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Theater

Der Frankfurter Jedermann

Für Dinge wie Glauben oder Moral hatte Jedermann bislang nur Spott. Reich, sorgenfrei und fidel jagte er lieber handfesten Genüssen hinterher und gab jedem Laster nach. Sein ausschweifendes Leben endet ziemlich abrupt, als der Tod völlig unerwartet an die Türe klopft. Gekommen, um den Bonvivant vor den Schöpfer zu führen, wird Jedermann von Panik gepackt. Er fleht um Aufschub, versucht es mit Feilschen und Tricks – alles vergebens. Lediglich eine Stunde ist ihm bis zum Antritt der letzten Reise gewährt. Für die darf er zwar eine Begleitung wählen, aber weder der treue Diener, noch Freunde oder die Geliebte sind hierzu bereit. Selbst sein Geld verweigert Jedermann die Gefälligkeit. Schließlich bleibt ihm nichts anderes übrig, als den so lange verhöhnten Bruder Glauben zum Geleit zu gewinnen. Wenig Zeit hat er für dieses Unterfangen, doch Zeit genug um zu begreifen, wie hohl sein bisheriges Leben war.

Hugo von Hofmannsthal zeichnete in „Jedermann“ nach, wie sehr die Habgier das Sein deformiert und für das Wesentliche erblinden lässt. 1911 in Berlin auf die Bühne gebracht, griff er für das Theaterstück auf Texte zurück, die bereits mittelalterlichen Moralitätsspielen zur Vorlage dienten. Im Reformationskampf etwa wurden mit „Jedermanns“ Hilfe Seitenhiebe gegen die Prasserei des Klerus und den Ablasshandel ausgeteilt. Der um Tod, den Wert guter Taten sowie die Vergänglichkeit von Besitztum und Freundschaften kreisende Stoff, hat an Gültigkeit nichts verloren. Zumal bereits Hofmannsthals christlich gefärbte Bühnenfassung auf den verheerenden Einfluss des Geldes verweist. Seither unzählige Male aufgeführt, ist „Jedermann“ vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Finanzdiktatur und den nicht enden wollenden Krisen aktueller denn Je. Die im Theater Willy Praml zu sehende Inszenierung führt das ebenso unmissverständlich wie unterhaltsam vor Augen.

Regisseur Praml hat „Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ „entsalzburgt“, in die Stadt des Mammons verlegt und zum Frankfurter Heimspiel gemacht. An jenem Ort, an dem man tagein tagaus vor dem goldenen Kalb in die Knie sinkt und ein simples Eurozeichen zum Denkmal kürt, mischt der Tod eine rauschende Party auf. Der sonst unbekümmert jedem Exzess frönende Gastgeber Jedermann verstört die Spaßgesellschaft plötzlich mit düsteren Stimmungslagen. Von Visionen verfolgt und beklemmenden Ahnungen gepeinigt, will ihm das wilde Treiben nicht mehr so recht gefallen. Das spüren auch seine Gäste. Die allgemeine Ekstase weicht sukzessive der Ernüchterung, das wohlfeile Behagen der Angst. Während auf riesigen Leinwänden die Fetische der Übersättigten noch unablässig defilieren, ist das Bröckeln der Glamourwelt nicht mehr zu stoppen. Die Mutter hatte den Sohn ja schon lange vor der Veräußerung seiner Seele gewarnt.

Wie im Angesicht der Ewigkeit Jedermanns Existenz ins Wanken gerät, zeigt das Ensemble mit eindringlichen Bildern. Mal in klaumaukhaft-schrille, mal in berührend tiefsinnige, mal in von dröhnenden Rhythmen getriebene Szenen gepackt, reißt die Spielfreude der sechzehn Akteure in Abgründe wie in Höhen mit. Unverblümt, geistreich und komisch, ist „Der Frankfurter Jedermann“ eine gelungene Variante der Neoliberalismuskritik und ein opulentes Mysterienspiel, das nicht ohne Folgen bleibt. Nach zweieinhalb Stunden ist jedermann gewahr: „Fährst in die Grube nackt und bloß, so wie du kamst aus Mutters Schoß.“ In Gegenwart des Todes schrumpfen eben auch eine Million Millionen zu dem, was sie letztlich sind: zu einer Billion genannten Zahl, zu einer Eins mit zwölf Nullen, also zu nichts weiter als zwölf Mal leere Menge.

Mit der Idee, den „politische und ökonomische Fragen in Verbindung zum Glauben“ bringenden „Jedermann“ zu inszenieren, ging Willy Praml mehrere Jahre schwanger. Als „Störfaktor in und für unsere Zeit“ hat der Binding Kulturpreisträger das Stück im passenden Moment ins Bewusstsein gerückt und wäre es nach seinem Wunsch gegangen, wäre dies auch vor passender Kulisse geschehen. Leider wollte die Commerzbank ihre imposante Freitreppe nicht zur Verfügung stellen. Die eigentliche Spielstätte des Theaters, dürfte ohnehin die bessere Wahl gewesen sein – nicht nur des verregneten Sommers wegen. Für die Begegnung mit Tod und Teufel ist die morbide Atmosphäre der „Industriekathadrale“ NaXoshalle der optimale Ort. Das vom Verfall gezeichnete und nur partiell in Stand gesetzte Gebäude spiegelt die Realität und gewährt dem nach Machtverhältnissen, Geldknechtschaft und Ewigkeit fragenden Welttheater eine authentische Umgebung.

Doris Stickler

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erstellt am 16.7.2012

Der Frankfurter Jedermann

wird in der Naxoshalle Frankfurt, Wittelsbacherallee 29 am 21., 22., 27., 28., 29. Juli, am 4., 5., 10., 11., 12., 17., 18., 19., 24., 25. ,26. ,31. August sowie am 1. und 2. September gezeigt. Beginn jeweils 20.30 Uhr, Eintritt 9 bis 24 Euro.

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