Im post-industriellen Zeitalter tritt Wissen an die Stelle von Arbeit. Doch was so sauber klingt, so befreit vom Schmieröl der alten Industriegesellschaft, hat einen doppelten Boden. Was wäre, wenn das ökonomische Prinzip “Wissen” nicht die Handarbeit in den Himmel des Geistes hebt, sondern die Kopfarbeit ans Fabrikband drückt? Andrea Roedig hat die materielle Realität freier Autoren untersucht.

Carl Spitzweg, Der arme Poet
Zur Lage der Kreativen

Die Wissensgesellschaft und ihre freien Idioten

Von Andrea Roedig

Im post-industriellen Zeitalter tritt Wissen an die Stelle von Arbeit. Wollte man eine kurze, bündige Quintessenz diverser Ideen zum Wesen der so genannten Informations- oder Wissensgesellschaft ziehen, käme wohl dieser Satz heraus. In den manchmal versponnenen Theorien, beispielsweise Daniel Bells oder Manuel Castells, klingt es magisch und doch plausibel, dass der Wohlstand der ersten Welt künftig auf „knowledge based economies“ beruht, in denen „Wissen” zu einer Schlüsselressource wird, zur neuen Produktivkraft schlechthin.

An die Idee der Wissensgesellschaft hat sich viel utopisches Potential geknüpft. So gab es einmal die Prognose, dass in ihr Arbeitsplätze weitgehend erhalten bleiben, weil sich Dienstleistung/Wissen nicht wegrationalisieren lasse. Immer schwang in dem Begriff auch die Vorstellung einer breit gebildeten, das heißt egalitär und demokratisch kompetenten Gesellschaft mit. Daniel Bell glaubte zudem, dass in Zukunft Wissenschaftler wichtiger seien als Unternehmer und ihnen den Rang abliefen. Mit der propagierten Aufwertung von Bildung und Wissen konnten sogar Geistes- und Kulturarbeiter hoffen, aus ihrer Tätigkeit in Zukunft mehr Wert und entsprechend sogar Gewinn zu schöpfen.

Doch was so sauber klingt, so befreit vom Schmieröl der alten Industriegesellschaft, hat einen doppelten Boden. Was wäre, wenn das ökonomische Prinzip „Wissen” nicht die Handarbeit in den Himmel des Geistes hebt, sondern die Kopfarbeit ans Fabrikband drückt? Es könnte durchaus sein, dass die Produktion von Wissen über kurz oder lang unter dieselben fordistischen Räder gerät, wie zuvor die Produktion von Waren.

Ein Hinweis darauf ist die zunehmende Prekarisierung gut ausgebildeter Personen, beispielsweise der so genannten „neuen Kreativen” oder – was hier im Mittelpunkt stehen soll – der freien Medienschaffenden. Die können, was die Arbeitsbelastung, aber auch was miserable Bezahlung angeht, den KollegInnen vom Fabrikfließband mittlerweile die Hand reichen. Die Honorare für freie Medienarbeit sind in den letzten Jahren drastisch eingebrochen. Gleichzeitig erzwingen Stellenabbau und Rückgang der Normalarbeitsverhältnisse aber, dass immer mehr JournalistInnen von dem leben müssen, wovon man nicht mehr leben kann. Einige freie MitarbeiterInnen des ORF – die einen Großteil des Programms bestreiten – machten kürzlich öffentlich, dass sie bei Vollzeitarbeit auf einen Verdienst von knapp 1.500 Euro brutto im Monat kommen. Nach Abzug von Steuern und Sozialversicherung liegen sie damit knapp über dem Existenzminimum.

Schlimmer als beim Rundfunk sieht es im Printbereich aus. Tageszeitungen zahlen Zeilensätze zwischen 30 Cent und einem Euro. Damit ist nicht einmal mehr ans Existenzminimum zu denken. Um eine weitere Abwärtsbewegung zu bremsen, hat die deutsche Gewerkschaft Verdi vor knapp zwei Jahren Vergütungsrichtlinien erstellt, die eine Art Mindestzeilenlohn garantieren sollen – der liegt bei 47 Cent bis 1,65 Euro nicht besonders hoch. Der Berufsverband „Freischreiber” weist mit Recht darauf hin, dass ein Zeilenhonorar keine gerechte Bemessungsgrundlage für Print sein kann, weil darin weder Arbeits- und Rechercheaufwand abgegolten ist noch die tatsächliche wirtschaftliche Nutzung durch die Zeitung, die den Text weiter verwertet und auch online stellt – ohne dass der/die AutorIn dafür mehr bekommen würde.

