‪LALE ANDERSEN singt »Lili Marleen«

Dem Freunde wie dem Feinde, wird berichtet, sei es wehmütig um’s Herz geworden, und nicht wenige hätten Tränen vergossen, wenn wieder einmal nach der Kornett-Fanfare „Vor der Kaserne, vor dem großen Tor“ aus dem Radio erklang. Es war die anschleifende, nicht ganz intonationssichere Frauenstimme in mittlerer Lage (also nicht die eines jungen Mädchens), die versprach, dass unter der Laterne Lili Marleen auf jeden der einsamen Krieger wartet. Liese-Lotte Helene Berta Bunnenberg, verehelichte Beul, die unter ihrem Künstlernamen Lale Andersen bekannt wurde, hatte dieses internationale klassische Soldatenlied interpretiert und sang es noch durch die 60er Jahre hindurch – stets mit Laterne – im Fernsehen. Johannes Winter hat sie nun auf der Insel Langeoog ausfindig gemacht und noch viel mehr.

Ortstermin

Abgesang auf einen Soldaten-Schlager oder:

wie Lale und Lili auf Langeoog klingen

Von Johannes Winter

Mitten in den Dünen ein Ort der Stille. Auf den Wegen hüpfen Dohlen, die Möwen haben den Himmel für sich. Jenseits der Sandhügel rauscht die Nordsee. Unter einer späten Sonne rascheln Birken und Kiefern im Wind. Die Grabsteine, im Halbkreis angeordnet, werfen lange Schatten. Einer einzigen Ruhestätte gilt der Besuch. Rötlich glitzert der polierte Granitstein, der den gesuchten Namen trägt. Lale Andersen. Sonst nichts, kein Hinweis auf Geburt oder Tod, weder Zahl noch Ort. Ein Unikat, das für sich spricht. Macht ein Geheimnis um übliche Daten oder ignoriert sie – einfach.

Die Wallfahrt, die sich zwischen den Gräbern bewegt, ist klein. Ein betagtes Paar aus Hannover hat Aufstellung genommen, um „der Lale“ seine Referenz zu erweisen. Sie legen ein Steinchen ab. Für sie ist Lale Andersen Lili Marleen. Wie siamesische Zwillinge. Vor der Kaserne, bei der Laterne. Im 2. Weltkrieg der Soldaten-Hit schlechthin. Eine Spieluhr-Melodie, zum abendlichen Zapfenstreich ausgestrahlt um kurz vor Zehn vom Militärsender der Wehrmacht im besetzten Belgrad. Stoff für Landser-Gefühle und Männer-Phantasien mit der Wirkung eines Schnullers. Ein Bomben-Erfolg. Laut der NS-Parteizeitung Völkischer Beobachter „das Lieblingslied aller Soldaten und ihrer Frauen, Bräute, Mütter in der Heimat“. Klingt nach „Rotz und Wasser“. Lili Marleen alias Lale Andersen als virtuelle Geliebte.

John Steinbeck, US-amerikanischer Kriegsberichterstatter, erkannte darin eine „weltweite Massenhysterie“. Erich Loest in seiner Eigenschaft als Landser das „Lied aller Lieder“. Heinrich Böll gab sich eher bieder: „Wer stellt sich denn mit einem oder gar seinem Mädchen ausgerechnet unter die Laterne vor dem großen Tor!?“

Geliebt von seinen Kindern, gehasst von ihrem Vater: bei Joseph Goebbels, dem Chef der NS-Propaganda, hatte Lale Andersen keinen Stein im Brett. Der sprach über das Lied in verächtlichem Ton, nannte es „die Schnulze mit dem Leichentuch“. Das kam, als alles vorbei war, für die Lale einem Persilschein nah, war nützlich.

Der Krieg hatte aus einem Lied und seiner Sängerin einen Mythos gemacht, die Melodie wehte über den Schützengräben Europas. Sie scheint noch über ihrem Grab auf Langeoog zu geistern, in jenem Stil, der vielen zu Herzen ging und geht. Wie ihr Grabschmuck. Der besteht, einer unverbrüchlichen Liebeserklärung gleich, aus immergrünem Buchsbaum in Form eines Herzens. Und mitten drin träumt eine Putte, weiß und geflügelt.

