Frankfurter Buchmesse – Ehrengast Neuseeland 2012

Der neuseeländische Autor Alan Duff zählt heute zu den bekanntesten Autoren seiner Heimat. Doch sein Weg war steinig. Sein erster Roman »Warriors«, der die soziale Not der Maori in ergreifender Intensität sichtbar macht, wurde von der nationalen Kritik zunächst tot geschwiegen. Erst die Verfilmung des Buches, das mit dem P.E.N. Best-First-Book-Award ausgezeichnet worden war, verschaffte auch in Neuseeland die Wende. Sein Werdegang habe von »zero to hero« geführt, erzählt er im Interview mit Andrea Pollmeier.

Gespräch mit Alan Duff

Von »zero to hero«

In Gesprächen über Ihren persönlichen Werdegang betonen Sie immer wieder, dass es Ihnen gelungen ist, die Nachteile Ihrer Herkunft in Vorteile zu verwandeln, wie wurde das möglich?

Alan Duff: Meine Jugenderlebnisse waren schrecklich. Kein Kind sollte erleben, was meine Geschwister und ich erfahren haben. Wir waren Zeugen grausamer Gewalt. Unser Haus wurde von unserer Mutter ruiniert, ein Bruder starb bei einem Verkehrsunfall und wir anderen kamen alle ins Gefängnis, weil wir so verwahrlost waren. Mir ist es jedoch gelungen, diese Lage ins Positive zu wenden und aus dem Nachteil für mich und andere einen Vorteil zu machen.

Was ist Ihnen als junger Mensch passiert?

Meine beiden älteren Brüder und ich waren in der Schule in allen Fächern immer die ersten der Klasse. Wenn wir nach den Zwischenprüfungen heim kamen, würde ein normales Kind seiner Mutter davon sofort erzählen. Bei uns zuhause aber waren alle betrunken und lungerten im Vorgarten herum. Ich habe meinen Kindern nie erlaubt, ähnliche Situationen kennenzulernen, sie durften nicht einmal „Once were Warriors“ im Kino sehen, als mein Buch 1994 verfilmt worden ist.

Was hat Ihnen geholfen, Resilienz zu entwickeln und sich trotz der negativen Einflüsse positiv zu entfalten?

Ich musste viel einstecken, habe viele Male zu Boden gehen müssen. Ich musste zusehen, wie alle meine Geschwister ins Gefängnis wanderten, Kinder starben, der Sohn eines Bruders beging im Gefängnis Selbstmord. Meine Schwester verlor drei ihrer Kinder, immer waren Drogen beteiligt. Das Verhalten meiner Mutter und vieler anderer Eltern dieser Zeit hat das Leben der nachfolgenden Generation ruiniert. Auch ich war verloren, erst als ich „Warriors“ schrieb, wusste ich, dass sich für mich das Blatt wenden würde. Damals schrieb ich gerade über Beth, dass sie in einem Haus aufwuchs, in dem es kein einziges Buch gab. Ich beschrieb, wie aussichtlos dieses Leben war. Dabei kam mir die Idee, Bücher an Kinder zu verteilen und ein eigenes Projekt aufzubauen. Eine große Last fiel damals von meinen Schultern, mir wurde bewusst, dass ich meine schlechten Erlebnisse in etwas Gutes umwandeln konnte. Die Mitglieder der Organisation, die dieses Projekt bis heute realisieren, sagen den Kindern, dass sie geliebt werden, dass sie ihnen Bücher bringen, berühmte Persönlichkeiten ihnen daraus vorlesen und Theatergruppen kommen, um für sie zu spielen. Wir geben ständig Bücher aus und nie werden wir unser Versprechen brechen.

In welcher Situation befanden Sie sich, als Sie begonnen haben, „Warriors“ zu schreiben?

Ich war unreif und undiszipliniert. Ich dachte, ich hätte sehr viel Talent. Ich wusste, dass ich sehr artikuliert bin, ich wusste, ich war anders. Ich wusste, dass ich eigene Rhythmen in mir hatte, ich dachte, ich weiß alles. Doch eigentlich wusste ich nichts. Ich musste zwölf Jahre an diesem Buch schreiben, ich schrieb Unfug und lernte erst, wie man schreibt. Ich musste vierzig Jahre werden, bis mein erstes Werk veröffentlicht wurde. Doch dann wurde es ein Bestseller und ich international bekannt.

Wann wussten Sie, dass Sie Schriftsteller werden wollten?

