Das halbe Wort

Sunil Mann

Gibt es unauffällige Migrantengruppen? Welche, die sich versuchen, möglichst so weit anzupassen und sich nicht angreifbar zu machen, dass man ihnen einen anderen Status gewährt?
Ist ja nicht so, dass es in der Schweiz keine Minderheiten gäbe … Die Schweiz. Die Inder in der Schweiz. Sie scheinen beliebter zu sein. Bollywood? Die ihnen zugeschriebene Freundlichkeit? In Deutschland Kaya Yanar und seine Verballhornung von Indern, die jeden erheitert? Ich habe selbst erlebt, wie sich Jugendliche sofort mit einem indischen Geistlichen verbanden, weil der so lustig rede und so sympathisch sei wie der Typ im Fernsehen.

Sunil Mann hat einen indischen Hintergrund. In seinen beim Grafit Verlag erschienenen Krimis hat er einen Detektiv mit dem Namen Vijay Kumar in den Mittelpunkt gestellt, der einen indischen Hintergrund besitzt. Als Highlight wird von Leser/innen Vijays Mutter genannt, die einen kleinen Laden führt und ihren Sohn energisch in den Hafen der Ehe treiben möchte. Selbstverständlich mit einer Inderin. Als sie seinen Status als unerträglich ansieht, was sie in wortreichen Tiraden zum Ausdruck bringt, geht sie so weit, dass sie eine Verwandte aus der indischen Provinz nach Zürich holt.
Sunil Mann lässt seine Krimis in der Zürcher Langstraße spielen, eine Straße, in der die zugezogene Schweizer Mittelstands-Bohemia auf „Ausländer“ trifft, die hier einst billigen Wohnraum fanden. Vijay Kumar steht nun zwischen diesen beiden Welten, ihm ist im Laufe seiner Schweizer Kindheit die elterliche Weltanschauung so fremd wie jedem städtischen Mitteleuropäer geworden. Doch er gehört auch nicht ganz dazu, trotz Konsum von Latte Macchiato und westlicher Lebensart … Damit kein Missverständnis aufkommt: Sunil Mann beschäftigt sich in seinen Texten, die vielfach in Anthologien, Zeitschriften und auf seiner Homepage zu finden sind, mit vielen Themen, die nichts mit Herkunft, Migration und dergleichen zu tun haben. Wie in dem ausgewählten Text, der mich an den Film Noir aus den Vierzigern erinnert, mit einem sehr reichen, protzigen Typen, der unausstehlich ist, einer hübschen Frau, die eine Partnerschaft mit ihm eingeht, der überraschenden Wendung am Ende der Geschichte.
(Die Geschichte habe ich in ihrer Schweizer Schreibung belassen.)
Jannis Plastargias

Eine Frage der Zeit

Er schlägt die Augen auf, unvermittelt, ist sofort hellwach, wie jeden Morgen. Regungslos bleibt er liegen und starrt an die Decke. Die Morgendämmerung kündigt sich gerade an, zögernd, ein zartes Lila, das die langsam schwindende Dunkelheit durchwebt. Draussen lärmen die Vögel, wild durcheinander, als werde ein Orchester gestimmt. Er schaut einen Moment lang zu, wie sich die Konturen der Möbel aus dem Halblicht schälen und sich die alptraumhaften Silhouetten haariger Riesenspinnen und bedrohlicher Monsterkäfer allmählich zu ganz normalen Zimmerpflanzen zurückverwandeln, dann stützt er sich seufzend auf den Ellbogen und blickt zum Wecker, der auf dem Nachttisch steht. Vier Uhr achtundfünfzig. Merkwürdig, denkt er. Sonst wacht er immer genau zwei Minuten vor sechs auf, man könnte die Uhr danach richten. Eine Angewohnheit, die er auch nach seiner Frühpensionierung beibehalten hat. Fast vierzig Jahre lang ist er bei dieser Privatbank gewesen, die letzten sechsundzwanzig als Direktor, hat geplant, Risiken kalkuliert, Entwicklungen abgeschätzt, Erträge berechnet, mehr als ein halbes Leben lang, da ändert man sich nicht so schnell. Er dreht sich zur Seite und zieht die Decke bis zum Kinn. Noch eine Stunde, denkt er, und schläft wieder ein.
Um sechs Uhr reisst ihn ein nervtötendes Piepen aus seinen Träumen, wirren, aufwühlenden Träumen. Er bringt den Wecker zum Verstummen und stellt fest, dass er ganz verschwitzt ist, der Pijama klebt gallertartig an seinem Körper wie eine zweite, glitschige Haut. Er bleibt liegen und lauscht auf die Geräusche in der Alphütte. Bei einer Wanderung hat er sich auf der Stelle in das Tal verliebt, das sich steil und steinig einer touristischen Nutzung grösstenteils verweigert hat. Er mag das Wilde daran, das Ursprüngliche, den Bergbach, der schäumend durch das von zerklüfteten Felsen gesäumte Tobel in die Tiefe stürzt, die blühenden Alpenrosen im Sommer, die Enziane, die Silberdisteln, die verstreut an den Hängen klebenden Hütten, die knorrige Einsilbigkeit der Bergler, ihre Ziegen, die den besten Käse liefern, den er je gekostet hat, das Wetter, das willkürlich umschlagen kann. Trotz des Schandflecks, des einen Punktes in der ganzen Idylle, den er bemängeln könnte, scheint ihm hier oben alles echt und ehrlich im Gegensatz zu seinem früheren Leben in der Stadt, authentisch, hier braucht er sich nicht zu verstellen. Natürlich hat er die leer stehende Hütte, die er einem störrischen Bauern nach langwierigen Verhandlungen abgekauft hat, ausbauen lassen, nach modernsten Standards, nur das Beste und Teuerste war gut genug, nach einem Leben im schicksten Viertel der Stadt wollte er nicht ganz auf Luxus verzichten.
Und sie noch viel weniger.