Ein klarer Graben trennt mittlerweile privilegierte Festanstellung und prekarisierte freie Arbeit. Das entspricht einer generellen Entwicklung, die man als „Outsourcing von Content” beschreiben kann. In den letzten Jahren hat sich die fest angestellte und bezahlte Arbeit zunehmend auf reine Managementfunktionen konzentriert, nicht nur in wirtschaftlichen Organisationen, sondern auch in Zeitungen, Verlagen, Universitäten und Bildungseinrichtungen. Fest angestellte Redakteure kommen in der Regel nicht mehr dazu, selber zu schreiben, sie redigieren und koordinieren vornehmlich die Beiträge der frei zuarbeitenden JournalistInnen. Für Buchverlage besteht die Hauptbeschäftigung in Programmplanung, Marketing und Vertrieb, das ehemalige Kerngeschäft „Lektorat” ist nahezu komplett an freie MitarbeiterInnen oder gleich an die AutorInnen ausgelagert. Bildungsträger wickeln ihr Kursprogramm komplett über freie Lehraufträge und so genannte „Trainings” ab. An den Universitäten sind Forschungs- und Lehrstellen immer befristet ausgeschrieben, während es unbefristete Positionen in den neuen Arbeitsbereichen wie „Qualitätsmanagement” und Forschungsförderungsberatung gibt. Was geschieht da? Nicht Inhalte sind fix bezahlt, sondern die Verwaltung von Inhalten, nicht Wissen, sondern Wissensmanagement.

Die Einkommens- und Statusunterschiede zwischen den Freien und den fest Angestellten sind dabei – je nach Branche – eklatant. Man muss nicht erst bei den Spitzengehältern anfangen, die ja auch im Kulturbereich gezahlt werden, etwa den 275.500 Euro, die Klaus Albrecht Schröder im Jahr 2010 für die Leitung der Albertina bekam. Oder bei den durchschnittlichen 187.000 Euro Jahresgehalt der Vorstände und Geschäftsführer der von Einrichtungen Künstlerischer Arbeit in Wien. Denn auch in den tieferen Regionen geht die Kluft der Einkommen extrem auseinander. Im Gegensatz zu den oben erwähnten 1.500 Euro Monatsbrutto freier ORF Mitarbeiter, also 18.000 im Jahr, verdienen fest angestellte Journalisten beim ORF im Schnitt 75.000 Euro jährlich.

Unterboten wird das alles, wie immer, von den Printmedien. Nach Verdi-Tarifvertrag verdient ein Redakteur mit vier bis sechs Jahren Berufserfahrung bei einer deutschen Tageszeitung 3.500 Euro im Monat brutto – das ist fair. Als Freier müsste man dafür, bei einem Zeilengeld von 77 Cent (realer Satz einer deutschen Tageszeitung, seit mehr als zehn Jahren nicht angehoben), 4.545 Zeilen schreiben = 181.800 Anschläge = 30 mittellange Artikel im Monat. Jeden Tag einen Text. Vorausgesetzt, man könnte so viel Stoff überhaupt verkaufen, recherchieren und schreiben, wäre darin natürlich immer noch nicht ein 13. Monatsgehalt, Absicherung im Krankheitsfall und Urlaub enthalten. Das ist absurd. Absurd ist es auch, in dem Bereich überhaupt arbeiten zu wollen oder diese Tätigkeit Lohnarbeit zu nennen. Wenn Freie über ihre eigene prekäre Lage berichten, wie beispielsweise Katja Kullmann in dem 2010 erschienenen Buch Echtleben oder Thomas Mahler mit In der Schlange, dann ist den Texten eine Scham über die unwürdigen Bedingungen anzumerken. „Ich bin auch einer von diesen freien Idioten”, sagte neulich ein Kollege über sich selbst. Ungerne wird über Quer- und Zusatzfinanzierungen gesprochen, denn wovon lebt man, wenn man vom Honorar nicht leben kann? Vom fest verdienenden Ehepartner, von Sozialhilfeleistungen, von Erbschaften oder der Unterstützung der Eltern. Dieses große Subventionsgeschäft, das auf dem Rücken vieler Einzelner ausgetragen wird, hält die Zeitungen wie die meisten Bereiche von Kunst und Kultur am Leben. Wenn Professionalität heißt, dass man sich von den Erträgen der Arbeit ernähren kann, dann ist zumindest der freie Printjournalismus keine Profession mehr, er ist ein Hobby. So sieht das auch der Chefredakteur der renommierten Neuen Zürcher Zeitung, Markus Spillmann, der die Entlohnung seiner Zeitung als eine „Spesenentschädigung” bezeichnete. Die NZZ hat ihr Zeilenhonorar seit 2009 von 2,40 auf nunmehr 1,10 Franken gekürzt. Vor zehn Jahren noch soll die Entlohnung fürstlich gewesen sein.

