Man könnte auf den Gedanken kommen, es handele sich um wilde Tiere, wenn Klaus Hensel über seine Gedichte spricht. Sie kommen auf ihn zu, wehren sich aber dagegen, von ihm gefasst zu werden. Diese Widerständigkeit und das Persönliche, wenn es mit dem Politischen ineins fällt, ist in seinen poetischen Werken vom Oktober Lichtspiel (Frankfurter Verlagsanstalt 1988) über Stradivaris Geigenstein (Frankfurter Verlagsanstalt 1990) bis Humboldtstraße, römisches Rot (Schöffling & Co. 2001) spürbar. Seine Verse sind einfach, seine Sprachbilder klar und mit Erfahrung bezahlt. Im Gespräch mit Bernd Leukert erzählt Klaus Hensel, wie er der wurde, der er ist.

Faust-Gespräch mit Klaus Hensel

Das Wichtigste ist die Klarheit

Was war der Anlass für Dein erstes Gedicht?

Mein erster Text war eine Kontrafaktur von einem Gedicht des rumänischen Nationaldichters Mihai Eminescu. Ich hatte erstmals Rumänisch-Unterricht in der Schule und wollte meine Lehrerin beeindrucken. Wahrscheinlich war er es, bei dem ich früh ein wichtiges Prinzip begriff, dass es bei einem Gedicht auf die Sprachmelodie ankommt. Ich habe Eminescu auf der Lautebene imitiert. Für mich waren Rhythmus, Pausen, Synkopen, Kontrapunkte die eigentliche, strukturelle Ebene. Auf den Inhalt kam es mir nicht an; es war, glaube ich, ein romantisches, revolutionäres Liebesgedicht. Doch über das Melos habe ich begriffen, wie so ein Gedicht funktioniert – auch, oder gerade, über das Rumänische, das im Vergleich zum Deutschen eine ganz andere Klangtiefe, eine andere Grundmelodie hat. Später habe ich Heinrich Heines Gedichte in der Bibliothek meiner Mutter entdeckt – und mit ihm auch die Musik der deutschen Sprache.

Also die Lyrik im engeren Sinn.

Lyrik im engeren Sinn, aber trotzdem sehr politisch. Das hat mich interessiert. Später haben wir auf dem deutschsprachigen Gymnasium eine Schülerzeitung gemacht, die landesweit in der „Karpatenrundschau“ vertrieben wurde. Dort sind die ersten Gedichte von mir in deutscher Sprache erschienen. Mein Deutschlehrer hat mir dann aus der Bundesrepublik einen Lyrikband von Paul Celan, „Atemwende“, die „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz, sowie „Tadellöser und Wolf“ von Walter Kempowski mitgebracht, alles Bücher, die wir in Rumänien nicht bekommen konnten. Das war der Punkt, an dem ich meine Zeit nur noch mit Literatur verbracht habe. Sie war der Gegenentwurf zur tristen, rumänischen Realität und als solches natürlich ein politisches Medium. Mit der Zeit bekam ich auch mit, wie sich der Staat für alles Geschriebene übermäßig interessierte. Den Apparat schien besonders zu beschäftigen, dass junge Leute an deutschen Gymnasien plötzlich etwas tun, was in rumänischen und rumäniendeutschen Regionalzeitungen vorher so nicht denkbar war: monatlich eine Schülerseite mit neuen Ansätzen herauszugeben. Im Banat (rumänische Region der Donauschwaben; A. Red.) hat sich daraus die Aktionsgruppe Banat unter anderem mit Herta Müller, Richard Wagner und Gerhard Ortinau entwickelt. In Bukarest gab es einen Zusammenhang um Rolf Bossert, Anemone Latzina und Gerhardt Csejka, die ich alle im Umfeld der „Neuen Literatur“, der Zeitschrift des Schriftstellerverbandes, kennengelernt habe. Damals schien es, als sei Bukarest, verglichen mit den endsiebziger und achtziger Jahren, relativ liberal. Wir hatten Zugang zum Goethe-Institut, zu den neuesten Filmen, immer die aktuelle Presse, auch den „Spiegel“, „Die Zeit“, „Akzente“ etc. Heute weiß man jedoch, dass die „Securitate“ diesen Kreis junger Intellektueller und Literaten mit Spitzeln durchsetzt hatte. Deshalb diese scheinbare Toleranz und Großzügigkeit des Ceausescu-Regimes.

