Buchkritik

Mehr als eine Initiationstory

Lisa Kränzlers Debütroman »Export A«

Von Franziska Lüdtke

Wenn deutsche Bildungsbürgereltern ihre 16- bis 17-jährigen Sprößlinge für ein Jahr nach Übersee schicken, tun sie das, weil Auslandserfahrung sich im Lebenslauf gut macht, und weil ausgezeichente Englischkenntnisse inzwischen eine Minimalanforderung für Leitungspositionen aller Art sind. Den behüteten Bildungsbürgerkindern dagegen geht es eher darum, sich weit weg von Eltern, Schule und Freunden selbst zu finden oder noch besser neu zu erfinden. Mit einer Ozeanbreite Abstand zu all den wohlwollenden Kontrollinstanzen zu Hause kann man vielleicht endlich all das ausprobieren, was die Eltern garantiert nicht zur nützlichen Auslandserfahrung zählen: Schule schwänzen, wilde Partys, Sex, Alkohol, Drogen. Nicht anders geht es der 16-jährigen Lisa Kerz in Lisa Kränzlers Debütroman Export A: „Ich wollte die Gelegenheit, die Freiheit, Fehltritte begehen zu dürfen, ergreifen, alles wagen, alles setzen. Mit fest geschlossenen Augen, geballten Fäusten und zusammengebissenen Zähnen wünschte ich mir zu leben, einfach in den Tag hinein, ohne Schutz, ohne Rückhalt, ohne Werte, ohne Schuldgefühle und ohne Zwang mich mit anderen zu vergleichen. Die Stimme der Rebellion dröhnte mir in den Ohren, Sprechchöre halten unter meiner Schädeldecke und forderten mich auf, mein Ich zu revolutionieren und Piratenbraut auf der Joshua zu werden.“

Lisa hat es in Kanadas hohen Norden verschlagen, nach Whitehorse am Yukon, wo der Juli der einzige garantiert schneefreie Monat ist und der Winter bereits im Oktober mit strengem Frost und Schnee einsetzt. Aber nicht nur das Klima ist extrem, auch ihre sonstigen Lebensumstände sind von Anfang krasser als bei bei durchschnittlichen Austauschschülern. So wohnt sie zunächst in einem eisigen VW-Bus auf dem Grundstück von Schwester und Schwager zwei Autostunden von Whitehorse entfernt, zieht dann in ein braunholzvertäfeltes Zimmer bei einer miesepetrigen Wirtin („ästhetisch gesehen ein Rückschritt, in Sachen persönlicher Freiheit jedoch ein gewaltiger Fortschritt“) in der Stadt, von dort in eine chaotische Kiffer-WG und schließlich in die nachsichtige Obhut im Trailer eines älteren Ehepaars.

Während Lisa in ihrem braunen Zimmer Einsamkeit kostet (und mangels anderer Freizeitbeschäftigungen Englischvokabeln lernt), ist sie zum ersten Mal im Leben völlig auf sich selbst zurückgeworfen. In dieser Situation erscheint sogar ein Baptistengottesdienst als angenehme Abwechslung („Was ich mir vom Kirchgang erhoffte, waren ein paar Stunden Gesellschaft und die Nähe meiner Schwester …“). Doch die Höllenpredigt des Südstaatenpfarrers erschüttert Lisas Kinderglauben, konfrontiert sie erstmals mit der Möglichkeit, dass Schuld nicht vergeben wird und die Erlösung vom Bösen nicht stattfindet: „Seine Worte brachten eine Lawine aus W-Fragen ins Rollen, beförderten mich mit einem Arschtritt in die nächste Lebensphase, die bestimmt sein würde von all den Qualen und Zweifeln, die mit dem WARUM einhergehen. (…) Ich sprengte die Schüssel meiner Kindheit und breitete mich wild in alle Richtungen aus ohne zu wissen wohin.“

Die evangelikale Predigt wirkt als unabsichtliche Paradoxintervention, die Lisa tatsächlich in einen kompromisslosen zwanghaft rauschhaften Lebensstil katapultiert, der vorher nur als vage Faszination am Rande ihrer Lebensrealität existierte.

