Ihre Gedichtüberschriften stehen oft in einer gewissen Distanz zum Inhalt der Gedichte selbst. Es bildet sich dazwischen ein Spannungsbogen, der zu bedenken ist. Aber keine Verrätselung bietet Silke Scheuermann an, sondern starke Bilder flicht sie in ihre zwischen Tagtraum und Realität oszillierenden Beobachtungen ein. Auch in den neuen Gedichten finden sich phantastische Szenarien: Zollbeamte singen wie Kakadus
|Wir schmuggeln überall Wärter ein|Das Haus geht einen Schritt beiseit|weil ein Baum ankommt der sich hinstellen will (Träumende Bücher). Und doch hat die Lyrikerin im Band „Über Nacht ist es Winter“ einen ernsteren, persönlichen Zugang gewählt. Wir werden von ihr geleitet in die Gezeiten der Liebe und die Welt der Tattoos. (-ert)

Silke Scheuermann
Silke Scheuermann
Text und Audio

Silke Scheuermann

Distanz und ein bestimmtes Licht

Wir standen zwischen der Kerze und den Sternen
hatten beschlossen bei aller Liebe bekäme die
Nacht nicht alles Nicht heute
Schlaf sollte uns in den Händen drehn
einzeln Und vorher hörten wir dasselbe Konzert
Nur eben von rechts und links des Recorders
staunten in ein Dunkel hinein so vollkommen
dass der Puls jederzeit anziehen könnte
und wir würden fliegen
Wirklich und wahrhaft
in einen Spiegel hinein fliegen
der nicht splitterte

Träumende Bücher

Träumende Bücher Wir reisen darin sehen Einzelheiten zu der
Insel sich verdichten die von allen Ländern etwas hat
und doch niemals wirklich zu bereisen steht

Träumende Bücher das sind Februarhitze Anderswoarbeit im
Warmen Nach wenigen Tagen packen wir unsere
ach-so-oft gestempelten Pässe weg

Zollbeamte singen wie Kakadus
Wir schmuggeln überall Wärter ein
Das Haus geht einen Schritt beiseit
weil ein Baum ankommt der sich hinstellen will

Träumende Bücher Was mich
betrifft ich habe kein Ziel als das Aufzischen
und Dampfen der Worte zu hören Hinter
deinen Sätzen und durch deine Sanftmut hindurch
steht ein Vulkan der den Wahnsinn nur halb widerlegt

Ich glaube an dich ahne wie kostbar du bist
Aber Strand heizt sich auf kocht die Quallen
Da ist die Tatsache dass wir den Augenblick
Gefahr aushalten müssen auf den
der Moment unerhörten Friedens folgt

Träumende Bücher Wir wickeln alles darin ein

Metaphern für die letzte Nacht

Schlaf nicht mehr ein diese Nacht Erzähl
wie es weiter geht Was vom Bett übrig
blieb nachdem das Liebeslied von den
Daunen erstickt war Was die Blumenverzierung
der Kissen von Ikebana hält Befrag diese ausgeknipste
Nachttischlampe ob sie sich an den Körper
erinnert der sich anzog und ging als es hell wurde
Draußen der Schnee versteckte weiße Engel

Die Art wie Gedichte arbeiten

indem sie glitzern
in allergrößter Beiläufigkeit
oder sich öffnen und
hypnotisch leuchten
oder wirklichkeitsfremd
sind die Welt schwierig finden
verfliegen
Die Art wie Gedichte arbeiten
gewöhnlich und fähig
sich selbst zu illustrieren
sich der Ferne zu nähern
so dass sie fern bleiben darf
Die Art wie Gedichte arbeiten
mit Aufenthaltserlaubnis
und Flugschein
ist dem Winter durch Leugnen
immer näher zu kommen
Letztlich ein vollkommener
Kreis um die Kälte
und dabei immer
ein wenig über ihr
wie eine Boeing
die noch nicht landen darf
aber dadurch für alle unten
sichtbarer wird
Die Art wie Gedichte arbeiten
um aufzufangen und die
dreißig Seiten die nie irgendwer
geschrieben hat
in sich aufnehmen
als Fracht die du in
den Händen hältst
in der du den Himmel erkennst
den Atemzug abpasst
der dich glücklich macht
Die Art wie Gedichte arbeiten
ist zufällig
mutwillig
und von gleißend heller
Selbstverständlichkeit

Der Tätowierer

Alles in Haut eingeritzt
Dunkel konturiert
Selbst die plötzlich im Schulterblatt
stehende Sonne wandert
mit schwarzem Rand

Keiner der Kunden
weiß wie lang er
nach dem besten Hersteller für
flüssiges Schwarz suchen musste
Zuweilen stand er sehr allein da
mit seinem Irrsinn und seinem Lieblingsgetier

