Buchkritik

Die Schöne des Herrn

Von Ruthard Stäblein

Als einer der großen Liebesromane des 20. Jahrhunderts wird diese „Schöne des Herrn“ angepriesen. Der Roman erschien erstmals 1968, im Jahr der sexuellen Befreiung. Aber das glaubt man nicht, wenn man den Anfang liest.

Eine Genfer Protestantin entschließt sich, ihr Leben als Roman aufzuschreiben. Sie erinnert sich an den Stallburschen ihrer Kindheit, an die Ferien im Chalet, an den Hund Spot. Selten habe ich so einen schlecht geschriebenen Romananfang gelesen. Geschraubt, verstaubt, kitschig, altmodisch, aus Zeiten, als man noch Briefe auf Velin-Papier schrieb und dazu den Füllfederhalter benutzte.

Aber dann wird es rasant. Albert Cohen wechselt die Perspektive und den Stil, er benutzt den inneren Monolog für die jeweils sich erinnernde oder handelnde Person.
Und dieselbe Ariane, die gerade noch mit dem Füller hantierte, sitzt nun in der Badewanne und gibt sich frei ihren Gefühlen und Gedanken hin. Sie ist mit einem langweiligen Streber-Diplomaten verheiratet und stellt sich vor, wie sie in ein paar Stunden mit ihrem schönen Liebhaber Solal zusammen sein wird. Sie erinnert sich an ihre erste Begegnung im Ritz, an die ersten Zungenküsse, die sie „Fruchtküsse“ nennt. Sie träumt zurück, wie Solal sich in ihre „gefährliche Schönheit“ verliebte.
Ihr angebeteter Solal ist ein weltgewandter Ex-Minister und anerkannter Diplomat beim Völkerbund in Genf. Er glänzt auf dem Parkett und in den Betten der Frauen, bis er als französischer Jude 1933 den Völkerbund wegen Wegschauens und Untätigkeit angreift. Denn: In Deutschland werden die Juden verfolgt, aber kein Land will sie aufnehmen. Solal verliert seinen Posten, verrät es aber nicht seiner Geliebten Ariane. Sie ziehen sich in ihre „amour fou“, in ihre wahnsinnige Liebe zurück, gehen nach Südfrankreich, igeln sich in ihre Liebe ein. Er jedoch hat Angst, „angeschirrt“ zu werden. Denn sie „hatte ihn in einen Pfau verwandelt“, der jeden Tag das sexuelle Rad schlagen soll. Als er sich von ihr eingeengt, zu sehr bedrängt fühlt, will er seinen Posten zurückgewinnen. Er fährt nach Paris, erfährt dort den alltäglichen Antisemitismus. Die französischen Bürger wollen lieber Hitler als den jüdischen Sozialisten Leon Blum, der damals die Volksfront anführte. Solal versucht es in Genf, wird nur gedemütigt, kehrt reumütig zu seiner Geliebten Ariane zurück.

Ariane stammt aus einer calvinistischen Genfer Adelsfamilie. Sie hat ihren Vater und ihre Geschwister früh verloren, verarmt, wird aber dann durch das Erbe einer Tante reich. Sie ist verzweifelt, will sich umbringen. Da rettet sie ein Mann, ein Männchen, der Karrierediplomat Deume. Sie aber sehnt sich nach der großen Liebe. Und dann kreuzt dieser schöne Solal auf. Sie betet ihn an wie einen Gott, setzt ihn an die Stelle des Herrn, der da kommen wird, aus der Bibel. Solal, kurz Sol genannt, wird ihr Sonnengott, ihr einziger Gott. Sie opfert sich mit geradezu religiöser Hingabe.

Die Liebe wird in all ihren Exzessen, Leiden und Lügen, Geheimnissen und Offenbarungen konjugiert und dekliniert, exekutiert und exerziert, als Erwartung, Verschmelzung, Einsamkeit der Liebenden, glühende Eifersucht, Todessehnsucht: „die ganze verdammte Leidenschaft mit ihrem Rattenschwanz an Gefühlen“ und theatralischen Inszenierungen, wie der sarkastische Erzähler einmal anmerkt. Glücklicherweise ist Albert Cohens Roman „Die Schöne des Herrn“ ein Roman der Kontraste und auch der Komik. Köstlich wie der gehörnte Ehemann Didi Deume in einem inneren Monolog vorgestellt wird. Er nennt seine Ariane „Zuckerschnäuzchen“. Jetzt aber sitzt der Verlassene allein da, auf der Toilettenschüssel mit einer Knoblauchwurst, pellt die Wurst, wickelt sie mit Toilettenpapier ein, hält die Wurst in die Höhe, streckt sie zur Decke, und ruft sich zu: „Kein Gott, es gibt keinen Gott.“

Nuancierte Beobachtungen, feinste Seelenkunde, differenzierte Milieus, gegensätzliche Charaktere, all das findet sich in Cohens „Schöne des Herrn“. Der Autor schreckt auch vor bissigen Beobachtungen nicht zurück. Albert Cohen meistert den Wechsel vom inneren Monolog im Präsens, in der Stillage des jeweiligen Betroffenen, hin zum Imperfekt des psychologischen Romans aus dem 19. Jahrhundert. Durchgängig ist der Unterton des Enttäuschten und Verzweifelten zu hören, der über die Geschichte des 20. Jahrhunders Bescheid weiß. „Die Schöne des Herrn“ ist mehr als einer der großen Liebesromane des 20. Jahrhunderts. Es entbietet auch den traurigen Abgesang auf das jüdische wie bürgerliche Selbstbewusstsein, das mit den Faschismen gebrochen wurde.

Kommentare


- ( 09-03-2013 02:19:41 )
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Dreadboy - ( 10-08-2012 03:01:49 )
Heide sagt:Hallo Sabine, bin wieder aus Kappadokien zurfcck. War sehr bkeendruciend, vielleicht ist mal so eine Rundreise etwas ffcr dich. Habe viele photos gemacht, ich zeige sie dir bei deiner Rfcckkehr. Ich habe mir vorgenommen fest zu sparen, damit ich auch mal auf die Sychellen reisen kann. Deine Reisebeschreibung ist sehr interessant und ich kann mir alles gut vorstellen. Jetzt Indien reizt mich nach deiner Beschreibung nicht so, man mudf ja nicht alles haben.Ich freue mich auf deinen ne4chsten Bericht.Liebe Grfcdfe Mama

- ( 11-03-2013 07:01:46 )
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erstellt am 16.7.2012

Albert Cohen, geboren 1895 auf Korfu, starb 1981 in Genf. Er gilt als einer der wichtigsten französischsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Albert Cohen
Die Schöne des Herrn
Aus dem Französischen von Helmut Kossodo
in einer Überarbeitung durch Michael von Killisch-Horn
(Orig.: La Belle du Seigneur)
891 Seiten, broschiert
1. Aufl. Klett-Cotta 2012
ISBN: 978-3-608-93939-2

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