Der tagesübliche Regenschauer prasselt nieder. Ein Fasan krächzt. Warum hat sich die Andersen gerade auf dieser winzigen Insel vor der Küste Ostfrieslands begraben lassen? Die Antwort ist einfach. Es war einer der Zufälle, die das Leben von Menschen bestimmen. In den letzten Kriegsmonaten wurde Andersens Tour-Manager Nicki Rummert zur Wehrmacht eingezogen. Sein Einsatzort war Langeoog, und alsbald schrieb er ihr nach Berlin, das dabei war, in Schutt und Asche zu versinken: „Komm, auf der Insel ist man sicher, und zu Essen gibt es auch.“

Der Zusammenbruch, wie das Kriegsende genannt wurde, näherte sich. Langeoog war zwar militärisch besetzt, aber es dauerte nicht lange, da ließ Lale Andersen sich von den Besatzern entdecken. Vor lauter Begeisterung übergaben die Kanadier dem Star aller Schützengräben eine Baracke. Sie wurde ihr Musentempel – Mus ist Friesisch, bedeutet Maus und meint die Mitbewohner unterm Dach. Die Sängerin hatte offenbar etwas übrig für Doppelsinn.

Als Gegenleistung für die Behausung erbaten sich die Soldaten ein Konzert. Also noch einmal Truppenbetreuung. Es wurde ihr erster Auftritt im Frieden, die Zeit der Front-Tourneen war vorüber. Das ganze Programm sang sie, all die Seemanns- und Hafenlieder, Herz und Schmerz vom Matrosen und seiner Liebsten. Und als das uniformierte Publikum stürmisch „Lili Marleen“ forderte, sagte sie nicht nein.

Lale Andersen stammte ja von der Küste, aus Bremerhaven. Hatte dort das Licht der Welt erblickt, als Liese-Lotte Helene Berta Bunnenberg. Kaum begannen ihre Gagen wieder zu sprudeln, wurde aus der Baracke ein Haus mit Reetdach namens „Sonnenhof“. Da steht es, gleich neben der Düne, hinter der ihr Grab liegt. Und etliche andere.

Hinrik Dollmann ist auf Langeoog geboren, zur See gefahren, irgendwann zurückgekehrt. Im Nebenberuf führt er Touristen durch das Dorf und seine Geschichte. Er weiß, was es mit dem Dünenfriedhof auf sich hat. Welche Hände die Straße dorthin gepflastert haben. Es waren Zwangsarbeiter, die die schmalen, hochkant gesetzten Ziegel verlegten. Vierhundertfünfzig Russen waren im Krieg auf die Insel verschleppt worden. Jeder Dritte aus dem „Arbeitskommando 7“ starb, verreckte im Lager hinter Stacheldraht oder bei der Arbeit, an Hunger oder an Flecktyphus. Beim Bau von Bunkern und Flugabwehrstellungen in den Dünen. Atlantik-Wall hieß das amtlich. Der Lagerkommandant ließ sie in einem Massengrab verscharren.

Das ist der Ursprung des Dünenfriedhofs. Bevor daraus eine Gedenkstätte für die Opfer wurde. Aber es gibt nicht nur diese. Nebenan wird einer Gruppe von Flüchtlingen aus dem Baltikum gedacht. Einige Hundert waren es, die bei Kriegsende auf der Insel strandeten und hier eine neue Heimat fanden. Etliche von Adel, mit viel Dienerschaft. Eine Gräfin namens Mary fällt Dollmann ein, die anfangs in einem Bunker in den Dünen residiert habe, provisorisch, gemeinsam mit ihrem Diener Adi, der ihr nicht nur die Einkaufstasche getragen, sondern sich auch in gebührendem Abstand und Respekt hinter ihr gehalten habe. „Er hatte fünf Katzen, die alle den Namen Peter trugen, mit Nummer.“ Solche Bilder gehören zu Dollmanns Erinnerungen an Kindertage.