Er hört sie im unteren Stock herum gehen, leise, Geschirr klappert, der Geruch von Kaffee und knusprig aufgebackenen Croissants dringt herauf. Sie ist friedlicher in letzter Zeit, denkt er, nicht mehr so streitsüchtig. Sie wird sich daran gewöhnen, hier oben zu leben, sie wird irgendwann einsehen, dass er die richtige Entscheidung getroffen hat, dass das mondäne Leben in der Stadt nur Schein ist, oberflächlich und nichtssagend. Noch ist sie jung, zu jung, wie sein Bekanntenkreis meint, doch das ist ihm egal. Er ist jetzt hier oben, fernab vom ganzen Tratsch und der Missgunst, hier oben mit ihr, und mit etwas Glück sind sie vielleicht bald zu dritt, es gibt nichts, was er sich sehnlicher wünscht.

Er schlägt die Decke zurück und tappt mit nackten Füssen ins Badezimmer, rasiert sich, duscht ausgiebig, zieht sich dann an und streift die teure Armbanduhr über, die auf der Ablage vor dem Spiegel liegt, das Abschiedsgeschenk seiner Mitarbeiter. Sie sitzt am gedeckten Frühstückstisch, als er die Treppe herunter kommt, und liest mit konzentrierter Miene in einem Magazin. Im warmen Schein der heruntergedimmten Deckenlampe glänzt ihr Haar golden, das Licht kerbt scharfe Schatten in ihr Gesicht und verleiht ihr so eine Reife und ein Alter, die sie noch lange nicht erreicht hat. Und doch weiss er in diesem Moment mit unumstösslicher Sicherheit, dass sie ihm auch in ein paar Jahren noch gefallen wird, wenn sie älter ist, und diese Erkenntnis erfüllt ihn mit einer Wärme und Zuversicht, die er so noch nie erlebt hat . Sie hebt ruckartig den Kopf, als er an den Tisch tritt, und sieht ihn mit leeren Augen an, fast scheint es, als würde sie ihn nicht wiedererkennen. Doch dann ist dieser Anflug von Abwesenheit auch schon vorbei, und sie lächelt, streckt sich ihm entgegen und küsst ihn innig, sie hat weiche Eier gekocht und Speck gebraten. Verstohlen betrachtet er ihr gemeinsames Spiegelbild in der Scheibe des Panoramafensters, ein schönes Paar, findet er, trotz des Altersunterschieds. Und dann sieht er dahinter, wie sich der Himmel über den Bergspitzen allmählich rosa verfärbt, weiss zerzupfte Wolken schweben wie schwerelose Schafe vor den steil abfallenden Felswänden, und einen Moment lang ist er überwältigt von so viel Glück. „Wenn uns jetzt all die Neider sehen könnten, die kleinkarierten Biedermänner in der Stadt, wie wir so da sitzen an einem strahlenden Sonntagmorgen und wie gut es uns dabei geht!“ Er nimmt ihre schmale Hand in die seine, und streichelt mit dem Daumen zärtlich darüber. „Ich liebe dich.“ Sie lächelt und sagt nichts. Er blickt auf die antike Standuhr, die in der Ecke neben dem Tisch steht, die kunstvoll geschmiedeten Zeiger deuten auf halb sieben, er muss bald los, frühmorgens beissen sie am besten. Seit sie vor vier Monaten hierher gezogen sind, ist er jeden Sonntag fischen gegangen, es gibt seiner Meinung nach nichts Besseres als seine fangfrischen Bachforellen und dazu ihre Bratkartoffeln mit Rosmarin.

