Hanna Krall
Hanna Krall
Buchkritik

»Was kann die Welt denn schon?«

Ein erzählerisches Experiment der polnischen Schriftstellerin Hanna Krall

Von Stefana Sabin

Da sind Notizen, die zur Alltagskommunikation in der Familie gehörten; Auszüge aus Briefen, die Freunde aus der Fremde geschrieben haben, oder Passagen aus Leserbriefen, die an Zeitungen geschickt wurden; ferner sind da Zitate aus den Berichten des Sicherheitsdienstes oder aus der Korrespondenz mit Verlegern; und da sind auch Erinnerungen an Ereignisse, die die eigene Biographie bestimmt haben – zusammen rekonstruieren diese Episoden ein Stück europäisch(polnisch)er Geschichte vom Holocaust über den Alltagskommunismus bis zum Zusammenbruch des Ostblocks und zugleich eine individuelle Geschichte vom Überleben (des Holocausts, des Kommunismus, des Postkommunismus), die programmatisch nicht als Lebensgeschichte ausgegeben wird.

Denn die polnische Schriftstellerin Hanna Krall, am 20. Mai 1935 in Warschau geboren und seit den 80er Jahren auch im deutschsprachigen Raum für ihre literarischen Reportagen und ihre Romane bekannt, hat keine Autobiographie geschrieben, sondern einen narrativen Versuch unternommen, wie eine Autobiographie geschrieben werden könnte – genauer: wie die Geschichte eines Lebens aus Reminiszenzen anderer, die großen oder aber nur geringen Anteil daran hatten, und aus eigenen Erinnerungen zusammengefügt werden kann.

Immer wieder hat Krall reale Biographien und Ereignisse als literarisches Material benutzt, hat fremde Geschichten als Ausgangspunkt für Erzählungen verwendet. In ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Würth-Preises für Europäische Literatur im Frühjahr 2012 hat sie sich bei allen, die ihr Geschichten erzählt haben, bedankt: “Sie haben mir ihre Schicksale anvertraut,“ sagte sie. “Nur so konnten meine Bücher entstehen.“ In diesem neuen Buch nun legt Krall die Fiktionsleistung bloss, indem sie die fremden Geschichten quasi unbearbeitet übernimmt. Auch das alphabetische Namenverzeichnis und die Fußnoten, mit denen sie den Text versieht, suggerieren eine Sachlichkeit, die dann doch ständig durch das empathische Erzählen konterkariert wird. Nicht zuletzt in dieser strukturellen Spannung liegt das Besondere von Kralls autobiographischem Erzählexperiment.

So verwebt Krall eigene mit fremden Erinnerungen, fügt erzählende oder reflexive Kommentare hinzu und schafft ein vielstimmiges und dementsprechend vielschichtiges Textgewebe. Darin tauchen viele Figuren auf: Freunde und Lebensbegleiter, die an ihren Vornamen leicht erkennbar sind, wie zum Beispielt der Literaturwissenschaftler Jan Kott oder der Filmkünstler Krzysztof Kieslowski, aber auch Zufallsbekanntschaften, Lehrerinnen, Studienfreundinnen, Arbeitskollegen. Sie alle stecken den biographischen Rahmen ab und werden von einer starken Erzählerfigur ebenso behutsam wie entschieden gelenkt.

Krall verzichtet auf eine herkömmliche Handlung, aber indem sie die Episoden datiert, überlässt sie es dem Leser, daraus eine Geschichte zu machen, die chronologisch verläuft: Sie setzt mit der Geburt der Tochter ein, führt weiter über das Heranwachsen des Mädchens und die Alltagswirklichkeit im kommunistischen Polen zu dem schwierigen Berufsweg der Erzählerin zwischen erlittener Zensur und organisiertem Protest und mündet schliesslich in eine wie selbstverständlich gelebte Internationalität.

Immer wieder kreist diese Lebensgeschichte um die traumatischen Erlebnisse des Holocausts und um die bedrohlichen Verhältnisse im Realkommunismus – beide Themen, die Kralls ganzes Werk durchziehen, verleihen dem individuellen Schicksal ein historisches Fundament und dem Buch Welthaltigkeit. „Was kann die Welt denn schon?“ fragt im Buch ein Briefeschreiber die Erzählerin, die mit ihrem Experiment eine Antwort liefert.

Kommentare


Carlos - ( 10-08-2012 01:10:36 )
sagt:yes, sowas kenn ich, nennt man Seelenverke4ufer. Wir hatten mal nen Kahn an dem die Maschine nicht rcthiig funktionierte, zum Glfcck nen KFZler dabei und der hat dann eine Woche unter Deck malocht. .. aber geht doch immer wieder weiter, gell, und zu erze4hlen gibts auch was!!Toll. mehr.Klaus

Manoj - ( 10-08-2012 11:46:48 )
Martin sagt:Hallo Sabineschf6n fcber den Blog von Dir zu hf6ren. Ich thematisiere das irnedikt und es klappt ganz gut. Ich werde mehr einbezogen. Ich muss mich eben auch vordraengeln und klar sagen, dass ich dies und jenes machen will. Alles richtig gemacht!Werde dem Blog gespannt weiter folgen.viele Grfcdfe aus dem kalten Kf6lnMartin

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erstellt am 17.7.2012

Hanna Krall
Rosa Straußenfedern
Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann
208 Seiten, gebunden.
Verlag Neue Kritik, Frankfurt/M 2012

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