Die „freien Idioten” sind meist gut ausgebildet. Sie produzieren mit ihrem Wissen und sie stellen Wissensinhalte her. Warum zahlt dafür niemand in der Wissensgesellschaft? Man mag als berechtigten Grund anführen, dass die Medien ein Sonderfall seien, weil der traditionelle Journalismus durch Digitalisierung und Web 2.0 in einem grundlegenden krisenhaften Wandel unterworfen sei. Gerade im Sektor Print kann man sich wie im alten Kohlebergbau des deutschen Ruhrgebiets fühlen, es ist, als ob da ein Industriezweig unweigerlich zur Neige ginge. Textproduktion und Veröffentlichung sind kein Privileg der Verleger mehr, vieles an Inhalten wird kostenlos von Profis wie von Amateuren ins Netz gesetzt. Zudem herrscht ein klares Überangebot sowohl an Arbeitskräften auf diesem Markt wie auch an Ware.

Doch diese Erklärung fasst nicht alles. Es gibt nämlich – neben dem Outsourcing von Content – ein strukturelles Moment in dieser Entwicklung, das nichts mit der Medienbranche selbst zu tun hat.
Wenn die These stimmt, dass Wissen an die Stelle von Arbeit tritt, steht zu vermuten, dass unter freien Marktbedingungen die Produkte der Wissensarbeit in genau derselben Profitlogik zerrieben werden wie alle anderen Waren auch: Sie verlieren an Wert. Die Paradoxie im Hase-und-Igel-Spiel von Angebot und Nachfrage ist ja, dass eine erhöhte Nachfrage in letzter Konsequenz den Wert senkt. Das Kapital setzt auf Masse, den höchsten Profit garantiert nur Steigerung der Stückzahl bei Verringerung des Einzelpreises – niemand hat das besser gezeigt als Erwin Wagenhofer in seinem Film We feed the world. Natürlich gibt es auch kapitalistische Mechanismen, die etwa für exklusive Segmente des teuren Luxus sorgen und natürlich funktionieren geistige Produkte anders als materielle. Ein Buch oder ein Film ist kein Masthühnchen. Und doch scheinen die Arbeitsbedingungen der meisten Kulturschaffenden genau dem beschleunigten Profitmechanismus zu unterliegen – mehr und schneller schaffen bei weniger Bezahlung. Das fühlt sich dann nicht anders an als Hühnchen mästen. „Beschleunigung”, so sagt der Soziologe Hartmut Rosa, „ist Entwertung”.

Eine weitere Parallele zur Produktion von materiellen Gütern fällt auf. Wenn Wissen Mehrwert schafft, ist immer noch die Frage, wer den Mehrwert abschöpft. Meist sind das nicht die Produzenten. Der Kaffeebauer verdient an seinen Bohnen weniger als der Händler. Ein Ghostwriter bekommt (Honorar eines großen österreichischen Verlages) für ein ganzes Buchmanuskript 5.000 Euro. Jeder im Verlag, vom Programmleiter bis zum Vertreter, verdient mehr an dem Buch als der Autor, obwohl doch ohne ein Manuskript der Verlag weder etwas zu verlegen noch etwas zu verkaufen hätte.

It's the market stupid!, werden die Neunmalklugen sagen. So ist es eben unter den Bedingungen von Angebot und Nachfrage. Ist es so?
Die Spaltung in Management einerseits und Content-Produktion andererseits ist menschlich wie gesellschaftlich verheerend. Es gäbe drei Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Eines wäre die gerechtere Verteilung von Arbeit, denn es ist nicht wirklich einzusehen, warum die einen sich gut bezahlt und inhaltlich unterfordert in den Burnout schuften müssen, während die anderen kreativ und dauergestresst am Hungertuch nagen. Man kann qualifizierte Posten durchaus teilen, zwei Redakteure könnten, wenn sie je auf ein Drittel ihrer Stelle (und den Wellnessurlaub) verzichteten, für einen Dritten Platz schaffen. Ganz zu schweigen von den Spielräumen, die sich bei den oberen Gehaltsetagen auftun.
Eine andere Alternative wäre die adäquate Bezahlung inhaltlicher Arbeit, denn das derzeitige Lohnniveau ist marktverzerrend. Die Leistung ist querfinanziert, basiert auf Selbstausbeutung und der Bereitschaft, einen Großteil des Know-how umsonst zur Verfügung zu stellen. Offenbar hat sich die Gesellschaft daran gewöhnt, dass die geistige Reproduktionsarbeit genauso unsichtbar und unbezahlt vonstattenzugehen habe wie die viel beschworene häusliche Reproduktionsarbeit von Frauen. Bildung und Wissen galten lange öffentliches Gut – wenn man diese Güter nun unter Marktbedingungen produzieren will, dann muss man auch ihren realistischen Preis zahlen. Für den Printjournalismus hieße das, den bislang geltenden Zeilensatz mindestens zu verfünffachen.

Wenn das zu utopisch ist, könnte man, drittens, immer auch noch zu der Vorstellung zurückkehren, dass öffentliche Güter auch öffentlich finanziert werden müssen, sei es durch gesicherte Basisfinanzierungen für inhaltliche Arbeit oder ein bedingungsloses Grundeinkommen, das allen, also auch Kultur- und Wissensarbeitern, erlauben würde, Qualität nicht nur am Fließband zu produzieren.

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erstellt am 04.7.2012