Irgendwann hat dann wohl die Arbeit an den Texten begonnen.

Ja, relativ bald. Ein Anreiz war die „Neue Literatur“, wo immer deutsche Texte von deutschsprachigen Autoren aus Rumänien, der DDR, aber auch aus der Bundesrepublik und Österreich veröffentlicht wurden. Da gab es häufig fast monothematische Ausgaben, Auseinandersetzungen mit Brecht, der Wiener Schule, neuer Literatur aus Ost- und Westeuropa etc. Es wurde viel diskutiert über Engagement und die Wirkung von Literatur in der Gesellschaft. Das konnte man alles nachlesen; das war neu, fast umstürzlerisch: ein Forum für Ideen, die nicht vorgegeben waren. Seinerzeit, 1980, erschien auch zum ersten Mal eine Anthologie dieser jungen, deutschsprachigen Autoren, die ins Rumänische übersetzt worden ist. Es war eine interessante Entwicklung, denn der ganzen rumänischen Literaturszene, der „Generation 80“, fiel wie Schuppen von den Augen, dass quasi einen Wohnblock weiter ihre deutschen Schriftstellerkollegen schon viel weiter dachten, als sie.

Gab es für Euch eine Leitfigur? Ein Redakteur oder ein älterer Dichter, wie die Szymborska, die auch so eine Leitfigur war?

Das war Gerhard Csejka, der Literaturredakteur der „Neuen Literatur“. Er hat sich um die wichtigsten Sonderhefte über „Junge Literatur“, die „Banater Aktionsgruppe“, „Neue Lyrik“ etc. gekümmert. Bei ihm hatten wir immer ein Feedback, weil er sehr versiert und mit großer Aufmerksamkeit die deutsche Literatur – sprich: die bundesrepublikanische und die DDR-Literatur – beobachtet hat und wusste, wer wo einzuordnen ist. Und dann gab es Leute aus der Czernowitzer Literaturecke, der auch Paul Celan entstammt, wie Alfred Kittner, der mit uns oft über die Moderne gesprochen hat. Manchmal kamen auch Schriftsteller aus der DDR, die eingeladen wurden, Heinz Czechowski zum Beispiel. Oder aus der Bundesrepublik, als Gast des Goethe-Instituts, Wolf Wondratschek. Der war bei uns an der Uni. Seine Art der Unmittelbarkeit, wie er über sein Schreiben, über Literatur und Politik geredet hat, war für uns völlig neu. Er nahm kein Blatt vor den Mund.

Näher zu Dir: Bei aller Vielfalt, die man pflegt, wenn man Gedichte schreibt, gibt es immer etwas, wo man hinzielt, was einen am meisten interessiert. Kannst Du das beschreiben?

Ich kann es am besten mit dem Ausgangspunkt beschreiben. Letztlich steht hinter meinem Schreiben Johannes Bobrowski. Er hat aus einer ähnlichen Situation heraus geschrieben: aus einer Vielsprachigkeit heraus, sozialisiert in eine historische Landschaft, in der sehr viele Kulturen miteinander in Kontakt kommen. Die mehr oder weniger harmonieren, sich auch mal in Konflikte hinein manövrieren lassen. Er hat immer wieder menschliche Tragödien und Dramen, die den Zusammenhalt, aber auch das Trennende in so einem geographischen Raum deutlich machen, großartig dargestellt. Bobrowski war einer, der ganz genau hingeschaut hat. Sein Thema, die Deutschen im Osten, war, politisch gesehen ein Tabu – aber für uns Rumäniendeutsche die Realität. Von ihm konnte man lernen, darüber zu schreiben, ohne in die Falle der Nationalismen zu stolpern. Als Dichter gibt es für mich keinen, bei dem ich mehr gelernt hätte. Aber beeinflusst haben mich auch andere: Huchel, viele Amerikaner, der Hintergrund von Oskar Pastior, die Surrealisten, die Wiener Schule. Jandl.

