Die Wertschätzung von Gegenständen, von Dingen, ist etwas zutiefst Menschliches, dessen wir uns selten bewusst sind. Die Objektkünstlerin Monika Linhard widmet den Dingen ihre künstlerische Arbeit. Sie zaubert Werke voller Poesie und lässt sowohl die Ästhetik des Materials im Raum als auch das Material als Speicher von Ideen neu erfahrbar werden. Christian Kaufmann sprach anlässlich einer Ausstellungseröffnung in Offenbach.

Monika Linhard
Monika Linhard
Künstlerporträt

Monika Linhard – Strömungen

Von Christian Kaufmann

Ein Phänomen, das wir alle kennen: Man öffnet im Sommer an heißen Tagen das Fenster oder die Balkontür und wird dann eingehüllt von der warmen Luft, die von draußen hereinströmt. Warme Luft, die in diesem Moment für uns fühlbar wird, einen körperhaften Charakter bekommt. So wie die Luft scheinbar körperhaft wird, wird unser Körper zu einer Art Messstation, zu einem Seismographen, der die Bewegungen der Luft registriert.

Damit nun hat man bereits einige der Parameter benannt, die für die künstlerischen Arbeiten von Monika Linhard kennzeichnend sind: Luft, Bewegung, das temporär Körperhafte wie auch das Seismographische sind Begriffe, die die Künstlerin interessieren. Dass sich da viele Analogien zu der Arbeit finden, die hier im Haus gemacht wird, muss ich dabei eigentlich nicht eigens zu erwähnen.
Vor genau drei Wochen war Tanja Dressel, Mitarbeiterin beim Deutschen Wetterdienst bei uns in der Evangelischen Akademie und sie geriet ins Schwärmen, als sie uns etwas über das Phänomen der Wolken berichtete. Als Vollblutmetereologin zeigt sie natürlich da Begeisterung, wo andere vielleicht sagen: na ja, eben Wolken. Nun, Monika Linhard wiederum gerät ins Schwärmen, so scheint es, wenn sie Alltagsgegenstände und Massenware wie Plastiktüten, Jalousien, Zeitungen, Spülschwämme oder Klebeband, Decken künstlerisch bearbeiten kann, Dinge also, denen wir anderen im Allgemeinen wenig Beachtung schenken.

Hier im Foyer des Deutschen Wetterdienstes hat die Künstlerin für die Ausstellung mit dem Titel „Strömungen“ einen poetischen Jahreszeitenparcours aufgebaut, und ich beginne mit einer Arbeit, die für mich sommerliche Assoziationen auslöst.

1. Also: der Sommer:

Sie alle sind eben an der Arbeit „Sonnenabdecker“ vorbeigegangen. Diese besteht aus einer metallenen Wohnraumjalousie, die sich wie ein Flügel an der Ausstellungswand ausbreitet. Jalousien sollen ja in der Regel vor neugierigen Blicken in den Raum schützen, sie sollen das Dahinter abschirmen. Hier also nun genau das Gegenteil, die Jalousie zieht den Blick auf sich, sie wird zum Bild an der Wand. Und mehr noch: Die silberfarbenen Lamellen der Jalousie geraten in Schwingung, wenn man an ihnen vorübergeht. Sie reflektieren die Bewegung unseres Körpers. Unsere Bewegung an diesem Körper vorbei bringt ihn zum Klingen, eine Art Windharfe, die da entstanden ist, ein akustischer Resonanzkörper. Man könnte sagen, so hat das jedenfalls Isa Bickmann einmal ausgedrückt: die Jalousie erzählt noch von unserem Vorübergehen, wenn dieses längst vorüber ist. – Ein Moment der Zeitlichkeit, das uns da begegnet, ein Nachhall, der auch von Vergänglichkeit kündet.

Zugleich und schlussendlich reflektieren die Lamellen aber auch das Licht, das in den Raum hineinfällt, und so mutiert der Sonnenabdecker, der seiner ursprünglichen Funktion enthoben ist, zum ‚Sonnenanzieher’.

Alltagsgegenstände haben es der Künstlerin angetan, Produkte der seriellen Massenherstellung, die sie einer künstlerischen Metamorphose zuführt. Das seriell Getaktete, industriell Gerasterte erhält bei Monika Linhard eine individualisierte Form, es wird mit Leben gefüllt, ja mehr noch, es bekommt häufig amorphe und organische Anmutung: die Jalousie erinnert an den Flügel eines Vogels, die Decke wird zum Gewächs, die Tüte wird zum atmenden Wesen.

2. Der Herbst:

Wenn die eben beschriebene Arbeit den leichten Hauch eines Sommerwindes assoziiert, so erinnern die ausgeschnittenen Blätter der Arbeit „Jahreszeiten“ an herabgefallenes Herbstlaub. Entnommen wurden die Blätter den Mustern von industriell gefertigten und etwas antiquiert wirkenden Wolldecken. Auch die Decken sind nun durch die hineingeschnittenen Löcher ihrer ursprünglichen Funktion enthoben und strömungsdurchlässig geworden. Die Blätter breiten sich gewächsartig im Raum aus, ein Pflanzenobjekt ist entstanden. Im Sinne des von Monika Linhard häufig angewendeten Positiv-Negativ-Verfahrens werden die Decken zum Bildgrund und gemeinsam mit den nun körperhaften Deckenteilen gleichberechtigter Teil der Installation. Fast scheint es, als könnten sich die Teile wieder zu einem Ganzen zusammenfügen. Die Installation vereint beides, die Erinnerung an das Gewesene und das Versprechen des Neuen gleichermaßen.