Kurz vor sieben verlässt er die Hütte mit Rucksack und Angelrute, sie steht am Fenster und sieht ihm hinterher, winkt und lächelt, wenn er sich umdreht. Sie verharrt dort, bis ihn der dichte Tannenwald verschluckt hat und dann noch ein wenig länger. Schliesslich wendet sie sich ab, ihr Herz pocht schnell, sie spürt einen dicken Kloss im Hals. Sie räumt den Tisch ab, wäscht das Geschirr, und stellt sich nach getaner Arbeit wieder ans Fenster, eine dampfende Tasse Kaffee in der Hand, und starrt abwechselnd auf die antike Standuhr und die Stelle am Waldrand, wo er vorher verschwunden ist. Die Uhr läuft, denkt sie und fröstelt.

Er geht zu Fuss den steilen Weg zum Bergbach hinunter, obwohl ein vierradbetriebener Geländewagen in der Garage steht. Er spürt noch immer ihren Kuss auf seinen Lippen. „Pass auf dich auf“, hat sie geflüstert, und er hat genickt und genau gewusst, wovon sie sprach, es ist nicht ungefährlich, sonntags im Bergbach zu fischen. Doch er mag den Nervenkitzel, der ihm doch ein wenig fehlt, seit er hier oben wohnt. Kein Vergleich natürlich mit dem sprungartigen Pulsanstieg, den hochschiessende oder ins Bodenlose fallende Börsenkurse bei ihm verursachen konnten, das Risiko hier ist genau kalkulierbar, aber immerhin verleiht es seinem ansonsten ereignislosen Alltag einen Hauch von Abenteuer. Er pfeift leise vor sich hin, seine Schritte knirschen auf dem steinigen Grund, von weit unten ist das stete Rauschen des Bachs zu hören. Sonnenstrahlen tanzen zwischen den nadelbewehrten Zweigen, es riecht nach Pilzen und süsslich nach Harz, und einmal flattert sogar ein Tannenhäher erschrocken vor ihm auf. Nach einer scharfen Wegbiegung steht er plötzlich vor zwei Wanderern, ein älteres Ehepaar, beide keuchend, beide mit hochroten Köpfen. Sie grüssen ausser Atem, er nickt ihnen knapp zu und drängt sich an ihnen vorbei. Er mag keine Touristen, das hier ist sein Tal, seine Entdeckung, er hat überhaupt keine Lust, mit jemandem zu teilen, schon gar nicht mit rotköpfigen, überforderten Senioren. „Entschuldigen sie!“, ruft es hinter ihm. Widerwillig bleibt er stehen und dreht sich um. „Könnten sie uns sagen, wie spät es ist? Meine Frau hat vergessen….“ „Ist schon gut, sie brauchen mir nicht gleich ihre ganze Lebensgeschichte zu erzählen!“ Er mustert das Paar feindselig, dann blickt er auf seine Armbanduhr. „Es ist genau viertel nach sieben“, knurrt er und wendet sich wieder ab. „Sind sie sicher?“ Der Mann mustert ihn irritiert. „Ja!“, faucht er gereizt, „Das ist eine Chronoswiss Timemaster Chronograph, die kostet fünftausend Euro, für den Preis zeigt sie die Zeit auch sekundengenau an.“ Der Mann zuckt eingeschüchtert mit den Schultern und wendet sich flüsternd seiner Frau zu. Ohne die beiden Rentner weiter zu beachten, stapft er davon, misslaunig dem Bach entgegen.

Bis zu den Knien steht er kurz darauf im eiskalten Wasser, er fischt immer an derselben Stelle, in einem kleinen Becken, wo der Bach etwas ruhiger fliesst. Langsam bewegt er die Angelrute hin und her, der Blinker blitzt im sonnendurchfluteten Nass, zuckt durch die sich leicht kräuselnden Wellen, er wartet geduldig, beinahe regungslos, ein geübter Jäger. Er denkt an sie. Wie begeistert sie war von der Alphütte, zuerst, als sie nur ab und zu ein Wochenende hier oben verbrachten, wie ihre Euphorie dann schlagartig verpuffte, als er den endgültigen Umzug vorschlug, wie er sie zu überreden versucht hat, wie vergeblich das war. Sie wollte ihn verlassen, damals, doch der Hinweis auf den Ehevertrag, laut dem ihr sozusagen nichts zustand – ein kleines Meisterwerk seines Anwalts – liess sie spontan ihre Meinung ändern, sie kam mit, wie er das vorgesehen hatte. Und auch wenn sie anfänglich oft murrte und unzufrieden war, so hat das neuerdings nachgelassen, sie scheint sich allmählich an das Leben im Tal zu gewöhnen. Alles eine Frage der Zeit, denkt er zufrieden.