Er weiß noch, dass die Flüchtlinge aus dem Baltikum den Sanddorn mitgebracht haben. So jedenfalls geht die Mär auf Langeoog. Inzwischen wird die kleine gelbe Frucht auf den Inseln hoch geschätzt. An der Nordsee hat man sich angewöhnt, sie „Zitrone des Nordens“ zu nennen. Und allerlei Marmeladen, Säfte und Alkoholika daraus zu mischen.

Zwei Gedenkstätten – und dann ist da der Friedhof der Einheimischen. Er gehört zum Alltag der Insulaner, hier wurden und werden die Leute von Langeoog begraben. Auch Lale Andersen. Der Dünenfriedhof mit dem großen Holzkreuz, das von einem weißen Rahmen aus Beton umhüllt ist. Aber man braucht bloß ein paar Meter weiter zu wandern und trifft auf ein kriegerisches Relikt, das aus dem Sand ragt. Man steht vor einem grauen Zementkegel, auf dem ein gelber Metallkasten befestigt ist. Darin ist eine Seenot-Beobachtungsstation untergebracht, sagt Dollmann. Das Fundament ist ein Bunker aus dem Krieg. War ein Horchposten.

Auf dem Weg zum Wasserturm, dem Wahrzeichen von Langeoog, quer durchs Dorf, gibt es eine Begegnung der besonderen Art. Unverhofft steht Lale Andersen da, lebensgroß. Lale Andersen als Lili Marleen, im Hosenanzug, in Erz gegossen. Sie steht, um das Maß voll zu machen, unter einer Laterne. Die leuchtet nachts. Entworfen hat sie Eva Recker, die nebenan als Goldschmiedin arbeitet. Tochter Jördis hat eine Postkarte im Angebot, ihre Mutter mit dem Gipsmodell von Lale. Ein schönes Paar.

Wenn der Morgen graut, ist ein Besuch der Insel-Bäckerei kaum zu umgehen. Langeoog ist eine kleine Welt, und so kommt es, wie es kommen muss. Das nächste Wiedersehen mit Lale Andersen. Ein Gebäck muss herhalten, das als „Süße Lale“ angepriesen wird. Es ist eine Süßigkeit aus Quarkhefeteig, verfeinert mit Anis und Sanddorn-Marmelade.

Gleich gegenüber im Rathaus wird dem, der fragt, bestätigt, wie beliebt, ja willkommen die Sängerin nach dem Krieg auf der Insel war. Auch Hotellerie und Gastronomie hatten vom Fernseh-Star der sechziger Jahre ihren Nutzen, bestätigt der Kurdirektor. In Bussen seien die Fans angereist, aus allerlei Ländern. Auch noch nach ihrem Tod. Inzwischen aber sei der Rummel abgeebbt. Sagt er.

Das Rathaus ist ein roter Klinkerbau aus der Zeit, so der Kurdirektor, als die Reichsluftwaffe plante, die Insel Langeoog in einen Flugzeugträger zu verwandeln, mit Hafen, Flugplatz, Kasernen. Tarnname „Languste“. Die Auskunft macht neugierig. Von solchen Bauwerken müsste es Überbleibsel geben.

Hinrik Dollmann kennt die Insel wie seine Westentasche. Zeigt Betonteile vom Flughafen, die manchem im Dorf noch immer von Nutzen sind. Zu entdecken sind Hinterhöfe, in denen eine recycelte Bunkertür über einem Keller Dienst tut, oder die Schwelle eines Hoftors oder einen Betonkegel, an dem einst Flugzeuge vertäut wurden. Aber wo ist der Flugplatz an der Flinthörn-Düne? Was ist aus dem „Nachtjagdleitkreis“, was aus der riesigen Anlage mit Rollbahnen und Hangars und Unterkünften für mindestens tausend Wehrmachtsoldaten geworden, die die Bauarbeiter abgelöst hatten?

Um es vorweg zu nehmen: über die Garnison des Jagdgeschwaders 52 ist nicht Gras, sondern es sind Bäume gewachsen. Recht unverfänglich sprechen die Insulaner vom „Wäldchen“, das den Südwesten ihres Eilands bedeckt. Es ist das Wäldchen, das die militärische Vergangenheit unsichtbar macht.