3. Der Winter

Ein wenig weiter sehen wir zwei Winterbilder, ein Bild-Paar, das den Titel „Neuschnee“ trägt. Auch hier wieder positiv-negativ, vorher, nachher. Die mit hohem Neuschnee bedeckte Treppe, deren Stufen lediglich an der seitlichen Wange erkenntlich sind, ist auf dem zweiten Bild vom Schnee befreit, aber durch eine angefügte ‚Schwestertreppe’ aus Schnee erweitert. Reale Gegenstandsform und Kunstform verschmelzen ineinander. Damit wird auch in diesem Fall wieder eine serielle Form artifiziell verwandelt und rückt so ins Bewusstsein der Betrachtenden.

Die künstliche Treppe aus Schnee dürfte keine allzu lange Lebensdauer gehabt haben. Es ist das Ephemere, das die Künstlerin fasziniert: die Architektur für einen Augenblick, das Erleben im Vorübergehen, der Windhauch oder das Rascheln. Momentaufnahmen. Nie geht es Monika Linhard um die große Geste, sondern stets um das Festhalten und Spürbarmachen des Flüchtigen. Eine Position, die Ihnen hier im Deutschen Wetterdienst nur allzu vertraut sein dürfte, angesichts der Halbwertszeit der hier gehandelten Daten und Informationen. Die Wettervorhersage ist ein Tagesgeschäft, und die von heute ist morgen schon Schnee von gestern.

Monika Linhard arbeitet überwiegend mit Objekten und installativ, wobei ihre Installationen in vielen Fällen ortsbezogen sind. Was bleibt, sind Erinnerungen und Bilder, von denen sie hier einige zeigt.

Für ein Projekt in der Gropiusstadt in Berlin befestigte die Künstlerin rote Hemdchentüten, das sind diese dünnen Plastiktüten, die beim Obstverkauf heute weltweit eingesetzt werden, in alle Himmelsrichtungen an den Geländern eines der Hochhäuser. Es entstand die Arbeit „Windfänger“, bei der sich die banalen Wegwerfprodukte mit Luft und Leben füllten und dabei sogar das Sonnenlicht einfingen und reflektierten. – Eine Wetterstation der besonderen Art, könnte man sagen.- Mit denkbar einfachsten Mitteln verhalf Monika Linhard dem Wegwerfprodukt der Tüte zu einer Persönlichkeit. Das Rascheln der Tüten tat dabei ein Übriges, der in der Gropiusstadt vorhandenen starren und lieblosen modernen Hochhausarchitektur für einen kurzen Moment einen poetischen Resonanzraum abzuringen.

4. Der Frühling

Ein ganz ähnliches Versuchsfeld baute sie in der Wiesbadener Galerie Hafemann auf. Auf dem Boden 12 Scheinwerfer, quadratisch aufgestellt, die nach oben strahlten. Die Scheinwerfer waren mit grüner Folie bespannt, und tauchten den Raum in ein atmosphärisches grünes Licht. Oberhalb des Scheinwerferquadrates hingen 48 der PE Tüten mit den Öffnungen nach unten von der Decke herab. Die Thermik der durch die Scheinwerfer erwärmten Luft ließ die Tüten sich bewegen und erfüllte den Raum mit einem permanenten Rascheln: dem „Tütengeflüster“, so jedenfalls der Titel der Arbeit.
Der ganze Raum umhüllte den Besucher mit Grün, insgesamt eine Arbeit, die mich sehr an das sprießende Grün im Frühling erinnerte, dazu die geisterhaft tanzende Gestalten der Tüten, das alles führte dazu, dass man sich in einen Zauberwald versetzt fühlte. Oder anders ausgedrückt, die Künstlerin entführte die Betrachtenden in einen Erfahrungsraum, der Assoziationen und Erinnerungen freisetzte.

Christian Kaufmann ist Studienleiter in der Evangelischen Stadtakademie Römer9, Frankfurt am Main

erstellt am 05.7.2012

Monika Linhard: Strömungen

Zentrale des Deutschen Wetterdienstes
Frankfurter Straße 135 · Offenbach am Main

Die Ausstellung lief bis zum 27. Juli 2012

Der Katalog zur Ausstellung ist mit Unterstützung des Kulturamtes der Stadt Frankfurt am Main und der Naspa Stiftung Initiative und Leistung erschienen. ISBN 978-3-88148-459-6
Er ist abrufbar unter DWD

Sonnenabdecker
Mobiles Objekt
Material: Vier Jalousien aus
Aluminium, Plexiglas
Länge: 600 cm x 140 cm x 40 cm, 2012

Braunes Herbstblatt
Grüne Rosen
aus der Reihe Jahreszeiten
Wolldecke geschnitten und
ausgelegt, 1997
Foto oben: Uwe Seyl
Foto unten: Städtische Sammlungen Schweinfurt/U. von Mickwitz

Neuschnee, In Situ
Zweiteilige Fotoarbeit
je 80 cm x 160 cm
1991/2008

Tütengeflüster
Thermische Installation
Material: 12 Floorspots, 48 PE-Folientüten
Grundfläche: 500 cm x 500 cm, 2009