director William Wyler, Co-Autor Christopher Fry, Gore Vidal und Darsteller Charlton Heston)

Gore Vidal, 2004

Gore Vidal beim internationalen Literaturfestival in Berlin, 2004