Du schreibst an und liest aus Deinen „Notwehrgedichten“, eine Wortschöpfung, die erklärt werden will. Was sind das für Gedichte?

Der Arbeitstitel meines Zyklus’ „Notwehrgedichte“ trifft genau, wie ich mein Schreiben sehe. Gedichte entstehen nicht nach einem Plan, es ist, als kämen sie zu mir. Aber sie wehren sich gleichzeitig, als wollten sie nicht. Es sind politische, persönliche Geschichten über Liebe, Verlust, Krankheit, Tod, Suizid. Alles gehört dazu, wehrt sich dagegen, ausgesprochen, formuliert, gefasst zu werden. Meine Frage ist immer: Wie kriegst du das jetzt hin, so zu schreiben, dass der Text entsteht, doch dieser Widerstand erhalten und für den Leser sichtbar bleibt? Ohne etwas zu beschönigen, runterzubrechen, zu begradigen. Dabei will ich aber „schön“ schreiben und gerade bleiben, komplex und einfach zugleich. Das ist mein Ziel bei jedem Text, den ich mache.

Mit solchen Widerständen und auch Widrigkeiten sind ja Tage und Nächte gefüllt. Woran merkst Du, dass ein Wort, ein Begriff oder eine Idee gedichtfähig wird? – Sonst wärst Du ja ständig am Schreiben.

Ein Beispiel. Ich hörte den Satz: „Bin ich viele?“ Von mir kam automatisch hinzu: „Bin ich einer?“ Bin ich viele, bin ich einer; bin ich viele, bin ich keiner. Damit hatte ich schon einen ersten Ansatz für eine Melodie. Und ich stelle mir die Frage: Wird das ein Gedicht oder nicht? Es wurde eins – in mehreren Etappen. Ich habe es in meinem Blog, Hensel 2.0, bekannt gemacht und zwei Versionen veröffentlicht. Der Lyriker Achim Wagner las das in Istanbul und schrieb mir, dass ihm das erste sehr gut gefalle, im zweiten aber sei etwas, das dem ersten fehle. Es war ein Wort, das sich unterschied. Ich machte aus den beiden ein drittes Gedicht. Es ging nur um eine minimale Änderung.

Unter den Gedichten, die ich gelesen habe, ist das Formale weniger wichtig. Die meisten sind sehr direkt, möglichst einfach. Achtest Du auch darauf, dass sie in den Aussagen einfach bleiben, klar in den Bildern?

Ja.

Das gehört mit zu Deinem Ethos?

Ja. Ich habe nie das Bedürfnis gehabt, aus einem funktionierenden Gedicht formal einen Zyklus zu machen. Ist das Gedicht abgeschlossen, beginnt für mich etwas Neues. Das Wichtigste ist für mich die Klarheit. Ich gehe an die Texte ran, um sie so schlank wie möglich zu machen, ohne sie zu beschädigen, was hieße, sie damit ins Beliebige zu erweitern: Je einfacher das Bild – einfach, nicht eindimensional – desto eher ist es für mich ein gutes Gedicht. Das habe ich von den Amerikanern gelernt. Aber auf Deutsch so „einfach“ zu schreiben, wie die Amerikaner, ist sehr schwierig.

Das Gespräch führte Bernd Leukert

Redaktion: Katja Thorwarth

TEXT und AUDIO:
AUDIO: Klaus Hensel

Kommentare


Napa - ( 10-08-2012 02:52:21 )
Hallo Sandra,dass tut mir sehr leid ffcr dich. Wie we4r es denn, wenn du dich mit Herrn Rohn, unserem Vorstandsmitglied, in Verbindung setzt?Er ist auf Off-Label-Use spsliazieiert und wird dir bestimmt helfen. Dir alles Gute weiterhin. LG Jutta

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erstellt am 11.7.2012

Klaus Hensel

Klaus Hensel liest Gedichte

AUDIO + TEXT: hier