Buchkritik – Matthias Göritz: »Tools«

Die Welt ist ein Konstrukt

Von Thomas Scholz

Die Welt ist ein Konstrukt. Aber das macht nichts. Schon gar nicht, wenn man die lyrischen Werkzeuge, die Tools, hat, um selbst zu konstruieren, dekonstruieren und rekonstruieren, um Unteilbares zu spalten und dann (recht-)zeitig zum Knall zu bringen. Matthias Göritz bewerkstelligt dies in seinem dritten Gedichtband, der die „Tools“ als Titel trägt. Der gebürtige Hamburger und heutige Wahl-Frankfurter hält sich im Schöpfungsprozess jedoch nicht mit großen Panoramen auf. Diesen Aspekt der lyrischen Weltenschaffung hat die von ihm geschätzte Kollegin Emily Dickinson bereits vor über 250 Jahren erläutert, und so lässt er sie mit „To make a prairie“ zuerst zu Wort kommen:
“To make a prairie it takes a clover and one bee, // One clover, and a bee. // And revery. // The revery alone will do, // If bees are few.”

Der Geist formt aus den Bruchstücken die Realität, das ist die Bedienungsanleitung zu Göritz‘ Werkzeugen. Und nachdem er die Darlegung seiner poetologischen Grundlage outgesourct hat –Auslagerung gehört so grundlegend zu „Tools“ wie der Büffel zur Prärie – begibt er sich ins Detail, nimmt mich mit an den Anfang seiner Schöpfung, die nicht im Chaos, sondern im Schlaf beginnt.
Die Göritzsche Genesis nimmt langsam Fahrt auf, ihr Anfang ist der Schlaf im Allgemeinen, den man misst an „Wunderdingen, dem Bauchfell eines Trompeters // zum Beispiel“, beschleunigt zu kindlichen Träumen über Schwärme von Knurrhähnen, kreist um Delfinhirne, die nur halb schlafen, weiter zum Pferdeschlaf und Pflanzenschlaf, zu Krankenhaus, Blutzucker, Spiegel. Der Schlaf ist klinisch geworden, und spätestens jetzt haben die Gedichte eine Geschwindigkeit erreicht, dass Begriffe sich in ihre Bestandteile auflösen. Die Pfannen folgen daher „Nieren-, Bett- und Brat-“ nach, und ich stelle mir die Frage, in welche Körperöffnung ich blicke, wenn das Spekulum den Augenblick öffnet. Blitzschnell werden hier Worte chirurgisch zerlegt oder synthetisiert, werde ich zum Zerlegen oder Synthetisieren verleitet. In dieser lyrischen Ursuppe ist die Welt angelegt. Doch um sie zu sehen, muss ich Exegese betreiben, die Spannungsfelder mit Sinn füllen – ein Teil der Schöpfung ist an mich outgesourct. Vom Weltenbau ganz in Beschlag genommen, bin ich erstaunt, dass ich bereits am Ende des Schlafs und beim vermeintlichen Herzstück des Bandes angelangt bin.
Ein Sonettzyklus, vierzehn Texte und das Meistersonett, es geht natürlich um Liebe – und um Autodiebstahl. Quer durch Europa klaut das liebende Paar die Karossen, Zärtlichkeiten und Gefühle werden, an Windschutzscheiben gepresst, ausgetauscht. Jedem Sonett sind anstatt eines Titels die Bezeichnung der Automodelle sowie die wichtigsten Daten des Diebstahls vorangestellt. Die nüchterne Sachlichkeit von Datum, Ort und angewandter Technik schneidet präzise in die emotionale Welt der Liebenden ein, gibt diesem als Gedichtzyklus getarnten Road Movie einen Rhythmus, der dem regelmäßig vorbeiziehender Laternen auf einer nächtlichen Autofahrt gleicht.

Hohe Tatra, 28. April. Kraftbeißhaken (Viper). // Haut nackt im Niesel. Die Liebe macht uns stumm. // Anderes Lied: I once fell in love with you // just because the sky turned from grey into blue // Das ist leichte Kost. Du sagt: Bitte, dreh um.

