Thomas Ostermeier
Thomas Ostermeier

Der Regisseur Thomas Ostermeier zählt zu den Leitfiguren des deutschen Gegenwartstheaters. Er inszeniert weltweit an Brennpunkten des Zeitgeschehens, greift Tabuthemen auf und gibt dem Theater eine eigene politische Stimme. Dieses starke Engagement zeigt sich auch in seiner Verbindung zu dem israelischen Regisseur Juliano Mer Khamis und dem von ihm im Flüchtlingslager Dschenin gegründeten Freiheitstheater. Ein Jahr, nachdem Mer Khamis im Westjordanland ermordet worden ist, sprach Katja Maurer, Mitarbeiterin von medico international, mit Thomas Ostermeier über die langfristige Bedeutung des politischen Engagements von Theater und parallele Effekte in der Arbeit von Hilfsorganisationen.

Gespräch mit Thomas Ostermeier

Alltag im Theater

Frage: Sie kannten Juliano Mer Khamis gut. Nach der Ermordung von Juliano Mer Khamis haben Sie in Interviews immer wieder seine Arbeit erwähnt und das Entsetzen über seinen Tod deutlich gemacht. Warum sind diese Arbeiten so wichtig für Sie?

Thomas Ostermeier: Die Arbeit von Juliano und das Freedom Theatre stellen meine eigene Arbeit infrage: Wie hohl und belanglos wirkt Theaterarbeit in Deutschland angesichts der Bedingungen, unter denen die Menschen dort arbeiten. Angefangen bei den Kleinigkeiten des alltäglichen Umgangs bis zu den ernsthaften, ja tödlichen Bedrohungen und Taten, denen das Freedom-Theatre ausgesetzt ist. Es beeindruckt mich sehr, dass sie nach dem Mord an Juliano weitermachen.

Dieses Weitermachen hat bereits eine Geschichte. In seinem Film „Arnas Kinder“ schilderte Juliano die Theaterarbeit seiner Mutter in Jenin und die Geschichte der von ihr betreuten Kinder. Ein Junge hatte sich Jahre später als Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt, drei weitere waren im Widerstand gegen die israelische Armee ums Leben gekommen. Die Wirkung einer solch grenzüberschreitenden Arbeit tendiert damit gegen Null. Trotzdem hatte sich Juliano entschlossen, das Theater-Projekt wieder aufzunehmen.

Als Sohn einer Jüdin und eines Palästinensers hoffte Juliano Mer Khamis möglicherweise, sich gegen die fatale Entwicklung, die darin liegt, stemmen zu können?

Er saß zwischen den Stühlen. Das war eine Position, die ihm Legitimation verlieh. Aber sie hat ihn vielleicht auch das Leben gekostet. Wir wissen leider noch immer nicht, wer ihn ermordet hat. Er hat einmal gesagt, hier hole man ihn nur mit einer Kugel im Kopf raus. Aber war er sich bewusst, wie groß die Gefahr wirklich war? Juliano hat versucht, die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu überwinden. Er hat auf eine große Karriere in Israel, vielleicht sogar auf eine Weltkarriere verzichtet, um mit seinen Mitteln an der Front des Konfliktes zu arbeiten. Deshalb ist sein Tun über jede Kritik erhaben. Aber war es das wert, dass er sein Leben dafür verliert? Der Verlust von Juliano ist grausam und macht traurig. Das Freedom-Theatre hingegen ist eine Arbeit, ein Projekt, das einen aufbauen kann.

Wir zweifelten, ob das Theater nach dem Mord weiter existieren kann. Nun setzen andere Julianos Arbeit fort und auch die Schauspieler machen weiter. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass Theater tatsächlich dazu beitragen kann, dass Menschen sich ihrer Kraft bewusst werden?

Es ist schon eine großartige Leistung dieses Projekts, wie die jungen Leute über sich selbst, die Welt und ihre Situation nachdenken. Es hätte eine soziale Einrichtung sein können oder aber eine Filmschule. Aber das Freedom Theatre erhebt für sich den Anspruch, professionelles Theater zu sein. So, wie jeder von ihnen über Theater redet und Theater macht, können sie ihn auch einlösen.
Kürzlich trafen die Schauspielschüler aus Jenin hier an der Schaubühne auf deutsche, polnische und französische Schauspielschüler. Bei diesen Treffen haben die Schauspielschüler aus Jenin ihre entwickelte politische Haltung dargelegt. Sie waren so überzeugend in ihrer Ablehnung von Gewalt und in ihrem Glauben an die Kraft des Theaters und von der Kunst als Waffe. Ihre Biographien machen diese Haltung umso beeindruckender. Die anderen Schauspieler haben mit ihnen erst wieder den eigentlichen Sinn von Theater verstanden.

Sollte man in Deutschland nicht auch über derart widerständiges Theater nachdenken?

