Die Not des Poeten

Ist es müßig die Frage nach dem Titel einer Lesereise zu stellen? Reicht es nicht, wenn der Dichter sie so benennt, der Titel als Dach, unter dem sich sein eigentliches Werk versammelt? Bei Klaus Hensel liegt die Frage nahe. Der 1954 in Kronstadt/ Transsilvanien geborene Rumäniendeutsche nannte sein Konvolut mit Gedichten bereits „Notwehrgedichte“, als lediglich deren Veröffentlichung ins Auge gefasst, von einer Leserreise durch Frankfurts Stadtteilkneipen noch keine Rede war. Wieso hat er sie nicht „Abwehrgedichte“ genannt? Weil der entscheidende Unterschied zwischen Abwehr und Notwehr derjenige ist, dass die Abwehr eine reaktiv launige Angelegenheit sein kann, wohingegen die Notwehr zwingend ist. Sie ist alternativlos. Aus Notwehr zu handeln, rechtfertigt letztendlich immer das Ergebnis: aus Notwehr kämpfen, aus Notwehr töten oder aus Notwehr schreiben. Hensel hatte einmal angedeutet, dass es auch die Gedichte sein könnten, die sich zur Wehr setzen. Gedichte, die, vergraben im kreativen Geist, ausbrechen, nach außen dringen. Nach außen dringen müssen. Sich eventuell dem Vergessen widersetzen und sich neu in den Vordergrund spielen. Nur: Aus welcher Not heraus? Dazu müsste sich der studierte Germanist im Namen seiner Gedichte schon selbst äußern, der seine Diplomarbeit an der Universität Bukarest über den Lyriker Johannes Bobrowski abschloss. Es war wohl auch aus einer Not heraus, dass Klaus Hensel Rumänien unter Ceausescu 1981 den Rücken kehrte und schließlich in Frankfurt als Autor eine neue Heimat fand. Zum Dichter berufen gefühlt habe er sich jedoch schon früher, nämlich seit ihm der Lyriker Heinz Czechowski bei einem Besuch in Bukarest Ende der 70er Jahre die Absolution erteilte und bestätigte, dass er „jetzt“ wohl wisse wie es geht. Er nahm Bezug auf das Gedicht „Kronstädter Herbst“, das 1988 in dem Band „Oktober Lichtspiel“ veröffentlicht wurde. Hensel hat diese Episode übrigens für die Nachwelt in einem der „Notwehrgedichte“ festgehalten, aus denen er lesen wird.
Dass Czechowski nicht ganz falsch lag, beweist nicht nur das 1980 erschienene erste Gedichtband „Das letzte Frühstück mit Gertrude“, sondern auch sein einjähriges Stipendium 1994 in die römische Villa Massimo, das neben passablen Italienischkenntnissen auch den Gedichtband „Summen im Falsett“ hervorbrachte und den Beginn des Projekts „Der Staat – multilingual“ markiert.
Seit 1984 ist Klaus Hensel für den Hessischen Rundfunk zunächst als Moderator und freier Autor für den Hörfunk tätig, später dann als Kulturreporter und Redakteur für die ARD und ARTE im Fernsehen.
Katja Thorwarth, freie Journalistin und Redakteurin. Lebt in Frankfurt am Main

Siehe auch: GESPRÄCH mit Klaus Hensel

Klaus Hensel. Foto: I. M. Ostermann
Klaus Hensel. Foto: I. M. Ostermann
Text und Audio

Klaus Hensel liest

Mit freundlicher Genehmigung von Klaus Hensel, © Klaus Hensel

Klaus Hensel

GESPRÄCH mit Klaus Hensel

erstellt am 11.7.2012

Klaus Hensel liest

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Audio-Mitschnitte © Bernd Leukert, Faust-Redaktion