Denn der Flugplatz wies eine Besonderheit auf. Start- und Landebahnen hatten keinen Betonboden, sondern waren mit Bitumen abgedeckt, einer Art Naturasphalt, der gemischt war mit Schill und Schlacke. Was sich bald als Fehlplanung erwies. Denn kaum war der Platz fertig, zog ein heißer Sommer auf. Die Startbahn wurde von der Sonne aufgeweicht. Jagdflugzeuge, die den Fliegerhorst anflogen, kippten nach vorne, so dass Tragflächen oder Fahrwerke brachen. Und irgendwann wurden die Alliierten übermächtig.

Als der Krieg vorüber war, gereichte die Oberfläche aus Bitumen der Insel fast zum Segen. Denn man konnte das Gelände pflügen, man konnte es bepflanzen. Und Langeoog kam zum größten Inselwald an der Nordsee-Küste. Ein Gestrüpp aus Erlen, Pappeln und Birken, die gut bewässert im Sumpf wuchern. Aus dem Sperr- wurde ein Naturschutzgebiet. Und nicht nur das. Mit den beiden riesigen Molen erbte die Insel einen sicheren Hafen, der ursprünglich für Wasserflugzeuge gedacht war.

Wohl erst im Nachhinein ist den Insulanern bewusst geworden, dass der Krieg sie in die Moderne katapultiert hat. Er hinterließ zivil nutzbare Hinterlassenschaften wie gepflasterte Straßen, eine elektrifizierte Inselbahn, das Rathaus, Kasernen als Wohnblocks, ganze Siedlungen mit Kellern, die als Schutzräume angelegt worden waren, und nicht zuletzt die zur Strandhalle mutierte Baracke für Lale Andersens ersten Auftritt. Oder das Fliegerdepot, in dem Hinrik Dollmann als Junge an Reck und Barren übte, nachdem es zur Turnhalle umgewidmet war. Ein vielfältiges Erbe.

Zu vergessen sei nicht eine hübsch blühende Pflanze, die Inselrose, die sich heute mit Hagebutte und Sanddorn die Dünen teilt. Friederike Happek ist seit ihrer Geburt vor 91 Jahren auf der Insel zu Hause. Sie kennt die alten Zeiten. Ihr kann niemand etwas vormachen.

Die Buschpflanze mit den zartrosa Blüten, dessen ist sie sich sicher, wurde in den dreißiger Jahren eingeführt. Sie meint sich an die braune Gartenbaukolonne zu erinnern, die gepflanzt und gejätet habe: Rosenbüsche als Tarnung der Bunker. Auf Langeoog ist die Rose nachgerade Kult geworden, manches Restaurant bietet zu Pfingsten gefrorenes Rosen-Parfait an, es gibt kandierte oder panierte Rosenblüten, Rosen-Tee, Rosenblüten-Essenz. Und mancher Gast schwärmt vom Gelee, vom Likör, von den Soßen – alles aus Rosen.

In ihrem beneidenswerten Gedächtnis hat Friederike Happek auch das Gebäude der Kommandantur der Luftwaffe aufbewahrt, ursprünglich der Sitz der Bauleitung von Flugplatz, Kasernen und Wohnhäusern, in dem auch ihr Mann sein Ingenieur-Büro hatte. Nachher sollte es als NS-Parteischule dienen. Von allem Anfang war das riesige Gebäude eine architektonische Merkwürdigkeit. Denn der Grundriss hatte die Form eines halben Hakenkreuzes. Und dabei blieb es. Was nicht verhinderte, dass das Haus nach dem Krieg eine bewegte Geschichte hatte. Es wurde als Internat verwendet, als Altersheim und zuletzt, schon in ruinösem Zustand, von der lokalen Gothic-Szene als Treffpunkt. Für einen Touristen-Ort gleichwohl ein unangenehmes Erbstück. Doch zwei junge Männer steckten das Haus vor kurzem in Brand. Versehentlich? Sie taten der Gemeinde jedenfalls einen Gefallen. Die Rede vom „warmen Abriss“ hält sich hartnäckig.