Für das Theater ist es nicht schlecht, zu wissen, wofür und wogegen man ist. Ein repressives System führt einem vor Augen, dass es tagtäglich notwendig ist, dagegen zu kämpfen. Beim Theater in Deutschland wissen wir nicht, wofür und wogegen wir sind. Mit der Finanzkrise und mit der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus bekommen wir langsam wieder eine Ahnung davon. Aber der schöne Satz von Marx, das Sein bestimme das Bewusstsein, stimmt noch immer. Unser gesellschaftliches Sein ist mit dem Leben der Jeniner nicht vergleichbar. Glücklicherweise.

Also keine Zukunft für politisches Theater hier?

Ich habe nichts gegen politisches Theater. Wir zeigen gerade Brechts „Guter Mensch von Sezuan“. Die Erkenntnis des Stückes, dass das richtige Leben im falschen nicht funktioniert, kennen wir bereits. Shen Te träumt den Traum des Kleinbürgers, seinen kleinkapitalistischen Betrieb in einer Welt zu betreiben, die von Monopolkapitalismus beherrscht wird. Der Traum zerschellt, es kann so nun mal nicht funktionieren. Das wissen wir aber alle schon.

Heute ist klar, dass die Geschichte doch noch nicht an ihr Ende gekommen ist. Muss sich das Theater genauso wie wir mit unserem Verständnis als politische Hilfsorganisation wieder die Frage stellen, ob eine andere Welt möglich ist und wie sie aussehen könnte?

Und wie beantwortet Ihr – wenn ich zurückfragen darf – diese Fragen? Glaubt Ihr an eine weltweite Möglichkeit der Veränderung?

Wir versuchen das Menschenrecht auf Gesundheit global zu denken und dies auch zu konkretisieren.

Das Recht auf Gesundheit unterschreibt doch jeder. Nur, wenn es um eine globale Umverteilung von Reichtum geht, wird es interessant.

Wer das Recht auf Gesundheit unterschreibt, der kann das nicht aus purer Propaganda heraus tun, er muss auch die konkreten Konsequenzen unterstützen. Das heißt, das Recht auf Gesundheit kann nicht ohne Umverteilung von Reichtum verwirklicht werden. Das ist vielleicht unsere Hybris.

Aber das bedeutet auch, den wenigen Reichen etwas wegzunehmen. Die werden sich dagegen wehren, wenn nötig mit Gewalt.

Unsere These lautet, dass man auch bestehende Zugänge zur Gesundheitsversorgung in Deutschland nur verteidigen kann, wenn man das Recht auf Gesundheit global denkt und verwirklicht. Gelingt das nicht, bricht auch das hierzulande Erreichte weg.

Dann stellt Ihr auch die Frage nach arm und reich und nach Profiten, und wer auf diese verzichten müsste. Das ist doch eine revolutionäre Frage.

Wenn medico revolutionäre Fragen stellt, wie beantworten Sie die nach den Möglichkeiten des politischen Theaters heute?

Wir gehen davon aus, dass Theater in den letzten zwanzig Jahren nur sich selbst thematisiert hat. Gerade in den fortgeschritteneren Ästhetiken des Theaterbetriebs geht es oft und immer mehr darum: Ich bin hier auf der Bühne, und diese ist die einzige Wirklichkeit, über die ich erzählen kann. Wir möchten das Theater zu einem Referenzrahmen machen, in dem ich eine Wirklichkeit, die außerhalb ist, spiegele und versuche, sie modellhaft auf der Bühne nachzubilden. Das wäre der entscheidende Schritt hin zu einem politischen Theater. Dazu bedarf es zweierlei: der Fähigkeit, die komplexe Wirklichkeit da draußen zu durchdringen und eines Autors, einer Autorin, die diese Transferleistung, überzeugend nachvollzieht. Und an beiden mangelt es.

Die Schauspieler des Freedom Theatre tragen die widerzuspiegelnde Wirklichkeit von draußen in sich, macht das aus ihnen politisches Theater?

Ja, genau. Sie sind eine Mischung von Rimini Protokoll und politischem Theater, weil sie Experten des Alltags sind, Experten dessen, worüber sie erzählen.

‪Szene aus: Henrik Ibsen/Thomas Ostermeier – Hedda Gabler‬

Kommentare


Selami - ( 10-08-2012 07:39:06 )
Meine Erfahrung zeigt . dass noch nie ein Hermes-Bote bei mir geklingelt hat. Die wlleon ne4mlich wirklich keine 3 Etagen hochlaufen und geben den Kram lieber im Kiosk unten ab ^^Bei DHL ist es stark abhe4ngig vom Personal. We4hrend einer immer brav meine 28kg Katzenstreu hochschleppt, klingelt der andere nicht mal und gibt die Sachen auch lieber im Kiosk ab. Ein ganz netter ist sich selbst dazu zu fein und nimmt das Zeug immer wieder mit und bringt es zur Postfiliale 2km von hier. Da darf ich dann zuschauen wie ich das Zeugs hierher bekomme ^^

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erstellt am 16.7.2012