Im Meistersonett treten, nachdem ich dem Paar vierzehn Diebstähle lang quer durch Europa gefolgt bin, die Automobile dann fast vollständig in den Hintergrund, und die Essenz dieser modernen Bonnie-und-Clyde-Beziehung offenbart sich: „Die Liebe ist kein Spiel, bloß eine Sprache.“ Liebe ist Sprache, Sprache ist Schöpfung, und schon führt mich der nächste Abschnitt von „Tools“ nach Warschau. In die „Versprochene Stadt“.

Für Göritz ist die polnische Metropole der „Phönix unter den Städten“, die seit Jahrhunderten im Spannungsfeld europäischer Machtinteressen mit stoischer Regelmäßigkeit aus Ruinen wieder aufersteht und dabei die neueste historische Epoche wortlos auf die vorigen schichtet, wie er selbst in einem kurzen Vortext anführt. Entsprechend legt auch Göritz in seiner lyrischen Prosa, „Berceuse Des-Dur op. 57“, eine historische Lage über die andere, türmt Heinrich Heine, Samuel Morse und den Weberaufstand über Chopin auf und landet zielstrebig bei dessen entnommenem Herzen und der SS. „Was soll uns das sagen?“ fragt sein Erzähler am Schluss und freut sich, dass es keine Antwort gibt. Antworten gibt es in „Tools“ generell wenige, lieber lässt Göritz mich die Fragen suchen. Im Gegensatz zum Stakkato-Beschuss des ersten Abschnitts und der szenischen Dichte in den Sonetten entfalten die Texte im dritten Abschnitt jedoch ihre Spannungsfelder vergleichsweise gemächlich. So zeigt sich der Warschauer Stadtteil „Mokotów aus der Sicht zweier Flughunde“ viel größer als auf dem Boden. In „Elefanten in Źoliborz“ ruft das Schicksal der Zootiere beim Weichsel-Hochwasser Erinnerungen an jenes im Zweiten Weltkrieg auf eineinhalb Seiten wach. Das „Café Karma“ hingegen wird auf 29 Worte komprimiert. Die Aspekte dieser Stadt werden in jeweils eigene Formen gegossen, hinter jeder Überschrift lauern neue Überraschungen. Doch dann geht es zum heimlichen Höhepunkt der „Tools“. Zum „Tulpenwahn“.

Der Name des vierten Abschnitts und des neunseitigen Prosagedichts sind identisch. Die holländische Spekulationsblase um Tulpenzwiebeln im 17. Jahrhundert bietet reichlich Gelegenheit, aktuelle Bezüge aufzugreifen. „Wir // alle sind Holland; markthungrig, pfeifengemütlich, // kaufmannsvernünftig“. Auf den anatomischen Aufbau der Tulpe folgt die Gegenwartsdiagnose: „Versprechen sind gut, solange wir an sie glauben.“ Doch Robert-Gernhardt-Preisträger Matthias Göritz kann sich auch in der Kapitalismuskritik das Schelmische nicht verkneifen. Beim Rubensgemälde „Vier Philosophen“ dreht er am Blickwinkel auf die dort zu sehenden toten Freunde des Malers, auf die Tulpen und das abgebildete Haustier. „Lipsius und Philip Rubens erleben nicht, // dass das Bild fertig wird. Was mit dem Hund // geschah, weiß man nicht.“ Unpassendes wird kombiniert, Unwichtiges neben Bedeutsames eingereiht. Relevanz ist subjektiv. Alles ist gebaut. Die Welt ist Sprache, und Sprache ist Konstruktion. Aber das macht nichts. Nicht hier, nicht im ebenso facettenreichen fünften Abschnitt, nicht in irgendeinem der „Tools“.

„Einfach zu lesen ist das aber nicht“, sagt eine Freundin, als sie den Band zufällig aufschlägt und hinein liest. Nein, das ist keine Gefälligkeitslyrik. Anstrengend ist es. Aber schön.

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erstellt am 27.7.2012

Matthias Göritz
Tools
Gedichte
Herausgegeben von Anvar Cukoski
Berlin Verlag

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