Die Geschichtslektion von Friederike Happek ist noch nicht zu Ende. Es ist ihr wichtig, mir auf den Weg mitzugeben, wie vertraut sie mit der Welt des Bauens gewesen sei. Nicht nur ihr Mann verdiente dort sein Geld, auch ihr Vater. Der war Bauunternehmer: „Er hat den Horchposten-Bunker gebaut, auf dem heute die Seenot-Beobachtungsstation sitzt.“ Es ist beinahe gemütlich in ihrem Wohnzimmer, während sie aus hellen Augen blickt. Sie deutet durchs Fenster und sagt, als ob sie den Gruß einer Nachbarin ausrichten wolle: „Da drüben hat die Lale gewohnt, als sie ankam, in dem weißen Haus.“

Ob sie weiß, was es mit der Ringstraße auf sich hat, der ehemaligen Rollpiste aus Beton, die sich vom Hafen um das Wäldchen zieht? Bei Kriegsende, antwortet sie ohne Umschweife, hätten die kanadischen Besatzer, um jede Art von Recycling zu verhindern, alle paar Meter ein Loch in die Piste gesprengt und darin Bäume angepflanzt. Jetzt könne man die Allee vom Fahrrad aus genießen, empfiehlt sie. Autos gibt es eh nicht auf Langeoog.

Auf der Betonstraße stellt sich ein eigenartiges Fahrgefühl ein. Man ist nämlich gehalten, im Zick-Zack zu radeln, nicht stur geradeaus, eher wie im Slalom. Dabei bietet sich seitwärts ein ungewöhnlicher Anblick. Da reiht sich Schrebergarten an Schrebergarten, es gackert und kräht, allerlei Kleinvieh pickt zwischen den Hütten, Rosensträucher gedeihen neben Grünkohl und Kopfsalat. Der Boden ist auch so ein Bitumen-Relikt. Wie in einer x-beliebigen Stadt auf dem Festland kommt man sich vor. „Die Leute von Langeoog“, sagt Friederike Happek, „lieben ihre Gärten“. Die einen sprechen von ihrer Ranch, die anderen von Klein-Moskau, je nach Gusto. Ihrer Datschen wegen. „Die Gärten sind ein Refugium, wenn die Insel im Sommer den Touristen gehört.“

Schallplatte von 1939

Annex zu Lili Marleen

Hans Leip, der Autor des Gedichtes Lili Marleen, erzählt, er habe in einer Regennacht mitten im 1. Weltkrieg als junger Gardefüsilier des Kaisers vor einer Berliner Kaserne Wache geschoben, ein paar Stunden vor seinem Abmarsch in den Krieg. Zu der Zeit sei er gleich zwei Frauen verfallen gewesen, Lili und Marleen. Von heftigem Liebesrausch erfasst, habe er noch in der Nacht seine doppelte Sehnsucht auf Papier gebracht und die beiden in einer Figur zusammengefügt.

Betty, so erzählt Leip, sei die eine gewesen, eine Gemüsehändlerin, die im gleichen Mietshaus wohnte. Nur eine Liebschaft, wie er anfügt. Gleichwohl adelt er sie mit neuem Vornamen, offenbar nach Lili Schönemann, Goethes Verlobter aus Offenbach, an dessen Gedicht „Lilis Park“ er sich erinnert fühlt. Marleen, die andere, sei, so Leip, seine Herzensdame gewesen, eine mondäne Arzttochter mit Schwanenfeder am Hut, von Beruf Krankenschwester. Ihr sei er in der Berliner Nationalgalerie begegnet. Stereotypen. Kolportage. Das fällt damals und auch später niemandem auf, obwohl Leip diese Entstehungs-Version erst zwanzig Jahre nach seiner in den 1. Weltkrieg datierten Nachtwache in die Welt setzt. Um diese Zeit, Mitte der dreißiger Jahre, erweitert er sein Gedicht Lili Marleen um die Strophen vier und fünf, um Abschied und Tod. Da ist er längst zum Günstling des NS-Regimes geworden mit lukrativen Drehbüchern für die UFA. Ein Opportunist, der auch mit einer regime-affinen Biografie des Boxers Max Schmeling dem offiziellen Geschmack entspricht.