Ein Knarren zerreisst die Stille, ein Ächzen wie von einem urtümlichen Riesen, es hallt von den Felswänden wider, er zuckt zusammen und sieht hoch, das Tal hinauf. Ein Schandfleck, denkt er ärgerlich, man sollte sowas verbieten. Er guckt prüfend auf seine Uhr, zehn vor acht, er hat noch mehr als eine Stunde Zeit. Er wirft die Angel erneut aus, der Blinker pfeilt durch das kristallklare Wasser. Lebendig begraben, fühle sie sich, hat sie ihm im Streit einmal an den Kopf geworfen, sie habe das Gefühl zu ersticken. Er lächelt still vor sich hin, sie wird sich daran gewöhnen, an das Leben hier oben, an ihn, an das Kind, das sie haben werden, er hat alles genau geplant, das Risiko kalkuliert, die Entwicklung abgeschätzt, den Ertrag berechnet, er hat sein Leben lang nichts anderes getan.

Ein ohrenbetäubendes Krachen lässt ihn zusammen fahren, die Angelrute fällt ihm aus der Hand, er blickt nach oben, zur Staumauer, diesem Schandfleck im Tal. Er hört ein anschwellendes Rauschen, schaut auf sein Handgelenk, Chronoswiss Timemaster Chronograph, acht Uhr. Besorgt sieht er sich um. Er kennt die giftgelben Warnschilder rund um das Becken auswendig, er hat sie schon oft gelesen. Mit fetten, schwarzen Buchstaben und knallroten Ausrufzeichen weisen sie auf die tödliche Gefahr hin, die droht, wenn jeweils sonntags um neun Uhr das überschüssige Wasser des Stausees abgelassen wird. Also in einer Stunde, beruhigt er sich. Er will sich gerade nach der Rute bücken, die zu seinen Füssen im Wasser dümpelt, als die erste Flutwelle über ihn hinwegzischt. Er fällt hin, schürft sich die Hände auf, klebrig und schmutzigbraun läuft Schaum über die zerklüfteten Felskanten, die Steinbrocken, die aus dem Becken ragen. Für einen kurzen Moment herrscht absolute Stille. Entsetzt rappelt er sich auf, völlig durchnässt, Blut tropft von seinen Fingerknöcheln, doch schon prescht die nächste Woge heran, begräbt ihn unter sich. Er strampelt sich an die Oberfläche und schnappt nach Luft. Als er den Kopf bergwärts dreht, kann er den Bach herunter stürzen sehen, dröhnend, tosend, innert Sekunden schwillt er zu einem reissenden Strom an. Äste tanzen willenlos auf seinen entfesselten Wellen, werden verschluckt und gleich wieder ausgespuckt, an die Felswände geschmettert, er rudert mit beiden Händen, versucht verzweifelt, ans Ufer zu gelangen, vergebens.

Sie steht immer noch am Fenster, der Kaffee ist längst kalt, und hört das Donnern der herabstürzenden Wassermassen aus dem Tal. Sie fährt sich mit der Hand übers Gesicht, dann wendet sie sich ab, geht noch einmal durchs Haus und stellt die Uhren wieder eine Stunde vor, die antike Standuhr im Wohnzimmer, den Wecker auf dem Nachttisch, die Küchenuhr und die Zeitanzeige am Fernseher, auf die er gar nicht geblickt hat. Alles eine Frage der Zeit, denkt sie. Einen Moment lang zögert sie und blickt sich um. Das Gefühl, mit einem Mal endlich wieder frei und zudem auch noch reich zu sein, unvorstellbar reich, wenn man das Erbe und die Lebensversicherung zusammenzählt, ist merkwürdig, gewöhnungsbedürftig. Sie ergreift ihre Sporttasche, in die sie nur gerade das Nötigste gepackt hat. Der Anwalt wird sich melden, denkt sie, als sie im Geländewagen sitzt. Sie dreht den Schlüssel und der Motor springt an, leicht und erwartungsfroh, wie ihr scheint.

erstellt am 25.7.2012

Sunil Mann. Foto: Eke Miedaner
Sunil Mann. Foto: Eke Miedaner

Sunil Mann wurde als Sohn indischer Einwanderer im Berner Oberland geboren. Er ist als Flugbegleiter tätig, ein Job, der ihm genügend Zeit zum Schreiben lässt. Viele seiner Kurzgeschichten wurden ausgezeichnet. Mit seinem Romandebüt Fangschuss, dem ersten Krimi mit Vijay Kumar, gewann er den Zürcher Krimipreis 2010. Mit Lichterfest (2011) und Uferwechsel (2012) legte er zwei weitere humorvoll-spannende Fälle für den indischstämmigen Privatdetektiv nach.
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