Erst habe ich mich in unterschiedlichen Tätigkeiten ausprobiert, aber nichts gelang, nichts entsprach dem, was ich wirklich tun wollte und das war schreiben. Früher schon hatte ich Freunden gesagt, dass ich einmal ein berühmter Schriftsteller sein werde. Als „Warriors“ veröffentlicht werden sollte, habe ich sogar dem Premierminister geschrieben und ihn zum Karrierestart des größten neuseeländischen Schriftstellers eingeladen. Er sagte zu, kam dann aber doch nicht.

In Ihrem Buch gibt es Parallelen zu ihrem eigenen Lebensweg. Die Atmosphäre von Gewalt und Zerstörung in einer Familie ist sehr präsent. Sie wird aus der Perspektive jeder Person einfühlsam und genau beschrieben.

Ja, ich habe mich in jede Situation eingefühlt. Ich kann die Stimme jeder Figur – von der Teenager-Tochter bishin zum Gangmitglied – darstellen. Ich spreche mit der Stimme der Mutter, von Jake, von jedem im Ensemble. Im Buch spürt man diese Nuancen sehr genau. Grace, die Tochter, ist besonders fein und zerbrechlich, jede Figur kennzeichnet ein eigener, authentisch wirkender Ton.

Grace begreift, dass es eine bessere Welt gibt, doch sie erkennt auch, dass sie aus der eigenen niemals mehr herauskommen kann. So ähnlich fühlen viele Menschen, die ich dort kennengelernt habe. Grace war mein schwierigster und zugleich schönster Charakter. Ich habe es geliebt, Grace zu sein. Als ich Warriors schrieb, war ich zeitgleich auch Coach in einem Rugby-Team. Die Spieler holten mich samstags und sonntags immer zum Lauf ab. Dann warf ich eine Decke über meine Schreibmaschine, wechselte die Musik von Klassik zu Soul und verwandelte mich von Grace zurück in eine andere Person. Zu den Jungs sagte ich: „Lasst uns gehen“, aber innerlich weinte ich mit Grace, meine Ohren vernahmen den Gesang und ich suchte nach den passenden Rhythmen. Jeder in der kleinen Stadt, in der ich gelebt habe, wäre geschockt gewesen, wenn er erfahren hätte, dass ich schreibe. In der Bar sahen sie mich als jemanden, der, wenn er zum Kampf herausgefordert wird, antwortet: Gut, dann lass uns kämpfen! Sie wussten nicht, dass ich schreibe, aber ich wusste es.

Was passierte, als „Warriors“ dann publiziert wurde?

Ich glaubte, alle würden das Buch richtig gut finden, aber stattdessen wandten sich alle gegen mich: die Maori und die Gebildeten. Beim Wellington-Literaturfestival, das wenige Monate später stattfand, wurde ich den Besuchern von niemandem vorgestellt. Man hielt mich für den schlechtesten Autor der neuseeländischen Literatur. So blieb es eine Zeit lang. Ich wurde Zeitungskolumnist, hatte verletzende, harte Ansichten und man war weiterhin gegen mich. Dann kam der Film heraus. Jeder einzelne Maori kam, um diesen Film zu sehen. Sie fragten, ob das alles in dem Buch stehen würde. Das ist die Wahrheit, sagten sie. Und so änderte sich für mich plötzlich alles, von „zero to hero“. Nachdem der Film herauskam, hatte ich außerdem bereits mein Projekt gegen Analphabetismus begonnen und die Unterstützung eines europaweit tätigen Unternehmers gewonnen. Vielleicht mag man mich bis heute nicht, aber jetzt ist es zu spät, mein Bekanntwerden konnte man nicht mehr bremsen.

Sie haben harte Erfahrungen gesammelt, eine genaue Beobachtungsgabe und das Talent, ihre Wahrnehmungen sprachlich präzise zu vermitteln. Welche Wurzeln hat diese außergewöhnliche sprachliche Kraft? Hatten Sie in Ihrer Jugend Zugang zu Büchern?

Ja, ich habe viel gelesen. Ich komme aus einer der großen literarischen Familien Neuseelands. Mein Großvater war ein berühmter Zeitungsverleger. Er hat eine der wichtigsten neuseeländischen Zeitschriften gegründet und war noch nach seiner Pensionierung der meistgelesene Kolumnist. Mein Vater war eine zurückhaltende Person, auch er, denke ich, wollte schreiben. Er hat mich letztendlich am stärksten beeinflusst. Nicht am Anfang, in der Verrücktheit unserer Jugend, als er das Verhalten der Mutter nicht stoppen konnte. Jedes Buch von mir habe ich meinem Vater gewidmet. Ich wünschte, er hätte das Projekt gegen Analphabetismus noch erleben können, ich wäre jetzt in der Lage zu sagen: „Dad, die Fehler, die ich in der Zeit früher gemacht habe, tun mir leid, doch habe ich sie inzwischen mehr als wieder gut gemacht.“