Das Stückchen Lyrik dämmert vor sich hin, bis es just zu dieser Zeit der Komponist Norbert Schultze entdeckt. Während der Nazizeit wird er berühmt als „Bomben-Schultze“ („Bomben auf Engeland“), in dessen Werk sich neben solchen Film-Musiken oder dem Durchhalte-Werk „Kolberg“ auch die Vertonung des Nazi-Dogmas „Führer befiel, wir folgen dir“ findet, die offizielle Begleitmusik für den Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Sommer 1941. Vor seinem Engagement als Film-Komponist ist Schultze im Berliner Groschenkeller in der Kantstraße als Pianist tätig, wo er Lale Andersen begegnet, die nicht mehr im Matrosenanzug als „Mädel von der Waterkant“ auftritt, sondern als nordische Schönheit in weißer Norweger-Tracht mit Liedern, Chansons und Folklore aus Skandinavien.

Gegenüber der Nazi-Diva Zarah Leander ist sie ein kleines Licht. Und auf internationalem Bühnen wäre sie ohne Chance gegenüber Marlene Dietrich, der feschen Lola aus dem Blauen Engel, die längst in die USA emigriert und dort zum Hollywood-Star geworden ist. Dietrichs englisch gesungene Version des Schlagers hat weltläufige Eleganz, ihr Englisch den Charme der Emigrantin. Sie beherrscht, anders als Lale Andersen, die schon mythische Figur des Schlagers. „Die Lale“ hingegen ist der Deutschen liebstes Kind, populär ihres nordischen Ausdrucks wegen; naiv und herb zugleich, entspricht sie dem germanischen Frauenbild jener Jahre. Sie wird, in einem Akt massenhafter Identifikation, Lili.

Die Vertonung von Leips Versen liegt bis dahin in einer eher lyrischen Version von Rudolf Zink vor, einem Schüler von Paul Hindemith. Die Andersen hat sie im Repertoire, norddeutsch nölend, wenn sie durch die Welt des Kabaretts und der Kleinkunstbühnen tingelt. Mit Gespür für den Geist der Zeit nimmt Norbert Schultze sich der Verse an und richtet sie militärisch zu, indem er ihnen einen Zapfenstreich samt Pauken und Trompeten unterlegt. Bei Electrola kommt die Platte von Andersen/Leip/Schultze heraus, sie wird gerade ein paar hundert Mal verkauft. Unter dem Titel „Lied eines jungen Wachtpostens“.

Doch die Umstände sind Lili Marleen, Lale Andersen und Norbert Schultze günstig: der 2. Weltkrieg beginnt. Das Deutsche Reich überfällt Polen, später den Balkan. In Belgrad richtet die Wehrmacht einen Soldaten-Sender ein. Der spielt das Stück aus Mangel an Vielfalt und Qualität rauf und runter. Die eingängige Melodie, heißt es, stamme aus einer Zahnpasta-Werbung. Nach einigen Wochen wird sie selbst den Radiomachern zu eintönig und vom Programm abgesetzt. Soweit die Wirklichkeit. Es tritt die Legende ans Licht. Der Sender sei mit Hörerpost überflutet worden, nicht nur von deutschen Landsern, sondern auch von britischen Soldaten an der Afrika-Front. Wo ist Lili?! Daraufhin und von nun an ist der gefühlige Ohrwurm an jedem Abend um kurz vor Zehn – zum Zapfenstreich – für die Internationale der Soldaten in den Schützengräben Europas zu hören.

Es ist der erste Hit der Pop-Geschichte. Die Lale geht auf Tournee. Kraft durch Freude oder Truppenbetreuung heißt das. Brav sagt sie: „Ich singe für Deutschland“. Und ist ein Star. Daran ändern auch die zahllosen Parodien und Gassenhauer nichts, mit denen das Regime sich herumzuschlagen hat, angefangen von den Nazi-Bonzen, die „an der Laterne hängen“, bis zur Lili, mit der man baden gehen, trinken gehen möchte, „nur mit dir allein“.