Natürlich endet das Ganze schlecht: Lisas experimentelle Exzesse führen schließlich zu einem traumatisierenden Erlebnis und konfrontieren sie mit Fragen von Schuld und Vergebung in einem Ausmaß, das alles übersteigt, was sie selbst oder der Baptistenpfarrer sich jemals vorgestellt hatten. Es hebt den Roman über die klassische Initiationstory hinaus und rückt ihn thematisch in die Nähe Dostojevskijs – allerdings aus weiblicher Perspektive und ganz klar im 21. Jahrhundert angesiedelt.

Lisa Kränzler lässt ihre Ich-Erzählerin mit 10 Jahren Abstand auf die Ereignisse zurückblicken. Sie verbindet dabei die seit dem 19. Jahrhundert beliebte Form des fiktiven Geständnisses mit einer Art rückwärts gewandten Stream-of-Consciousness-Stil: Die Ich-Erzählerin versucht, die Geschehnisse möglichst unsentimental, vollständig und objektiv zu schildern, ist sich aber gleichzeitig der eigenen Subjektivität und der Lückenhaftigkeit ihrer Erinnerungen bewusst. Kränzlers Sprache ist klar und souverän, dabei reich an ungewöhnlichen und eingängigen Metaphern. Entspannt wechselt sie zwischen verschiedenen Stilebenen, lässt Songtexte und Dialoge auf Englisch einfließen und erweckt beim Leser so effektiv die Illusion, er befände sich im Kopf der Erzählerin. Chronologische Schilderungen von Ereignissen wechseln mit Passagen, in denen die Ich-Erzählerin die Befindlichkeiten ihres sechzehnjährigen Selbst im Rückblick kommentiert oder analysiert, dann wieder blickt sie distanziert wie durch ein Kameraobjektiv auf sich selbst, lässt die Erinnerungen ablaufen wie einen Dokumentarfilm. Der Reiz des Buches liegt weniger in der Handlung als in der Tatsache, dass hier Inhalt und Form eine perfekte Symbiose eingehen. Weder hat man als Leser das Gefühl sich durch den x-ten trivialen semiautobiografischen Coming-Of-Age-Roman zu quälen, noch wird man Zeuge krampfhaften Bemühens um LITERATUR. Kränzler hat ihre Sprache gefunden und überzeugt durch Authentizität. Export A verbindet Lesbarkeit mit unprätenziösem Anspruch und macht neugierig auf Lisas Kränzlers zweiten Roman, der Anfang 2013 erscheinen soll.

Kommentare


CaarLiithaa - ( 10-08-2012 03:05:15 )
Hallo Versteh Nix,du machst Deinem Namen alle Ehre. ;;))))Obwohl der Chargenrfcckruf schon im Januar war, wlotle ich nicht nur die schweizer sondern auch die deutschen Myastheniker sensibilisieren, dass es bei Medikamenten durchaus passieren kann, dass die Verpackung oder der Verschluss fehlerhaft sein kann und dadurch die Wirksamkeit des Medikaments beeintre4chtigt werden kann.Zumindest he4tte es im Januar von der DMG aus hier im Web-Blog stehen kf6nnen.Lieber zu spe4t als nie.Ich hoffe liebe/lieber Versteh nix, du konntest die Intention meines Beitrags ein bidfchen mehr verstehen als nix.Liebe GrfcdfeAna Beja

Andrea - ( 11-08-2012 01:00:22 )
Hallo zusammen, Myasthenietage solletn meiner Meinung nach viel f6fters durchgeffchrt werden, z.B. halbje4hrlich immer an verschiedenen Orten und Kliniken. Es besteht genfcgend Handlungsbedarf. d6ffentlichkeitsarbeit ist eines der zentralen Themen der DMG. Zu diesem Zweck solletn viel mehr c4rzte und Kliniken informiert werden. Mein Vorschlag: mehr ehrenamtliche Unterstfctzung! Wenn nur jeder einen kleinen Teil dazu beitragen wfcrde Jutta O.

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erstellt am 26.7.2012

Lisa Kränzler

Lisa Kränzler, geboren 1983, ist bildende Künstlerin und lebt in Freiburg. Sie studierte Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und war 2010/11 Meisterschülerin bei Prof. Tatjana Doll. Im Juli 2012 erhielt sie den 3sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. »Export A« ist ihr erster Roman.

Lisa Kränzler
Export A
Roman
272 Seiten
Verbrecher Verlag Berlin 2012

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