Der Laden blieb offen
doch keiner kam
Sie verpassten
die riesenäugige Seeschlange die
sich über der Sehne abzeichnet

den Troll der sich
mit dem Schienbein anfreundet
den kleinen Christus am Kreuz
All die Adler Schwalben Initialen
Tätowierers Rede während

er die Skizzen zeigt
Seht sagt er Genießt den Glanz
Bin ein schwacher Mann
einer der Seele
stempelt auf solche wie dich da

Doch was ist Leben sonst
als umfunktionierte Verletzung
jahrelanges Blättern in Entwürfen
und dann tippt ein anderer Finger
aufs beste Das Todesmotiv

Silke Scheuermann und Torsten Jaksch. Foto: Alexander Paul Englert
Silke Scheuermann und Torsten Jaksch. Foto: Alexander Paul Englert

Der Tätowierte

Wenn er sich bewegte
bewegten sich Bäume und Vögel
Pfauen Adler Schwäne Schmetterlinge
bewegten sich Flatterten
Kolibris winzige Drachen
Einzelwesen Landschaften
Eva von Schlangen umzingelt
bewegte sich auf dem Brustkorb
Die Tinte bewegte sich Eine Arche
Abraham mit langem Bart
bewegte sich
Noah zwischen Elefanten
Die fetten Rüssel
Gerettete Schildkröten Lurche
Die Trauer gerettet eingesperrt
zur Ansicht frei gegeben
Zebras mit Ringen Schwarzweiße Körper
Gesattelte Zebras Bären mit Ringen
durch ihre Nasen Tanzbären
Eisbären Braunbären
Das Holz des Schiffes war dunkel
Die Farben bewegten sich
Sein Schmerz war vergessen
Karmesinrot bewegte sich
Nachtblau Azurblau
Nebelweiß bewegte sich lebte
Eierschalfarbe Leben aus einem Ei
heraus geboren bewegte sich
Alles war fruchtbar sprach
Hier war alles da
Der Himmel war
hautfarben bewegte sich
Ein Buch fiel herunter
Das Zimmer bewegte
sich in gnädigem Rhythmus
Der Nachttisch das Bücherbord
Pflanzen Eine Erinnerung Eine Sorge
Ein Schrei bewegte sich
löste sich auf
Die Fenster waren geöffnet
Sommerluft bewegte sich
Stimmen Gelächter flog herein
Kinder lachten einander an
ihre Zukunft schwebte noch
eine blassblaue Skizze
Tinte war die natürliche Sprache deines Gefühls
Symbole von Sieg und Niederlage
Herzen von Pfeilen durchstochen
bewegten sich Ein Dreizack
Wasser lebte bewegte sich
Delphine lebten weil wir uns bewegten
Gift lebte Diese unnatürliche
Buntheit deiner Oberfläche
Wörter bewegten sich
Alte Namen
Die Frau von diesem
die Frau vom letzten Jahr
Abschiede bewegten sich
Wünsche schliefen lange und blieben
ich schlief mit dir umarmte
dich die Welt auf deinen Schultern zuckte
sie bewegte sich so stark ich musste
mir die Augen reiben
Es bewegten sich
die Madonnen
Fische Amphibien Kreuze
Berge Zauberer Kreuze
Nixen Feen Satan Kreuze
Es floss alles Bilder bewegten sich
ich bewegte mich auf ihm
Das neue Leben bewegte sich
Ich glaubte ich
könnte es spüren
Ein Name klein noch
Münder und Zweige bewegten sich
Kuriose Schnecken zogen ihre Häuser mit sich
Die Häuser bewegten sich
wenn du hustetest oder
dich umdrehtest
du schliefst
Ich bewegte mich mit dir
Träume bewegten sich
Die Augen der Häuser ließen uns eintreten
Ich krallte mich in deinem Blick fest
Der Blick bewegte sich
ich schwebte schrie und
musste gehalten werden vom Zimmer
Du glaubtest an Tinte
Du schriebst Schreie immer auf übersetztest
Dein Körper war weiß und
unschuldig doch er bewegte sich
es bewegte sich alles
Wir bewegten uns
wir tätowierten uns
gegenseitig
jede Nacht
Nach jedem Mal war noch
ein wenig Farbe auszubluten
Wir glaubten an das Blut

Gedichte mit freundlicher Genehmigung des Verlags Schöffling & Co.

Silke Scheuermann

Siehe auch:
AUDIO: LYRIKER LESEN

GESPRÄCH mit Silke Scheuermann

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erstellt am 27.7.2012

Silke Scheuermann liest

Audios © Faust-Redaktion

Die Gedichte sind diesem Band entnommen:

Silke Scheuermann
Über Nacht ist es Winter
Gedichte
88 Seiten. Gebunden.
ISBN: 978-3-89561-372-2
Schöffling & Co.

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