Filmbesprechung

Gainsbourg – der Mann der die Frauen liebte

Der französische Comic-Künstler Sfar verfilmt das Leben des berühmt-berüchtigten Chansonniers

Edith Piaf, Coco Chanel, Coluche, Mesrine, demnächst „Carlos“ – die Reihe französischer Filmbiographien über nationale Ikonen und prägende Epochen reißt seit einigen Jahren nicht mehr ab. Anders als vergleichbare Filme hierzulande werden die meisten dieser opulenten Produktionen von der einheimischen Kritik zumindest mit Wohlwollen aufgenommen. Wundern muss einen das nicht, in Frankreich war man schon immer etwas stolzer auf die kommerziellen Leistungen der einheimischen Kulturindustrie. Das gilt nicht zuletzt auch für die Musikbranche, in der eine Name selbst bei Verächtern zumindest Respekt auslöst: Serge Gainsbourg. Fast 30 Jahre lang, von Anfang der 1960er bis Ende der 1980er Jahre prägte er mit seinen Kompositionen, seinen Frauengeschichten und seinen zahlreichen Skandalen die französische Musik- und Kulturszene. Andere waren kommerziell erfolgreicher als er, aber keiner wurde mehr geliebt und mehr gehasst.

Passend zu seiner Titelfigur will „Gainsbourg“, das Regiedebüt des französischen Comic-Auteurs Joann Sfar, sich nicht so recht in die Reihe der üblichen Star-Biopics eingliedern. „Der Mann der die Frauen liebte“ heisst der Film im deutschen Untertitel, und diese Anleihe bei Truffaut trifft es ganz gut, denn Sfar ist der spielerischen Experimentierfreude der Nouvelle Vague deutlich näher, als dem „cinema de qualité“ der oben genannten Filme. „Eine Erzählung von Sfar“ nennt der Regisseur sein Werk. Entsprechend frei geht er mit den Stationen aus Gainsbourgs „heroischem Leben“ (so der französische Untertitel) um. Oberflächlich folgt die Erzählung den klassischen Stationen: jüdische Kindheit im von Nazis besetzten Frankreich, erste künstlerische Gehversuche als Maler, Entdeckung als Chansonnier durch Boris Vian, Durchbruch, Skandale, gesundheitlicher Niedergang. In der Umsetzung aber macht Sfar daraus eine von Rückblenden, surrealen Traumsequenzen und bizarren Comic-Gestalten geprägte Phantasmorgie, in der sich Fakt und Fiktion zu einem eigenwilligen, sehr persönlichen Porträt des Künstlers Serge Gainsbourg vermischen. Sfar, seit jeher ein großer Gainsbourg-Fan, gibt gar nicht erst vor, eine in allen Details historisch korrekte Biografie vorzulegen. Bereits mit dem animierten Comic-Vorspann entführt er den Zuschauer in seine eigene künstlerische Welt, in der er sich sein Bild von Serge Gainsbourg macht. Anstelle einer Nacherzählung versucht er eine Interpretation des Künstlers, der sich immer wieder neu erfand: von dem Maler Lucien Ginsburg verwandelte er sich in den Sänger und Frauenhelden Serge Gainsbourg und schließlich in den Kette rauchenden, alkoholabhängigen und Skandale provozierenden Klischee-Bohemien „Gainsbarre“, als der er 1991 starb – ein Abschnitt, den der Film weitgehend ausblendet. Sfars Gainsbourg ist mal genialischer, von seiner jüdischen Identität und seiner hässlichen „Fresse“ im wahrsten Wortsinn verfolgter und angetriebener Künstler; mal subversiver Rebell; mal liebender Papa und „bourgeoiser Boheme“; mal ewiges Kind, das aus purer Lust und Egomanie die Grenzen des gesellschaftlich respektablen überschreitet.

Dabei verzichtet der Regisseur bewusst auf eine Reihe populärer Anekdoten, der Skandal um den Song „Je t'aime“ etwa wird gar nicht gezeigt, die Affäre mit Julitte Greco bleibt eine Fußnote und die Beziehung mit seiner Muse Brigitte Bardot findet in einer amüsanten, frei erfundenen Begegnung mit Gainsbourgs Eltern ihren Höhepunkt. Auch chronologische Abläufe bleiben unkenntlich, kein einziges Mal werden orentierende Jahreszahlen eingeblendet. Ungeordnet und unübersichtlich wie Gainsbourgs Leben mutet der Film durch diesen Kniff an. Aber so einleuchtend das konzeptuell sein mag, ist es dramaturgisch bisweilen kontraproduktiv und frustrierend, denn ohne Grundwissen sind manche Zusammenhänge so kaum zu erschließen.

Wirklich verstehen oder gar durchschauen, auch das zeigt der Film durch seine Machart, wird man Gainsbourg freilich sowieso niemals. Sfar schürt die Legende, den Mythos. Vieles bleibt so skizzenhaft wie manche seiner Illustrationen, auch die Mise-en-scène und das Spiel der durchweg hervorragenden Darsteller, allen voran Eric Elosmino in der Titelrolle, hat etwas comichaft stilisiertes. Aber vielleicht passt das am besten zu dem Mann, der von sich sagte, er sei wie Micky Maus: „große Ohren und ein langer Schwanz.“

Kai Mihm

Joann Sfars „Gainsbourg” startet am 14. Oktober als „Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte” in den deutschen Kinos.

erstellt am 14.9.2010

Serge Gainsbourg
Serge Gainsbourg

Gainsbourg – Trailer