Kriegsende. Alle Beteiligten kommen nicht nur heil davon, sie setzen ihre Karrieren fort. Irgendwann wird Hans Leip aufgefordert, der Öffentlichkeit endlich die „wahren“ Vorbilder für Betty-Lili und Marleen vorzuführen. Er muss passen. Hat die beiden im Nirgendwo verschwinden lassen. Doch drei Jahre nach Kriegsende meldet sich eine Frau zu Wort, die behauptet, die „echte“ Lili zu sein. Eine, die mühsam im Exil überlebt hat. Ihr Name ist Lilly Marlé. Ihre Mutter, eine Schwester von Sigmund Freud, ist in Treblinka ermordet worden. Lilly, die Nichte des Psychoanalytikers, war Diseuse in Hamburg, der Heimatstadt von Hans Leip. Nach dem Krieg in London zu Hause.

Lilly Freud-Marlé hat ihrerseits eine Geschichte zu erzählen: Leip sei ihr Ende der Zwanziger auf einem Künstlerfest begegnet und habe sich in sie verliebt. Sie habe ihn abgewiesen, weil sie den Schauspieler Arnold Marlé zum Ehemann ausersehen hatte. So verschmäht, habe Leip seiner lyrischen Figur den Namen Lili Marleen gegeben – eine Dirne, die vor der Kaserne bei der Laterne auf Kundschaft wartet. Leip dementiert. – Wer Recht hat? Bis heute weiß es niemand.

Kommentare


Harshita - ( 11-08-2012 01:20:19 )
Maria Wirth sagt:Hallo Frau Lambert,habe am letzten Dienstag am egeinen Leib erfahren, wie me4chtig Ihre Meditation war (Lambert-Akademie). Wir haben uns die CD natfcrlich heute auch schon bestellt.Habe vor 3 Jahren mit CQM angefangen und warte seitdemauf etwas neues und nichts hat bisher so peng gemacht wie diese Seite hier.Wfcrde mich freuen mehr davon zu hf6ren!Wann findet wieder ein Seminar statt?Was kostes es?Wo findet es statt, usw.usw.?Liebe GrfcdfeMaria Wirth

Ebrar - ( 11-08-2012 01:49:34 )
Wenn Du schreibst Sushi-Reis , dann ist das ja eeglntiich geme4df Deinem Rezept ganz normaler japanischer Reis, entweder im Kocher oder manuell zubereitet.Mit der entsprechenden Sushi-Wfcrze aus Reisessig und Zucker wird der aber nicht versetzt, oder? Habe letztens mal im Laden in Dfcsseldorf Onigiri gekauft und wollte jetzt auch mal welche selber machen. Da dachte ich, ich frag nochmal. ) Danke im voraus ffcr die Antwort!

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erstellt am 17.7.2012

Hans Leip:

Lili Marleen

Vor der Kaserne,
vor dem großen Tor,
stand eine Laterne,
und steht sie noch davor.
So wolln wir uns da wiedersehn,
bei der Laterne wolln wir stehn,
wie einst, Lili Marleen.

Unsere beiden Schatten
sahn wie einer aus;
daß wir so lieb uns hatten,
das sah man gleich daraus.
Und alle Leute solln es sehn,
wenn wir bei der Laterne stehn
wie einst, Lili Marleen.

Schon rief der Posten:
Sie blasen Zapfenstreich;
es kann drei Tage kosten! –
Kamerad, ich komm ja gleich. –
Da sagten wir Auf Wiedersehn.
Wie gerne wollte ich mit dir gehen,
mit dir, Lili Marleen!

Deine Schritte kennt sie,
deinen zieren Gang.
Alle Abend brennt sie.
Mich vergaß sie lang.
Und sollte mir ein Leids geschehn,
wer wird bei der Laterne stehn
mit dir, Lili Marleen?

Aus dem stillen Raume,
aus der Erde Grund,
hebt mich wie im Traume
dein verliebter Mund.
Wenn sich die späten Nebel drehn,
werd ich bei der Laterne stehn
wie einst, Lili Marleen.

Text: Hans Leip
Musik: Norbert Schultze
1939