Andrea Pollmeier

Das Gespräch wurde zuerst in den LiteraturNachrichten veröffentlicht: litprom

Kommentare


Mary - ( 10-08-2012 05:58:07 )
Ich bin ziemlich irriitert fcber die teilweise extrem unkritische Begeisterung ffcr die sogenannten Enthfcllungen von Wikileaks. Aber da ja hauptse4chliche wieder mal die USA blamiert wird darf natfcrlich jeder frf6hlich mitmachen. Aus mehreren Grfcnden zweifle ich an der Aufrichtigkeit von Assange.Assange und seine Anhe4nger predigen Offenheit, Tranparenz. Wikileaks selbst gehf6rt aber wohl zu den undurchschaubarsten Organisationen oder wie man das auch immer nennen will, die es gibt. Zudem stf6rt mich wie sich seine sogenannten Anhe4nger verhalten. Wie diese ewiggestrigen Krawallbrfcder die bei jeder Gelegenheit eine Rechtfertigung finden Scheiben einzuschlagen und Autos anzuzfcnden in ihrem Epischen Kampf gegen das Kapital und die grosse bf6se Welt. Bis jetzt ma es ja nur Konzerne getroffen haben, aber ich frage mich wie lange es noch dauert bis auch Kritiker von Assange und seinen Gesellen ins Visier geraten. Kritik an Wikileaks wird ne4mlich ebenso wenig geduldet wie die Geheimniskre4merei von Regierungen.Assange sieht hinter allem und jedem die grosse Verschwf6rung die nur eines zum Ziel hat: ihn zu vernichten. Um etwas anderes geht es ihm dabei nicht. Er ist der Mittelpunkt der Welt, er hat die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit gepachtet, er ist der einzige der sagen kann was gut und was bf6se ist. Assange scheute sich in der Vergangenheit auch nicht davor, in die Privatsphe4ren von Einzelpersonen oder Vereinigungen einzudringen bzw. eindringen zu lassen denn wie Diktatoren le4sst er die schmutzige Arbeit lieber von anderen machen um seiner ungestillten Informationslust nachzukommen. Mach das der Staat schreit jeder gleich Schnfcffelei. Macht das aber der Herr Assange dann steht selbstverste4ndlich ein ehrenwerter Grund dahinter.Wenig glaubwfcrdig wirkt auch die der Slogan von Wikileaks Werbeslogan auf der Homepage: Help Wikileaks Keep Governments Open . Der Plural in Governments ist wohl eher semantischer Natur. Was Assange macht erscheint nicht viel mehr zu sein als ein persf6nlicher Rachefeldzug gegen die Vereinigten Staaten. Oder warum fokussieren und fokussierten sich die bisherigen Verf6ffentlichungen allein auf oder gegen die Vereinigten Staaten?Wenn man den USA Dummeheit vorwerfen kann, dann vor allem, weil sie diesen Weltverschwf6rungstheoretiker zum Me4rtyrer machen.

Mike - ( 10-08-2012 11:44:45 )
Cyberspace functions as the very entkdoeleson of modern life. So it’s no surprise that when bad actors emerge to exploit or threaten it — whether profit-driven criminals, electronic saboteurs or international espionage rings — there’s a temptation to define the threat in the strongest and simplest terms. These days, some observers are pounding out a persistent and mounting drumbeat of war, calling for preparing the battlefield, even saying that the United States is already fully into a “cyberwar,” that it is, in fact, losing.We disagree. Cyberspace is not a war zone. Conflict and exploitation are present there, to be sure, but cyberspace is fundamentally a civilian space – a neighborhood, a library, a marketplace, a school yard, a workshop – and a new, exciting age in human experience, exploration and development. Portions of it are part of America’s defense infrastructure, and these are properly protected by soldiers. But the vast majority of cyberspace is civilian space. Jane Holl Lute, Deputy Secretary of Homeland Security and Bruce McConnell, Senior Counselor at the Department quoted in , Wired, Threat Level, February 14, 2011.

- ( 11-03-2013 11:10:03 )
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- ( 12-03-2013 06:45:06 )
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erstellt am 16.7.2012

Alan Duff: »Warriors«

Selten ist Romanen vergönnt, was mit Alan Duffs »Warriors« geschah: Er veränderte das Selbstverständnis seines Landes. Monatelang stand er an der Spitze der Bestsellerlisten. Die Verfilmung brach sämtliche Rekorde in der Geschichte Neuseelands und löste eine Flut von Debatten und Initiativen aus. Mit größter Intensität erzählt Duff, selbst Maori, vom Leben im Maori-Ghetto von Pine Block.

Alan Duff
Warriors
Taschenbuch
Aus dem Englischen von Gabriele Pauer
UT 428
336 Seiten

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